"Stalin"

Werke

Band 1

ANTWORT AN DEN „SOZIALDEMOKRAT“[46]

Vor allem muss ich mich beim Leser dafür entschuldigen, dass ich mich mit der Antwort verspätet habe. Nichts zu machen: die Umstände haben mich genötigt, auf einem anderen Gebiet zu arbeiten, und ich war gezwungen, die Antwort eine Zeitlang zu verschieben; ihr wisst selber, dass wir nicht über uns verfügen.

Ich muss noch folgendes bemerken: Für den Verfasser der Broschüre „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei" halten viele das Bundeskomitee, und nicht eine einzelne Person. Ich muss erklären, dass ich der Verfasser dieser Broschüre bin. Das Bundeskomitee hat sie nur redigiert.

Jetzt aber zur Sache.

Der Gegner beschuldigt mich, „den Gegenstand des Streits nicht zu sehen", „die Fragen zu verwischen" (Siehe „Antwort an das Bundeskomitee"[47], S. 4), „strittig" seien „Organisationfragen, und nicht Programmfragen" (S. 2).

Es genügt etwas Beobachtungsgabe, um die Heuchelei in diesen Behauptungen des Autors festzustellen. Die Sache ist die, dass meine Broschüre die Antwort ist auf die erste Nummer des „Sozialdemokrat", die Broschüre war schon in Druck gegeben, als die zweite Nummer des „Sozialdemokrat" erschien. Was sagt der Autor in Nr. l? Nur, dass die „Mehrheit" sich angeblich auf dem Wege des Idealismus befinde und ihr Standpunkt dem Marxismus „von Grund aus widerspricht". Hier wird kein Ton über Organisationsfragen gesagt. Was musste ich antworten? Nur das, was ich geantwortet habe, und zwar: die „Mehrheit" steht auf dem Standpunkt des wahren Marxismus, und wenn die „Minderheit" dies nicht begriffen hat, so bedeutet das, dass sie selbst vom wahren Marxismus abgerückt ist. So wäre jeder vorgegangen, der in der Polemik auch nur ein wenig mit Verstand zu Werke geht. Der Autor aber kommt immer wieder mit der Frage: Warum berührst du die Organisationsfragen nicht? Ich berühre sie deshalb nicht, verehrter Philosoph, weil Sie damals über diese Fragen kein einziges Wort verloren haben. Man kann doch nicht auf Fragen antworten, von denen noch nicht die Rede war. Es ist klar, dass die „Verwischung der Fragen", die „Verschweigung des Streitgegenstands" u. dgl. m. Erfindungen des Autors sind. Im Gegenteil, ich habe Anlass, ihn selbst der Verschweigung einiger Fragen zu verdächtigen. Er sagt, „strittig" seien „Organisationsfragen", während zwischen uns auch taktische Meinungsverschiedenheiten bestehen, die von viel größerer Bedeutung sind als die organisatorischen Meinungsverschiedenheiten. Unser „Kritiker" jedoch hat in seiner Broschüre kein Wort über diese Meinungsverschiedenheiten gesagt. Eben das heißt „Verwischung der Fragen".

Wovon wird in meiner Broschüre gesprochen?

Das moderne gesellschaftliche Leben ist kapitalistisch eingerichtet. Hier existieren zwei große Klassen: die Bourgeoisie und das Proletariat, und zwischen ihnen wird ein Kampf auf Leben und Tod geführt. Die Lebensbedingungen der Bourgeoisie zwingen sie, die kapitalistischen Zustände zu festigen. Die Lebensbedingungen des Proletariats dagegen zwingen es, die kapitalistischen Zustände zu untergraben, sie aus der Welt zu schaffen. Entsprechend diesen beiden Klassen wird auch ein zweifaches Bewusstsein herausgearbeitet: das bürgerliche und das sozialistische. Der Lage des Proletariats entspricht das sozialistische Bewusstsein. Deshalb nimmt das Proletariat dieses Bewusstsein auf, eignet es sich an und bekämpft die kapitalistische Ordnung mit verdoppelter Kraft. Man braucht gar nicht davon zu reden, dass es, wenn es keinen Kapitalismus und keinen Klassenkampf gäbe, auch kein sozialistisches Bewusstsein gäbe. Jetzt aber besteht die Frage darin, wer dieses sozialistische Bewusstsein (d.h. den wissenschaftlichen Sozialismus) herausarbeitet, wer die Möglichkeit hat, es herauszuarbeiten. Kautsky sagt, und ich wiederhole seinen Gedanken, dass die Masse der Proletarier, solange sie Proletarier bleiben, weder die Zeit noch die Möglichkeit hat, das sozialistische Bewusstsein herauszuarbeiten. „Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht" (Siehe den Artikel K. Kautskys, der in „Was tun?", S. 27 [deutsche Neuausgabe S. 72], angeführt ist.), sagt Kautsky. Die Träger der Wissenschaft aber sind Intellektuelle, darunter z. B. Marx, Engels u. a., die sowohl die Zeit als auch die Möglichkeit haben, an die Spitze der Wissenschaft zu treten und das sozialistische Bewusstsein herauszuarbeiten. Es ist klar, dass die Herausarbeitung des sozialistischen Bewusstseins die Sache einiger weniger sozialdemokratischer Intellektueller ist, die hierzu sowohl die Zeit als auch die Möglichkeiten haben.

Welche Bedeutung aber hat das sozialistische Bewusstsein an sich, wenn es nicht im Proletariat Verbreitung findet? Es bleibt eine leere Phrase, und weiter nichts! Eine ganz andere Wendung nimmt die Sache, wenn dieses Bewusstsein im Proletariat Verbreitung findet: das Proletariat wird sich seiner Lage bewusst und strebt mit beschleunigten Schritten zum sozialistischen Leben. Hier tritt nun die Sozialdemokratie auf (und nicht nur sozialdemokratische Intellektuelle), die das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung hineinträgt. Eben dies hat Kautsky im Auge, wenn er sagt: „Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes“. (Ebenda)

Somit wird das sozialistische Bewusstsein von einigen wenigen sozialdemokratischen Intellektuellen herausgearbeitet. In die Arbeiterbewegung hineingetragen aber wird dieses Bewusstsein von der ganzen Sozialdemokratie, die dem spontanen Kampf des Proletariats einen bewussten Charakter verleiht.

Hiervon ist in meiner Broschüre die Rede.

Das ist der Standpunkt des Marxismus und zugleich auch der „Mehrheit".

Was führt mein Gegner hiergegen ins Feld?

Eigentlich nichts Wesentliches. Ihn beschäftigt mehr das Schimpfen als die Klarstellung der Frage. So sehr scheint er böse geworden zu sein! Er wagt es nicht, die Fragen offen zu stellen, er gibt auf sie keine direkte Antwort, sondern sucht, wie ein feiger „Kämpe", dem Gegenstand des Streits auszuweichen, und verkleistert heuchlerisch die klar gestellten Fragen, wobei er überdies allen versichert, er habe mit einem Federstrich alle Fragen geklärt! So stellt z. B. der Autor überhaupt nicht die Frage der Herausarbeitung des sozialistischen Bewusstseins, er kann sich nicht entschließen, direkt zu sagen, wem er sich in dieser Frage anschließt: Kautsky oder den „Ökonomisten". Allerdings hat unser „Kritiker" in Nr. l des „Sozialdemokrat" ziemlich kühne Erklärungen abgegeben, damals sprach er direkt die Sprache der „Ökonomisten". Aber was ist da zu machen? Damals, das war eins, und jetzt ist er in „anderer Stimmung", und anstatt zu kritisieren, umgeht er diese Frage, vielleicht deshalb, weil er sich von seinem Irrtum überzeugt hat, nur kann er sich nicht entschließen, diesen Irrtum offen zuzugeben. Überhaupt ist unser Autor zwischen zwei Feuer geraten. Er kommt mit sich selbst durchaus nicht darüber ins reine, wem er sich anschließen soll. Schließt er sich den „Ökonomisten" an, so muss er mit Kautsky und dem Marxismus brechen, und das ist für ihn nicht vorteilhaft; bricht er dagegen mit dem „Ökonomismus" und schließt sich Kautsky an, so muss er unbedingt unterschreiben, was die „Mehrheit" sagt, - dazu aber fehlt ihm die Courage. So bleibt er also zwischen zwei Feuern sitzen. Was blieb unserem „Kritiker" auch zu tun übrig? Hier schweigt man besser, entschied er, und wirklich umgeht er feige die oben gestellte Frage.

Was sagt der Autor von der Hineintragung des Bewusstseins?

Auch hier zeigt er die gleiche Schwankung und Feigheit. Er schiebt eine andere Frage unter und erklärt mit großem Aplomb, Kautsky sage überhaupt nicht, dass „die Intelligenz den Sozialismus von außen in die Arbeiterklasse hineinträgt" (S. 7).

Sehr wohl, aber auch wir Bolschewiki haben das ja nicht gesagt, mein Herr „Kritiker", weswegen mussten Sie gegen Windmühlen kämpfen? Wieso können Sie nicht begreifen, dass unserer Meinung nach, der Meinung der Bolschewiki nach, das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung von der Sozialdemokratie hineingetragen wird (Siehe „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei", S. 18 (Siehe vorliegenden Band. Die Red.)), und nicht nur von sozialdemokratischen Intellektuellen? Weshalb glauben Sie, dass es nur Intellektuelle in der sozialdemokratischen Partei gibt? Wissen Sie denn etwa nicht, dass es in den Reihen der Sozialdemokratie bedeutend mehr fortgeschrittene Arbeiter gibt als Intellektuelle? Können denn etwa die sozialdemokratischen Arbeiter nicht das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung hineintragen?

Der Autor fühlt offenbar selbst, dass dieser sein „Beweis" nicht überzeugend ist, und geht zu einem anderen „Beweis" über.

„Kautsky schreibt", fährt unser „Kritiker" fort: „So entstehen naturnotwendig zugleich mit dem Proletariat sozialistische Tendenzen bei den Proletariern selbst wie bei jenen, die sich auf den Standpunkt des Proletariats stellen... Das erklärt ... das Aufkommen der sozialistischen ´Bestrebungen.´ Daher ist es klar", so kommentiert unser „Kritiker", „dass der Sozialismus nicht von außen in das Proletariat hineingetragen wird, sondern im Gegenteil aus dem Proletariat hervorgeht und in die Köpfe derjenigen eingeht, die sich die Anschauungen des Proletariats zu eigen machen." („Antwort an das Bundeskomitee", S. 8.)

So schreibt unser „Kritiker" und bildet sich ein, er habe die Frage geklärt! Was bedeuten Kautskys Worte? Nur dies, dass sozialistische ´Bestrebungen im Proletariat von selbst entstehen. Und das ist natürlich richtig. Wir aber streiten ja nicht über sozialistische Bestrebungen, sondern über das sozialistische ´Bewusstsein! Was gibt es Gemeinsames zwischen diesem und jenen? Sind etwa Bestrebungen und Bewusstsein ein und dasselbe? Sollte der Autor nicht die „sozialistische Tendenz" von dem „sozialistischen Bewusstsein" unterscheiden können? Und ist es etwa keine Geistesarmut, wenn er aus Kautskys Worten schließt, dass der „Sozialismus nicht von außen hineingetragen" werde? Was gibt es Gemeinsames zwischen der „Entstehung der sozialistischen Tendenz" und der Hineintragung des sozialistischen Bewusstseins? Sagt denn nicht der gleiche Kautsky, dass „das sozialistische Bewusstsein etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes" ist (siehe „Was tun?", S. 27 [deutsche Neuausgabe S. 72])?

Der Autor fühlt offenbar, dass er in eine schiefe Lage geraten ist, und muss zum Schluss hinzufügen: „Aus Kautskys Zitat geht wirklich hervor, dass das sozialistische Bewusstsein in den Klassenkampf von außen hineingetragen wird" (siehe „Antwort an das Bundeskomitee", S. 7). Aber er kann sich dennoch nicht entschließen, diese wissenschaftliche Wahrheit direkt und mutig zuzugeben. Unser Menschewik zeigt auch hier die gleiche Schwankung und Feigheit gegenüber der Logik wie früher.

Eine solche zweideutige „Antwort" gibt der Herr „Kritiker" auf die beiden Hauptfragen.

Was aber kann man über die übrigen kleinen Fragen sagen, die sich aus diesen großen Fragen von selbst ergeben? Es wird am besten sein, wenn der Leser selbst meine Broschüre mit der Broschüre unseres Autors vergleicht. Nur eine Frage muss noch berührt werden. Wollte man dem Autor glauben, so ergäbe sich, dass unserer Meinung nach „die Spaltung erfolgte, weil der Parteitag ... Axelrod, Sassulitsch und Starowjer nicht zu Redakteuren gewählt hat..." („Antwort", S. 13), dass wir damit die „Spaltung leugnen, ihre prinzipielle Tiefe verbergen und die ganze Opposition hinstellen als eine Angelegenheit von drei ‚rebellierenden’ Redakteuren" (siehe ebenda S. 16).

Hier verwirrt der Autor die Frage abermals. Die Sache ist die, dass hier zwei Fragen aufgeworfen werden: die Ursache der Spaltung und die Erscheinungsform der Meinungsverschiedenheiten.

Auf die erste Frage erwidere ich direkt: „Jetzt ist es klar, auf welchem Boden die Meinungsverschiedenheiten in der Partei entstanden sind. Wie man sieht, sind in unserer Partei zwei Tendenzen zum Vorschein gekommen: die Tendenz der proletarischen Standhaftigkeit und die Tendenz der intelligenzlerischen Wankelmütigkeit. Zum Ausdruck gebracht wird diese intelligenzlerische Wankelmütigkeit eben durch die jetzige Minderheit´" (siehe „Kurze Darlegung", S.46) (Siehe vorliegender Band) Wie man sieht, erkläre ich hier die Meinungsverschiedenheiten mit dem Vorhandensein einer intelligenzlerischen und proletarischen Tendenz in unserer Partei, nicht aber mit der Haltung Martows und Axelrods. Die Haltung Martows und der anderen ist nur ein Ausdruck der intelligenzlerischen Wankelmütigkeit. Unser Menschewik aber hat diese Stelle in meiner Broschüre offenbar nicht begriffen.

Was die zweite Frage anbelangt, so habe ich wirklich gesagt und werde stets sagen, dass die Führer der „Minderheit" Tränen vergossen haben wegen der „ersten Sitze" und dass sie dem Parteikampf gerade diese Form verliehen haben. Unser Autor will das nicht zugeben. Es ist jedoch Tatsache, dass die Führer der „Minderheit" der Partei den Boykott erklärt haben, dass sie offen Sitze im Zentralkomitee, im Zentralorgan, im Parteirat gefordert und überdies erklärt haben: „Wir stellen diese Bedingungen, die allein der Partei die Möglichkeit sichern, einen Konflikt zu vermeiden, der die ganze Existenz der Partei bedroht" (siehe „Kommentar", S. 26). Was heißt dies anders, als dass die Führer der „Minderheit" nicht den ideologischen Kampf, sondern einen „Kampf um der Sitze willen" auf ihre Fahnen geschrieben haben? Bekanntlich hat niemand sie gehindert, einen Kampf um Ideen und Prinzipien zu führen. Haben ihnen etwa die Bolschewiki nicht gesagt: Schafft ein besonderes Organ und verteidigt eure Ansichten, die Partei kann euch ein solches Organ zur Verfügung stellen (siehe „Kommentar")? Warum haben sie sich nicht einverstanden erklärt, wenn sie wirklich Prinzipien, und nicht die „ersten Sitze" interessierten?

Alles dies heißt bei uns politische Charakterlosigkeit der menschewistischen Führer. Seid nicht beleidigt, meine Herrschaften, wenn wir die Dinge bei ihrem Namen nennen.

Die Führer der „Minderheit" waren früher mit dem Marxismus und mit Lenin einverstanden in der Frage, dass das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterbewegung von außen hineingetragen wird. (Siehe den Programmartikel der „Iskra" Nr. 1.) Danach aber begannen sie zu schwanken und eröffneten einen Kampf gegen Lenin , verbrannten, was sie gestern angebetet hatten. Ich nannte dies: sich von einer Seite auf die andere werfen. Seid auch deswegen nicht beleidigt, ihr Herren Menschewiki!

Gestern noch habt ihr die Zentren angebetet und gegen uns Blitz und Donner geschleudert - weshalb habt ihr, hieß es, dem Zentralkomitee das Misstrauen ausgesprochen. Heute aber untergrabt ihr nicht nur die Zentren, sondern auch den Zentralismus (siehe die „Erste allrussische Konferenz"). Ich nenne das Prinzipienlosigkeit und hoffe, dass ihr, Herren Menschewiki, auch hierfür mir nicht zürnen werdet.

Nimmt man solche Züge zusammen, wie politische Charakterlosigkeit, Kampf um der Sitze willen, Unstandhaftigkeit, Prinzipienlosigkeit und andere derartige Eigenschaften, so erhalten wir eine gewisse allgemeine Eigenschaft - intelligenzlerische Wankelmütigkeit, an der vor allem Intellektuelle leiden. Es ist klar, dass intelligenzlerische Wankelmütigkeit der Boden (die Basis) ist, auf der der „Kampf um der Sitze willen", „Prinzipienlosigkeit"´ und dergleichen mehr entsteht. Die Unstandhaftigkeit der Intellektuellen aber ist bedingt durch ihre gesellschaftliche Lage. So erklären wir die Parteispaltung. Haben Sie, unser Autor, endlich begriffen, was für ein Unterschied besteht zwischen der Ursache der Spaltung und ihren Formen? Ich bezweifle das.

Einen solchen unsinnigen und zweideutigen Standpunkt also nehmen der „Sozialdemokrat" und sein sonderbarer „Kritiker" ein. Dafür zeigt dieser „Kritiker´´ großen Eifer auf einem anderen Gebiet. In seiner acht Bogen starken Broschüre hat dieser Autor es fertig gebracht, achtmal über die Bolschewiki zu lügen, und dazu noch so, dass es einfach zum Lachen ist. Ihr glaubt es nicht? Hier die Tatsachen.

Die erste Lüge. Nach der Meinung des Autors „will Lenin die Partei einengen, sie zu einer engen Organisation von Berufsrevolutionären machen" (S. 2). Lenin aber sagt: „Man darf nicht glauben, dass die Parteiorganisationen nur aus Berufsrevolutionären bestehen sollen. Wir brauchen die mannigfaltigsten Organisationen aller Arten, Ränge und Schattierungen, von außerordentlich engen und konspirativen bis zu sehr breiten und losen" („Protokoll", S. 240).

Die zweite Lüge. Nach den Worten des Autors will Lenin „nur Komiteemitglieder in die Partei aufnehmen" (S. 2). Lenin aber sagt: „Alle Gruppen, Zirkel Unterkomitees usw. müssen als Komiteeinstitutionen oder Filialen des Komitees behandelt werden. Die einen von ihnen werden direkt den Wunsch äußern, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands beizutreten, und, die Bestätigung durch das Komitee vorausgesetzt, aufgenommen werden". (siehe „Brief an einen Genossen", S. l7) (Wie man sieht, können, nach Lenin s Meinung, Organisationen nicht nur durch das Zentralkomitee, sondern auch durch Ortskomitees in die Partei aufgenommen werden.)[48]

Die dritte Lüge. Nach der Meinung des Autors „verlangt Lenin die Aufrichtung der Herrschaft der Intellektuellen in der Partei" (S. 5). Lenin aber sagt: „Dem Komitee müssen... nach Möglichkeit alle bedeutenden Führer der Arbeiterbewegung aus der Mitte der Arbeiterschaft selbst angehören" (siehe „Brief an einen Genossen", S. 7-8); d. h. nicht nur in allen anderen Organisationen, sondern auch im Komitee müssen die Stimmen der fortgeschrittenen Arbeiter überwiegen.

Die vierte Lüge. Der Autor sagt, dass das auf S. 12 meiner Broschüre angeführte Zitat: „Die Arbeiterklasse neigt spontan zum Sozialismus hin" usw. „voll und ganz aus der Luft gegriffen" sei (S. 6). Indes habe ich diese Stelle einfach aus „Was tun?" entnommen und übersetzt. Hören wir, was dort auf S. 29 gesagt wird: „Die Arbeiterklasse fühlt sich spontan zum Sozialismus hingezogen, aber die am weitesten verbreitete (und in den mannigfaltigsten Formen ständig wiederauferstehende) bürgerliche Ideologie drängt sich trotzdem spontan dem Arbeiter am meisten auf." Eben diese Stelle hatte ich auf S. 12 meiner Broschüre übersetzt. Das nennt nun unser „Kritiker“ ein aus der Luft gegriffenes Zitat! Ich weiß nicht, worauf das zurückzuführen ist, auf die Zerstreutheit des Autors oder auf seine Scharlatanerie.

Die fünfte Lüge. Nach der Meinung des Autors „sagt Lenin nirgends, dass die Arbeiter mit Naturnotwendigkeit´ zum Sozialismus schreiten" (S. 7). Lenin aber sagt, dass „die Arbeiterklasse sich spontan zum Sozialismus hingezogen fühlt" („Was tun?", S. 29 [deutsche Neuausgabe S. 75, Fußnote).

Die sechste Lüge. Der Autor schreibt mir den Gedanken zu, meiner Meinung nach werde, der Sozialismus von außen her durch die Intelligenz in die Arbeiteiterklasse hineingetragen" (S. 7). Während ich sage, dass die Sozialdemokratie (und nicht nur sozialdemokratische Intellektuelle) in die Bewegung sozialistisches Bewusstsein hineintrage (S. 18).

Die siebte Lüge. Nach der Meinung des Autors sagt Lenin , die sozialistische Ideologie sei „ganz unabhängig von der Arbeiterbewegung" entstanden (S. 9). Lenin aber ist ein solcher Gedanke zweifellos gar nicht in den Kopf gekommenen. Er sagt, dass die sozialistische Ideologie „ganz unabhängig von dem spontanen Anwachsen der Arbeiterbewegung" entstanden ist (Was tun?", S. 21 [deutsche Neuausgabe S. 63]).

Die achte Lüge. Der Autor sagt, dass meine Worte, wonach „Plechanow die ‚Minderheit’ verlässt, - Klatscherei" seien. Indes haben sich meine Worte bestätigt. Plechanow hat die „Minderheit" bereits verlassen. (Und dieser Autor erdreistet sich, uns in Nr. 5 des „Sozialdemokrat" vorzuwerfen, wir entstellen die Tatsachen, die den III. Parteitag betreffen)

Ich erwähne gar nicht erst die kleinen Lügen, mit denen der Autor seine Broschüre so freigebig gewürzt hat.

Aber eine einzige Wahrheit hat der Autor, wie man zugeben muss, dennoch gesagt. Er sagt uns: „Wenn irgendeine Organisation sich mit Klatschereien zu befassen beginnt, so sind ihre Tage gezählt" (S. 15). Das ist selbstverständlich die reinste Wahrheit. Die Frage ist bloß die, wer klatscht: der „Sozialdemokrat" samt seinem seltsamen Ritter oder das Bundeskomitee? Darüber wird der Leser urteilen.

Noch eine Frage, und wir sind am Ende. Der Autor erklärt mit größter Wichtigkeit: „Das Bundeskomitee wirft uns vor, dass wir Plechanows Gedanken wiederholen. Wir halten es für einen Vorzug, Plechanow, Kautsky und andere so bekannte Marxisten zu wiederholen" (S. 15). Ihr haltet es also für einen Vorzug, Plechanow und Kautsky zu wiederholen. Sehr wohl, meine Herrschaften. So hört denn:

Kautsky sagt: „Das sozialistische Bewusstsein ist... etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes" (siehe das Kautskyzitat in „Was tun?", S. 27 [deutsche Neuausgabe S. 72]). Der gleiche Kautsky sagt, „dass es zu den Aufgaben der Sozialdemokratie gehöre, das Proletariat mit dem Bewusstsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen" (siehe ebenda). Wir hoffen, dass Sie, mein Herr Menschewik, diese Worte Kautskys wiederholen und unsere Zweifel zerstreuen werden.

Gehen wir zu Plechanow über. Plechanow sagt: „...Ich verstehe ferner nicht, weshalb man glaubt, dass das Projekt Lenin s (Es handelt sich um die Formulierung von § l des Parteistatuts durch Lenin und Martow), einmal angenommen, die Tore unserer Partei vielen Arbeitern verschließen würde. Die Arbeiter, die in die Partei eintreten wollen, werden sich nicht fürchten, einer Organisation beizutreten. Sie haben keine Angst vor der Disziplin. Ihr beizutreten werden sich viele Intellektuelle fürchten, die durch und durch von bürgerlichem Individualismus durchdrungen sind. Aber das ist gerade gut. Diese bürgerlichen Individualisten sind gewöhnlich auch Vertreter des Opportunismus jeder Art. Wir müssen sie von uns fernhalten. Lenin s Projekt kann als ein Bollwerk gegen ihren Einbruch in die Partei dienen, und schon allein deswegen müssen alle Gegner des Opportunismus für dies Projekt stimmen." (Sieh das .Protokoll", S. 246.)

Wir hoffen, dass Sie, mein Herr „Kritiker", die Maske abwerfen und mit proletarischer Geradheit diese Worte Plechanows wiederholen werden.

Tun Sie dies nicht, so wird dies bedeuten, dass Ihre Erklärungen in der Presse unüberlegt und verantwortungslos sind.

„Proletariatis Brdsola"
(„Der Kampf des Proletariats") Nr. 11,
15. August 1905.
Artikel ohne Unterschrift.
Nach der autorisierten russischen Übersetzung
aus dem Georgischen.

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