"Stalin"

Werke

Band 1

DIE REAKTION VERSTÄRKT SICH

Schwarze Wolken ballen sich über uns zusammen. Die morsche Selbstherrschaft erhebt das Haupt und waffnet sich „mit Feuer und Schwert". Die Reaktion marschiert! Man spreche uns nicht von den zaristischen „Reformen", die berufen sind, die niederträchtige Selbstherrschaft zu festigen: die „Reformen" sind eine Maskierung der nämlichen Kugeln und Peitschen, mit denen uns die vertierte Zarenregierung so freigebig bewirtet.

Es gab eine Zeit, wo die Regierung von Blutvergießen innerhalb des Landes absah. Damals führte sie Krieg gegen den „äußeren Feind" und brauchte „innere Ruhe". Deshalb übte sie auch in gewissem Maße „Nachsicht" gegenüber den „inneren Feinden" und sah der um sich greifenden Bewegung „durch die Finger".

Jetzt sind andere Zeiten gekommen. Durch das Gespenst der Revolution erschreckt, hat sich die Zarenregierung beeilt, mit dem „äußeren Feind", mit Japan, Frieden zu schließen, um Kräfte zu sammeln und mit dem „inneren Feind" „gründlich" abzurechnen. Und nun begann die Reaktion. Schon früher deckte sie in den „Moskowskije Wjedomosti"[49] ihre „Pläne" auf. Die Regierung ... „musste nebeneinander zwei Kriege führen...", schrieb diese reaktionäre Zeitung, „einen äußeren Krieg und einen inneren Krieg. Wenn sie beide nicht mit der genügenden Energie geführt hat..., so lässt sich dies teilweise dadurch erklären, dass der eine Krieg den anderen behinderte... Wenn jetzt der Krieg im Fernen Osten aufhört...", so erhalte die Regierung „...endlich freie Hand, um auch den inneren Krieg siegreich zu beendigen ... und ohne alle Verhandlungen ... die inneren Feinde ... niederzuschlagen..." „Mit der Beendigung des Krieges wird die ganze Aufmerksamkeit Rußlands (lies: der Regierung) auf sein inneres Leben, und zwar hauptsächlich auf die Unterdrückung der Wirren konzentriert werden“ (Siehe „Moskowskije Wjedomosti" vom 18. August.)

Das also waren die „Pläne" der Zarenregierung beim Abschluss des Friedens mit Japan.

Später, nach dem Friedensschluss, wiederholte sie die gleichen „Pläne" durch den Mund ihres Ministers, der da sagte: „Wir werden die extremen Parteien Rußlands in Blut ertränken." Vermittels ihrer Statthalter und Generalgouverneure setzt sie die erwähnten „Pläne" bereits in die Tat um: nicht umsonst hat sie Rußland in ein Heerlager verwandelt, nicht umsonst hat sie die Zentren der Bewegung mit Kosaken und Soldaten überschwemmt und die Maschinengewehre gegen das Proletariat gerichtet - man könnte meinen, dass die Regierung sich anschicke, das unermessliche Rußland ein zweites Mal zu erobern!

Wie man sieht, erklärt die Regierung der Revolution den Krieg, und die ersten Schläge richtet sie gegen ihren Vortrupp - das Proletariat. So sind ihre Drohungen an die Adresse der „extremen Parteien" zu verstehen. Natürlich wird sie auch die Bauernschaft nicht „zu kurz kommen lassen" und sie freigebig mit Peitschen und Kugeln bewirten - wenn sie sich als „ungenügend vernünftig" erweisen und ein menschliches Leben fordern wird -, vorläufig aber bemüht sich die Regierung, sie zu betrügen: sie verspricht ihr Grund und Boden und lädt sie in die Duma ein, wobei sie für die Zukunft „alle möglichen Freiheiten" ausmalt.

Was das „solidere Publikum" anbelangt, so wird die Regierung mit ihm natürlich „etwas delikater" umgehen und sich bemühen, ein Bündnis mit ihm zu schließen: denn dazu existiert doch eigentlich die Reichsduma. Man braucht gar nicht davon zu reden, dass die Herren liberalen Bourgeois „Abmachungen" nicht ablehnen werden. Schon am 5. August erklärten sie durch den Mund ihres Führers, sie seien entzückt über die zaristischen Reformen: „...es müssen alle Anstrengungen aufgeboten werden, damit Rußland ... nicht den revolutionären Weg Frankreichs beschreitet" (siehe die „Russkije Wjedomosti"[50] vom 5. August, Artikel Winogradows). Man braucht gar nicht davon zu reden, dass die tückischen Liberalen eher die Revolution verraten werden als Nikolaus II. Das hat ihr letzter Kongress zur Genüge gezeigt...

Kurzum, die Zarenregierung bietet alle Kräfte auf, um die Volksrevolution zu unterdrücken.

Kugeln für das Proletariat, verlogene Versprechungen für die Bauernschaft und „Rechte" für die Großbourgeoisie - mit solchen Mitteln bewaffnet sich die Reaktion.

Entweder den Tod - oder die Niederwerfung der Revolution - das ist heute die Losung der Selbstherrschaft.

Auf der anderen Seite schlummern auch die Kräfte der Revolution nicht, sondern setzen ihr großes Werk fort. Die durch den Krieg verschärfte Krise und die häufiger gewordenen politischen Streiks haben das ganze Proletariat Rußlands aufgerüttelt und es der zaristischen Selbstherrschaft von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt. Der Ausnahmezustand hat das Proletariat nicht nur nicht eingeschüchtert - im Gegenteil, er hat Öl ins Feuer gegossen und die Situation noch mehr verschlimmert. Wer die zahllosen Rufe der Proletarier: „Nieder mit der Zarenregierung, nieder mit der zaristischen Duma!" gehört hat, wer aufmerksam auf den Pulsschlag der Arbeiterklasse gelauscht hat, für den kann es keinen Zweifel geben, dass der revolutionäre Geist des Proletariats, als des Führers der Revolution, einen immer größeren Aufschwung nehmen wird. Was nun die Bauern anbelangt, so haben schon die Einziehungen für den Krieg sie gegen die bestehende Ordnung aufgebracht, die nämlichen Einziehungen, die ihre Heimstätten zerstört und der Familie die besten Arbeitskräfte geraubt haben. Zieht man nun noch in Betracht, dass hierzu die Hungersnot kommt, die 26 Gouvernements ergriffen hat, so wird es nicht schwer sein zu begreifen, welchen Weg die hart geprüfte Bauernschaft einschlagen muss. Schließlich beginnen auch die Soldaten zu murren, und dieses Murren nimmt mit jedem Tage einen für die Selbstherrschaft bedrohlicheren Charakter an. Die Kosaken, diese Stütze der Selbstherrschaft, beginnen bei den Soldaten Hass hervorzurufen: kürzlich haben Soldaten in Nowaja Alexandria 300 Kosaken zusammengeschlagen. (Siehe „Proletari"[51] Nr. 17.) Derartige Tatsachen mehren sich allmählich...

Kurzum, das Leben bereitet eine neue revolutionäre Woge vor, die allmählich anwächst und sich gegen die Reaktion richtet. Die letzten Ereignisse in Moskau und Petersburg sind die Vorboten dieser Woge.

Wie müssen wir uns diesen Ereignissen gegenüber verhalten, was müssen wir Sozialdemokraten tun?

Wollte man auf den Menschewik Martow hören, so müssen wir gleich heute eine Konstituierende Versammlung wählen, um die Grundlagen der Selbstherrschaft für immer zu untergraben. Seiner Meinung nach müssen gleichzeitig mit den legalen Dumawahlen auch noch illegale Wahlen durchgeführt werden. Es sollen Wahlkomitees gebildet werden, die die Bevölkerung aufrufen, „durch allgemeine Stimmabgabe ihre Vertreter zu wählen. Diese Vertreter sollen zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Stadt zusammenkommen und sich als Konstituierende Versammlung erklären..." So „muss die Liquidierung der Selbstherrschaft erfolgen" (Siehe „Proletari" Nr. 15, wo Martows „Plan" mitgeteilt wird.) Mit anderen Worten, obgleich die Selbstherrschaft noch am Leben ist, können wir dennoch in ganz Rußland allgemeine Wahlen durchführen! Obgleich die Selbstherrschaft wütet, können „illegale" Vertreter des Volkes sich dennoch als Konstituierende Versammlung erklären und die demokratische Republik errichten! Es bedarf, wie sich herausstellt, keiner Bewaffnung, keines Aufstands, keiner provisorischen Regierung - die demokratische Republik wird von selbst kommen, es ist nur notwendig, dass die „illegalen" Vertreter sich als Konstituierende Versammlung bezeichnen! Der biedere Martow hat nur vergessen, dass diese sagenhafte „Konstituierende Versammlung" sich eines schönen Tages in der Peter-Pauls-Festung wieder finden wird! Der Genfer Martow begreift nicht, dass die Praktiker in Rußland nicht die Muße haben, sich mit bürgerlichem Tändelspiel zu befassen.

Nein, wir wollen etwas anderes tun.

Die schwarze Reaktion sammelt die finsteren Kräfte und bemüht sich mit aller Macht, sie zu vereinigen - unsere Aufgabe ist es, die sozialdemokratischen Kräfte zu sammeln und sie fester zusammenzuschließen.

Die schwarze Reaktion beruft die Duma ein, sie will neue Bundesgenossen gewinnen und die Armee der Konterrevolution vergrößern - unsere Aufgabe ist es, der Duma den aktiven Boykott zu erklären, der ganzen Welt ihr konterrevolutionäres Gesicht zu zeigen und die Reihen der Anhänger der Revolution zu mehren.

Die schwarze Reaktion geht zum tödlichen Angriff gegen die Revolution vor, sie will Verwirrung in unsere Reihen tragen und der Volksrevolution das Grab graben - unsere Aufgabe ist es, die Reihen zu schließen, an allen Orten zum gleichzeitigen Angriff gegen die Selbstherrschaft des Zaren vorzugehen und die Erinnerung an sie für immer auszulöschen.

Nicht Martows Kartenhaus, sondern den allgemeinen Aufstand - das ist es, was wir brauchen.

Die Rettung des Volkes liegt im siegreichen Aufstand des Volkes selber.

Entweder den Tod - oder den Sieg der Revolution - das muss heute unsere revolutionäre Losung sein.

„Proletariatis Brdsola"
(„Der Kampf des Proletariats") Nr. 12,
15. Oktober 1905.
Artikel ohne Unterschrift.
Nach der autorisierten russischen Übersetzung
aus dem Georgischen.

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