"Stalin"

Werke

Band 1

DIE BOURGEOISIE STELLT EINE FALLE

Mitte September hat ein Kongress von „Semstwo- und Stadtmännern" stattgefunden. Auf diesem Kongress wurde eine neue „Partei"[52] gegründet, an deren Spitze ein Zentralkomitee steht und die in verschiedenen Städten örtliche Organe hat. Der Kongress hat ein „Programm" angenommen, die „Taktik" festgelegt und einen besonderen Aufruf ausgearbeitet, mit dem sich die soeben aus dem Ei gekrochene „Partei" an das Volk wenden soll. Kurzum, die „Semstwo- und Stadtmänner" haben ihre eigene „Partei" gegründet.

Was sind das für „Männer", wie nennen sie sich?

Liberale Bourgeois.

Was sind das, liberale Bourgeois?

Bewusste Vertreter der vermögenden Bourgeoisie.

Die vermögende Bourgeoisie ist unser unversöhnlicher Feind, ihr Reichtum beruht auf unserer Armut, ihre Freude auf unserem Leid. Es ist klar, dass ihre bewussten Vertreter unsere geschworenen Feinde sein und versuchen werden, uns bewusst zu zerschlagen.

Also hat sich eine „Partei" von Volksfeinden gebildet, die beabsichtigt, sich mit ihrem Aufruf an das Volk zu wenden.

Was wollen diese Herrschaften, wofür treten sie in ihrem Aufruf ein?

Sie sind keine Sozialisten, sie hassen die sozialistische Bewegung. Dies bedeutet, dass sie die bürgerlichen Zustände festigen und einen Kampf auf Leben und Tod gegen das Proletariat führen. Das ist der Grund, weshalb sie in den bürgerlichen Kreisen große Sympathien genießen.

Sie sind auch keine Demokraten, sie hassen die demokratische Republik. Dies bedeutet, dass sie den Zarenthron festigen und einen wütenden Kampf auch gegen die hart geprüfte Bauernschaft führen. Das ist der Grund, weshalb Nikolaus II. „geruht hat", ihre Versammlungen zu bewilligen, und ihnen gestattet hat, einen „Parteitag" einzuberufen.
Sie wollen die Rechte des Zaren nur ein wenig beschneiden, und auch das nur unter der Bedingung, dass diese Rechte in die Hände der Bourgeoisie übergehen. Der Zarismus aber muss ihrer Meinung nach unbedingt bestehen bleiben als das zuverlässige Bollwerk der vermögenden Bourgeoisie, das sie gegen das Proletariat ausnutzt. Deshalb sagen sie in ihrem „Verfassungsprojekt", dass „der Thron der Romanows unangetastet bleiben muss", d. h. sie wollen eine gestutzte Verfassung mit einer beschränkten Monarchie.

Die Herren liberalen Bourgeois „haben nichts dagegen", wenn auch dem Volke die Wahlrechte gegeben werden, aber nur unter der Bedingung, dass über der Kammer der Volksvertreter eine Kammer der Reichen thront, die sich unbedingt bemühen wird, die Beschlüsse der Kammer der Volksvertreter zu korrigieren und aufzuheben. Deshalb eben sagen sie in ihrem Programm: „Wir brauchen zwei Kammern."

Die Herren liberalen Bourgeois werden „sehr froh" sein, wenn die Freiheit des Wortes, der Presse und der Koalitionen verliehen wird, möge nur die Freiheit der Streiks beschränkt sein. Das ist der Grund, weshalb sie sich in Phrasen ergehen über „Menschen- und Bürgerrechte", während sie von der Streikfreiheit nichts Bestimmtes sagen, es sei denn, dass sie pharisäische Worte über irgendwelche „ökonomischen Reformen" stammeln.

Diese sonderbaren Herrschaften übergehen mit ihrer Mildtätigkeit auch die Bauernschaft nicht, - sie „haben nichts gegen" den Übergang der Gutsbesitzerländereien an die Bauern, aber unter der Bedingung, dass die Bauern diese Ländereien von den Gutsbesitzern loskaufen, nicht aber „umsonst erhalten". Da sieht man, wie gütig doch diese Jammer-„männer" sind!

Wenn sie die Erfüllung aller dieser Wünsche erleben, so werden sich die Rechte des Zaren schließlich in den Händen der Bourgeoisie befinden und die Selbstherrschaft des Zaren wird allmählich zu einer Selbstherrschaft der Bourgeoisie werden. Dahin zerren uns die „Semstwo- und Stadtvertreter ".Eben aus diesem Grunde schreckt sie die Volksrevolution sogar im Schlafe und sprechen sie so viel von einer „Befriedung Rußlands".

Es ist hiernach kein Wunder, dass diese Unglücks„männer" große Hoffnungen auf die so genannte Reichsduma setzten. Bekanntlich ist die zaristische Duma die Negation der Volksrevolution, und dies ist für unsere liberalen Bourgeois sehr vorteilhaft. Bekanntlich räumt die zaristische Duma der vermögenden Bourgeoisie „ein gewisses" Wirkungsfeld ein, und dies haben unsere liberalen Bourgeois so nötig. Das ist der Grund, weshalb ihr ganzes „Programm", ihre ganze Tätigkeit auf die Existenz der Duma berechnet ist, - mit dem Scheitern der Duma stürzen unvermeidlich auch alle ihre „Pläne" zusammen. Eben deshalb schreckt sie der Boykott der Duma, eben deshalb raten sie uns, in die Duma zu gehen. „Es wäre ein großer Fehler, wenn wir uns an der zaristischen Duma nicht beteiligten", erklären sie durch den Mund ihres Führers Jakuschkin. Und in der Tat wäre dies ein „großer Fehler", aber für wen: für das Volk oder für seine Feinde? - das ist die Frage.

Welches ist die Bestimmung der zaristischen Duma, was sagen darüber die „Semstwo- und Stadtmänner"?

,„...Die erste und wichtigste Aufgabe der Duma ist die Umgestaltung der Duma selbst...", erklären sie in ihrem Aufruf. „Die Wähler müssen es den Wahlmännern zur Pflicht machen, solche Kandidaten zu wählen, die vor allem die Duma umgestalten wollen", sagen sie an der gleichen Stelle.

Worin aber besteht diese „Umgestaltung"? Darin, dass die Duma eine „entscheidende Stimme bei der Ausarbeitung von Gesetzen ... und bei der Erörterung der Staatseinnahmen und -ausgaben ... sowie das Recht der Kontrolle über die Tätigkeit der Minister" haben soll. Vor allem also sollen die Wahlmänner die Erweiterung der Dumarechte verlangen. Das also bedeutet die „Umgestaltung" der Duma. Wer wird in die Duma gelangen? Zum größten Teil die Großbourgeoisie. Es ist klar, dass die Erweiterung der Dumarechte die politische Stärkung der Großbourgeoisie bedeutet. Und da raten nun die „Semstwo- und Stadtmänner" dem Volk, liberale Bourgeois in die Duma zu wählen und sie vor allem zu beauftragen, an der Stärkung der Großbourgeoisie mitzuwirken! Vor allem und in erster Linie sollen wir also dafür sorgen, dass wir mit unseren eigenen Händen unsere Feinde stärken, - das raten uns heute die Herren liberalen Bourgeois. Ein sehr „freundschaftlicher" Ratschlag, nichts zu sagen! Und die Rechte des Volkes, wer wird denn für sie sorgen? Oh, man zweifle ja nicht, die Herren liberalen Bourgeois werden das Volk nicht vergessen. Sie versichern, sie würden, sobald sie in die Duma kommen, sobald sie sich in ihr festsetzen, auch fürs Volk Rechte verlangen. Und mit einem solchen Pharisäertum hoffen die „Semstwo- und Stadtmänner" ihren Zweck zu erreichen... Deshalb also raten sie uns, vor allem die Rechte der Duma zu erweitern...
Bebel sagte: Was uns der Feind rät, das ist für uns schädlich. Der Feind rät uns: beteiligt euch an der Duma, - es ist klar, dass die Teilnahme an der Duma für uns schädlich ist. Der Feind rät: erweitert die Rechte der Duma, - es ist klar, dass die Erweiterung der Rechte der Duma für uns schädlich ist. Das Vertrauen zur Duma untergraben und sie in den Augen des Volkes diskreditieren, - das ist es, was wir tun müssen. Keine Erweiterung der Dumarechte, sondern Erweiterung der Volksrechte, - das ist es, was wir brauchen. Und wenn derselbe Feind uns gleichzeitig süßliche Reden hält und uns irgendwelche „Rechte" verheißt, - so bedeutet dies, dass er uns eine Falle stellt und mit unseren eigenen Händen eine Zwingburg für sich errichten will. Etwas Besseres können wir von liberalen Bourgeois ja auch gar nicht erwarten.

Was aber soll man von einigen „Sozialdemokraten" sagen, die uns die Taktik der liberalen Bourgeoisie predigen? Was soll man von der kaukasischen „Minderheit" sagen, die wortwörtlich die tückischen Ratschläge unserer Feinde wiederholt? Da sagt z. B. die kaukasische „Minderheit" : „Wir erachten es für notwendig, uns an der Reichsduma zu beteiligen" (siehe „Zweite Konferenz", S. 7). Ganz genau so, wie es die Herren liberalen Bourgeois „für notwendig erachten".

Die gleiche „Minderheit" rät uns: „Wenn dieBulyginkommission... das Recht der Deputiertenwahl nur den ´Besitzenden gewährt, so müssen wir uns in diese Wahlen einmischen und die Wähler auf revolutionärem Wege zwingen, fortschrittliche Kandidaten zu wählen und auf dem Semski Sobor eine Konstituierende Versammlung fordern. Schließlich gilt es, mit allen erdenklichen Maßnahmen ... den Semski Sobor zu zwingen, eine Konstituierende Versammlung einzuberufen, oder sich als solche zu erklären." (Siehe „Sozialdemokrat" Nr. 1.) Also sogar wenn nur die Besitzenden das Wahlrecht haben, sogar wenn in der Duma nur Besitzende zusammentreten, sollen wir dennoch fordern, dass dieser Versammlung der Besitzenden die Rechte einer Konstituierenden Versammlung gegeben werden! Sogar wenn die Rechte des Volkes beschnitten werden, sollen wir uns dennoch bemühen, die Rechte der Duma möglichst zu erweitern! Es erübrigt sich zu sagen, dass die Wahl „fortschrittlicher Kandidaten" ein leeres Wort bleibt, wenn nur die Besitzenden das Wahlrecht erhalten.

Wie wir oben gesehen haben, predigen uns die liberalen Bourgeois dasselbe.

Von zwei Dingen eins: entweder haben sich die liberalen Bourgeois menschewisiert oder die kaukasische „Minderheit" (Menschinstwo) hat sich liberalisiert.

So oder so, kein Zweifel, dass die soeben aus dem Ei gekrochene „Partei" der liberalen Bourgeois ihre Falle schlau aufstellt...

Diese Falle zerschlagen, sie allen sichtbar machen, schonungsloser Kampf gegen die liberalen Feinde des Volkes, - das ist es, was wir jetzt brauchen.

„Proletariats "Brdsola"
(„Der Kampf des Proletariats") Nr. 12,
15. Oktober 1905.
Artikel ohne Unterschrift.
Nach der autorisierten russischen Übersetzung
ans dem Georgischen

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