"Stalin"

Werke

Band 1

TIFLIS, DEN 20. NOVEMBER 1905

Die Große Russische Revolution hat begonnen! Schon haben wir den ersten stürmischen Akt dieser Revolution erlebt, der formal mit dem Manifest vom 17. Oktober abgeschlossen wurde. Der selbstherrliche Zar „von Gottes Gnaden" hat sein „gekröntes Haupt" vor dem revolutionären Volke gebeugt und ihm die „unerschütterlichen Grundlagen der bürgerlichen Freiheit" versprochen...

Aber dies ist nur der erste Akt. Dies ist erst der Anfang vom Ende. Wir stehen am Vorabend großer Ereignisse, die der Großen Russischen Revolution würdig sind. Diese Ereignisse rücken mit der unerbittlichen Strenge der Geschichte, mit eherner Notwendigkeit auf uns zu. Der Zar und das Volk, die Selbstherrschaft des Zaren und die Selbstherrschaft des Volkes - das sind zwei feindliche, einander diametral entgegengesetzte Elemente. Die Niederlage des einen und der Sieg des anderen kann nur das Resultat eines entschiedenen Ringens zwischen beiden, das Resultat eines verzweifelten Kampfes, eines Kampfes auf Leben und Tod sein. Dieser Kampf hat noch nicht stattgefunden. Er steht noch bevor. Und der mächtige Titan der russischen Revolution - das Proletariat ganz Rußlands - rüstet zu ihm mit allen Kräften, mit allen Mitteln.

Die liberale Bourgeoisie versucht dieses schicksalsschwere Ringen abzuwenden. Sie findet, es sei bereits an der Zeit, der „Anarchie" ein Ende zu setzen und mit friedlicher „schöpferischer" Arbeit, mit der Arbeit des „Staatsaufbaus" zu beginnen. Sie hat recht. Ihr genügt das, was das Proletariat dem Zarismus bereits bei seinem ersten revolutionären Ansturm entrissen hat. Jetzt kann sie ruhig mit der Zarenregierung ein Bündnis schließen - zu für sie vorteilhaften Bedingungen -, und mit vereinten Kräften gegen den gemeinsamen Feind, gegen ihren „Totengräber" - das revolutionäre Proletariat - vorgehen. Die bourgeoise Freiheit, die Freiheit der Ausbeutung ist bereits gesichert, und das genügt ihr vollauf. Die russische Bourgeoisie, die auch nicht für einen Augenblick lang revolutionär ist, tritt bereits offen auf die Seite der Reaktion. Viel Glück auf den Weg! Wir werden ihr keine Tränen nachweinen. Das Schicksal der Revolution lag niemals in der Hand des Liberalismus. Gang und Ausgang der russischen Revolution hängen ganz und gar von der Haltung des revolutionären Proletariats und der revolutionären Bauernschaft ab.

Das von der Sozialdemokratie geführte revolutionäre städtische Proletariat und mit ihm die revolutionäre Bauernschaft werden trotz aller Ränke der Liberalen ihren Kampf unentwegt fortsetzen, bis sie den völligen Sturz der Selbstherrschaft erreicht und auf ihren Trümmern die freie demokratische Republik errichtet haben.

Das ist die nächste politische Aufgabe des sozialistischen Proletariats, das ist sein Ziel in der gegenwärtigen Revolution, und es wird, unterstützt von der Bauernschaft, dieses Ziel erreichen, koste es, was es wolle.

Der Weg, der es zur demokratischen Republik führen soll, ist von ihm ebenfalls klar und bestimmt vorgezeichnet worden.

1. Das entschlossene, verzweifelte Ringen, von dem wir oben gesprochen haben, 2. die revolutionäre Armee, die im Prozesse dieses „Ringens" organisiert wird, 3. die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft in Gestalt der revolutionären provisorischen Regierung, errichtet als Ergebnis des siegreichen „Ringens", 4. die Konstituierende Versammlung, die von ihr auf der Grundlage des allgemeinen, direkten, gleichen und geheimen Wahlrechts einberufen wird, - das sind die Etappen, die die Große Russische Revolution durchschreiten muss, bevor sie an das ersehnte Ende gelangt.

Keinerlei Drohungen der Regierung oder großspurige Manifeste des Zaren, keinerlei provisorische Regierungen vom Schlage der Regierung Witte, von der Selbstherrschaft zu ihrer eigenen Rettung eingesetzt, keinerlei von der Zarenregierung einberufene Reichsduma, auch wenn sie auf der Grundlage des allgemeinen usw. Wahlrechts einberufen wird, können das Proletariat von seinem einzig richtigen revolutionären Wege abbringen, der es zur demokratischen Republik führen soll.

Wird das Proletariat genügend Kraft haben, um diesen Weg bis zu Ende zu gehen, genügend Kraft, um aus dem gigantischen, blutigen Kampf, der ihm auf diesem Wege bevorsteht, in Ehren hervorzugehen?

Gewiss!

So denkt das Proletariat selbst und rüstet kühn und entschlossen zum Kampfe.

„Kawkaski Rabotschi Listok"
(„Kaukasisches Arbeiterblatt")[53] Nr.1
20. November 1905.
Artikel ohne Unterschrift.

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