"Stalin"

Werke

Band 1

DIE SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI RUSSLANDS
UND IHRE NÄCHSTEN AUFGABEN

I

Das menschliche Denken hatte viele Mühseligkeiten, Qualen und Wandlungen durchzumachen, bevor es zu dem wissenschaftlich ausgearbeiteten und begründeten Sozialismus gelangte. Die westeuropäischen Sozialisten hatten sehr lange in der Wüste des utopischen (unerfüllbaren, nicht zu verwirklichenden) Sozialismus umherzuirren, bis sie sich den Weg bahnten, bis sie die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens erforschten und begründeten und aus ihnen die Notwendigkeit des Sozialismus für die Menschheit ableiteten. Europa hat seit Beginn des vorigen Jahrhunderts viele tapfere, selbstlose, ehrliche Männer der Wissenschaft hervorgebracht, die danach strebten, die Frage zu klären und zu beantworten, was die Menschheit von dem Übel erlösen kann, das mit der Entwicklung von Handel und Industrie immer stärker und schlimmer wird. Viel Stürme und viele Blutströme gingen über Westeuropa hinweg, damit Schluss gemacht werde mit der Knechtung der Mehrheit durch eine Minderheit, aber das Übel blieb dennoch bestehen, die Wunden blieben ebenso klaffend und die Schmerzen wurden mit jedem Tage immer unerträglicher. Eine der Hauptursachen dieser Erscheinung hat man darin zu sehen, dass der utopische Sozialismus nicht die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens klargestellt hat, sondern über dem Leben schwebte, in die Höhe strebte, während eine feste Verbindung mit der Wirklichkeit notwendig war. Die Utopisten steckten sich die Verwirklichung des Sozialismus als das nächste Ziel zu einer Zeit, da es für seine Verwirklichung im Leben keinerlei Boden gab, und - was in seinen Ergebnissen noch betrüblicher ist - sie erwarteten die Verwirklichung des Sozialismus von den Mächtigen dieser Welt, die sich, wie die Utopisten meinten, leicht von der Richtigkeit des sozialistischen Ideals überzeugen konnten (Robert Owen, Louis Blanc, Fourier u. a.). Diese Anschauung setzte sich über die reale Arbeiterbewegung und die Arbeitermassen hinweg, die die einzige natürliche Trägerin des sozialistischen Ideals sind. Die Utopisten konnten das nicht begreifen. Sie wollten das Glück auf Erden durch die Gesetzgebung, durch Deklarationen und ohne die Hilfe des Volkes (der Arbeiter) selbst schaffen. Der Arbeiterbewegung aber schenkten sie keine besondere Aufmerksamkeit und häufig leugneten sie sogar ihre Bedeutung. Infolgedessen blieben ihre Theorien lediglich Theorien, die an den Arbeitermassen vorbeigehen, in denen ganz unabhängig von diesen Theorien der große Gedanke reifte, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts durch den Mund des genialen Karl Marx verkündet wurde: "Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein … Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"

Aus diesen Worten wurde die jetzt auch für "Blinde" offensichtliche Tatsache klar, dass für die Verwirklichung des sozialistischen Ideals die Selbsttätigkeit der Arbeiter und ihr Zusammenschluss zu einer organisierten Macht unabhängig von der Nationalität und dem Lande notwendig ist. Es war notwendig, diese Wahrheit zu begründen - was Marx und sein Freund Engels großartig getan haben -, um das feste Fundament der machtvollen sozialdemokratischen Partei zu legen, die heute als unerbittliches Schicksal über der bürgerlichen Ordnung Europas schwebt, und die sie zu vernichten droht, um auf ihren Trümmern die sozialistische Ordnung zu errichten.

Die Entwicklung der Idee des Sozialismus in Russland ging fast den gleichen Weg wie in Westeuropa. Auch in Russland hatten die Sozialisten lange im Dunkeln umherzuirren, bevor sie zum sozialdemokratischen Bewusstsein, zum wissenschaftlichen Sozialismus, gelangten. Auch hier gab es Sozialisten, gab es eine Arbeiterbewegung, aber sie gingen unabhängig voneinander ihren Weg, jeder für sich: die Sozialisten zu ihrem utopischen Traum (,‚Land und Freiheit", "Volkswille") und die Arbeiterbewegung zu spontanen Rebellionen. Beide wirkten in den gleichen Jahren (den siebziger und achtziger Jahren), ohne einander zu kennen. Die Sozialisten hatten kein Fundament in der werktätigen Bevölkerung, so dass ihre Aktionen in der Luft hängen und unfundiert blieben. Die Arbeiter dagegen hatten keine Leiter, keine Organisatoren, so dass ihre Bewegung die Form von regellosen Rebellionen annahm. Das war die Hauptursache dafür, dass der heroische Kampf der Sozialisten für den Sozialismus keine Früchte zeitigte und dass ihr legendärer Mut an den festen Mauern der Selbstherrschaft zerschellte. Die russischen Sozialisten nahmen erst zu Beginn der neunziger Jahre nähere Verbindungen mit den Arbeitermassen auf. Sie erkannten, dass die Rettung nur in der Arbeiterklasse liegt und dass nur diese Klasse das sozialistische Ideal verwirklichen wird. Von nun an konzentrierte die russische Sozialdemokratie alle ihre Anstrengungen und ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Bewegung, die damals unter den russischen Arbeitern vor sich ging. Der noch ungenügend klassenbewusste und nicht auf den Kampf vorbereitete russische Arbeiter bemühte sich, allmählich aus seiner hoffnungslosen Lage herauszukommen und sein Los irgendwie zu verbessern. Natürlich gab es in dieser Bewegung damals keine regelrechte Organisationsarbeit, die Bewegung war spontan.

So wandte sich denn die Sozialdemokratie dieser unbewussten, spontanen und unorganisierten Bewegung zu. Sie bemühte sich, das Klassenbewusstsein der Arbeiter zu entwickeln, sie bemühte sich, den getrennten und zersplitterten Kampf der einzelnen Arbeitergruppen gegen die einzelnen Unternehmer zu vereinigen, ihn zu einem gemeinsamen Klassenkampf zu verschmelzen, damit er ein Kampf der russischen Arbeiterklasse gegen die Klasse der Unterdrücker Russlands sei, bestrebt, diesem Kampf organisierten Charakter zu verleihen.

In der ersten Zeit vermochte die Sozialdemokratie nicht, ihre Tätigkeit in der Arbeitermasse auszubreiten, weshalb sie sich mit der Arbeit in Propaganda- und Agitationszirkeln zufrieden gab. Die einzige Form ihrer Arbeit war damals die Zirkeltätigkeit. Der Zweck dieser Zirkel bestand darin, unter den Arbeitern selbst eine Gruppe zu schaffen, die in der Folge die Bewegung führen würde. Deshalb wurden diese Zirkel aus fortgeschrittenen Arbeitern zusammengesetzt, und nur auserwählte Arbeiter hatten die Möglichkeit, in den Zirkeln zu lernen.

Die Periode der Zirkel aber ging rasch zu Ende. Die Sozialdemokratie verspürte bald das Bedürfnis, aus dem engen Rahmen der Zirkel herauszutreten und ihren Einfluss auf die großen Arbeitermassen auszubreiten. Dies wurde auch durch die äußeren Verhältnisse gefördert. Damals schlug die spontane Bewegung unter den Arbeitern besonders hohe Wellen. Wer von euch erinnert sich nicht des Jahres, als fast ganz Tiflis von dieser spontanen Bewegung ergriffen war? In den Tabakfabriken und Eisenbahnwerkstätten folgte ein unorganisierter Streik auf den anderen. Bei uns geschah das in den Jahren 1897 und 1898, in Russland etwas früher. Es galt, rechtzeitig zu Hilfe zu kommen, und die Sozialdemokratie beeilte sich mit ihrer Hilfe. Es begann der Kampf um die Verkürzung des Arbeitstags, um die Abschaffung der Geldstrafen, um die Erhöhung des Lohns usw. Die Sozialdemokratie wusste sehr wohl, dass die Entwicklung der Arbeiterbewegung sich nicht auf diese kleinen Forderungen beschränkt, dass das Ziel der Bewegung nicht in diesen Forderungen bestand, dass dies nur ein Mittel zur Erreichung des Ziels war. Mögen diese Forderungen auch klein sein, mögen die Arbeiter selbst in einzelnen Städten und Gebieten heute noch isoliert kämpfen - dieser Kampf selbst wird die Arbeiter lehren, dass der volle Sieg nur dann erreicht werden wird, wenn die ganze Arbeiterklasse als einheitliche, starke, organisierte Macht zum Sturmangriff auf ihren Feind antritt. Eben dieser Kampf wird den Arbeitern zeigen, dass sie neben ihrem direkten Feind - dem Kapitalisten - einen anderen, noch rastloseren Feind haben - die organisierte Macht der ganzen Bourgeoisklasse, den heutigen kapitalistischen Staat mit seinem Militär, seinem Gericht, seiner Polizei, seinen Gefängnissen, seiner Gendarmerie. Wenn selbst in Westeuropa der Arbeiter beim geringsten Versuch, seine Lage zu verbessern, auf die bürgerliche Staatsgewalt stößt, wenn in Westeuropa, wo bereits Menschenrechte erobert sind, der Arbeiter einen direkten Kampf gegen die Staatsgewalt führen muss - so wird um so mehr der Arbeiter Russlands in seiner Bewegung unbedingt mit der Staatsgewalt der Selbstherrschaft zusammenstoßen, die der rastlose Feind jeder Arbeiterbewegung ist, nicht nur weil diese Staatsgewalt die Kapitalisten schützt, sondern auch, weil sie als Selbstherrschaft sich nicht mit der Selbsttätigkeit der Gesellschaftsklassen abfinden kann, ganz besonders aber mit der Selbsttätigkeit einer Klasse wie die Arbeiterklasse, die mehr als die anderen Klassen geknechtet ist und unterdrückt wird. So fasste die Sozialdemokratie Russlands den Gang der Bewegung auf und setzte alle ihre Kräfte ein, um diese Ideen unter den Arbeitern zu verbreiten. Darin bestand ihre Kraft und dadurch erklärt sich ihre große und siegreiche Entwicklung vom ersten Tage an, wie das der grandiose Streik der Petersburger Webereiarbeiter im Jahre 1896 gezeigt hat.

Aber die ersten Siege verwirrten manche schwache Menschen und stiegen ihnen zu Kopf. Wie einst die utopischen Sozialisten ihre Aufmerksamkeit nur auf das Endziel gerichtet und, durch dieses Endziel geblendet, die reale Arbeiterbewegung, die sich vor ihren Augen entfaltete, gar nicht bemerkt oder abgelehnt hatten, so wandten einige russische Sozialdemokraten umgekehrt alle ihre Aufmerksamkeit ausschließlich der spontanen Arbeiterbewegung, ihren Tagesbedürfnissen zu. Damals (vor fünf Jahren) stand das Klassenbewusstsein der russischen Arbeiter noch auf einer sehr niedrigen Stufe. Der russische Arbeiter erwachte eben erst aus dem jahrhundertelangen Schlaf, und seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen bemerkten natürlich nicht alles, was in der Welt vor sich ging, die sich zum ersten Mal vor ihm öffnete. Er hatte keine großen Bedürfnisse, und seine Forderungen waren nicht hoch. Der russische Arbeiter verlangte noch nicht mehr als eine unbedeutende Lohnerhöhung oder Arbeitszeitverkürzung. Davon, dass es notwendig sei, die bestehende Ordnung zu ändern, dass das Privateigentum abgeschafft werden müsse, dass es notwendig sei, die sozialistische Ordnung zu organisieren - von alledem hatten die russischen Arbeitermassen nicht einmal eine Vorstellung. Sie wagten auch kaum, an die Aufhebung der Sklaverei zu denken, in der das ganze russische Volk unter der Selbstherrschaft kümmerlich dahinlebt, an die Freiheit des Volkes, an die Beteiligung des Volkes an der Staatsverwaltung. Zu dieser Zeit nun, als ein Teil der Sozialdemokratie Russlands es für seine Pflicht hielt, ihre sozialistischen Ideen in die Arbeiterbewegung hineinzutragen, war ein anderer Teil, hingerissen von dem ökonomischen Kampf, von dem Kampf um die teilweise Verbesserung der Lage der Arbeiter (wie z. B. Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne), drauf und dran, seine hohe Pflicht, seine hohen Ideale völlig zu vergessen.

Ebenso wie ihre westeuropäischen Gesinnungsgenossen (die so genannten Bernsteinianer) sagten sie: "Uns ist die Bewegung alles, das Endziel nichts." Sie interessierten sich absolut nicht dafür, wofür die Arbeiterklasse kämpft, sie interessierte nur der Kampf als solcher. Es entwickelte sich die so genannte Groschenpolitik. Die Sache ging so weit, dass eines schönen Tages die Petersburger Zeitung "Rabotschaja Myssl"[2] erklärte: "Unser politisches Programm ist der Zehnstundentag, die Wiedereinführung der durch das Gesetz vom 2. Juni[3] abgeschafften Feiertage" (!!!) (Es muss bemerkt werden, dass der Petersburger "Kampfbund" und die Redaktion seiner Zeitung in letzter Zeit ihrer früheren, ausschließlich ökonomischen Richtung entsagt haben und sich bemühen, in ihre Aktionen die Ideen des politischen Kampfes hineinzutragen.)

Anstatt die spontane Bewegung zu leiten, in die Massen die sozialdemokratischen Ideale hineinzutragen und sie auf unser Endziel zu lenken, wurde dieser Teil der russischen Sozialdemokraten zu einem blinden Werkzeug der Bewegung selbst; blind folgte er dem ungenügend entwickelten Teil der Arbeiterschaft und beschränkte sich auf die Formulierung der Nöte und der Bedürfnisse, deren sich die Arbeitermassen im Augenblick bewusst waren. Mit einem Wort, er stand da und klopfte an die offene Tür, ohne es zu wagen, in das Haus selbst einzutreten. Er erwies sich als unfähig, den Arbeitermassen das Endziel - den Sozialismus - oder auch nur das nächste Ziel - den Sturz der Selbstherrschaft - zu erläutern, und, was noch betrüblicher war, er hielt alles das für unnütz und sogar für schädlich. Er betrachtete den russischen Arbeiter als ein Kind und fürchtete sich, ihn mit so kühnen Ideen zu erschrecken. Ja, selbst abgesehen davon, bedarf es nach der Meinung eines gewissen Teils der Sozialdemokratie für den Sozialismus keines revolutionären Kampfes: notwendig sei nur der ökonomische Kampf - Streiks und Gewerkschaften, Konsum- und Produktivgenossenschaften -‚ und der Sozialismus sei bereits fertig. Für einen Irrtum hielt er die Lehre der alten internationalen Sozialdemokratie, die nachweist, dass, bevor nicht die politische Macht in die Hände des Proletariats übergeht (Diktatur des Proletariats), eine Änderung der bestehenden Ordnung, die volle Befreiung der Arbeiter unmöglich ist. Seiner Meinung nach stellt der Sozialismus an sich nichts Neues dar und unterscheidet sich eigentlich nicht von der bestehenden kapitalistischen Ordnung: der Sozialismus lasse sich leicht auch in die bestehende Ordnung eingliedern, und jede Gewerkschaft, selbst jeder Konsumladen oder jede Produktivgenossenschaft sei bereits ein "Teil des Sozialismus", sagten sie. Und mit solchem albernen Herumflicken an der alten Kleidung dachten sie der leidenden Menschheit ein neues Kleid zu schneidern! Am betrüblichsten aber und für Revolutionäre an und für sich unbegreiflich ist der Umstand, dass dieser Teil der russischen Sozialdemokraten die Lehre seiner westeuropäischen Lehrer (Bernstein und Konsorten) so seht ausweitete, dass er schamlos erklärt: die politische Freiheit (die Freiheit der Streiks, der Koalition, des Wortes usw.) sei vereinbar mit dem Zarismus, und deshalb sei ein besonderer politischer Kampf, ein Kampf für den Sturz der Selbstherrschaft völlig überflüssig, denn zur Erreichung des Zieles genüge ja der ökonomische Kampf allein, es genüge, dass häufiger gestreikt werde, entgegen dem Verbot der Staatsgewalt, dann werde die Staatsgewalt müde werden, die Streikenden zu bestrafen, und die Freiheit der Streiks und der Versammlungen werde ganz von selbst kommen.

So versuchten diese angeblichen "Sozialdemokraten" zu beweisen, dass der russische Arbeiter alle seine Kraft und Energie ausschließlich für den ökonomischen Kampf opfern müsse und den verschiedenen "breiten Idealen" nicht nachzustreben brauche. Praktisch bestanden ihre Aktionen darin, dass sie lediglich die örtliche Arbeit in dieser oder jener Stadt für ihre Pflicht hielten. Sie hatten für die Gründung einer sozial demokratischen Arbeiterpartei Russlands nicht das geringste Interesse, im Gegenteil, die Gründung einer Partei erschien ihnen als ein lächerliches und müßiges Spiel, das die Erfüllung ihrer direkten "Pflicht", den ökonomischen Kampf, behindere. Streik und noch einmal Streik und Sammlung von Kopeken für die Kampfkassen - das war das Alpha und das Omega ihrer Arbeit.

Ihr werdet zweifellos meinen, dass diese Verehrer der spontanen "Bewegung", da sie einmal ihre Aufgaben so eingeengt, da sie einmal dem Sozialdemokratismus entsagt haben, wenigstens für diese Bewegung viel tun. Aber auch hierin sind wir betrogen. Davon überzeugt uns die Geschichte der Petersburger Bewegung. Ihre glänzende Entwicklung und ihr kühner Vormarsch in den ersten Zeiten, in den Jahren 1895 bis 1897, wurde in der Folge von einem Umherirren im Dunkeln abgelöst, und schließlich kam die Bewegung nicht vom Fleck. Das ist kein Wunder: alle Anstrengungen der "Ökonomisten", eine feste Organisation für den ökonomischen Kampf zu schaffen, stießen jedes Mal auf die kräftige Mauer der Staatsgewalt, an der sie stets zerschellten. Die furchtbaren Polizeiverhältnisse machten jede Möglichkeit aller wie immer gearteten ökonomischen Organisationen zunichte. Auch die Streiks brachten keinen Nutzen, da von 100 Streiks 99 von den Polizeifäusten abgewürgt, die Arbeiter schonungslos aus Petersburg hinausgeworfen wurden und ihre revolutionäre Energie von den Gefängnismauern und den sibirischen Frösten unbarmherzig ausgesogen wurde. Wir sind fest davon überzeugt, dass an dieser (natürlich relativen) Hemmung der Bewegung nicht nur äußere Verhältnisse, die Polizeiverhältnisse schuld sind; nicht weniger schuld hat hier auch die Hemmung in der Entwicklung der Ideen selbst und des Klassenbewusstseins, daher - der Rückgang der revolutionären Energie der Arbeiter.

Da die Arbeiter mit der Entwicklung der Bewegung die hohen Ziele und den Inhalt des Kampfes nicht in ihrer ganzen Tragweite begreifen konnten, denn das Banner, unter dem der russische Arbeiter zu kämpfen hatte, blieb der alte, verblichene Lappen mit der alten Kopekendevise des ökonomischen Kampfes, so legten die Arbeiter in diesen Kampf zwangsläufig weniger Energie, weniger Begeisterung, weniger revolutionäre Bestrebungen hinein, denn eine große Energie wird nur für ein großes Ziel geboren.

Aber die Gefahr, die infolgedessen der Bewegung drohte, wäre größer gewesen, wenn die Bedingungen unseres Lebens die russischen Arbeiter nicht mit jedem Tage immer beharrlicher zum direkten politischen Kampf drängten. Selbst ein einfacher, kleiner Streik stellte die Arbeiter unmittelbar vor die Frage unserer politischen Rechtlosigkeit, führte sie zu Zusammenstößen mit der Staatsgewalt und der bewaffneten Macht und bewies offenkundig, dass der ausschließlich ökonomische Kampf unzureichend ist. Deshalb nahm entgegen dem Wunsch eben dieser "Sozialdemokraten" der Kampf mit jedem Tage einen immer ausgesprocheneren politischen Charakter an. Jeder Versuch der erwachten Arbeiter, ihre Unzufriedenheit mit der bestehenden ökonomischen und politischen Lage, unter deren Druck heute der russische Arbeiter stöhnt, offen zum Ausdruck zu bringen, jeder Versuch, sich von dem Druck zu befreien, drängte die Arbeiter zu Manifestationen, die immer weniger einem ökonomischen Kampf glichen. Die Feiern des 1.Mai in Russland haben den Weg zum politischen Kampf und zu politischen Demonstrationen gebahnt. Und der russische Arbeiter hat dem einzigen alten Mittel seines Kampfes - dem Streik - ein neues machtvolles Mittel hinzugefügt - die politische Demonstration, die zum ersten Mal während der grandiosen Charkower Maifeier von 1900 erprobt wurde.

Somit ist die Arbeiterbewegung Russlands dank ihrer inneren Entwicklung von der Propaganda in Zirkeln und dem ökonomischen Kampf mittels Streiks auf den Weg des politischen Kampfes und der Agitation übergegangen.

Dieser Übergang beschleunigte sich merklich, als die Arbeiterklasse in der Arena des Kampfes Elemente aus anderen Gesellschaftsklassen Russlands erblickte, die mit dein festen Entschluss kommen, die politische Freiheit zu erobern.

II

Unter dem Joch des zaristischen Regimes stöhnt nicht nur die Arbeiterklasse. Die schwere Tatze der Selbstherrschaft würgt auch die anderen Klassen der Gesellschaft. Es stöhnen die durch ständigen Hunger physisch entstellten russischen Bauern, die durch die unerträglichen Steuerlasten verelendet und den Händlern, den Bourgeois sowie den "hochgeborenen" Gutsherren ausgeliefert sind. Es stöhnt der kleine Mann in der Stadt, es stöhnen die kleinen Angestellten der Staatsämter und Privatunternehmungen, die kleine Beamtenschaft - überhaupt alle jene zahlreichen kleinen Städter, deren Existenz ebenso wenig wie die der Arbeiterklasse gesichert ist, und die Grund haben, mit ihrer gesellschaftlichen Stellung unzufrieden zu sein. Es stöhnt ein Teil der kleinen und sogar der mittleren Bourgeoisie, der sich mit der Knute und der Peitsche des Zaren nicht abfinden kann, besonders der gebildete Teil der Bourgeoisie, die so genannten Vertreter der freien Berufe (Lehrer, Ärzte, Advokaten, Studenten und Lernende überhaupt). Es stöhnen die unterdrückten Nationen und Glaubensbekenntnisse in Russland, darunter die in ihren heiligen Gefühlen verletzten Polen, die von ihrem Heimatboden vertrieben werden, die Finnen, deren historisch erworbene Rechte und deren Freiheit die Selbstherrschaft frech zertreten hat. Es stöhnen die ständig verfolgten und geschmähten Juden, die sogar jener kläglichen Rechte beraubt sind, wie sie die übrigen russischen Untertanen genießen - des Rechtes, überall zu wohnen, des Rechtes, in den Schulen zu lernen, des Rechtes, als Beamte zu dienen, usw. Es stöhnen die Georgier, die Armenier und die anderen Nationen, die des Rechtes beraubt sind, ihre eigenen Schulen zu haben, in den Staatsämtern zu arbeiten, die gezwungen sind, sich jener schändlichen und knechtenden Politik der Russifizierung zu fügen, die die Selbstherrschaft mit solchem Eifer betreibt. Es stöhnen die vielen Millionen der russischen Sektierer, die so glauben und bekennen wollen, wie ihr Gewissen es ihnen eingibt, und nicht so, wie die rechtgläubigen Popen das wünschen. Es stöhnen... aber man kann nicht alle von der russischen Selbstherrschaft Unterjochten, nicht alle von ihr Verfolgten aufzählen. Ihrer sind so viele, dass, wenn sie alle dies begriffen und wenn sie alle begriffen, wo ihr gemeinsamer Feind steht, die russische Despotenmacht auch nicht einen Tag länger existieren würde. Leider ist die russische Bauernschaft noch durch die jahrhundertelange Sklaverei, Armut und Unwissenheit verschüchtert und erwacht erst jetzt, sie hat noch nicht begriffen, wo ihr Feind steht. Die unterjochten Nationen Russlands können nicht einmal daran denken, sich mit ihren eigenen Kräften zu befreien, solange ihnen nicht nur die russische Regierung gegenübersteht, sondern sogar das russische Volk, das sich noch nicht bewusst geworden ist, dass ihr gemeinsamer Feind die Selbstherrschaft ist. Es bleiben die Arbeiterklasse, die kleinen Städter und der gebildete Teil der Bourgeoisie.

Aber die Bourgeoisie aller Länder und Nationen versteht es sehr wohl, sich die Früchte anzueignen, die nicht durch ihren Sieg erworben sind, sie versteht es sehr wohl, mit fremden Fingern die Glut aus dem Ofen kratzen zu lassen. Sie ist niemals gewillt, ihre verhältnismäßig privilegierte Stellung aufs Spiel zu setzen im Kampf gegen einen starken Feind, in einem Kampf, den zu gewinnen vorläufig noch nicht so leicht ist. Obgleich sie unzufrieden ist, lebt sie dennoch nicht schlecht, und deshalb räumt sie mit Vergnügen der Arbeiterklasse und überhaupt dem einfachen Volk das Recht ein, den Rücken hinzuhalten, wo die Peitschen der Kosaken sausen oder die Kugeln der Soldaten pfeifen, auf den Barrikaden zu kämpfen usw. Sie selbst "sympathisiert" mit dem Kampf und ist bestenfalls "empört" (für sich) über die Grausamkeit, mit der der vertierte Feind die Volksbewegung niederschlägt. Sie fürchtet die revolutionären Aktionen, und erst in den letzten Minuten des Kampfes, wenn sie die Ohnmacht des Feindes klar sieht, geht sie selber zu revolutionären Maßnahmen über. Dies lehren uns die Erfahrungen der Geschichte... Nur die Arbeiterklasse und überhaupt das Volk, das im Kampfe nichts zu verlieren hat als seine Ketten - nur sie allein sind eine wirkliche revolutionäre Macht. Die Erfahrungen Russlands, obgleich noch dürftig, bestätigen diese alte Wahrheit, die die Geschichte aller revolutionären Bewegungen uns lehrt.

Von den Vertretern des privilegierten Standes hat nur ein Teil der Studentenschaft seine Entschlossenheit gezeigt, bis zu Ende für seine Forderungen zu kämpfen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass auch dieser Teil der Studentenschaft aus den Söhnen derselben unterdrückten Bürger besteht; dabei neigt die Studentenschaft, als die studierende Jugend, solange sie noch nicht im praktischen Leben aufgegangen ist und dort noch nicht eine bestimmte gesellschaftliche Stellung eingenommen hat, am meisten idealen Bestrebungen zu, die sie zum Kampf für die Freiheit rufen.

Wie dem auch sei, gegenwärtig tritt die Studentenschaft in der Bewegung der "Gesellschaft" fast als Leiter, als Vortrupp auf. Um sie gruppiert sich heute der unzufriedene Teil der verschiedenen Gesellschaftsklassen. Anfänglich versuchte die Studentenschaft, mit Hilfe eines von den Arbeitern übernommenen Mittels zu kämpfen - mit Hilfe der Streiks. Als aber die Regierung auf ihre Streiks mit einem bestialischen Gesetz (den "Provisorischen Bestimmungen" [4]) antwortete, laut welchem streikende Studenten als Rekruten eingezogen werden, blieb der Studentenschaft nur ein einziges Kampfmittel übrig - von der russischen Gesellschaft Hilfe zu verlangen und von Streiks überzugehen zu Straßendemonstrationen. So ging die Studentenschaft denn auch vor. Sie streckte die Waffen nicht, sondern im Gegenteil, sie begann noch mutiger und entschlossener zu kämpfen. Um sie gruppierten sich die unterjochten Bürger, die Arbeiterklasse reichte ihnen die helfende Hand, und die Bewegung wurde machtvoll und für die Staatsgewalt bedrohlich. Die Regierung Russlands führt nun schon zwei Jahre mit Hilfe ihrer zahlreichen Truppen, ihrer Polizei und ihrer Gendarmen einen erbitterten, aber ergebnislosen Kampf gegen die widerspenstigen Bürger.

Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die politischen Demonstrationen nicht niedergeschlagen werden können. Die Vorfälle in Charkow, Moskau, Nishni Nowgorod, Riga usw. in den ersten Dezembertagen zeigen, dass die gesellschaftliche Unzufriedenheit gegenwärtig schon bewusst hervortritt und dass diese unzufriedene Gesellschaft bereit ist, von stillschweigendem Protest zu revolutionären Aktionen überzugehen. Die von der Studentenschaft erhobenen Forderungen aber, die Forderungen der Lehrfreiheit, der Freiheit des inneren Universitätslebens sind für eine breite gesellschaftliche Bewegung zu eng. Um alle Teilnehmer dieser Bewegung zusammenzuschließen, braucht man ein Banner, ein Banner, das allen verständlich ist und nahe steht, das alle Forderungen vereinigt. Ein solches Banner ist der Sturz der Selbstherrschaft. Nur auf den Trümmern der Selbstherrschaft kann eine Gesellschaftsordnung errichtet werden, die sich auf die Teilnahme des Volkes an der Staatsverwaltung stützt, die eine Garantie ist für die Freiheit der Lehre sowohl wie der Streiks, des Wortes, der Religion wie der Nationalitäten usw. usf. Nur eine solche Ordnung wird dem Volke das Mittel geben, mit dem es sich gegen alle Unterdrücker verteidigen kann, gegen die Händler und Kapitalisten, gegen die Geistlichkeit und den Adel, nur eine solche Ordnung wird den Weg frei machen in eine bessere Zukunft, zum freien Kampf für die Errichtung der sozialistischen Ordnung.

Natürlich kann die Studentenschaft nicht mit eigenen Kräften diesen grandiosen Kampf führen, ihre schwachen Hände werden dieses schwere Banner nicht halten können. Um es zu halten, braucht man stärkere Hände, und eine solche Kraft findet man unter den heutigen Verhältnissen nur in der vereinigten Kraft des arbeitenden Volkes. Folglich muss die Arbeiterklasse der Studentenschaft das Banner ganz Russlands aus den schwachen Händen nehmen, die Losungen "Nieder mit der Selbstherrschaft! Es lebe die demokratische Verfassung!" darauf schreiben und das russische Volk zur Freiheit führen. Den Studenten aber müssen wir dankbar sein für die uns erteilte Lehre: sie haben gezeigt, von welch großer Bedeutung die politische Demonstration im revolutionären Kampf ist.

Die Straßendemonstration ist dadurch von Interesse, dass sie eine große Masse der Bevölkerung rasch in die Bewegung hineinzieht, sie mit unseren Forderungen sofort bekannt macht und jenen günstigen breiten Boden schafft, auf dem wir kühn den Samen der sozialistischen Ideen und der politischen Freiheit säen können. Die Straßendemonstration schafft die Straßenagitation, deren Einfluss sich der rückständige und schüchterne Teil der Gesellschaft nicht entziehen kann. (Ein illegales Buch oder Agitationsflugblatt erreicht unter den heutigen Verhältnissen in Russland den einzelnen Bewohner nur mit großer Schwierigkeit. Obwohl die Verbreitung illegaler Literatur reiche Früchte trägt, erfasst sie doch in den meisten Fällen nur einen geringen Teil der Bevölkerung.) Man braucht nur während der Demonstration auf die Straße zu gehen, um mutige Kämpfer zu sehen und zu begreifen, wofür sie kämpfen, die freie Rede, die alle zum Kampf aufruft, und das Kampflied zu hören, das die bestehende Ordnung entlarvt und unsere gesellschaftlichen Eiterbeulen aufdeckt. Eben aus diesem Grunde fürchtet die Staatsgewalt die Straßendemonstration am allermeisten. Deshalb droht sie, nicht nur die Demonstranten, sondern auch die "Neugierigen" hart zu bestrafen. In dieser Neugier des Volkes steckt die Hauptgefahr für die Staatsgewalt: der heutige "Neugierige" wird morgen als Demonstrant neue Gruppen "Neugieriger" um sich versammeln. Solche "Neugierigen" aber gibt es heute in jeder großen Stadt zu Zehntausenden. Der Einwohner Russlands verkriecht sich heute schon nicht mehr wie früher, wenn er hört, dass irgendwo Unruhen vor sich gehen (,‚dass man mich bloß nicht drankriegt, lieber sich davonmachen", sagte er früher), - heute zieht es ihn zum Schauplatz der Unruhen, und er ist "neugierig" zu erfahren: Was sollen diese Unruhen, um welcher Sache willen setzen so viele Leute den Kosakenpeitschen ihren Rücken aus?

Unter diesen Umständen hören die "Neugierigen" auf, das Sausen der Peitschen und der Säbel gleichmütig anzuhören. Die "Neugierigen" sehen, dass die Demonstranten sich auf der Straße versammelt haben, um ihre Wünsche und Forderungen auszusprechen, die Staatsgewalt antwortet ihnen aber mit Prügeln und bestialischer Unterdrückung. Der "Neugierige" läuft nicht mehr weg vor dem Sausen der Peitschen, sondern er tritt im Gegenteil näher heran, und die Peitsche kann schon nicht mehr unterscheiden, wo der einfache "Neugierige" aufhört und der "Rebell" anfängt. Jetzt tanzt die Peitsche unter Beachtung "voller demokratischer Gleichheit", ohne Unterschied des Geschlechts, des Alters und selbst des Standes, auf dem Rücken sowohl der einen als auch der anderen. Dadurch erweist uns die Peitsche einen großen Dienst, denn sie beschleunigt die Revolutionierung des "Neugierigen". Sie wird aus einer Waffe der Beschwichtigung zu einer Waffe des Erweckens.

Mögen uns daher die Straßendemonstrationen auch keine direkten Resultate liefern, möge die Kraft der Demonstranten heute noch zu schwach sein, als dass man mit dieser Kraft die Staatsgewalt zwingen könnte, den Forderungen des Volkes sofort nachzugeben, - die Opfer, die wir heute in den Straßendemonstrationen bringen, werden uns hundertfältig ersetzt werden. Jeder im Kampf gefallene oder unserem Lager entrissene Kämpfer bringt Hunderte von neuen Kämpfern auf die Beine.

Vorläufig werden wir noch so manches Mal auf der Straße geschlagen werden, wird die Regierung noch so manches Mal aus den Straßenkämpfen als Sieger hervorgehen. Aber das wird ein "Pyrrhussieg" sein. Noch einige solche Siege - und die Niederlage des Absolutismus ist sicher. Durch den heutigen Sieg bereitet er seine Niederlage vor. Wir aber, die wir fest davon überzeugt sind, dass dieser Tag kommen wird, dass dieser Tag nicht fern ist, setzen uns den Peitschenschlägen aus, um den Samen der politischen Agitation und des Sozialismus zu säen.
Die Staatsgewalt ist nicht weniger als wir davon überzeugt, dass die Straßenagitation das Todesurteil für sie ist, dass nur noch 2-3 Jahre zu vergehen brauchen, bis sich das Gespenst der Volksrevolution vor ihr erhebt. Die Regierung hat in diesen Tagen durch den Mund des Gouverneurs von Jekaterinoslaw erklärt, dass sie "auch vor den äußersten Maßnahmen nicht zurückschrecken wird, um die geringsten Versuche einer Straßendemonstration niederzuschlagen". Man sieht, diese Erklärung riecht nach Kugeln und möglicherweise sogar nach Kartätschen, wir glauben aber, dass die Kugel ein Mittel ist, das nicht weniger Unzufriedenheit als die Peitsche erregt. Wir glauben nicht, dass die Regierung selbst mit diesen "äußersten Maßnahmen" imstande sein wird, die politische Agitation für lange Zeit aufzuhalten und dadurch ihre Entwicklung zu behindern. Wir hoffen, dass die revolutionäre Sozialdemokratie es verstehen wird, ihre Agitation auch den neuen Verhältnissen anzupassen, die die Regierung durch die Ergreifung dieser "äußersten Maßnahmen" schaffen wird. Jedenfalls muss die Sozialdemokratie die Ereignisse wachsam verfolgen, sie muss sich die Lehren dieser Ereignisse rasch zunutze machen und ihre Tätigkeit geschickt den sich ändernden Verhältnissen anpassen.

Hierfür jedoch braucht die Sozialdemokratie eine starke und geschlossene Organisation, und zwar eine Parteiorganisation, die nicht nur dem Namen nach, sondern auch ihren grundlegenden Prinzipien und taktischen Anschauungen nach geschlossen sein wird. Es ist unsere Aufgabe, an der Schaffung einer solchen starken Partei zu arbeiten, die mit festen Prinzipien und einer unüberwindlichen Konspiration gewappnet sein wird.

Die Sozialdemokratische Partei muss sich die neuerlich einsetzende Straßenbewegung zunutze machen, sie muss das Banner der russischen Demokratie in ihre Hände nehmen und sie dem von allen gewünschten Siege entgegenführen!

Somit stehen wir vor einer Periode des vorwiegend politischen Kampfes. Ein solcher Kampf ist für uns unvermeidlich, denn in den bestehenden politischen Verhältnissen kann der ökonomische Kampf (Streiks) nichts Wesentliches ergeben. Streiks sind auch in freien Staaten eine zweischneidige Waffe: selbst dort enden die Streiks, obgleich die Arbeiter über Kampfmittel - politische Freiheit, starke Organisationen der Arbeiterverbände, wohl gefüllte Kassen - verfügen, häufig mit einer Niederlage der Arbeiter. Bei uns aber, wo der Streik ein Verbrechen ist, das mit Haft bestraft, mit Waffengewalt unterdrückt wird, wo Arbeiterverbände jeder Art verboten sind, - bei uns gewinnen die Streiks nur die Bedeutung eines Protestes. Für den Protest sind aber die Demonstrationen eine stärkere Waffe. In den Streiks ist die Kraft der Arbeiter zersplittert, an ihnen nehmen nur die Arbeiter eines Betriebes oder einiger Betriebe, bestenfalls eines Berufszweiges teil, und die Organisierung eines Generalstreiks ist selbst in Westeuropa sehr schwer, bei uns aber ganz unmöglich - während die Arbeiter in den Straßendemonstrationen ihre Kräfte sofort vereinigen.

Man ersieht hieraus, welche engen Ansichten von der Sache diejenigen "Sozialdemokraten" haben, die die Arbeiterbewegung in den Rahmen des ökonomischen Kampfes und der ökonomischen Organisationen zwängen wollen, den politischen Kampf der "Intelligenz", den Studenten, der Gesellschaft überlassen und den Arbeitern nur die Rolle einer Hilfskraft einräumen. Die Geschichte lehrt, dass die Arbeiter unter solchen Verhältnissen gezwungen sein werden, nur für die Bourgeoisie die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die Bourgeoisie bedient sich gewöhnlich mit Vergnügen der muskulösen Fäuste der Arbeiter im Kampf gegen die Selbstherrschaft, und wenn der Sieg bereits erkämpft ist, eignet sie sich seine Resultate an und lässt die Arbeiter leer ausgehen. Nimmt die Sache auch bei uns einen solchen Verlauf, so werden die Arbeiter in diesem Kampfe nichts gewinnen. Was die Studenten und die anderen Protestanten aus der Gesellschaft anbelangt, so gehören ja auch sie zu der nämlichen Bourgeoisie. Man braucht ihnen nur eine absolut harmlose "gerupfte Verfassung" zu bieten, die dem Volke ganz geringfügige Rechte gewährt, damit alle diese Protestanten ein anderes Lied anstimmen und das "neue" Regime zu lobpreisen beginnen. Die Bourgeoisie lebt in ständiger Furcht vor dem "roten Gespenst" des Kommunismus und bemüht sich in allen Revolutionen, die Sache dort enden zu lassen, wo sie eigentlich erst beginnt. Hat sie ein unbedeutendes, für sie vorteilhaftes Zugeständnis erlangt, so reicht sie, durch die Arbeiter erschreckt, der Staatsgewalt die Hand der Versöhnung und verrät schamlos die Sache der Freiheit. (Wir haben hier natürlich nicht jene Intelligenz im Auge, die sich bereits von ihrer Klasse lossagt und in den Reihen der Sozialdemokratie kämpft. Solche Intellektuelle aber sind nur eine Ausnahme, sie sind "weiße Raben".)

Nur die Arbeiterklasse ist eine zuverlässige Stütze der wahren Demokratie. Nur sie kann auf keine Verständigung mit der Selbstherrschaft um irgendeines Zugeständnisses willen eingehen und wird sich nicht einschläfern lassen, wenn man ihr ein süßes Lied unter den Klängen der konstitutionellen Laute zu singen beginnt.

Für die Sache der Demokratie in Russland ist es deshalb von außerordentlich großer Bedeutung, ob die Arbeiterklasse es verstehen wird, an die Spitze der demokratischen Gesamtbewegung zu treten, oder aber ob sie im Nachtrab der Bewegung einher trotten wird als Hilfskraft der "Intelligenz", d.h. der Bourgeoisie. Im ersten Fall wird das Resultat des Sturzes der Selbstherrschaft eine großzügige demokratische Verfassung sein, die sowohl dem Arbeiter und dem niedergedrückten Bauern als auch dem Kapitalisten gleiche Rechte gewähren wird. Im zweiten Fall werden wir als Resultat jene "gerupfte Verfassung" haben, unter der nicht weniger als unter dem Absolutismus die Forderungen der Arbeiter mit Füßen getreten und dem Volk nur der Schatten einer Freiheit gewährt werden wird.

Um jedoch diese führende Rolle spielen zu können, muss sich die Arbeiterklasse zu einer selbständigen politischen Partei zusammenschließen. Dann werden ihr Verrätereien und Treubrüche ihres zeitweiligen Verbündeten, der "Gesellschaft", im Kampf gegen den Absolutismus nichts anhaben können. Von dem Augenblick an, wo diese "Gesellschaft" die Sache der Demokratie verrät, wird die Arbeiterklasse selbst, mit ihren eigenen Kräften, dieses Werk voranführen - die selbständige politische Partei wird ihr die hierzu notwendige Kraft verleihen.

„Brdsola" ("Der Kampf“) Nr. 2/3,
November/Dezember 1901.
Artikel ohne ‘Unterschrift.
Wach der autorisierten russischen Übersetzung
aus dem Georgischen

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