"Stalin"

Werke

Band 1

WELCHE AUFFASSUNG
HAT DIE SOZIALDEMOKRATIE
VON DER NATIONALEN FRAGE?

I

Alles ändert sich... Es ändert sich das gesellschaftliche Leben und mit ihm ändert sich auch die "nationale Frage". Zu verschiedenen Zeiten treten verschiedene Klassen in die Kampfarena, - und jede Klasse hat ihre eigene Auffassung von der "nationalen Frage". Folglich dient die "nationale Frage" zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Interessen und nimmt verschiedene Schattierungen an, je nachdem, von welcher Klasse und wann sie aufgeworfen wird.

Bei uns gab es z.B. die so genannte "nationale Frage" des Adels, als der georgische Adel nach dem "Anschluss Georgiens an Russland" zu fühlen bekam, wie unvorteilhaft es für ihn war, die alten Privilegien und die Macht zu verlieren, die er unter den georgischen Königen besessen hatte, und, da er eine "bloße Untertanenschaft" für eine Schmälerung seiner Würde hielt, die "Befreiung Georgiens" wünschte. Hierdurch wollte er an die Spitze "Georgiens" georgische Könige und den Adel stellen und ihnen somit das Schicksal des georgischen Volkes anvertrauen! Das war ein feudal-monarchistischer "Nationalismus". Diese "Bewegung" hat keine merkliche Spur im Leben der Georgier zurückgelassen und sich durch keine einzige Tatsache Ruhm erworben, abgesehen von einzelnen Verschwörungen georgischer Adeliger gegen die russischen Machthaber in Kaukasien. Die Ereignisse des gesellschaftlichen Lebens brauchten diese ohnehin schwache "Bewegung" nur leicht zu berühren, um sie bis auf den Grund zunichte zu machen. Und wirklich, die Entwicklung der Warenwirtschaft, die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Gründung der Adelsbank, die Verstärkung des Klassenantagonismus in Stadt und Land, die erstarkende Bewegung der Dorfarmut usw. - alles dies versetzte dem georgischen Adel und zugleich mit ihm auch dem "feudal-monarchistischen Nationalismus" einen tödlichen Schlag. Der georgische Adel spaltete sich in zwei Gruppen. Die eine von ihnen entsagte jeglichem "Nationalismus" und streckte der russischen Selbstherrschaft die Hand hin, um als Gegenleistung von ihr warme Pöstchen, billigen Kredit und landwirtschaftliche Geräte sowie den Schutz der Regierung gegen ländliche "Rebellen" usw. zu erhalten. Die andere, schwächere Gruppe des georgischen Adels wieder befreundete sich mit den georgischen Bischöfen und Archimandriten und verschaffte somit dem vom Leben verfolgten "Nationalismus" Unterschlupf unter den Fittichen des Klerikalismus. Diese Gruppe arbeitet mit großer Begeisterung für den Wiederaufbau der zerstörten georgischen Kirchen (dies ist der Hauptpunkt ihres "Programms"!) - der "Denkmäler einstiger Größe" - und wartet andächtig auf ein Wunder, das berufen wäre, ihre fronherrlich-monarchistischen "Wünsche" zu verwirklichen.

Somit nahm der feudal-monarchistische Nationalismus in den letzten Augenblicken seines Lebens eine klerikale Form an.

Zugleich damit setzte das moderne gesellschaftliche Leben bei uns die nationale Frage der Bourgeoisie auf die Tagesordnung. Als die junge georgische Bourgeoisie zu fühlen bekam, wie schwer für sie die freie Konkurrenz mit den "ausländischen" Kapitalisten ist, begann sie durch den Mund der georgischen Nationaldemokraten von einem unabhängigen Georgien zu stammeln. Die georgische Bourgeoisie wollte den georgischen Markt durch Zollschranken schützen, die "ausländische" Bourgeoisie mit Gewalt von diesem Markt vertreiben, die Warenpreise künstlich hochschrauben und mit solchen "patriotischen" Machenschaften in der Arena der Bereicherung Erfolge erzielen.

Dies war und bleibt das Ziel des Nationalismus der georgischen Bourgeoisie. Es erübrigt sich zu sagen, dass man, um dieses Ziel zu erreichen, Kraft brauche, und diese Kraft - hat das Proletariat. Nur das Proletariat konnte dem lendenlahmen "Patriotismus" der Bourgeoisie Leben einhauchen. Es war notwendig, das Proletariat auf seine Seite zu ziehen, - und siehe da, auf der Szene erschienen die "Nationaldemokraten". Sie verschossen viel Pulver, um den wissenschaftlichen Sozialismus zu widerlegen, sie schmähten die Sozialdemokraten und rieten den georgischen Proletariern, sich von ihnen abzuwenden, sangen dem georgischen Proletariat Loblieder und redeten ihm zu, "im Interesse der Arbeiter selbst" irgendwie die georgische Bourgeoisie zu stärken. Unablässig flehten sie die georgischen Proletarier an: Richtet "Georgien" (oder die georgische Bourgeoisie?) nicht zugrunde, vergesst die "inneren Meinungsverschiedenheiten", befreundet euch mit der georgischen Bourgeoisie usw. Aber vergeblich! Die süßlichen Märchen der bürgerlichen Publizisten vermochten das georgische Proletariat nicht einzuschläfern! Die schonungslosen Angriffe der georgischen Marxisten, besonders aber die machtvollen Klassenaktionen, die die russischen, armenischen, georgischen und anderen Proletarier zu einer einzigen sozialistischen Truppe zusammenschlossen, versetzten unseren bürgerlichen Nationalisten einen vernichtenden Schlag und vertrieben sie vom Kampffeld.

"Zwecks Wiederherstellung des schmachbedeckten Namens" mussten unsere geflohenen Patrioten "wenigstens den Anstrich ändern", sich wenigstens in ein sozialistisches Gewand hüllen, wenn sie sich schon die sozialistischen Ansichten nicht zu Eigen machen konnten. Und wirklich, auf der Szene erschien ein illegales... bürgerlich-nationalistisches - mit Verlaub zu sagen - "sozialistisches" Organ "Sakartwelo"[5]! So wollten sie die georgischen Arbeiter verleiten! Aber es war schon zu spät! Die georgischen Arbeiter hatten es gelernt, schwarz und weiß zu unterscheiden, sie errieten leicht, dass die bürgerlichen Nationalisten "nur den Anstrich geändert" hatten, aber nicht das Wesen ihrer Ansichten, dass am "Sakartwelo" nur der Name sozialistisch ist. Sie hatten das begriffen und gaben die "Retter" Georgiens dem Gelächter preis! Die Hoffnungen der Don Quichottes aus dem "Sakartwelo" waren fehlgeschlagen!

Auf der anderen Seite schlägt unsere wirtschaftliche Entwicklung allmählich eine Brücke zwischen den fortschrittlichen Kreisen der georgischen Bourgeoisie und "Russland", stellt ökonomische und politische Verbindungen zwischen diesen Kreisen und "Russland" her und erschüttert damit den Boden des ohnehin schon erschütterten bürgerlichen Nationalismus. Und das ist der zweite Schlag gegen den bürgerlichen Nationalismus!

In die Arena des Kampfes trat eine neue Klasse, das Proletariat, - und zugleich mit ihm entstand auch eine neue "nationale Frage", die "nationale Frage" des Proletariats. So sehr sich das Proletariat von dem Adel und der Bourgeoisie unterscheidet, so sehr unterscheidet sich auch die vom Proletariat aufgeworfene "nationale Frage" von der "nationalen Frage" des Adels und der Bourgeoisie.

Von diesem "Nationalismus" wollen wir jetzt sprechen.

Welche Auffassung hat die Sozialdemokratie von der "nationalen Frage“?

Das Proletariat Russlands hat schon vom Kampf zu sprechen begonnen. Das Ziel jedes Kampfes ist bekanntlich der Sieg. Für den Sieg des Proletariats aber bedarf es der Vereinigung aller Arbeiter ohne Unterschied der Nationalität. Es ist klar, dass die Niederreißung der nationalen Schranken und der enge Zusammenschluss der russischen, georgischen, armenischen, polnischen, jüdischen und anderen Proletarier eine notwendige Voraussetzung für den Sieg des Proletariats Russlands bilden.

Das erfordern die Interessen des Proletariats Russlands.

Aber die russische Selbstherrschaft als der schlimmste Feind des Proletariats Russlands wirkt der Vereinigung der Proletarier ständig entgegen. Auf Strauchrittermanier verfolgt sie die nationale Kultur, die Sprache, die Gebräuche und die Einrichtungen der "fremden" Nationalitäten Russlands. Die Selbstherrschaft beraubt sie der notwendigen Bürgerrechte, bedrängt sie von allen Seiten, sät pharisäisch Misstrauen und Feindschaft unter ihnen, hetzt sie zu blutigen Zusammenstößen auf und zeigt damit, dass das einzige Ziel der russischen Selbstherrschaft darin besteht, die Russland besiedelnden Nationen zu entzweien, den nationalen Hader unter ihnen zu verschärfen, die nationalen Schranken zu verstärken und dadurch mit größerem Erfolg die Proletarier zu spalten, mit größerem Erfolg das Proletariat ganz Russlands in kleine nationale Gruppen zu zersplittern und auf diese Weise dem Klassenbewusstsein der Arbeiter, ihrer Klassenvereinigung das Grab zu schaufeln.

Das erfordern die Interessen der russischen Reaktion, das ist die Politik der russischen Selbstherrschaft.

Es ist klar, dass die Interessen des Proletariats Russlands früher oder später unvermeidlich zusammenstoßen mussten mit der reaktionären Politik der zaristischen Selbstherrschaft. So ist es auch gekommen, und eben auf diesem Boden entstand in der Sozialdemokratie die "nationale Frage".

Wie lassen sich die nationalen Schranken niederreißen, die zwischen den Nationen errichtet worden sind, wie lässt sich die nationale Abgeschlossenheit aufheben, damit es möglich wird, die Proletarier Russlands einander möglichst nahe zu bringen und sie fester zusammenzuschließen?

Das ist der Inhalt der "nationalen Frage" in der Sozialdemokratie.

Sich in einzelne nationale Parteien teilen und aus ihnen einen "freien Bund" schaffen, - antworten die sozialdemokratischen Föderalisten.

Dasselbe sagt auch die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation"[6].

Wie man sieht, wird uns geraten, uns nicht zu einer einzigen Partei Russlands mit einer einheitlichen Zentrale an der Spitze zusammenzuschließen, sondern uns in mehrere Parteien mit mehreren leitenden Zentralen zu teilen, und alles das zur Stärkung der Klasseneinheit! Wir wollen die Proletarier der verschiedenen Nationen einander näher bringen. Was sollen wir dazu unternehmen? - Entfernt die Proletarier voneinander und ihr erreicht das Ziel! antworten die sozialdemokratischen Föderalisten. Wir wollen die Proletarier zu einer Partei zusammenschließen. Was sollen wir dazu unternehmen? - Zersplittert das Proletariat Russlands in einzelne Parteien und ihr erreicht das Ziel! antworten die sozialdemokratischen Föderalisten. Wir wollen die nationalen Schranken niederreißen. Welche Maßnahmen sollen wir ergreifen? - Verstärkt die nationalen Schranken durch organisatorische Schranken und ihr erreicht das Ziel! antworten sie. Und alles das rät man uns, den Proletariern Russlands, die ihren Kampf unter den gleichen politischen Bedingungen führen, die ein und denselben gemeinsamen Feind haben! Mit einem Wort, man sagt uns: Handelt zur Freude der Feinde und begrabt euer gemeinsames Ziel mit euren eigenen Händen!

Aber erklären wir uns für einen Augenblick mit den sozialdemokratischen Föderalisten einverstanden und folgen wir ihnen, - sehen wir zu, wohin sie uns führen werden! Es heißt ja: Verfolgt den Lügner bis zur Schwelle der Lüge.

Nehmen wir an, wir hätten auf unsere Föderalisten gehört und einzelne nationale Parteien gegründet. Welche Resultate würden die Folge sein?

Dies ist nicht schwer zu erkennen. Wandten wir bisher, solange wir Zentralisten waren, die Hauptaufmerksamkeit den gemeinsamen Bedingungen der Lage der Proletarier, der Einheit ihrer Interessen zu und sprachen wir von ihren "nationalen Unterschieden" nur insoweit, als dies ihren gemeinsamen Interessen nicht widersprach, war bisher die erste Frage für uns die Frage, worin die Proletarier der Nationalitäten Russlands miteinander übereinstimmen, was es Gemeinsames zwischen ihnen gibt - um auf dem Boden dieser gemeinsamen Interessen eine einzige zentralisierte Partei der Arbeiter ganz Russlands aufzubauen -, so lenkt heute, wo "wir" Föderalisten geworden sind, eine neue höchst wichtige Frage unsere Aufmerksamkeit auf sich: worin sich die Proletarier der Nationalitäten Russlands voneinander unterscheiden, welcher Unterschied zwischen ihnen besteht, um auf dem Boden des "nationalen Unterschiedes" gesonderte nationale Parteien aufzubauen. Auf diese Weise werden die für den Zentralisten zweitrangigen "nationalen Unterschiede" für den Föderalisten zum Fundament der nationalen Parteien.

Beschreiten wir diesen Weg weiter, so werden wir früher oder später zu dem Schlusse genötigt sein, dass die "nationalen" und noch irgendwelche anderen "Unterschiede", z.B. des armenischen Proletariers, die gleichen sind wie die der armenischen Bourgeoisie auch, dass der armenische Proletarier und der armenische Bourgeois ein und dieselben Sitten und Gebräuche, ein und denselben Charakter haben, dass sie ein Volk, eine unteilbare "Nation" bilden.

(Die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" hat soeben diesen löblichen Schritt getan. Sie erklärt in ihrem "Manifest" entschieden, dass man das "Proletariat (das armenische) nicht von der Gesellschaft (der armenischen) trennen darf: das vereinigte (armenische) Proletariat muss das vernünftigste und stärkste Organ des armenischen Volkes sein", dass das "armenische Proletariat, in einer sozialistischen Partei vereinigt, bestrebt sein muss, das armenische gesellschaftliche Denken zu bestimmen, dass das armenische Proletariat der leibliche Sohn seines Stammes sein wird" u. dgl. m. (siehe Artikel 3 des "Manifests" der "Armenischen Sozialdemokratischen Arbeiterorganisation").

Erstens ist es unbegreiflich, weshalb man "das armenische Proletariat nicht von der armenischen Gesellschaft trennen darf", wenn diese "Trennung" auf Schritt und Tritt erfolgt. Hat sich denn etwa nicht das vereinigte armenische Proletariat von der armenischen Gesellschaft "getrennt", als es im Jahre 1900 (in Tiflis) der armenischen Bourgeoisie und den bürgerlich denkenden Armeniern den Kampf ansagte?! Was stellt denn die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" eigentlich vor, wenn nicht eine Klassenorganisation der armenischen Proletarier, die sich von den anderen Klassen der armenischen Gesellschaft "getrennt" haben? Oder ist vielleicht die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" eine Organisation aller Klassen!? Und kann sie denn das kämpfende armenische Proletariat darauf beschränken, "das armenische gesellschaftliche Denken" zu bestimmen, ist es nicht verpflichtet vorwärtszuschreiten, diesem bis aufs Mark bürgerlichen "gesellschaftlichen Denken" den Kampf anzusagen und ihm revolutionären Geist einzuhauchen? Die Tatsachen besagen, dass es hierzu verpflichtet ist. Ist das aber der Fall, so ist es von selbst klar, dass das "Manifest" die Aufmerksamkeit des Lesers nicht auf die "Bestimmung des gesellschaftlichen Denkens" lenken durfte, sondern sie auf die Bekämpfung dieses Denkens lenken musste, auf die Notwendigkeit seiner Revolutionierung: damit würde es die Pflichten des "sozialistischen Proletariats" besser charakterisieren. Und schließlich, kann etwa das armenische Proletariat "der leibliche Sohn seines Stammes" sein, wenn ein Teil dieses Stammes - die armenische Bourgeoisie - wie eine Spinne sein Blut saugt, und ein anderer Teil - die armenische Geistlichkeit - nicht nur das Blut der Arbeiter saugt, sondern auch systematisch sein Bewusstsein korrumpiert? Alle diese Fragen sind einfach und unvermeidlich, wenn man die Sache vom Standpunkt des Klassenkampfes aus ansieht. Die Verfasser des "Manifests" aber bemerken diese Fragen nicht, weil sie die Sache von einem föderalistisch-nationalistischen Standpunkt aus betrachten, den sie vom "Bund" (dem jüdischen Arbeiterverband)[7] übernommen haben. Überhaupt haben sich die Verfasser des "Manifests" gleichsam das Ziel gesteckt, in allem dem "Bund" nachzuahmen. Sie haben in ihr "Manifest" auch Artikel 2 der vom .V. Kongress des "Bund" beschlossenen Resolution "Über die Stellung des ´Bund‘ in der Partei" aufgenommen. Sie nennen die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" die einzige Verteidigerin der Interessen des armenischen Proletariats (siehe Artikel 3 des erwähnten "Manifests"). Die Verfasser des "Manifests" haben vergessen, dass die kaukasischen Komitees unserer Partei nun schon mehrere Jahre als die Vertreter der armenischen (und der anderen) Proletarier in Kaukasien gelten dass sie durch mündliche und gedruckte Propaganda und Agitation in armenischer Sprache in ihnen das Klassenbewusstsein entwickeln, sie während des Kampfes leiten usw., während die "Armenische Sozialdemokratische Arbeiterorganisation" erst vorgestern geboren worden ist. Alles dies haben sie vergessen, und es ist zu hoffen, dass sie noch vieles vergessen werden, nur um die organisatorischen und politischen Ansichten des "Bund" genauestens zu übernehmen.)

Von hier aus ist es nicht weit bis zu dem "einheitlichen Boden gemeinsamen Handelns", den sowohl die Bourgeois als auch die Proletarier betreten, auf dem sie einander als Mitglieder ein und derselben "Nation" die Hand reichen sollen. Hierbei kann die pharisäische Politik des absolutistischen Zaren als "neuer" Beweis einer solchen Freundschaft erscheinen, und Reden über Klassenantagonismus werden als "unangebrachter Doktrinarismus" erscheinen. Dann aber wird noch irgendeine poetische Hand "kühner" in die vorläufig noch unter den Proletariern der Nationalitäten Russlands vorhandene engnationale Saiten greifen und sie auf die entsprechende Art zum Tönen bringen. Der chauvinistischen Scharlatanerie wird Kredit (Vertrauen) eingeräumt, die Freunde erscheinen als Feinde, die Feinde als Freunde, eine Verwirrung greift Platz und das Klassenbewusstsein des Proletariats Russlands stumpft ab.

Auf diese Weise würden wir, anstatt die nationalen Schranken niederzureißen, sie dank der Gnade der Föderalisten durch organisatorische Schranken noch mehr stärken; anstatt das Klassenbewusstsein des Proletariats zu fördern, werden wir es zurückwerfen und es gefährlichen Prüfungen aussetzen. Und "freuen wird sich das Herz" des absolutistischen Zaren, denn ihm wäre es niemals gelungen, unbezahlte Gehilfen wie uns zu bekommen.

Haben wir etwa danach gestrebt?

Und schließlich, während wir eine einheitliche, elastische, zentralisierte Partei brauchen, deren Zentralkomitee die Arbeiter ganz Russlands blitzschnell auf die Beine bringen und sie zum entscheidenden Sturmangriff gegen Selbstherrschaft und Bourgeoisie führen kann - steckt man uns einen missgestalteten, in einzelne Parteien zersplitterten "föderalistischen Bund" in die Hand! An Stelle einer scharfen gibt man uns eine verrostete Waffe und versichert uns: Damit werdet ihr mit euren Erzfeinden schneller Schluss machen!

Dahin führen uns die sozialdemokratischen Föderalisten!

Aber da wir nicht "die Verstärkung der nationalen Schranken", sondern ihre Niederreißung anstreben, da wir keine verrostete, sondern eine scharfe Waffe brauchen, um die jetzige Ungerechtigkeit mit der Wurzel auszureißen, da wir dem Feinde nicht Freude, sondern Leid bereiten und ihm den Garaus machen wollen, so ist es klar, dass unsere Pflicht darin besteht, uns von den Föderalisten abzuwenden und zur Lösung der "nationalen Frage" eine bessere Antwort zu finden.

II

Bisher haben wir davon gesprochen, wie die "nationale Frage" nicht gelöst werden darf. Sprechen wir jetzt davon, wie diese Frage gelöst werden muss, d. h. wie sie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gelöst hat.

(Es wird nicht überflüssig sein zu bemerken, dass die folgenden Ausführungen ein Kommentar sind zu den auf die nationale Frage bezüglichen Artikeln unseres Parteiprogramms.)

Vor allem muss daran erinnert werden, dass die in Russland tätige sozialdemokratische Partei sich Sozialdemokratische Partei Russlands (und nicht Russische Sozialdemokratische Partei) nennt. Offenkundig wollte sie uns damit zeigen, dass sie unter ihrem Banner nicht nur die russischen Proletarier, sondern die Proletarier aller Nationalitäten Russlands sammeln, und folglich alle Maßnahmen treffen wird, um die zwischen ihnen errichteten nationalen Schranken niederzureißen.

Weiter hat unsere Partei die "nationale Frage" von dem sie umhüllenden Nebel gesäubert, der ihr ein geheimnisvolles Aussehen gab, sie hat diese Frage in die einzelnen Elemente zerlegt, jedem von ihnen den Charakter einer Klassenforderung verliehen und sie in ihrem Programm in Form von einzelnen Artikeln dargelegt. Damit hat sie uns klar gezeigt, dass die an und für sich genommenen so genannten "nationalen Interessen" und "nationalen Forderungen" keinen besonderen Wert haben, dass diese "Interessen" und "Forderungen" nur insoweit Aufmerksamkeit verdienen, als sie das Klassenbewusstsein des Proletariats und seine Klassenentwicklung fördern oder fördern können.

Durch alles dies hat die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands klar den von ihr eingeschlagenen Weg und die Position bezeichnet, die sie bei der Lösung der "nationalen Frage" einnimmt.

Aus welchen Teilen besteht die "nationale Frage"?

Was fordern die Herren sozialdemokratischen Föderalisten?

1. "Bürgerliche Gleichheit für die Nationalitäten Russlands"?

Ihr regt euch auf über die in Russland herrschende bürgerliche Ungleichheit? Ihr wollt den Nationalitäten Russlands die ihnen von der Regierung geraubten Bürgerrechte zurückgeben und verlangt deshalb für diese Nationalitäten die bürgerliche Gleichheit? Aber sind wir denn etwa gegen diese Forderung? Wir verstehen sehr wohl, welche große Bedeutung die Bürgerrechte für die Proletarier haben. Bürgerrechte sind eine Waffe im Kampf; diese Rechte rauben, heißt die Waffe rauben; wer aber wüsste nicht, dass waffenlose Proletarier nicht gut kämpfen können? Für das Proletariat Russlands aber ist es notwendig, dass die Proletarier aller Nationalitäten Russlands gut kämpfen, denn je besser diese Proletarier kämpfen werden, um so mehr Klassenbewusstsein werden sie haben, und je mehr Klassenbewusstsein sie haben, um so fester wird die Klasseneinheit des Proletariats Russlands sein. Jawohl, alles das ist uns bekannt, und deshalb kämpfen wir und werden wir mit allen unseren Kräften für die bürgerliche Gleichheit der Nationalitäten Russlands kämpfen! Lest Artikel 7 unseres Parteiprogramms, wo die Partei von "der vollen Gleichberechtigung aller Bürger, ohne Unterschied von Geschlecht, Religion, Rasse und Nationalität" spricht, - und ihr werdet sehen, dass die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands die Verwirklichung dieser Forderungen übernimmt.

2. Was fordern die sozialdemokratischen Föderalisten weiter?

Ihr regt euch auf über die Tatsache, dass es den Proletariern der "fremden" Nationalitäten Russlands fast verboten ist, in ihrer Muttersprache zu lernen und in öffentlichen, staatlichen und anderen Institutionen ihre Muttersprache zu sprechen? Wahrlich, Grund genug, sich aufzuregen! Die Sprache ist ein Werkzeug der Entwicklung und des Kampfes. Verschiedene Nationen haben verschiedene Sprachen. Die Interessen des Proletariats Russlands erfordern, dass die Proletarier der Nationalitäten Russlands das volle Recht haben, sich derjenigen Sprache zu bedienen, in der sie leichter Bildung erwerben, in der sie ihre Feinde in den Versammlungen, in öffentlichen, staatlichen und anderen Institutionen besser bekämpfen können. Diese Sprache ist anerkanntermaßen die Muttersprache. Die Proletarier der "fremden" Nationalitäten werden der Muttersprache beraubt, und dazu können wir doch wohl nicht schweigen, sagen sie. Wie antwortet aber darauf unser Parteiprogramm dem Proletariat Russlands? Lest Artikel 8 unseres Parteiprogramms, worin unsere Partei fordert: "Das Recht der Bevölkerung, in der Muttersprache Bildung zu erwerben, gesichert dadurch, dass auf Kosten des Staates und der Selbstverwaltungsorgane die hierfür notwendigen Schulen geschaffen werden; das Recht jedes einzelnen Bürgers, sich in Versammlungen der Muttersprache zu bedienen; die Gleichberechtigung der Muttersprache mit der Staatssprache in allen lokalen gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen", - lest alles dies und überzeugt euch, dass die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands die Verwirklichung auch dieser Forderung übernimmt.

Was fordern die sozialdemokratischen Föderalisten noch?

3. "Selbstverwaltung für die Nationalitäten Russlands"?

Ihr wollt damit sagen, dass man nicht ein und dieselben Gesetze gleichmäßig auf die verschiedenen Gegenden des Russischen Reiches anwenden kann, die sich durch die Eigenart der Lebensverhältnisse und durch die Zusammensetzung der Bevölkerung voneinander unterscheiden? Ihr wollt, dass den besagten Gegenden das Recht eingeräumt wird, die allgemeinen Staatsgesetze ihren eigenartigen Bedingungen anzupassen? Wenn dem so ist, wenn das der Inhalt eurer Forderung ist, so muss man ihr auch die entsprechende Form geben, muss man mit der nationalistischen Nebelhaftigkeit, dem Wirrwarr aufräumen und die Dinge bei ihrem Namen nennen. Und wenn ihr diesem Ratschlag folgt, so werdet ihr euch davon überzeugen, dass wir nichts gegen diese Forderung einzuwenden haben. Wir hegen keinerlei Zweifel, dass die verschiedenen Gegenden des Russischen Reiches, die sich durch die Eigen art der Lebensverhältnisse und durch die Zusammensetzung der Bevölkerung voneinander unterscheiden, die Staatsverfassung nicht in gleicher Weise anwenden können, dass es gilt, diesen Gegenden das Recht einzuräumen, die allgemeine Staatsverfassung in der Form zu verwirklichen, in der sie aus ihr den größten Nutzen ziehen, in der sie die im Volke vorhandenen politischen Kräfte am vollständigsten entwickeln werden. Dies erfordern die Klasseninteressen des Proletariats Russlands. Und wenn ihr Artikel 3 unseres Parteiprogramms nachlest, wo unsere Partei "weitgehende örtliche Selbstverwaltung, Gebietsselbstverwaltung für diejenigen Gegenden, die sich durch besondere Lebensverhältnisse und durch die Zusammensetzung der Bevölkerung auszeichnen", fordert, so werdet ihr sehen, dass die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands zuerst diese Forderung von dem nationalistischen Nebel gesäubert und dann ihre Verwirklichung übernommen hat.

4. Ihr verweist uns auf die zaristische Selbstherrschaft, die die "nationale Kultur" der "fremden" Nationalitäten Russlands brutal verfolgt, die sich auf Strauchrittermanier in ihr inneres Leben einmischt und sie von allen Seiten bedrängt, die die kulturellen Einrichtungen der Finnländer barbarisch zerstört hat (und auch weiter zerstört), das armenische nationale Eigentum geraubt hat usw.? Ihr verlangt Garantien gegen die räuberischen Gewalttaten der Selbstherrschaft? Aber sehen wir denn nicht die Gewalttaten der zaristischen Selbstherrschaft, und haben wir etwa nicht ständig gegen diese Gewalttaten gekämpft?! Gegenwärtig ist es für jeden augenscheinlich, wie die jetzige Regierung Russlands die "fremden" Nationalitäten Russlands bedrängt und würgt. Ebenso wenig unterliegt es einem Zweifel, dass diese Politik der Regierung von Tag zu Tag das Klassenbewusstsein des Proletariats Russlands korrumpiert und gefährlichen Prüfungen aussetzt. Folglich werden wir stets und überall gegen die korrumpierende Politik der Zarenregierung kämpfen. Folglich werden wir stets und überall nicht nur die nützlichen, sondern sogar die unnützen Einrichtungen dieser Nationalitäten gegen die Polizeigewalttaten der Selbstherrschaft verteidigen, da die Interessen des Proletariats Russlands uns sagen, dass nur die Nationalitäten selbst das Recht haben, diese oder jene Seite ihrer nationalen Kultur aufzuheben oder zu entwickeln. Lest jedoch Artikel 9 unseres Programms. Ist denn etwa nicht hiervon die Rede in Artikel 9 unseres Parteiprogramms, der, nebenbei gesagt, sowohl unter unseren Feinden als auch unter unseren Freunden viel Gerede hervorgerufen hat?

Hier aber unterbricht man uns und rät uns, von Artikel 9 nicht weiter zu sprechen. Warum? fragen wir. "Weil", antworten sie uns, dieser Artikel unseres Programms den Artikeln 3, 7 und 8 des gleichen Programms "grundlegend widerspricht", denn wird den Nationalitäten das Recht eingeräumt, alle ihre nationalen Angelegenheiten nach freiem Ermessen zu regeln (siehe Artikel 9), dann könne es in dem erwähnten Programm keinen Platz geben für die Artikel 3, 7 und 8, - und umgekehrt, wenn diese Artikel im Programm bleiben, dann müsse zweifellos Artikel 9 aus dem Programm gestrichen werden. Das "Sakartwelo" (Wir berühren hier das "Sakartwelo" nur, um den Inhalt von Artikel 9 besser zu erläutern. Das Ziel des vorliegenden Artikels ist die Kritik der sozialdemokratischen Föderalisten, und nicht der "Sakartweloisten", die sich von ersteren grundlegend unterscheiden (siehe Kapitel I) spricht unzweifelhaft in ähnlichem Sinne, wenn es mit der ihm eigenen Leichtfertigkeit fragt: "Was ist das für eine Logik - der Nation zu sagen: ich gewähre dir Gebietsselbstverwaltung, - und sie gleichzeitig daran zu erinnern, dass sie das Recht hat, nach freiem Ermessen alle ihre nationalen Angelegenheiten zu regeln?" (Siehe "Sakartwelo" Nr. 9.) In das Programm hat sich "offenbar" ein logischer Widerspruch eingeschlichen, zur Beseitigung dieses Widerspruchs muss man "offenbar" irgendeinen oder mehrere Artikel aus dem Programm streichen! Jawohl, "unbedingt" streichen, denn sonst, seht ihr wohl, protestiert die Logik selbst durch den Mund des unlogischen "Sakartwelo".

Man erinnert sich einer alten Erzählung. Es war einmal ein "weiser Anatom". Er verfügte über "alles Notwendige", was ein "richtiger" Anatom braucht: ein Diplom, ein Gebäude, Instrumente, übermäßige Prätentionen. Nur wenig fehlte ihm - die Kenntnis der Anatomie. Eines Tages wandte man sich an ihn mit dem Ersuchen, zu erklären, welcher Zusammenhang zwischen den Teilen des Skeletts bestehe, die auf dem Seziertisch durcheinander geworfen lagen. So bot sich unserem "berühmten Weisen" Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Der "Weise" schritt mit viel Getue und großer Feierlichkeit ans "Werk"! Aber welch ein Malheur! Der "Weise" verstand keinen Deut von der Anatomie, er wusste nicht, welche Teile zueinander gehörten, damit schließlich das ganze Skelett zusammenkäme! Lange mühte sich der Arme, er vergoss viel Schweiß, aber vergeblich! Schließlich, als er alles durcheinander gebracht hatte und nichts dabei herauskam, ergriff er mehrere Teile des Skeletts, warf sie weit von sich und beschimpfte hierbei philosophisch die "böswilligen" Personen, die angeblich nicht die richtigen Teile des Skeletts auf seinen Tisch gelegt hatten. Die Zuschauer machten sich natürlich über den "weisen Anatomen" lustig.

Ein ähnliches "Erlebnis" hatte auch das "Sakartwelo". Es kam auf den Einfall, unser Parteiprogramm auseinander zunehmen, es stellte sich jedoch heraus, dass es nicht wusste, was denn nun unser Programm darstellt und wie es auseinander genommen werden muss, es begriff nicht, welcher Zusammenhang zwischen den einzelnen Artikeln dieses Programms besteht und was jeder Artikel im einzelnen darstellt, - und es rät uns "philosophisch": Da ich die und die Artikel eures Programms nicht begriffen habe, deshalb (?!) ist es notwendig, sie aus dem Programm hinauszuwerfen.

Aber ich will mich nicht lustig machen über das ohnehin schon lächerliche "Sakartwelo", - heißt es doch: Den Liegenden schlägt man nicht! Im Gegenteil, ich bin sogar bereit, ihm bei der Erläuterung unseres Programms behilflich zu sein, aber unter der Bedingung, dass es 1. seine Unwissenheit selber eingesteht; 2. mich aufmerksam anhört und 3. sich mit der Logik verträgt.

(Ich halte es für notwendig, dem Leser mitzuteilen, dass das "Sakartwelo" von den ersten Nummern an der Logik, als den Ketten, gegen die gekämpft werden muss, den Krieg erklärt hat. Man braucht nicht darauf zu achten, dass sich das "Sakartwelo" häufig auf die Logik beruft, es tut das aus der ihm eigenen Leichtfertigkeit und Vergesslichkeit.)

Die Sache ist die. Artikel 3, 7 und 8 unseres Programms sind auf dem Boden des politischen Zentralismus entstanden. Als die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands diese Artikel in ihr Programm aufnahm, ließ sie sich von der Erwägung leiten, dass die so genannte "endgültige" Lösung der "nationalen Frage", d. h. die "Befreiung" der "fremden" Nationalitäten Russlands, allgemein gesprochen, unmöglich ist, solange sich die politische Herrschaft in den Händen der Bourgeoisie befindet. Dies hat zweierlei Ursachen: erstens schlägt die jetzige wirtschaftliche Entwicklung allmählich eine Brücke zwischen den "fremden Nationalitäten" und "Russland", sie stellt eine immer größere Verbindung unter ihnen her und erweckt dadurch freundschaftliche Gefühle in den führenden Kreisen der Bourgeoisie dieser Nationalitäten, was ihren "nationalen Befreiungsbestrebungen" den Boden entzieht; und zweitens wird, allgemein gesprochen, das Proletariat die so genannte "nationale Befreiungsbewegung" nicht unterstützen, da jede solche Bewegung bisher Wasser auf die Mühle der Bourgeoisie war, das Klassenbewusstsein des Proletariats korrumpierte und verstümmelte. Diese Erwägungen haben die Idee des politischen Zentralismus und die durch sie bedingten Artikel 3, 7 und 8 unseres Parteiprogramms ins Leben gerufen.

Aber das ist, wie oben gesagt, die allgemeine Einstellung.

Dies schließt jedoch nicht aus, dass ökonomische und politische Bedingungen eintreten können, unter denen die fortschrittlichen Kreise der Bourgeoisie der "fremden" Nationalitäten die "nationale Befreiung" wünschen werden.

Es kann auch vorkommen, dass eine solche Bewegung sich für die Entwicklung des Klassenbewusstseins des Proletariats als vorteilhaft erweist.
Wie muss unsere Partei dann vorgehen?

Gerade für solche möglichen Fälle wurde in unser Programm der Artikel 9 aufgenommen, gerade in Voraussicht solcher möglichen Umstände wird den Nationalitäten ein Recht eingeräumt, kraft dessen sie sich bemühen werden, ihre nationalen Angelegenheiten entsprechend ihren Wünschen zu regeln (z. B. sich ganz "zu befreien", sich loszutrennen).

Unsere Partei, die Partei, die es sich zum Ziel steckt, die Führerin des kämpfenden Proletariats ganz Russlands zu sein, muss auf solche möglichen Fälle im Leben des Proletariats vorbereitet sein, und musste gerade deshalb einen derartigen Artikel in ihr Programm aufnehmen.

So muss jede umsichtige, weit blickende Partei handeln.

Es stellt sich jedoch heraus, dass ein derartiger Sinn des Artikels 9 die "Weisen" aus dem "Sakartwelo" und auch einige sozialdemokratische Föderalisten nicht befriedigt. Sie verlangen eine "entschiedene", "direkte" Antwort auf die Frage: Ist die "nationale Unabhängigkeit" für das Proletariat vorteilhaft oder unvorteilhaft?“

(Siehe den Artikel eines "Alten (d. h. veralteten!) Revolutionärs" in Nr.9 des "Sakartwelo".)

Ich erinnere mich der russischen Metaphysiker der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die die damaligen Dialektiker aufdringlich fragten, ob der Regen für die Ernte nützlich oder schädlich sei, und von ihnen eine "entschiedene" Antwort verlangten. Den Dialektikern fiel es nicht schwer zu beweisen, dass eine solche Fragestellung völlig unwissenschaftlich sei, dass man zu verschiedenen Zeiten auf solche Fragen verschieden antworten müsse, dass der Regen während einer Dürre nützlich, während einer Regenzeit jedoch unnütz und sogar schädlich sei, dass folglich die Forderung einer "entschiedenen" Antwort auf eine solche Frage eine ausgesprochene Dummheit sei.

Derartige Beispiele aber haben der Zeitung "Sakartwelo" nicht zum Nutzen gereicht.

Eine ebenso "entschiedene" Antwort verlangten von den Marxisten die Nachfolger Bernsteins auf die Frage: Sind die Genossenschaften (d. h. Konsum- und Produktivgenossenschaften) für das Proletariat nützlich oder schädlich? Den Marxisten fiel es nicht schwer, die Inhaltslosigkeit einer derartigen Fragestellung zu beweisen. Sie setzten sehr einfach auseinander, dass alles von Zeit und Ort abhänge, dass dort, wo das Klassenbewusstsein des Proletariats das gehörige Entwicklungsniveau erreicht hat, wo die Proletarier zu einer starken politischen Partei zusammengeschlossen sind, die Genossenschaften dem Proletariat großen Nutzen bringen können, wenn die Partei selbst ihre Schaffung und Führung in die Hand nimmt, dort aber, wo diese Bedingungen fehlen, die Genossenschaften für das Proletariat schädlich seien, da sie bei den Arbeitern kleinhändlerische Tendenzen und zünftlerische Abgeschlossenheit hervorrufen, und damit ihr Klassenbewusstsein trüben.

Aber auch dieses Beispiel hat den "Sakartweloisten" nicht zum Nutzen gereicht. Sie fragen noch hartnäckiger, ob die nationale Unabhängigkeit für das Proletariat nützlich oder schädlich sei? Gebt darauf eine entschiedene Antwort!

Wir sehen jedoch, dass die Umstände, die eine "nationale Befreiungsbewegung" unter der Bourgeoisie der "fremden" Nationalitäten ins Leben rufen und entwickeln können, vorläufig noch nicht vorhanden, und in Zukunft nicht gerade unvermeidlich sind, - wir haben sie nur als möglich vorausgesetzt. Außerdem kann man doch vorläufig unmöglich wissen, auf welcher Entwicklungsstufe dann das Klassenbewusstsein des Proletariats stehen und wie nützlich oder schädlich diese Bewegung für das Proletariat sein wird! Es fragt sich, auf welchem Boden eine "entschiedene" Antwort auf diese Frage begründet (Die Herren "Sakartweloisten" begründen ihre Forderungen immer auf Sand und können sich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die für ihre Forderungen einen festeren Grund und Boden finden können.) werden soll, woraus sie abzuleiten ist. Und ist es etwa nicht dumm, angesichts einer solchen Sachlage eine "entschiedene" Antwort zu verlangen?

Es ist klar, dass man die Lösung dieser Frage den "fremden" Nationalitäten selbst überlassen muss, wir aber müssen ihnen das Recht auf die Lösung dieser Frage erkämpfen. Mögen die Nationalitäten selbst entscheiden, wenn dies erforderlich sein wird, ob die "nationale Unabhängigkeit" für sie nützlich oder schädlich ist, und wenn sie nützlich ist, in welcher Form sie verwirklicht werden soll. Nur sie allein können über diese Frage entscheiden!

Somit wird laut Artikel 9 den "fremden" Nationalitäten das Recht eingeräumt, ihre nationalen Angelegenheiten entsprechend ihren Wünschen zu regeln. Wir aber sind laut dem gleichen Artikel verpflichtet, danach zu streben, dass die Wünsche dieser Nationalitäten wirklich sozialdemokratische Wünsche sind, dass diese Wünsche von den Klasseninteressen des Proletariats ausgehen, zu welchem Zweck es notwendig ist, die Proletarier dieser Nationalitäten in sozialdemokratischem Geiste aufzuklären, manche reaktionäre "nationale" Sitten, Gebräuche und Einrichtungen einer strengen sozialdemokratischen Kritik zu unterwerfen, was uns durchaus nicht hindern wird, die nämlichen Sitten, Gebräuche und Einrichtungen gegen polizeiliche Gewalt zu verteidigen!
Das ist der Grundgedanke des Artikels 9.
Es ist leicht zu sehen, welcher tiefe logische Zusammenhang besteht zwischen diesem Artikel unseres Programms und den Prinzipien des proletarischen Klassenkampfes. Und da unser ganzes Programm auf diesem Prinzip aufgebaut ist, so ist der logische Zusammenhang des Artikels 9 mit allen übrigen Artikeln unseres Parteiprogramms von selbst klar.

Das stumpfsinnige "Sakartwelo" wird eben deshalb ein "weises" Presseorgan genannt, weil es solche einfachen Gedanken nicht verdauen kann.

Was ist denn nun noch von der "nationalen Frage" übrig geblieben?

5. "Der Schutz des nationalen Geistes und seiner Eigenheiten"?

Aber was sind dieser "nationale Geist und seine Eigenheiten"? Die Wissenschaft hat durch den Mund des dialektischen Materialismus schon lange nachgewiesen, dass es keinerlei "nationalen Geist" gibt noch geben kann. Hat irgendjemand diese Ansicht des dialektischen Materialismus widerlegt? Die Geschichte berichtet uns, dass niemand sie widerlegt hat. Folglich sind wir verpflichtet, uns mit der erwähnten Ansicht der Wissenschaft einverstanden zu erklären, sind wir verpflichtet, gemeinsam mit der Wissenschaft zu wiederholen, dass es keinerlei "nationalen Geist" gibt noch geben kann. Und wenn dem so ist, wenn es keinerlei "nationalen Geist" gibt, - so ist es von selbst klar, dass jede Verteidigung dessen, was nicht existiert, eine logische Dummheit ist, die unvermeidlich die entsprechenden historischen (unerwünschten) Folgen nach sich zieht. Von solchen "philosophischen" Dummheiten zu reden, steht höchstens dem "Sakartwelo" an, dem "Organ der revolutionären Partei der georgischen Sozialföderalisten" (siehe "Sakartwelo" Nr.9).

(Was stellt denn nun die sich so seltsam nennende "Partei" dar? Das "Sakartwelo" erzählt (siehe Beilage I zu Nr.10 des „Sakartwelo"), dass "in diesem Frühjahr im Ausland georgische Revolutionäre zusammentraten: georgische Anarchisten, Anhänger des ´Sakartwelo‘, georgische Sozialrevolutionäre und. . . sich vereinigten.. . zu einer ´Partei‘ der georgischen Sozialförderahlisten" ... Jawohl, eben Anarchisten, die mit Herz und Seele jede Politik verachten, Sozialrevolutionäre, die die Politik vergöttern, "Sakartweloisten", die alle terroristischen und anarchistischen Maßnahmen ablehnen, - ein solches buntscheckiges und sich gegenseitig ablehnendes Publikum hat sich, wie sich herausstellt, zu einer... "Partei" zusammengeschlossen! Eine ideale Buntscheckigkeit, wie sie sich ein Mensch nur irgendwann vorzustellen vermag! Hier wird man sich gewiss nicht langweilen! Es irren die Organisatoren, die behaupten, dass es für den Zusammenschluss von Menschen zu einer Partei Prinzipiengemeinschaft bedarf! Nicht Prinzipiengemeinschaft, sagt uns dieses buntscheckige Publikum, sondern Prinzipienlosigkeit ist der Boden, auf dem eine "Partei" errichtet werden soll! Fern seien uns "Theorien" und Prinzipien - diese Sklavenketten! Je schneller wir uns von ihnen befreien, desto besser, - philosophiert dieses buntscheckige Publikum. Und wirklich, kaum haben sich diese Leute von Prinzipien befreit, so haben sie sofort, mit einer Handbewegung, ein . . . Kartenhaus - Verzeihung - eine "Partei der georgischen Sozialföderalisten" errichtet. Es stellt sich heraus, dass "siebeneinhalb Menschen" jederzeit eine "Partei" schaffen können, sobald sie zusammenkommen! Und wie soll man hier nicht lachen, wenn diese Ignoranten, diese "Offiziere" ohne Armee, zu philosophieren beginnen: die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands sei "antisozialistisch, reaktionär" usw.; die russischen Sozialdemokraten seien "Chauvinisten"; der Kaukasische Verband unserer Partei füge sich "sklavisch" dem Zentralkomitee der Partei (Ich muss bemerken, dass die koordinierten Aktionen der einzelnen Teile unserer Partei einigen unnormalen "Individuen" als "sklavische Unterwerfung" erscheinen. Alles das kommt von Nervenschwäche, versichern die Ärzte.) usw. (siehe Resolution der ersten Konferenz der georgischen Revolutionäre). Besseres war von den archäologischen Überresten aus den Zeiten Bakunins auch nicht zu erwarten. Wie die Bäume, so die Früchte, wie die Fabriken, so auch die Waren.)

So ist es um die nationale Frage bestellt.

Wie man sieht, hat unsere Partei sie in einzelne Teile zergliedert, ihre Lebenssäfte übernommen, sie auf die Venen ihres Programms verteilt und durch alles dies gezeigt, wie die "nationale Frage" in der Sozia1demokratie gelöst werden muss, um die nationalen Schranken auf den Grund niederzureißen, ohne von unseren Prinzipien für einen Augenblick abzugehen.

Wozu braucht man - fragt es sich - einzelne nationale Parteien? Oder: Wo ist denn jene sozialdemokratische "Basis", auf den die organisatorischen und politischen Anschauungen der sozialdemokratischen Föderalisten beruhen sollen? Eine solche "Basis" ist nicht zu sehen, sie existiert nicht. Die sozialdemokratischen Föderalisten hängen in der Luft.

Aus einer so unbequemen Lage können sie auf zweierlei Art herauskommen. Entweder müssen sie endgültig abgehen vom Standpunkt des revolutionären Proletariats und das Prinzip der Festigung der nationalen Schranken annehmen (Opportunismus in seiner föderalistischen Form); oder aber sie müssen jeglichem Föderalismus in der Parteiorganisation entsagen, kühn das Banner der Niederreißung der nationalen Schranken erheben und sich zusammenscharen in dem einheitlichen Lager der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands.

"Proletariatis Brdsola"
(„Der Kampf des Proletariats") Nr. 7,
1. September 1904.
Artikel ohne Unterschrift.
Nach der autorisierten russischen Übersetzung
Aus dem Georgischen

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