"Stalin"

Werke

Band 1

AN ALLE ARBEITER

Die Revolution marschiert! Das revolutionäre Volk Rußlands hat sich erhoben und die Zarenregierung umzingelt, um zum Sturmangriff auf sie anzusetzen! Es flattern die roten Banner, es werden Barrikaden gebaut, das Volk greift zu den Waffen und stürmt die staatlichen Ämter. Wieder erklingt der Kampfruf der Tapferen, wieder erbraust das verstummte Leben. Das Schiff der Revolution hat die Segel gehisst und ist zur Freiheit ausgelaufen. Dieses Schiff wird vom Proletariat Rußlands geführt.

Was wollen die Proletarier Rußlands, wohin streben sie?

Stürzen wir die zaristische Duma und schaffen wir eine Konstituierende Versammlung des ganzen Volkes - sagen heute die Proletarier Rußlands. Das Proletariat wird von der Regierung nicht kleine Zugeständnisse fordern, es wird von ihr nicht die Aufhebung des „Ausnahmezustands" und die Einstellung der „Exekutionen" in einigen Städten und Dörfern fordern, - das Proletariat wird sich nicht mit solchen Kleinigkeiten abgeben. Wer von der Regierung Zugeständnisse fordert, der glaubt nicht an den Tod der Regierung, - das Proletariat aber lebt und webt in diesem Glauben. Wer von der Regierung „Vergünstigungen" erwartet, der glaubt nicht an die Macht der Revolution, - das Proletariat aber lebt in diesem Glauben. Nein! Das Proletariat wird seine Energie nicht auf unvernünftige Forderungen verzetteln. Es hat an die zaristische Selbstherrschaft nur eine Forderung: Nieder mit ihr, Tod der Selbstherrschaft! Und da erklingt in den Weiten Rußlands immer kühner der revolutionäre Kampfruf der Arbeiter: Nieder mit der Reichsduma! Es lebe die Konstituierende Versammlung des ganzen Volkes! Das ist es, was das Proletariat Rußlands heute anstrebt.

Der Zar wird keine vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung gewähren, der Zar wird seine eigene Selbstherrschaft nicht aufheben - er wird das nicht tun! Die gestutzte „Verfassung", die er „gewährt", ist ein zeitweiliges Zugeständnis, ein pharisäisches Versprechen des Zaren und weiter nichts! Selbstredend werden wir uns dieses Zugeständnis zunutze machen, wir werden es nicht ablehnen, der Krähe die Nuss zu entreißen und ihr mit dieser Nuss den Schädel einzuschlagen. Aber die Tatsache bleibt dennoch Tatsache, dass das Volk sich nicht auf das Versprechen des Zaren verlassen kann - es darf sich nur auf sich selbst verlassen, es darf sich nur auf seine eigene Kraft stützen: die Befreiung des Volkes muss mit den Händen des Volkes selber vollzogen werden. Nur auf den Knochen der Unterdrücker kann die Volksfreiheit errichtet werden, nur mit dem Blut der Unterdrücker kann der Boden für die Selbstherrschaft des Volkes gedüngt werden! Nur wenn das bewaffnete Volk mit dem Proletariat an der Spitze auf den Plan tritt und das Banner des allgemeinen Aufstands erhebt - nur dann kann die auf Bajonette gestützte Zarenregierung gestürzt werden. Keine leeren Phrasen, keine sinnlose „Selbstbewaffnung", sondern wirkliche Bewaffnung und bewaffneter Aufstand - dahin streben heute die Proletarier ganz Rußlands.

Der siegreiche Aufstand wird zur Niederlage der Regierung führen. Aber besiegte Regierungen sind nicht selten wieder auf die Beine gekommen. Auch bei uns kann sie wieder auf die Beine kommen. Die dunklen Kräfte, die sich während des Aufstands in den Schlupfwinkeln verbergen, werden gleich am Tage nach dem Aufstand aus ihren Löchern kriechen und die Regierung wieder auf die Beine stellen wollen. So werden besiegte Regierungen von den Toten auferweckt. Das Volk muss unbedingt dieser dunklen Kräfte Herr werden, es muss sie vom Antlitz der Erde hinwegfegen! Dazu aber ist es notwendig, dass sich das ganze siegreiche Volk, klein und groß, gleich am Tage nach dem Aufstand bewaffnet, sich in eine revolutionäre Armee verwandelt und immer bereit ist, mit den Waffen in der Hand die eroberten Rechte zu verteidigen.

Nur wenn das siegreiche Volk sich in eine revolutionäre Armee verwandelt, nur dann wird es imstande sein, die verkrochenen dunklen Kräfte endgültig zu schlagen. Nur die revolutionäre Armee kann den Handlungen der provisorischen Regierung Nachdruck verleihen, nur die provisorische Regierung wird eine vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung einberufen können, die die demokratische Republik errichten soll. Die revolutionäre Armee und die revolutionäre provisorische Regierung - dahin streben heute die Proletarier Rußlands.
Das ist der Weg, den die russische Revolution beschritten hat. Dieser Weg führt zur Selbstherrschaft des Volkes, und das Proletariat ruft alle Freunde des Volkes auf, diesen Weg zu beschreiten.

Die Selbstherrschaft des Zaren stellt sich der Volksrevolution in den Weg, sie will mit ihrem gestrigen Manifest diese große Bewegung hemmen - es ist klar, dass die Wogen der Revolution die Selbstherrschaft des Zaren verschlingen und beiseite werfen werden...

Verachtung und Hass allen denjenigen, die nicht den Weg des Proletariats beschreiten - sie sind niederträchtige Verräter an der Revolution! Schmach und Schande denjenigen, die diesen Weg in Wirklichkeit beschritten haben, in Worten aber anderes sagen - denn sie fürchten kleinmütig die Wahrheit!

Wir fürchten die Wahrheit nicht, wir fürchten die Revolution nicht! Möge der Donner stärker rollen, möge der Sturm stärker losbrechen! Die Stunde des Sieges ist nahe!

So lasst uns denn begeistert die Losungen des Proletariats Rußlands verkünden:

Nieder mit der Reichsduma!
Es lebe der bewaffnete Aufstand!
Es lebe die revolutionäre Armee!
Es lebe die revolutionäre provisorische ´Regierung!
Es lebe die Konstituierende "Versammlung des ganzen "Volkes!
Es lebe die demokratische Republik!
Es lebe das Proletariat!

Nach dem Wortlaut der am 19.Oktober 1905
in der illegalen (Awlabarer) Druckerei
des "Kaukasischen Bundes der SDAPR gedruckten Proklamation.
Unterschrift: Das Tifliser "Komitee.
Nach der autorisierten russischen ´Übersetzung aus dem Georgischen.

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