"Stalin"

Werke

Band 1

DER BEWAFFNETE AUFSTAND UND UNSERE TAKTIK

Die revolutionäre Bewegung „hat gegenwärtig die Notwendigkeit des bewaffneten Aufstands schon herbeigeführt" - dieser vom III. Parteitag unserer Partei ausgesprochene Gedanke wird mit jedem Tage immer mehr bestätigt. Die Flamme der Revolution greift immer stärker um sich, bald hier, bald dort lokale Aufstände hervorrufend. Drei Tage Barrikaden und Straßenkämpfe in Lodz, der Streik vieler Zehntausender Arbeiter in Iwanowo-Wosnessensk samt den unvermeidlichen blutigen Zusammenstößen mit dem Militär, der Aufstand in Odessa, der „Aufruhr" in der Schwarzmeerflotte und unter den Libauer Marinetruppen, die Tifliser „Woche" - alles dies sind Vorboten des nahenden Gewitters. Es naht, es naht unaufhaltsam und wird sich heute oder morgen über Rußland entladen und mit einem machtvollen reinigenden Strom alles Morsche, Verfaulte wegtragen, von dem russischen Volk die jahrhundertealte Schande abwaschen, die Selbstherrschaft heißt. Die letzten krampfhaften Anstrengungen des Zarismus - die Verstärkung der verschiedenen Arten der Gewaltmaßnahmen, die Verhängung des Ausnahmezustands über die Hälfte des Reichs, die Vermehrung der Galgen und daneben die lockenden Reden an die Liberalen und die verlogenen Reformversprechungen - werden ihn nicht vor seinem historischen Schicksal retten. Die Tage der Selbstherrschaft sind gezählt, das Gewitter ist unabwendbar. Schon entsteht eine neue Ordnung, vom ganzen Volke begrüßt, das von ihr Erneuerung und Wiedergeburt erwartet.

Vor welche neuen Fragen wird unsere Partei nun durch dieses nahende Gewitter gestellt? Wie müssen wir unsere Organisation und Taktik den neuen Anforderungen des Lebens anpassen, um aktiver und organisierter teilnehmen zu können an dem Aufstand, der der einzig notwendige Anfang der Revolution ist? Müssen wir - der Vortrupp der Klasse, die nicht nur die Vorhut, sondern auch die wichtigste wirkende Kraft der Revolution ist - spezielle Apparate schaffen, um den Aufstand zu leiten, oder genügt hierfür der schon bestehende Parteimechanismus?

Es sind nun schon mehrere Monate, dass diese Fragen vor der Partei stehen und unaufschiebbar Lösung heischen. Für Menschen, die die „Elementargewalt" anbeten und die Ziele der Partei bloß darin sehen, dem Lauf des Lebens zu folgen, die im Nachtrab trotten und nicht an der Spitze marschieren, wie sich das für den bewussten Vortrupp geziemt, existieren solche Fragen nicht. Der Aufstand sei spontan, sagen sie, ihn zu organisieren und vorzubereiten sei unmöglich, jeder im voraus ausgearbeitete Aktionsplan sei eine Utopie (sie sind gegen jeden „Plan" - das wäre ja „Bewusstheit" und nicht eine „spontane Erscheinung"!), ein vergeblicher Kraftaufwand, - das gesellschaftliche Leben habe seine unerforschten Wege, und es werde alle unsere Projekte zerschlagen. Deshalb müssten wir uns auf die Propaganda und Agitation der Idee des Aufstands, der Idee der „Selbstbewaffnung" der Massen beschränken, wir müssten nur die „politische Führung" ausüben, und das aufständische Volk möge „technisch" leiten, wer da wolle.

Aber wir haben doch auch bis jetzt stets diese Führung ausgeübt! wenden die Gegner der „Nachtrabpolitik" ein. Es ist klar, dass eine umfassende Agitation und Propaganda, dass die politische Führung durch das Proletariat absolut notwendig sind. Sich auf diese allgemeinen Aufgaben beschränken bedeutet jedoch, dass wir uns entweder um die Beantwortung einer Frage drücken, die direkt vom Leben aufgeworfen wird, oder dass wir uns völlig unfähig zeigen, unsere Taktik den Bedürfnissen des stürmisch um sich greifenden revolutionären Kampfes anzupassen. Selbstverständlich müssen wir jetzt die politische Agitation verzehnfachen, müssen wir nicht nur das Proletariat, sondern auch jene zahlreichen Schichten des „Volkes", die sich allmählich der Revolution anschließen, unter unseren Einfluss bringen, müssen wir bestrebt sein, In allen Bevölkerungsklassen die Idee von der Notwendigkeit des Aufstands zu popularisieren. Aber wir dürfen uns nicht hierauf allein beschränken! Damit das Proletariat die kommende Revolution für die Zwecke seines Klassenkampfes nutzbar machen könne, damit es eine demokratische Ordnung errichten könne, die den nachfolgenden Kampf um den Sozialismus am meisten erleichtere, - dafür ist es notwendig, dass das Proletariat, um das sich die Opposition schart, nicht nur im Zentrum des Kampfes stehe, sondern auch der Führer und Leiter des Aufstands werde. Gerade die technische Führung und die organisatorische Vorbereitung des allrussischen Aufstands bilden jene neue Aufgabe, die das Leben dem Proletariat gestellt hat. Will nun unsere Partei der wirkliche politische Führer der Arbeiterklasse sein, so kann und darf sie sich der Erfüllung dieser neuen Aufgaben nicht entziehen.

Was müssen wir also unternehmen, um dieses Ziel zu erreichen? Welches müssen unsere ersten Schritte sein?

Viele unserer Organisationen haben diese Frage bereits praktisch gelöst, indem sie einen Teil ihrer Kräfte und Mittel für die Bewaffnung des Proletariats bereitstellten. Unser Kampf gegen die Selbstherrschaft ist jetzt in eine Periode eingetreten, wo die Bewaffnung von allen als notwendig erkannt wird. Aber allein das Bewusstsein von der Notwendigkeit der Bewaffnung ist ja nicht ausreichend, - der Partei muss die praktische Aufgabe direkt und klar gestellt werden. Deshalb müssen unsere Komitees überall im Lande schon jetzt, sofort beginnen mit der Bewaffnung des Volkes, mit der Schaffung spezieller Gruppen, die dies in die Wege leiten sollen, mit der Organisierung von örtlichen Gruppen zwecks Beschaffung von Waffen, mit der Organisierung von Werkstätten zur Herstellung verschiedener Sprengstoffe, mit der Ausarbeitung eines Plans für die Besetzung der staatlichen und privaten Waffenlager und Arsenale. Wir müssen das Volk bewaffnen nicht nur mit dem „brennenden Bedürfnis nach Selbstbewaffnung", wie uns die neue „Iskra" rät, sondern müssen auch praktisch „die energischsten Maßnahmen zur Bewaffnung des Proletariats treffen", wie der III. Parteitag uns das zur Pflicht gemacht hat. Bei der Lösung dieser Frage können wir leichter als bei irgendeiner anderen Frage zu einem Einvernehmen gelangen sowohl mit dem abgespaltenen Teil der Partei (wenn er wirklich im Ernst an die Bewaffnung denkt, und nicht nur „von dem brennenden Bedürfnis nach Selbstbewaffnung" schwatzt) als auch mit den nationalen sozialdemokratischen Organisationen, wie z. B. den armenischen Föderalisten und anderen, die sich die gleichen Ziele stecken. Einen solchen Versuch hat es schon in Baku gegeben, wo unser Komitee, die „Balachany-Bibi-Eibater"-Gruppe und das Komitee der Gntschakisten[39] nach dem Februargemetzel aus ihrer Mitte eine Organisationskommission für Bewaffnungsfragen gebildet hatten. Es ist unbedingt notwendig, dass diese schwierige und verantwortungsvolle Sache mit gemeinsamen Kräften in die Wege geleitet wird, und wir meinen, dass fraktionelle Streitigkeiten die Vereinigung aller sozialdemokratischen Kräfte auf diesem Boden am allerwenigsten behindern dürfen.

Außer der Vergrößerung der Waffenvorräte, der Organisierung ihrer Beschaffung und ihrer fabrikmäßigen Herstellung muss der Bildung aller möglichen Kampfscharen zur Ausnutzung der gewonnenen Waffen die ernsteste Aufmerksamkeit zugewandt werden. Auf keinen Fall dürfen solche Handlungen zugelassen werden wie die direkte Verteilung der Waffen an die Massen. Da wir wenig Mittel besitzen und es sehr schwierig ist, die Warfen vor dem wachsamen Auge der Polizei zu verbergen, würde es uns nicht gelingen, einigermaßen bedeutende Bevölkerungsschichten zu bewaffnen, und unsere Mühen würden umsonst sein. Ganz anders steht die Sache, wenn wir eine spezielle Kampforganisation schaffen. Unsere Kampf scharen werden in der Handhabung der Waffen gut ausgebildet, während des Aufstandes - ob er nun spontan beginnt oder vorher vorbereitet wird - werden sie als Haupttrupps und Vortrupps wirken, um sie wird sich das aufständische Volk scharen und unter ihrer Leitung in den Kampf gehen. Dank ihrer Erfahrenheit und Organisiertheit, aber auch dank ihrer guten Bewaffnung wird es möglich sein, alle Kräfte des aufständischen Volkes auszunutzen und dadurch das nächste Ziel zu erreichen - die Bewaffnung des ganzen Volkes und die Durchführung des vorher ausgearbeiteten Aktionsplans. Sie werden sich rasch der verschiedenen Waffenlager, der Regierungsbehörden und öffentlichen Institutionen, der Post, des Telefonamts u. dgl. bemächtigen, was für die weitere Entwicklung der Revolution notwendig sein wird.

Aber diese Kampfscharen sind nicht nur dann notwendig, wenn der revolutionäre Aufstand bereits die ganze Stadt erfaßt hat, nicht weniger groß ist ihre Bedeutung auch am Vorabend des Aufstandes. Während des letzten halben Jahres haben wir uns klar davon überzeugt, dass die Selbstherrschaft, die sich in den Augen aller Bevölkerungsklassen diskreditiert hat, ihre ganze Energie aufgeboten hat, um die finsteren Kräfte des Landes - seien dies nun Berufsbanditen oder unaufgeklärte und fanatisierte Elemente aus der Mitte der Tataren - für den Kampf gegen die Revolutionäre zu mobilisieren. Von der Polizei bewaffnet und begönnert, terrorisieren sie die Bevölkerung und schaffen für die Befreiungsbewegung eine drückende Atmosphäre. Unsere Kampforganisationen müssen stets bereit sein, allen Vorstößen dieser finsteren Kräfte die gehörige Abfuhr zu erteilen, und sich bemühen, die durch ihre Handlungen hervorgerufene Empörung und Abwehr in eine gegen die Regierung gerichtete Bewegung zu verwandeln. Die bewaffneten Kampfscharen, die jeden Augenblick bereit sind, auf die Straße zu gehen und sich an die Spitze der Volksmassen zu stellen, können das vom III. Parteitag gesteckte Ziel leicht erreichen, nämlich „die bewaffnete Abwehr der Vorstöße der Schwarzen Hundert und überhaupt aller von der Regierung geleiteten reaktionären Elemente zu organisieren" („Resolution über die Stellung zur Taktik der Regierung am Vorabend des Umsturzes" - siehe „Benachrichtigung")[40].

Eine der Hauptaufgaben unserer Kampfscharen und unserer militärtechnischen Organisation überhaupt muss es sein, einen Auf standsplan für ihr Gebiet auszuarbeiten und ihn mit dem von der Partei zentrale für ganz Rußland ausgearbeiteten Plan zu koordinieren. Beim Gegner die schwächsten Stellen finden, die Punkte bezeichnen, von denen aus er angegriffen werden muss, alle Kräfte im Gebiet verteilen, die Topographie der Stadt gut studieren - alles dies muss vorher getan werden, damit wir unter keinen Umständen überrascht werden. Es ist hier völlig unangebracht, diese Seite der Tätigkeit unserer Organisationen eingehend zu erörtern. Eine strenge Konspiration bei der Ausarbeitung des Aktionsplans muss begleitet sein von einer möglichst weiten Verbreitung militärtechnischer Kenntnisse unter dem Proletariat, wie sie für die Führung des Straßenkampfes unbedingt notwendig sind. Zu diesem Zweck müssen wir die in der Organisation vorhandenen Militärpersonen heranziehen. Zu dem gleichen Zweck können wir auch eine ganze Anzahl sonstiger Genossen von uns heranziehen, die mit ihren Talenten und Neigungen dabei von großem Nutzen sein werden.

Nur eine solche allseitige Vorbereitung zum Aufstand kann die führende Rolle der Sozialdemokratie in den kommenden Kämpfen zwischen dem Volk und der Selbstherrschaft gewährleisten.

Nur die völlige Kampfbereitschaft wird dem Proletariat die Möglichkeit geben, die einzelnen Scharmützel mit der Polizei und dem Militär zu einem allgemeinen Volksaufstand zu gestalten, um an Stelle der Zarenregierung eine provisorische revolutionäre Regierung zu schaffen.

Das organisierte Proletariat wird, den Anhängern der „Nachtrabpolitik" zum Trotz, alle seine Kräfte aufbieten, um sowohl die technische als auch die politische Führung des Aufstands in seinen Händen zu konzentrieren. Diese Führung ist die unerlässliche Bedingung, um die herannahende Revolution im Interesse unseres Klassenkampfes ausnutzen zu können.

„Proletariats ´Brdsola"
(„Der Kampf des Proletariats") Nr. 10
15. Juli 1905.
Artikel ohne "Unterschrift.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung aus dem Georgischen

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