"Nicht einen Schritt zurück!“ - Stalins berühmter Befehl

Anlage zum OKM 3.Abt.Skl. B.Nr.15998/42 geh. vom 3. 9. 42

Befehl des Volkskommissars für die Verteidigung der U.d.S.S.R. Nr. 227 vom 28. 7. 1942

Geheim! Moskau

Der Feind wirft immer neue Kräfte an die Front und dringt unter Mißachtung seiner großen Verluste weiter vor. Er fällt in das Innere der Sowjetunion ein. Er bemächtigt sich neuer Gebiete. Er verwüstet und zerstört unsere Städte und Dörfer. Er vergewaltigt, plündert und tötet die Zivilbevölkerung. Im Abschnitt Woronesh, am Don, im Süden und an den Pforten des Nordkaukasus wird gekämpft. Die deutschen Okkupanten dringen nach Stalingrad und an die Wolga vor; sie wollen sich um jeden Preis des Kuban-Gebietes und des Nordkaukasus mit ihren Reichtümern an Erdöl und Getreide bemächtigen.

Der Feind hat bereits Woroschilowgrad, Starobelsk, Rossosch, Kupjansk, Waluiki, Nowotscherkassk, Rostow am Don und die Hälfte der Stadt Woronesh erobert. Ein Teil der Truppen der Südfront hat, indem sie den Panikmachern folgen, Rostow und Nowotscherkassk ohne ernsten Widerstand und ohne Befehl aus Moskau verlassen und somit ihre Fahnen mit Schmach bedeckt.

Die Bevölkerung unseres Landes, die bisher mit Liebe und Verehrung von der Roten Armee sprach, ist enttäuscht, verliert den Glauben an sie, und viele verfluchen die Rote Armee dafür, daß sie das Volk dem Joch der deutschen Bedrücker ausliefert, indem sie sich selbst nach Osten zurückzieht. Einige unkluge Leute an der Front trösten sich mit dem Gedanken, daß wir uns auch weiterhin nach Osten zurückziehen können, da wir ein großes Land mit viel Menschen haben und immer einen Überfluß an Brot besitzen werden. Damit wollen sie ihr schändliches Verhalten an der Front beschönigen; doch sind solche Argumente völlig abwegig, verlogen und nur unseren Feinden von Nutzen. Jeder Kommandeur, Rotarmist und Politruk (= politischer Leiter, d. A.) muß verstehen, daß unsere Mittel nicht unbegrenzt sind. Das Gebiet der Sowjetunion ist keine Wüste, sondern ein Raum mit Menschen - Arbeitern, Bauern, Intelligenz - mit unseren Vätern, Frauen, Brüdern und Kindern.

Das Gebiet der U.d.S.S.R, das die Deutschen eroberten oder noch erobern wollen, bedeutet Brot und andere Lebensmittel für die Armee und die rückwärtigen Gebiete, bedeutet Metalle und Heizmaterial für die Industrie, welche unsere Armee mit Waffen und Munition versorgt, und bedeutet Erhaltung des Eisenbahnverkehrs.

Nach dem Verlust der Ukraine, Weißrußlands, der baltischen Länder und des Donez-Beckens sowie anderer Gebiete hat sich unser Landbesitz bedeutend verringert, d.h., daß wir jetzt viel weniger Menschen, weniger Brot, Metalle, weniger Werke und Fabriken haben. Wir haben über 70 Millionen Landesbewohner verloren, wir ernten aber 800 Millionen Pud Brotgetreide im Jahre weniger, und der Ausfall an Metallen übersteigt die Grenze von 10 Millionen Tonnen jährlich. Von nun an sind wir den Deutschen weder an Menschenreserven noch an Getreidevorräten überlegen. Ein weiterer Rückzug ist gleichbedeutend mit unserem Untergang und dem unserer Heimat. Jeder Fußbreit Erde, den wir weiterhin aufgeben, stärkt den Feind und schwächt unsere Verteidigung und unser Land. Aus diesem Grunde müssen wir die Gespräche, daß wir die Möglichkeit haben, uns unbegrenzt zurückzuziehen, daß wir ein großes, reiches Land besitzen, daß unsere Getreidevorräte unerschöpflich sind, im Keime ersticken. Diese Gespräche sind grundfalsch und schädlich, schwächen uns und stärken den Feind, denn falls unser Rückzug nicht sofort abgestoppt wird, bleiben wir ohne Brot und Heizmaterial, ohne Metalle und Rohstoffe, ohne Werke und ohne Eisenbahnen; daraus geht hervor, daß es die höchste Zeit ist, den Rückzug einzustellen. „Nicht einen Schritt zurück!“ muß von nun an unsere wichtigste Parole sein. Man muß hartnäckig sein, bis zum letzten Blutstropfen jede Stellung, jeden Meter Sowjeterde verteidigen, man muß sich an jedes Stück Boden klammern und dieses bis zur letzten Möglichkeit verteidigen.

Unsere Heimat erlebt schwere Tage. Wir müssen um jeden Preis den Feind aufhalten, zurückschlagen und vernichten. Die Deutschen sind nicht so stark, wie es den Panikmachern erscheint. Sie strengen ihre letzten Kräfte an. Den Druck der Deutschen jetzt und in den nächsten Monaten aufhalten, bedeutet, unseren Sieg zu sichern.

Können wir diesen Schlag ertragen und danach den Feind nach Westen zurückwerfen? - Ja, wir können es; unsere Fabriken und Werke im Hinterlande arbeiten jetzt vorzüglich, und unsere Front erhält immer mehr Flugzeuge, Panzer und Granatwerfer.

Woran mangelte es denn bei uns? - Es fehlt uns an Ordnung und Disziplin in den Kompanien, Bataillonen, Regimentern und Divisionen, in den Panzereinheiten, in den Geschwadern der Luftwaffe. Darin besteht unser größter Fehler. - Wir müssen in unsere Armee strengste Ordnung und eiserne Disziplin einführen, wenn wir die Lage meistern und unsere Heimat erhalten wollen. Wir können nicht mehr Kommandeure, Kommissare und politische Leiter sowie Einheiten dulden, die ihre Stellungen eigenmächtig verlassen. Wir können es nicht weiter dulden, daß Kommandeure, Kommissare und politische Leiter es zulassen, daß einige Panikmacher die Lage des Kampfes dadurch bestimmen, daß sie andere zum Rückzug verleiten und damit die Front dem Feind öffnen. Die Miesmacher und Feiglinge müssen auf der Stelle vernichtet werden. Von nun ab muß das oberste Gesetz für jeden Kommandeur, Rotarmist, politischen Leiter die Parole sein: „Kein Schritt zurück!“ ohne Befehl der obersten Kommandostelle.

Die Kompanieführer, Bataillonsführer, Regiments- und Divisions-Kommandeure, ebenso die entsprechenden Kommissare und politischen Leiter, welche ohne ausdrücklichen Befehl ihre Stellungen verlassen, sind als Verräter der Heimat anzusehen. Sie müssen dementsprechend behandelt werden. Das ist der Wille unserer Heimat. Diesen Befehl auszuführen, bedeutet unser Land zu erhalten, unsere Heimat zu retten und unseren widerlichen Gegner zu besiegen und zu vernichten.

Nach ihrem Rückzug im Winter, der durch die Rote Armee verursacht wurde, hatte sich die Disziplin in der deutschen Wehrmacht gelockert. Zur Wiederherstellung derselben haben die Deutschen eine Reihe strengster Maßnahmen getroffen, die von Erfolg gekrönt waren. Sie formierten über 100 Strafkompanien aus Soldaten, die sich einige Verletzungen der Disziplin und Feigheit vor dem Feinde zu Schulden kommen ließen. Diese Kompanien wurden an gefährlichen Abschnitten der Front eingesetzt und sollten ihre Fehler durch vorbildlichen Einsatz wiedergutmachen. Sie formierten außerdem weitere Strafeinheiten aus Kommandeuren, die aus Feigheit ihre Disziplin verletzt hatten. Diese Bataillone wurden in noch schwierigeren Abschnitten eingesetzt und sollten sich vor dem Feinde bewähren. Bis zur Bewährung wurden den Teilnehmern dieser Strafbataillone sämtliche Orden und Ehrenzeichen entzogen. Schließlich bildeten sie noch Einheiten, die verhindern sollten, daß Angehörige unzuverlässiger Divisionen Fluchtversuche unternehmen. Diese Einheiten wurden hinter den vordersten Linien eingesetzt mit dem Auftrag, jeden Zurückweichenden oder zum Feind Überlaufenden zu erschießen.

Wie bekannt, hat diese Maßnahme ihre Wirkung nicht verfehlt. Jetzt kämpfen die deutschen Truppen besser als im Winter. Die Deutschen haben eine gute Disziplin, trotzdem sie nicht die hohe Aufgabe haben, ihre Heimat zu verteidigen.

Sie kämpfen nur um das räuberische Ziel, ein fremdes Land zu unterwerfen. Unsere Truppen dagegen haben das hohe Ziel, ihre bedrängte Heimat zu verteidigen. Nur aus Mangel an Disziplin ertragen sie Niederlagen.

Sollten wir uns nicht unseren Feind als Beispiel nehmen, so wie unsere Vorfahren beim Feind lernten und ihn nachher besiegten! Ich denke, wir müssen es!

Daher befiehlt das Oberkommando der Roten Armee:

1.) an die Kriegsräte, vor allem an die Oberbefehlshaber der Fronten:

a) dafür zu sorgen, daß die Rückzugsstimmung der Truppe bedingungslos unterbunden wird. Der Propaganda, daß wir uns auch ferner nach dem Osten zurückziehen können oder müssen und daß dieser Rückzug keinen Schaden bedeute, ist mit eisernen Mitteln entgegenzutreten.

b) Armee-Kommandeure, welche ein eigenmächtiges Verlassen der Stellungen ohne diesbezüglichen Befehl dulden, sind bedingungslos ihrer Posten zu entheben und vor ein Kriegsgericht zu stellen.

c) Sind im Bereich der Front 1 bis 2 (je nach Bedarf) Straf-Bataillone (je 800 Mann) zu formieren. In diese Strafbataillone sind Offiziere und politische Leiter sämtlicher Truppenteile einzureihen, die sich Disziplinlosigkeit und Feigheit vor dem Feinde zu Schulden kommen ließen. Diese Bataillone sollen in besonders schwierigen Abschnitten eingesetzt werden, um den Teilnehmern Gelegenheit zu geben, ihre Schuld vor dem Feinde zu sühnen.

2.) an die Kriegsräte der Armeen und vor allem an die Armeeführer:

Korps- und Div.-Kommandeure und deren Kommissare, die den eigenmächtigen Rückzug ihrer Truppen aus den Stellungen dulden, ohne daß dafür ein ausdrücklicher Befehl vorliegt, sind sofort ihrer Posten zu entheben und vor ein entsprechendes Kriegsgericht zu stellen.

a) Im Armeebereich sind 3 bis 5 gut bewaffnete Einheiten (bis 200 Mann) aufzustellen, die unmittelbar hinter unzuverlässigen Divisionen einzusetzen sind und die Aufgabe haben, im Falle eines ungeordneten Rückzugs der vor ihnen liegenden Divisionen jeden Flüchtenden und jeden Feigling zu erschießen und damit dem ehrlichen Kämpfer bei der Verteidigung seiner Heimat beizustehen.

b) Im Armeebereich sind 5 bis 10 Strafkompanien (150-200 Mann) aufzustellen. Diese aus nicht bewährten Unterführern und Rotarmisten bestehenden Kompanien sind in schwierigen Abschnitten der Armee einzusetzen, um den Teilnehmern Gelegenheit zu geben, ihre Schuld vor der Heimat zu sühnen.

3.) an die Kommandeure und Kommissare der Korps und Divisionen:

a) Bataillons- und Regiments-Kommandeure sowie entsprechende Kommissare, welche ein eigenmächtiges Verlassen der Stellungen ohne diesbezüglichen Befehl dulden, sind nach Abnahme ihrer Orden und Ehrenzeichen ihrer Posten zu entheben und vor das Kriegsgericht zu stellen.

b) Den hinter unzuverlässigen Divisionen eingesetzten Spezialeinheiten ist bei der Wiederherstellung von Ordnung und Disziplin jede Unterstützung zu gewähren.

Dieser Befehl ist in allen Kompanien, Schwadronen, Batterien und Stäben zu verlesen.

Der Verteidigungskommissar für die U.d.S.S.R. gez. J. Stalin

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