"Stalin"

Werke

Band 1

DIE PROVISORISCHE REVOLUTIONÄRE REGIERUNG UND DIE SOZIALDEMOKRATIEN

I

Die Volksrevolution wächst an. Das Proletariat bewaffnet sich und entrollt das Banner des Aufstands. Die Bauernschaft strafft den Rücken und vereinigt sich um das Proletariat. Nicht mehr fern ist die Zeit, wo auch der allgemeine Aufstand ausbrechen und den verhassten Thron des verhassten Zaren „vom Antlitz der Erde hinwegfegen" wird. Die Zarenregierung wird gestürzt werden. Auf ihren Trümmern wird eine Regierung der Revolution geschaffen werden - eine provisorische revolutionäre Regierung, die die finsteren Kräfte entwaffnen, das Volk bewaffnen und sofort zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung schreiten wird. So wird die Herrschaft des Zaren abgelöst werden von der Herrschaft des Volkes. Diesen Weg geht gegenwärtig die Volksrevolution.

Was muss die provisorische Regierung tun?

Sie muss die finsteren Kräfte entwaffnen, die Feinde der Revolution bändigen, damit sie nicht die Selbstherrschaft des Zaren wiederherstellen können. Sie muss das Volk bewaffnen und dazu beitragen, dass die Revolution zu Ende geführt wird. Sie muss die Freiheit des Worts, der Presse, der Versammlungen u. dgl. verwirklichen. Sie muss die indirekten Steuern abschaffen und eine progressive Steuer auf Profite und Erbschaften einführen. Sie muss Bauernkomitees ins Leben rufen, die die Bodenangelegenheiten im Dorfe regeln werden. Sie muss schließlich die Kirche vom Staat und die Schule von der Kirche trennen...

Außer diesen allgemeinen Forderungen muss die provisorische Regierung auch die Klassenforderungen der Arbeiter verwirklichen: die Streik- und Koalitionsfreiheit, den achtstündigen Arbeitstag, die staatliche Arbeiterversicherung, hygienische Arbeitsbedingungen, Schaffung von „Arbeitsbörsen" usw.

Kurzum, die provisorische Regierung muss unser Minimalprogramm (Über das Minimalprogramm siehe die „Benachrichtigung über den II. Parteitag der SDAPR".) restlos verwirklichen und sofort zur Einberufung einer vom ganzen Volke zu wählenden Konstituierenden Versammlung schreiten, die die im gesellschaftlichen Leben erfolgten Wandlungen „für immer" gesetzlich verankern wird.

Wer soll in die provisorische Regierung eintreten?

Die Revolution wird vom Volke vollbracht, das Volk aber ist das Proletariat und die Bauernschaft. Es ist klar, dass sie es auch übernehmen müssen, die Revolution zu Ende zu führen, die Reaktion zu bändigen, das Volk zu bewaffnen usw. Für alles dies aber ist es notwendig, dass das Proletariat und die Bauernschaft Verfechter ihrer Interessen in der provisorischen Regierung haben. Das Proletariat und die Bauernschaft werden die Straße beherrschen, sie werden ihr Blut vergießen, - es ist klar, dass sie auch in der provisorischen Regierung herrschen müssen.

Alles dies trifft zu, sagt man uns, aber was gibt es Gemeinsames zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft?
Das Gemeinsame ist, dass sie beide die Überreste der Leibeigenschaft hassen, dass sie beide einen Kampf auf Leben und Tod gegen die Zarenregierung führen, dass sie beide die demokratische Republik wollen.

Dies kann uns jedoch nicht veranlassen, die Wahrheit zu vergessen, dass der Unterschied zwischen ihnen viel bedeutender ist.

Worin besteht dieser Unterschied?

Darin, dass das Proletariat der Feind des Privateigentums ist, die bürgerlichen Zustände hasst, und dass es die demokratische Republik nur braucht, um Kräfte zu sammeln und dann die bürgerliche Ordnung zu stürzen, während die Bauernschaft am Privateigentum festhält, an den bürgerlichen Zuständen hängt und die demokratische Republik braucht, um die Grundlagen der bürgerlichen Ordnung zu festigen.

Es erübrigt sich, darüber zu reden, dass sich die Bauernschaft (D. h. die Kleinbourgeoisie) nur insoweit gegen das Proletariat wenden wird, als das Proletariat das Privateigentum wird aufheben wollen. Auf der anderen Seite ist es gleichfalls klar, dass die Bauernschaft das Proletariat nur insoweit unterstützen wird, als das Proletariat die Selbstherrschaft wird stürzen wollen. Die gegenwärtige Revolution ist eine bürgerliche Revolution, d. h. sie tastet das Privateigentum nicht an, folglich hat die Bauernschaft gegenwärtig keinerlei Anlass, ihre Waffen gegen das Proletariat zu kehren. Dafür lehnt die gegenwärtige Revolution von Grund aus die Zarenmacht ab, folglich ist die Bauernschaft daran interessiert, sich entschlossen dem Proletariat als dem führenden Kraftfaktor der Revolution anzuschließen. Es ist klar, dass auch das Proletariat daran interessiert ist, die Bauernschaft zu unterstützen und gemeinsam mit ihr gegen den gemeinsamen Feind - die Zarenregierung - vorzugehen. Nicht umsonst sagt der große Engels, dass das Proletariat bis zum Siege der proletarischen Revolution Seite an Seite mit der Kleinbourgeoisie gegen die bestehenden Zustände vorgehen muss. (Siehe „Iskra" Nr. 96. Diese Stelle ist abgedruckt in Nr. 5 des „Sozialdemokrat“ Siehe „Demokratie und Sozialdemokratie".) Und wenn unser Sieg bis zur völligen Bändigung der Feinde der Revolution nicht als Sieg bezeichnet werden kann, wenn die Bändigung der Feinde und die Bewaffnung des Volkes Pflicht der provisorischen Regierung sind, wenn die Vollendung des Sieges von der provisorischen Regierung übernommen werden muss, - so ist es selbstverständlich, dass der provisorischen Regierung, außer Verteidigern der Interessen der Kleinbourgeoisie, auch Vertreter des Proletariats als Verteidiger seiner Interessen angehören müssen. Es wäre töricht, wenn das Proletariat, das als Führer der Revolution auftritt, es der Kleinbourgeoisie allein überlassen wollte, sie zu Ende zu führen: dies wäre ein Verrat an sich selber. Nur darf nicht vergessen werden, dass das Proletariat als Feind des Privateigentums seine eigene Partei haben muss und auch nicht für einen Augenblick von seinem Wege abschwenken darf.

Mit anderen Worten, das Proletariat und die Bauernschaft müssen mit vereinten Kräften Schluss machen mit der Zarenregierung, sie müssen mit vereinten Kräften die Feinde der Revolution bändigen, und gerade deshalb muss neben der Bauernschaft auch das Proletariat in der provisorischen Regierung Verteidiger seiner Interessen haben - die Sozialdemokraten.

Dies ist so klar, so augenscheinlich, dass es sogar überflüssig erscheinen mag, davon zu reden.

Da aber kommt die „Minderheit", bezweifelt dies und behauptet hartnäckig, es stehe der Sozialdemokratie nicht an, sich an der provisorischen Regierung zu beteiligen, dies widerspreche den Prinzipien.

Untersuchen wir diese Frage. Welches sind die Argumente der „Minderheit"? Vor allem beruft sie sich auf den Amsterdamer Kongress[42]. Dieser Kongress hat, entgegen dem Jaurèismus, den Beschluß gefasst, dass die Sozialisten nicht nach der Beteiligung an einer bürgerlichen Regierung streben dürfen, und da die provisorische Regierung eine bürgerliche Regierung sei, so sei die Beteiligung an der provisorischen Regierung für uns unzulässig. So urteilt die „Minderheit" und bemerkt nicht, dass wir bei einer solchen schülerhaften Auffassung des Kongressbeschlusses uns auch an der Revolution nicht beteiligen dürfen. In der Tat: wir sind Feinde der Bourgeoisie, die gegenwärtige Revolution aber ist eine bürgerliche, - folglich dürfen wir uns in keiner Weise an dieser Revolution beteiligen! Auf diesen Weg drängt uns die Logik der „Minderheit". Die Sozialdemokratie dagegen erklärt, dass wir, die Proletarier, uns nicht nur an der gegenwärtigen Revolution beteiligen müssen, sondern auch an ihre Spitze treten, sie leiten und zu Ende führen müssen. Die Revolution zu Ende zu führen ist aber unmöglich ohne die Beteiligung an der provisorischen Regierung. Kein Zweifel, dass die Logik der „Minderheit" hier auf beiden Beinen hinkt. Von zwei Dingen eins: entweder müssen wir, gleich den Liberalen, den Gedanken aufgeben, dass das Proletariat der Führer der Revolution ist, - dann entfällt von selbst die Frage nach unserer Beteiligung an der provisorischen Regierung; oder wir müssen diese sozialdemokratische Idee offen anerkennen und zugleich die Notwendigkeit, uns an der provisorischen Regierung zu beteiligen. Die „Minderheit" dagegen will weder mit dem einen noch mit dem anderen brechen, sie will sowohl bei den Liberalen als auch bei den Sozialdemokraten mitmachen! So schonungslos vergewaltigt sie die ganz unschuldige Logik...

Was den Amsterdamer Kongress anbelangt, so hatte er die ständige Regierung Frankreichs im Auge, nicht aber eine provisorische revolutionäre Regierung. Die Regierung Frankreichs ist reaktionär-konservativ, sie verteidigt das Alte und kämpft gegen das Neue, - man begreift, dass ein wahrer Sozialdemokrat in diese Regierung gar nicht eintreten wird, während die provisorische Regierung revolutionär-progressiv ist, sie kämpft gegen das Alte, bahnt dem Neuen den Weg, sie dient den Interessen der Revolution, - man begreift, dass ein wahrer Sozialdemokrat in sie eintreten und sich an der Krönung der Sache der Revolution aktiv beteiligen wird. Wie man sieht, sind dies verschiedene Dinge. So dass die „Minderheit" sich vergeblich an den Amsterdamer Kongress klammert: er wird sie nicht vor dem Fiasko retten.

Offenbar hat auch die „Minderheit" selbst dies gespürt, weshalb sie zu einem anderen Argument greift: sie beschwört jetzt die Manen von Marx und Engels. So wiederholt z. B. der „Sozialdemokrat" hartnäckig, Marx und Engels hätten die Beteiligung an einer provisorischen Regierung „von Grund aus abgelehnt". Aber wo, wann haben sie abgelehnt? Was sagt denn z.B. Marx? Es stellt sich heraus, Marx sagt: „...die. demokratischen Kleinbürger ... predigen ... dem Proletariat... die ... Herstellung einer großen Oppositionspartei, die alle Schattierungen in der demokratischen Partei umfasst...", „Eine solche Vereinigung würde allein zu ihrem (der Kleinbürger) Vorteile und ganz zum Nachteile des Proletariats ausfallen" (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 5) usw.[43] Kurzum, das Proletariat müsse eine selbständige Klassenpartei haben. Aber wer ist denn dagegen, Sie „gelehrter Kritiker"? Weshalb kämpfen Sie gegen Windmühlen?

Der „Kritiker" zitiert nichtsdestoweniger auch weiter Marx. „Für den Fall eines Kampfes gegen einen gemeinsamen Gegner braucht es keiner besonderen Vereinigung. Sobald ein solcher Gegner direkt zu bekämpfen ist, fallen die Interessen beider Parteien für den Moment zusammen, und wird sich ... diese nur für den Augenblick berechnete Verbindung von selbst herstellen... Während des Kampfes und nach dem Kampf müssen die Arbeiter neben den Forderungen" (der „Sozialdemokrat" übersetzt „Anforderungen") „der bürgerlichen Demokratie ihre eigenen Forderungen" (wieder „Anforderungen") „bei jeder Gelegenheit aufstellen... Mit einem Worte: vom ersten Augenblicke des Sieges an muss sich das Misstrauen ... gegen ihre bisherigen Bundesgenossen, gegen die Partei richten, die den gemeinsamen Sieg allein exploitieren will." (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 5.) Mit anderen Worten, das Proletariat müsse seinen eigenen Weg gehen und die Kleinbourgeoisie nur so weit unterstützen, als dies seinen Interessen nicht widerspricht Wer aber ist denn dagegen, erstaunlicher „Kritiker", und weshalb mussten Sie sich auf die Worte von Marx berufen? Hat Marx etwa irgendetwas von einer provisorischen revolutionären Regierung gesagt? Kein Sterbenswörtchen! Sagt Marx etwa, dass die Beteiligung an der provisorischen Regierung während einer demokratischen Revolution unseren Prinzipien widerspreche? Kein Sterbenswörtchen! Weshalb also gerät unser Autor in helle Begeisterung, wo hat er den „prinzipiellen Widerspruch" zwischen uns und Marx aufgegabelt? Der arme „Kritiker"! Er hat sich aus Leibeskräften bemüht, um einen solchen Widerspruch zu finden, aber zu seinem Leidwesen war alles verlorene Mühe.

Was aber sagt Engels, der Erklärung der Menschewiki zufolge? Er sagt in einem Brief an Turati, wie man erfährt, dass die kommende Revolution in Italien eine kleinbürgerliche, und nicht eine sozialistische sein werde, dass das Proletariat bis zu ihrem Sieg gemeinsam mit der Kleinbourgeoisie gegen die bestehende Ordnung vorgehen müsse, wobei es jedoch unbedingt seine eigene Partei haben müsse, es werde aber außerordentlich gefährlich sein, wenn die Sozialisten nach dem Siege der Revolution in die neue Regierung einträten. Hiermit würden sie den Fehler Louis Blancs und anderer französischer Sozialisten von 1848 wiederholen usw. (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 5 Der „Sozialdemokrat" bringt diese "Worte in Anführungszeichen. Man könnte glauben, Engels’ Worte seien genau angeführt. In Wirklichkeit ist dies nicht der Fall, denn hier wird nur der Inhalt des Engelsschen Briefes mit eigenen Worten wiedergegeben.) Mit anderen Worten, da die italienische Revolution eine demokratische, und keine sozialistische Revolution sein werde, so wäre es ein großer Fehler, von der Herrschaft des Proletariats zu träumen und auch nach dem Sieg in der Regierung zu bleiben, nur bis zum Sieg könne das Proletariat gemeinsam mit den Kleinbürgern gegen den gemeinsamen Feind vorgehen. Aber wer bestreitet denn das, wer sagt denn, dass wir die demokratische Revolution mit der sozialistischen verwechseln müssen? Weshalb brauchte man sich auf Turati, diesen Anhänger Bernsteins, zu berufen? Oder weshalb war es notwendig, an Louis Blanc zu erinnern? Louis Blanc war ein kleinbürgerlicher „Sozialist", bei uns aber ist von Sozialdemokraten die Rede. In der Zeit Louis Blancs gab es keine sozialdemokratische Partei, hier aber handelt es sich gerade um eine solche Partei. Die französischen Sozialisten hatten die Eroberung der politischen Macht im Auge, uns aber interessiert die Frage nach der Beteiligung an der provisorischen Regierung... Sagt Engels etwa, dass die Beteiligung an der provisorischen Regierung während der demokratischen Revolution unseren Prinzipien widerspreche? Kein Sterbenswörtchen! Wozu also ein solcher Wortschwall, mein lieber Menschewik, wieso begreifen Sie nicht, dass Fragen durcheinander bringen nicht heißt, sie zu lösen? Weshalb mussten Sie die Manen von Marx und Engels zwecklos beunruhigen?

Die „Minderheit" spürt wohl selbst, dass die Namen von Marx und Engels sie nicht retten, und klammert sich nun an ein drittes „Argument". Ihr wollt den Feinden der Revolution doppelte Zügel anlegen, sagt uns die „Minderheit", ihr wollt, dass „der Druck des Proletariats auf die Revolution nicht nur, ‚von unten’, nicht nur von der Straße, sondern auch von oben, aus den Prunkgemächern der provisorischen Regierung komme" (Siehe „Iskra" Nr. 93) Dies aber widerspreche dem Prinzip, wirft uns die „Minderheit" vor.

Somit behauptet die „Minderheit", wir müssten „nur von unten´´ auf den Gang der Revolution einwirken. Die „Mehrheit" ist im Gegenteil der Auffassung, dass wir die Aktion „von unten" ergänzen müssen durch die Aktion „von oben", damit der Druck allseitiger wäre.

Wer aber setzt sich in diesem Falle in Widerspruch mit dem Prinzip der Sozialdemokratie, die „Mehrheit" oder die „Minderheit"?

Wenden wir uns an Engels. In den siebziger Jahren brach in Spanien ein Aufstand aus. Es erhob sich die Frage einer provisorischen revolutionären Regierung. Damals machten sich dort die Bakunisten (Anarchisten) mausig. Sie lehnten jede Aktion von oben ab, und dies rief eine Polemik zwischen ihnen und Engels hervor. Die Bakunisten predigten das gleiche, was jetzt die „Minderheit" sagt. Engels führt aus, dass „die Bakunisten seit Jahren gepredigt hatten, jede revolutionäre Aktion von oben nach unten sei verderblich, alles müsse von unten nach oben organisiert und durchgesetzt werden" (Siehe Nr. 3 des „Proletari", worin diese Worte von Engels angeführt sind.[44]) Ihrer Meinung nach „kann jede Organisation einer politischen, so genannten provisorischen oder revolutionären Gewalt nur eine neue Prellerei sein und würde für das Proletariat ebenso gefährlich sein wie alle jetzt bestehenden Regierungen" (Ebenda) Engels verspottet diese Ansicht und sagt, das Leben habe diese Lehre der Bakunisten unbarmherzig widerlegt. Die Bakunisten hätten den Forderungen des Lebens nachgeben müssen, und ... „ganz gegen ihre anarchischen Grundsätze eine revolutionäre Regierung gebildet" (Ebenda) So „schlugen sie ihrem kaum erst proklamierten Glaubenssatz ins Gesicht: dass die Errichtung einer revolutionären Regierung nur eine neue Prellerei und ein neuer Verrat an der Arbeiterklasse sei..." (Ebenda)

So sagt Engels.

Es stellt sich also heraus, dass das Prinzip der „Minderheit" -Aktion nur „von unten" - ein anarchistisches Prinzip ist, das der sozialdemokratischen Taktik aber wirklich von Grund aus widerspricht. Die Ansicht der „Minderheit", dass jede Beteiligung an einer provisorischen Regierung für die Arbeiter verderblich sei, ist eine anarchistische Phrase, die schon Engels verspottet hat. Es stellt sich ferner heraus, dass das Leben die Ansichten der „Minderheit" verwerfen und sie spielend zerschlagen wird, wie das den Bakunisten passiert ist.

Die „Minderheit" versteift sich trotzdem weiter - „wir wollen nämlich nicht gegen die Prinzipien handeln". Eine seltsame Vorstellung haben diese Leute von den sozialdemokratischen Prinzipien. Man nehme doch nur ihre prinzipiellen Ansichten bezüglich der provisorischen revolutionären Regierung und der Reichsduma. Die „Minderheit" ist gegen die Beteiligung an der provisorischen Regierung, die von den Interessen der Revolution ins Leben gerufen wird, - das widerspreche nämlich den Prinzipien. Sie ist jedoch für die Beteiligung an der Reichsduma, die von den Interessen der Selbstherrschaft ins Leben gerufen wird, - das, so erfährt man, widerspreche nicht den Prinzipien! Die „Minderheit" ist gegen die Beteiligung an der provisorischen Regierung, die von dem revolutionären Volk geschaffen und vom Volke auch legalisiert werden wird, - das widerspreche nämlich den Prinzipien. Sie ist jedoch für die Beteiligung an der Reichsduma, die vom absolutistischen Zaren einberufen und vom Zaren auch legalisiert wird, - das, so erfährt man, widerspreche nicht den Prinzipien! Die „Minderheit" ist gegen die Beteiligung an der provisorischen Regierung, die berufen ist, die Selbstherrschaft zu begraben, - das widerspreche nämlich den Prinzipien. Sie ist jedoch für die Beteiligung an der Reichsduma, die berufen ist, die Selbstherrschaft zu festigen, - das, so erfährt man, widerspreche nicht den Prinzipien... Von welchen Prinzipien redet ihr denn, Verehrteste, von den Prinzipien der Liberalen oder denen der Sozialdemokraten? Ihr werdet wohl tun, wenn ihr auf diese Frage eine direkte Antwort gebt. Wir haben hierbei einige Zweifel.

Lassen wir jedoch diese Fragen auf sich beruhen. Die Sache ist die, dass die „Minderheit", die nach Prinzipien sucht, auf den Weg der Anarchisten hinab geglitten ist. Das ist es, was jetzt klar geworden ist.

II

Unseren Menschewiki haben die auf dem III. Parteitag beschlossenen Resolutionen nicht gefallen. Ihr wahrhaft revolutionärer Sinn hat den menschewistischen „Sumpf" aufgewühlt und ihn „kritiklustig" gemacht. Offenbar hat sich auf ihre opportunistische Geistesverfassung hauptsächlich die Resolution über die provisorische revolutionäre Regierung ausgewirkt, und sie haben damit begonnen, sie zu „vernichten". Da sie jedoch nichts darin gefunden haben, woran sie sich klammern könnten, um daran ihre Kritik zu üben, so griffen sie zu ihrem üblichen und dabei billigen Mittel - zur Demagogie! Diese Resolution sei abgefasst worden, um die Arbeiter zu ködern, zu betrügen und zu blenden, schreiben diese „Kritiker". Und offenbar sind sie mit diesem ihrem Treiben sehr zufrieden. Sie wähnten den Gegner zu Tode getroffen, sich selbst aber siegreiche Kritiker und rufen aus: „Und sie (die Verfasser der Resolution) wollen das Proletariat führen!" Du blickst auf diese „Kritiker" und vor deinem geistigen Auge erscheint der unzurechnungsfähige Held Gogols, der sich König von Spanien wähnte. Das ist das Schicksal von Leuten, die an Größenwahn leiden!

Sehen wir uns jene „Kritik" näher an, die wir in Nr. 5 des „Sozialdemokrat" finden. Wie ihr bereits wisst, können unsere Menschewiki nicht ohne Furcht des blutigen Gespenstes der provisorischen revolutionären Regierung gedenken, und rufen ihre Heiligen an – die Martynows und Akimows -, damit diese sie von dem Ungeheuer befreien und es durch den Semski Sobor, jetzt schon durch die Reichsduma, ersetzen. Zu diesem Zweck heben sie den „Semski Sobor" in den Himmel und bemühen sich, diese faule Ausgeburt des faulen Zarismus als gesunde Frucht an den Mann zu bringen: „Wir wissen, dass die große französische Revolution die Republik errichtet hat, ohne eine provisorische Regierung zu besitzen", schreiben sie. Und das wäre alles? Weiter wisst ihr nichts, „Verehrte"? Etwas dürftig! Man müsste etwas mehr wissen! Man müsste z. B. auch wissen, dass die große französische Revolution als bürgerliche revolutionäre Bewegung triumphiert hat, während in Rußland die „revolutionäre Bewegung als Bewegung der Arbeiter triumphieren oder überhaupt nicht triumphieren wird", wie G. Plechanow mit Recht sagt. In Frankreich stand die Bourgeoisie an der Spitze der Revolution, in Rußland dagegen ist es das Proletariat. Dort lenkte die erstere das Schicksal der Revolution, hier das letztere. Und ist es etwa nicht klar, dass ein solcher Wechsel der führenden revolutionären Kräfte nicht ein und dieselben Resultate für die eine und die andere Klasse zeitigen kann? Erntete in Frankreich die Bourgeoisie, an der Spitze der Revolution stehend, die Früchte der Revolution, muss sie dann auch in Rußland ihre Früchte ernten, obgleich an der Spitze der Revolution das Proletariat steht? Jawohl, sagen unsere Menschewiki, was dort, in Frankreich, vor sich gegangen ist, das muss auch hier, in Rußland, geschehen. Diese Herrschaften nehmen, einem Sargtischler ähnlich, an einem längst Verstorbenen Maß und messen damit die Lebenden. Außerdem haben sie hier eine erhebliche Schiebung begangen: sie haben dem uns interessierenden Gegenstand den Kopf abgenommen und den Schwerpunkt der Polemik auf den Schwanz verlegt. Wir sprechen, ebenso wie jeder andere revolutionäre Sozialdemokrat, von der Errichtung einer demokratischen Republik. Sie dagegen haben das Wort „demokratisch" irgendwo versteckt und begonnen, sich in Phrasen über die „Republik" zu ergehen. „Wir wissen, dass die große französische Revolution die Republik errichtet hat", predigen sie. Jawohl, sie hat die Republik errichtet, aber was für eine, - eine wirklich demokratische? Eine solche, wie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands sie fordert? Hat diese Republik dem Volk das Recht auf allgemeine Wahlen gegeben? Waren die damaligen Wahlen in vollem Maße direkt? Wurde eine progressive Einkommensteuer eingeführt? Ist dort irgendetwas von einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen, einer Herabsetzung des Arbeitstags, einer Lohnerhöhung usw. gesagt worden? ... Nein. Nichts davon gab es dort, und konnte es auch nicht geben, denn die Arbeiter hatten damals keine sozialdemokratische Erziehung. Deshalb wurden ihre Interessen in der damaligen französischen Republik auch vergessen und von der Bourgeoisie umgangen. Und vor einer solchen Republik neigt ihr, Herrschaften, wirklich eure „höchst ehrenwerten" Häupter? Das ist euer Ideal? Gute Reise! Aber denkt daran, Verehrte, dass die Anbetung einer solchen Republik mit der Sozialdemokratie und ihrem Programm nichts gemein hat - dies ist ein Demokratismus schlechtester Sorte. Ihr aber bringt alles dies als Konterbande herein und deckt euch mit dem Namen der Sozialdemokratie.

Außerdem müssen die Menschewiki wissen, dass die Bourgeoisie Rußlands mit ihrem Semski Sobor uns nicht einmal eine solche Republik bescheren wird wie in Frankreich, - sie hat durchaus nicht die Absicht, die Monarchie abzuschaffen. Da sie die „Dreistigkeit" der Arbeiter dort, wo es keine Monarchie gibt, sehr wohl kennt, bemüht sie sich, diese Festung unversehrt zu erhalten und sie zu ihrem eigenen Werkzeug gegen den unversöhnlichen Feind - das Proletariat - zu machen. Eben zu diesem Zweck führt sie ja im Namen des „Volkes" Verhandlungen mit dem Henkerzaren und gibt ihm den Rat, im Interesse des „Vaterlandes" und des Throns einen Semski Sobor einzuberufen, um die „Anarchie" zu vermeiden. Wisst ihr, Menschewiki, denn alles dies wirklich nicht?

Wir brauchen nicht eine solche Republik, wie die französische Bourgeoisie im 18. Jahrhundert sie eingeführt hat, sondern eine solche, wie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands im 20. Jahrhundert sie fordert. Eine solche Republik können aber nur der siegreiche Volksaufstand mit dem Proletariat an der Spitze und die von ihm eingesetzte provisorische revolutionäre Regierung schaffen. Nur eine solche provisorische Regierung kann unser Minimalprogramm provisorisch verwirklichen und derartige Umgestaltungen der von ihr einberufenen Konstituierenden Versammlung zur Bestätigung unterbreiten.

Unsere „Kritiker" glauben nicht, dass die Konstituierende Versammlung, gemäß unserem Programm einberufen, dem Willen des Volkes Ausdruck geben könnte (und wie können sie sich das auch vorstellen, wenn sie nicht über die große französische Revolution hinausgehen, die vor 115-116 Jahren vor sich ging). „Vermögende und einflussreiche Personen", fahren die „Kritiker" fort, „haben so viele Mittel, um die Wahlen zu ihren Gunsten zu fälschen, dass das Gerede vom wirklichen Volkswillen ganz überflüssig ist. Damit die Wähler aus den unbemittelten Schichten nicht den Willen der Reichen zum Ausdruck bringen, bedarf es eines großen Kampf es, einer lang andauernden Parteidisziplin" (die von den Menschewiki nicht anerkannt wird?). „Sogar in Europa (?) ist alles dies, trotz langjähriger politischer Erziehung, nicht verwirklicht. Und da glauben unsere Bolschewiki, dass eine provisorische Regierung diesen Talisman in Händen habe!"

Eine richtige Nachtrabpolitik! Das ist doch die „im Herrn entschlafene" „Taktik als Prozess" und „Organisation als Prozess" in ihrer ganzen natürlichen Lebensgröße! In Rußland zu fordern, was in Europa noch nicht verwirklicht ist, davon könne gar nicht die Rede sein, belehren uns die „Kritiker"! Wir wissen doch, dass nicht nur in „Europa", sondern auch in Amerika unser Minimalprogramm nicht restlos verwirklicht ist, folglich ist, wer es annimmt und für seine Verwirklichung in Rußland nach dem Sturz der Selbstherrschaft kämpft, nach der Meinung der Menschewiki ein unverbesserlicher Träumer, ein kläglicher Don Quichotte! Kurzum, unser Minimalprogramm sei falsch, utopisch und habe nichts gemein mit dem wirklichen „Leben"! Ist es nicht so, ihr Herren „Kritiker"? Gerade so kommt es bei euch heraus. Dann habt mehr Mut und erklärt das direkt, ohne Winkelzüge! Dann werden wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, und ihr werdet die euch verhassten Programmformalitäten los! Jetzt aber sprecht ihr so schüchtern, so feige von der Unbedeutsamkeit des Programms, dass natürlich, außer den Bolschewiki, viele noch glauben, ihr erkenntet das sozialdemokratische Programm Rußlands an, das auf dem II. Parteitag beschlossen worden ist. Wozu aber dieses Pharisäertum?

Hier sind wir nun unmittelbar an die Grundlage unserer Meinungsverschiedenheiten herangekommen. Ihr glaubt nicht an unser Programm und bestreitet seine Richtigkeit, wir dagegen gehen immer von ihm aus, bringen alle unsere Handlungen mit dem Programm in Einklang.

Wir glauben, dass die „vermögenden und einflussreichen Personen", wenn die Wahlagitation frei ist, nicht das ganze Volk bestechen und betrügen können. Denn wir werden ihrem Einfluss und ihrem Gold das sozialdemokratische wahre Wort entgegenstellen (und an dieser Wahrheit zweifeln wir, zum Unterschied von euch, nicht im geringsten) und dadurch die gaunerischen Machenschaften der Bourgeoisie schwächen. Ihr aber glaubt nicht daran und zerrt deshalb die Revolution zum Reformismus.

„Im Jahre 1848", fahren die „Kritiker" fort, „ließ die provisorische Regierung in Frankreich (wieder Frankreich!), an der sich auch Arbeiter beteiligten, eine Konstituierende Versammlung wählen, in die kein einziger Delegierter des Pariser Proletariats hineinkam." Da haben wir noch einmal ein volles Unverständnis für die sozialdemokratische Lehre und eine schablonenhafte Vorstellung von der Geschichte! Weshalb mit Phrasen um sich werfen? In Frankreich kam, obgleich Arbeiter an der provisorischen Regierung beteiligt waren, nichts heraus, und deshalb muss die Sozialdemokratie auch in Rußland auf die Beteiligung an ihr verzichten, denn auch hier werde nichts herauskommen, schließen die „Kritiker". Aber kommt es etwa auf die Beteiligung der Arbeiter an? Sagen wir etwa, dass ein Arbeiter, wer er auch sei und zu welcher Richtung er auch gehöre, sich an der provisorischen revolutionären Regierung beteiligen müsse? Nein, wir sind bis jetzt noch nicht eure Anhänger geworden und versehen nicht jeden Arbeiter mit dem Attest eines Sozialdemokraten. Die, an der französischen provisorischen Regierung beteiligten Arbeiter, aber Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei zu nennen, ist uns gar nicht eingefallen! Wozu diese unangebrachte Analogie! Ja, und wie kann man überhaupt das politische Bewusstsein des französischen Proletariats von 1848 mit dem politischen Bewusstsein des Proletariats Rußlands im gegenwärtigen Augenblick vergleichen? Ist denn das französische Proletariat der damaligen Zeit auch nur ein einziges Mal zu einer politischen Demonstration gegen die damalige Ordnung angetreten? Hat es jemals den 1. Mai unter dem Zeichen des Kampfes gegen die bürgerliche Ordnung gefeiert? War es in einer sozialdemokratischen Arbeiterpartei organisiert? Besaß es das Programm der Sozialdemokratie? Wir wissen, dass dies nicht der Fall war. Von alledem hatte das französische Proletariat nicht einmal eine Vorstellung. Es fragt sich, ob das französische Proletariat damals die Früchte der Revolution in demselben Maße ernten konnte, wie das Proletariat Rußlands sie heute ernten kann, jenes Proletariat, das längst in einer sozialdemokratischen Partei organisiert ist, ein durchaus bestimmtes sozialdemokratisches Programm besitzt und sich bewusst den Weg zu seinem Ziel bahnt. Jeder, der auch nur die mindeste Fähigkeit hat, reale Dinge zu begreifen, wird hierauf verneinend antworten. Und nur Menschen, die fähig sind, historische Tatsachen auswendig zu lernen, sich jedoch nicht ihren Ursprung nach Ort und Zeit zu erklären wissen, können diese beiden verschiedenen Größen einander gleichstellen.

„Notwendig ist", so lehren die „Kritiker" immer wieder, „Gewaltanwendung von Seiten des Volkes, permanente Revolution, nicht aber, dass man sich mit den Wahlen zufrieden gibt und nach Hause geht." Wieder eine Verleumdung! Wer hat euch, Verehrte, denn gesagt, dass wir uns mit den Wahlen zufrieden geben und nach Hause gehen? Nennt uns den Mann!

Unsere „Kritiker" regen sich weiter darüber auf, dass wir von der provisorischen revolutionären Regierung die Verwirklichung unseres Minimalprogramms verlangen, und rufen aus: „Das ist völlige Unkenntnis der Sachlage; die Sache ist die, dass die politischen und ökonomischen Forderungen unseres Programms nur mit Hilfe der Gesetzgebung verwirklicht werden können, die provisorische Regierung aber ist keine gesetzgebende Institution." Beim. Lesen dieser Staatsanwaltsrede gegen „gesetzwidrige Taten" beschleicht einen der Zweifel, ob diesen Artikel nicht irgendein liberaler Bourgeois, der vor der Legalität in Ehrfurcht erstirbt, dem „Sozialdemokrat" gewidmet hat. (Dieser Gedanke drängt sich umso mehr auf, als die Menschewiki in Nr. 5 des „Sozialdemokrat" von der ganzen Tifliser Bourgeoisie nur etwa zehn Kaufleute für Verräter an der „gemeinsamen Sache" erklärt haben Die übrigen sind offenbar ihre Anhänger und machen mit den Menschewiki „gemeinsame Sache". Kein Wunder also, wenn irgendeiner von diesen Anhängern der „gemeinsamen Sache" dem Organ seiner Kollegen einen „kritischen" Artikel gegen die unversöhnliche „Mehrheit" geschickt hat) Wie soll man jene bürgerliche Klugrederei, die provisorische revolutionäre Regierung habe nicht das Recht, die alten Gesetze aufzuheben und neue Gesetze einzuführen, anders erklären! Riecht denn dies Räsonnement nicht nach flachem Liberalismus? Und ist es nicht seltsam, sie aus dem Munde eines Revolutionärs zu hören? Alles dies erinnert doch an den Fall des zum Tode Verurteilten, dem der Kopf abgeschlagen werden sollte, und der darum bat, einen Pickel an seinem Hals nicht zu berühren, übrigens kann man den „Kritikern" alles verzeihen, die keinen Unterschied machen zwischen der provisorischen revolutionären Regierung und einem gewöhnlichen Ministerkabinett (auch sind sie hieran nicht schuld, ihre Lehrer, die Martynows und Akimows, haben sie dahin gebracht). Was ist ein Ministerkabinett? - Das Resultat des ´Bestehens einer ständigen Regierung. Und was ist eine provisorische revolutionäre Regierung? - Das Resultat der Vernichtung der ständigen Regierung. Das erstere vollzieht die geltenden Gesetze mit Hilfe des stehenden Heeres. Die zweite schafft die geltenden Gesetze ab und legalisiert an ihrer Stelle mit Hilfe des aufständischen Volkes den Willen der Revolution. Was haben beide miteinander gemein?

Nehmen wir an, die Revolution habe triumphiert und das siegreiche Volk habe eine provisorische revolutionäre Regierung gebildet. Es taucht die Frage auf, was diese Regierung tun soll, wenn sie nicht das Recht hat, Gesetze aufzuheben und neue zu erlassen. Auf die Konstituierende Versammlung warten? Aber die Einberufung dieser Versammlung erfordert doch gleichfalls den Erlass neuer Gesetze, z. B. eines allgemeinen, direkten usw. Wahlrechts, der Freiheit des Worts, der Presse, der Versammlungen usw. Alles dies aber gehört zu unserem Minimalprogramm. Und wenn die provisorische revolutionäre Regierung es nicht verwirklichen kann, wovon wird sie sich dann bei der Einberufung der Konstituierenden Versammlung leiten lassen? Etwa von dem Programm, das Bulygin[45] abgefasst und Nikolaus II. gebilligt hat?

Nehmen wir weiter an, das siegreiche Volk, das zahllose Opfer gebracht hat, weil es an Waffen fehlte, verlange von der provisorischen revolutionären Regierung zwecks Bekämpfung der Konterrevolution die Abschaffung des stehenden Heeres und die Bewaffnung des Volkes. Zu dieser Zeit treten die Menschewiki mit der Predigt auf: Abschaffung des stehenden Heeres und Bewaffnung des Volkes seien nicht Sache dieser Behörde (der provisorischen revolutionären Regierung), sondern einer anderen - der Konstituierenden Versammlung -, appelliert an sie, verlangt keine gesetzwidrigen Akte usw.. Schöne Ratgeber, nichts zu sagen!

Sehen wir jetzt zu, mit welcher Begründung die Menschewiki der provisorischen revolutionären Regierung die „Rechtsfähigkeit" absprechen. Erstens mit der Begründung, dass sie keine legislative Institution sei, und zweitens würde dann die Konstituierende Versammlung nichts zu tun haben. Bis zu einer derartigen Schande versteigen sich diese politischen Säuglinge! Sie wissen nicht einmal, wie sich herausstellt, dass eine siegreiche Revolution und ihr Willensverkünder - die provisorische revolutionäre Regierung - bis zur Bildung einer ständigen Regierung die Herren der Lage sind und folglich Gesetze aufheben und neu erlassen können! Wäre dem anders, hätte die provisorische revolutionäre Regierung diese Rechte nicht, so hätte ihre Existenz überhaupt keinen Sinn und das aufständische Volk würde ein solches Organ nicht schaffen. Sonderbar, dass die Menschewiki das Abc der Revolution vergessen haben.

Die Menschewiki fragen: Was soll denn die Konstituierende Versammlung tun, wenn die provisorische revolutionäre Regierung unser Minimalprogramm verwirklicht hat? Ihr befürchtet, Verehrte, das sie dann arbeitslos sein wird. Habt keine Angst, sie wird genug zu tun haben. Sie wird die Veränderungen sanktionieren, die die provisorische revolutionäre Regierung mit Hilfe des aufständischen Volkes vorgenommen haben wird, sie wird eine Staatsverfassung ausarbeiten, von der unser Minimalprogramm nur einen Bestandteil bilden wird. Das werden wir von der Konstituierenden Versammlung verlangen!

„Sie (die Bolschewiki) können sich keine Spaltung zwischen der Kleinbourgeoisie selbst und den Arbeitern vorstellen, eine Spaltung, die sich auch auf die Wahlen auswirkt, und folglich wird die provisorische Regierung die Arbeiterwähler zugunsten ihrer Klasse unterdrücken wollen", schreiben die „Kritiker". Verstehe diese Weisheit, wer da kann! Was heißt das, „die provisorische Regierung wird die Arbeiterwähler zugunsten ihrer Klasse unterdrücken wollen"!!? Von was für einer provisorischen Regierung sprechen sie, mit was für Windmühlen kämpfen diese Don Quichottes? Hat denn etwa irgendjemand gesagt, die Kleinbourgeoisie werde, wenn sie die provisorische revolutionäre Regierung allein beherrscht, dennoch die Interessen der Arbeiter verteidigen? Wozu drängt man seine eigene Denkunfähigkeit anderen auf? Wir sagen, dass zusammen mit den Vertretern der Demokratie unter bestimmten Bedingungen auch die Beteiligung unserer sozialdemokratischen Delegierten an der provisorischen revolutionären Regierung zulässig ist. Ist dies der Fall, handelt es sich um eine provisorische revolutionäre Regierung, der auch Sozialdemokraten angehören, wieso wird sie dann ihrer Zusammensetzung nach kleinbürgerlich sein? Wir dagegen gründen unsere Argumente hinsichtlich einer Beteiligung an der provisorischen revolutionären Regierung auf die Tatsache, dass die Verwirklichung unseres Minimalprogramms den Interessen der Demokratie - der Bauernschaft und der städtischen Kleinbourgeoisie (die ihr Menschewiki in eure Partei einladet) - im wesentlichen nicht widerspricht, und deshalb halten wir es für möglich, es gemeinsam mit ihr durchzuführen. Wenn aber die Demokratie die Durchführung einiger Punkte des Minimalprogramms verhindert, so werden unsere Delegierten, von der Straße her durch ihre Wähler, das Proletariat, unterstützt, sich bemühen, dieses Programm mit Machtmitteln durchzuführen, falls es solche gibt (gibt es diese Machtmittel nicht, so werden wir nicht in die provisorische Regierung eintreten, und man wird uns auch gar nicht in sie hinein wählen). Wie man sieht, muss die Sozialdemokratie in die provisorische revolutionäre Regierung eben zu dem Zweck eintreten, dort die sozialdemokratischen Ansichten zu verteidigen, d.h. es nicht zuzulassen, dass andere Klassen den Interessen des Proletariats Abbruch tun.

Die Vertreter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands in der provisorischen revolutionären Regierung werden nicht dem Proletariat den Kampf ansagen, wie das den Menschewiki infolge ihrer Denkunfähigkeit scheinen mag, sondern gemeinsam mit dem Proletariat den Feinden des Proletariats. Aber was liegt euch, Menschewiki, an alledem, was liegt euch an der Revolution und ihrer provisorischen Regierung! Euer Platz ist dort, in der „Rei[chsduma"]... (Hier bricht das Manuskript ab. Die Red.)

Der erste Abschnitt dieses Artikels wurde in der Zeitung
„Proletariates "Brdsola" [„Der Kampf des Proletariats") Nr. 11
vom 15. August 1905 veröffentlicht.
Der zweite Abschnitt wird hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Artikel ohne "Unterschrift.

Nach der autorisierten russischen Übersetzung
aus dem Georgischen

Zurück zum Inhaltsverzeichnis