"Stalin"

Werke

Band 1

VORWORT DES VERFASSERS ZUM ERSTEN BAND

Die in den ersten Band eingegangenen Werke sind in der Frühperiode der Tätigkeit des Autors (1901-1907) geschrieben worden, als die Herausarbeitung der Ideologie und der Politik des Lenin ismus noch nicht beendet war. Dies bezieht sich zum Teil auch auf den zweiten Band der Werke.

Um diese Werke zu verstehen und richtig zu beurteilen, muss man sie als die Werke eines jungen Marxisten betrachten, der noch nicht zu einem fertigen Marxisten und Lenin isten geworden war. Man begreift deshalb, dass sich in diesen Werken noch Spuren gewisser später veralteter Leitsätze der alten Marxisten finden, die von unserer Partei in der Folgezeit überwunden worden sind. Ich habe hier zwei Fragen im Auge: die Frage des Agrarprogramms und die Frage nach den Voraussetzungen des Sieges der sozialistischen Revolution.

Wie aus dem ersten Band (siehe die Artikel über "Die Agrarfrage") zu ersehen, vertrat der Verfasser damals den Standpunkt der Aufteilung der Gutsländereien und ihre Übergabe an die Bauern als deren Eigentum. Auf dem Vereinigungsparteitag, wo die Agrarfrage zur Behandlung stand, schloss sich die Mehrheit der praktisch tätigen bolschewistischen Delegierten dem Standpunkt der Aufteilung an, während die Mehrheit der Menschewiki für die Munizipalisierung war, Lenin aber und der übrige Teil der bolschewistischen Delegierten traten für die Nationalisierung des Grund und Bodens ein, wobei im Laufe des Kampfes zwischen den drei Projekten, nachdem sich herausgestellt hatte, dass der Parteitag das Nationalisierungsprojekt keinesfalls annehmen würde, Lenin und die anderen Nationalisatoren ihre Stimmen auf dem Parteitag mit den Stimmen der Aufteiler vereinigten.

Die Aufteiler führten gegen die Nationalisierung drei Argumente ins Feld: a) die Bauern würden auf die Nationalisierung der Gutsländereien nicht eingehen, da sie diese als Eigentum erhalten wollen; b) die Bauern würden sich der Nationalisierung widersetzen, da sie sie als eine Maßnahme einschätzen würden, die das Privateigentum an dem Grund und Boden, der sich damals bereits im Privatbesitz der Bauern befand, aufhebt; c) selbst wenn es gelänge, die Einwände der Bauern gegen die Nationalisierung zu überwinden, so dürften wir Marxisten dennoch nicht für die Nationalisierung eintreten, da der Staat in Russland nach dem Siege der bürgerlich-demokratischen Revolution kein sozialistischer, sondern ein bürgerlicher Staat sein werde, und ein großer Fonds nationalisierten Bodens in den Händen des bürgerlichen Staates die Bourgeoisie übermäßig stärken und die Interessen des Proletariats schädigen würde.

Hierbei gingen die Aufteiler von der unter den russischen Marxisten, darunter auch den Bolschewiki, üblichen Voraussetzung aus, nach dem Siege der bürgerlich-demokratischen Revolution werde eine längere oder kürzere Periode der Unterbrechung der Revolution, eine Periode des Intervalls zwischen der siegreichen bürgerlichen Revolution und der künftigen sozialistischen Revolution eintreten, in deren Verlauf der Kapitalismus die Möglichkeit erhalten werde, sich freier und stärker zu entwickeln und sich auch auf die Landwirtschaft auszudehnen, der Klassenkampf werde sich vertiefen und in voller Breite entwickeln, die Klasse der Proletarier werde quantitativ anwachsen, die Bewusstheit und die Organisiertheit des Proletariats würden die gebührende Höhe erreichen und erst nach alledem könne die Periode der sozialistischen Revolution anbrechen.

Es muss bemerkt werden, dass diese Voraussetzung hinsichtlich des längeren Intervalls zwischen den beiden Revolutionen auf dem Parteitag von keiner Seite irgendwelchen Einwand hervorrief, dass vielmehr sowohl die Anhänger der Nationalisierung und der Aufteilung als auch die Anhänger der Munizipalisierung der Auffassung waren, dass das Agrarprogramm der Sozialdemokratie Russlands die weitere, machtvollere Entwicklung des Kapitalismus in Russland fördern müsse.

Wussten wir, die bolschewistischen Praktiker, dass Lenin damals auf dem Standpunkt des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in Russland in die sozialistische, auf dem Standpunkt der ununterbrochenen Revolution stand? Jawohl, wir wussten das. Wir wussten es aus seiner Broschüre "Zwei Taktiken" (1905) und auch aus seinem berühmten Artikel "Das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Bauernbewegung" im Jahre 1905, wo er erklärte, dass "wir für die ununterbrochene Revolution sind", dass "wir nicht auf halbem Wege stehen bleiben werden". Wir Praktiker aber drangen nicht in diese Sache ein und verstanden nicht ihre große Bedeutung, da wir theoretisch ungenügend geschult waren, und auch wegen der den Praktikern eigenen Sorglosigkeit hinsichtlich theoretischer Fragen. Bekanntlich hat Lenin die Argumente aus der Theorie des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution damals aus irgendeinem Grunde nicht entwickelt und von ihnen auf dem Parteitag nicht Gebrauch gemacht, um die Nationalisierung zu begründen. Machte er vielleicht deshalb von ihnen keinen Gebrauch, weil er die Frage noch nicht für lösungsreif hielt und nicht auf die Bereitschaft der Mehrheit der bolschewistischen Praktiker auf dem Parteitag rechnete, die Theorie des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische zu begreifen und sich zu eigen zu machen?

Erst einige Zeit später, als die Lenin sche Theorie des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in Russland in die sozialistische Revolution zur Leitlinie der bolschewistischen Partei geworden war, verschwanden in der Partei die Meinungsverschiedenheiten über die Agrarfrage, denn es war klar geworden, dass in einem Lande wie Russland, wo besondere Entwicklungsbedingungen den Boden schufen für das Hinüberwachsen der bürgerlichen Revolution in die sozialistische, die marxistische Partei kein anderes Agrarprogramm haben kann, als das Programm der Nationalisierung des Grund und Bodens.

Die zweite Frage betrifft das Problem des Sieges der sozialistischen Revolution. Wie aus dem ersten Band (siehe die Artikel "Anarchismus oder Sozialismus?") ersichtlich, hielt sich der Verfasser damals an die unter den Marxisten bekannte These, eine der Hauptvoraussetzungen des Sieges der sozialistischen Revolution sei es, dass das Proletariat zur Mehrheit der Bevölkerung werde, dass folglich in denjenigen Ländern, wo das Proletariat wegen ungenügender kapitalistischer Entwicklung noch nicht die Mehrheit der Bevölkerung bildet, der Sieg des Sozialismus unmöglich sei.

Diese These galt damals bei den russischen Marxisten, darunter auch bei den Bolschewiki, ebenso wie unter den sozialdemokratischen Parteien der anderen Länder, als allgemein anerkannt. Allein die weitere Entwicklung des Kapitalismus in Europa und Amerika, der Übergang vom vorimperialistischen Kapitalismus zum imperialistischen Kapitalismus, und schließlich das von Lenin entdeckte Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der verschiedenen Länder, zeigten, dass diese These den neuen Entwicklungsbedingungen nicht mehr entspricht, dass der Sieg des Sozialismus durchaus möglich ist in einzelnen Ländern, wo der Kapitalismus den Höhepunkt seiner Entwicklung noch nicht erreicht hat und das Proletariat nicht die Mehrheit der Bevölkerung bildet, wo aber die Front des Kapitalismus schwach genug ist, um vom Proletariat durchbrochen zu werden. So entstand in den Jahren 1915 und 1916 die Lenin sche Theorie der sozialistischen Revolution. Die Lenin sche Theorie der sozialistischen Revolution geht bekanntlich davon aus, dass die sozialistische Revolution nicht unbedingt in denjenigen Ländern siegen wird, wo der Kapitalismus am höchsten entwickelt ist, sondern vor allem in denjenigen Ländern, wo die Front des Kapitalismus schwach ist, wo es für das Proletariat leichter ist, diese Front zu durchbrechen und wo die Entwicklung des Kapitalismus wenigstens das Durchschnittsniveau erreicht hat.

Dies wären die Bemerkungen des Verfassers zu den im ersten Bande gesammelten Werken.

Januar 1946.

J. Stalin

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