"Stalin"

Werke

Band 1

DIE REICHSDUMA
UND DIE TAKTIK DER SOZIALDEMOKRATIE [55]

Ihr habt gewiss von der Bauernbefreiung gehört. Sie erfolgte zu einer Zeit, als die Regierung einen doppelten Schlag erhalten hatte: von außen durch die Niederlage auf der Krim, von innen durch die Bauernbewegung. Eben aus diesem Grunde war die Regierung, von zwei Seiten bedrängt, zum Nachgeben gezwungen und begann, von der Bauernbefreiung zu reden: „Wir selbst müssen die Bauern von oben befreien, sonst erhebt sich das Volk und wird mit eigenen Händen die Befreiung von unten durchsetzen." Wir wissen, was das für eine „Befreiung von oben" war... Und wenn sich das Volk damals täuschen ließ, wenn der Regierung ihre pharisäischen Pläne gelangen, wenn sie mit Hilfe von Reformen ihre Stellung festigte und dadurch den Sieg des Volkes hinausschob, so bedeutet das unter anderem, dass das Volk damals noch nicht vorbereitet war und dass es sich leicht täuschen ließ.

Die gleiche Geschichte wiederholt sich im Leben Rußlands auch jetzt. Bekanntlich erhält die Regierung auch jetzt einen ebensolchen doppelten Schlag: von außen durch die Niederlage in der Mandschurei, von innen durch die Volksrevolution. Bekanntlich ist die Regierung, von zwei Seiten bedrängt, noch einmal zum Nachgeben genötigt und redet ebenso wie damals über „Reformen von oben": „Wir müssen dem Volk eine Reichsduma von oben geben, sonst erhebt sich das Volk und beruft selbst eine Konstituierende Versammlung von unten ein." Auf diese Weise wollen sie durch die Einberufung der Duma die Volksrevolution beschwichtigen, ebenso wie sie schon einmal durch die „Bauernbefreiung" die große Bauernbewegung beschwichtigt haben.

Daraus ergibt sich unsere Aufgabe, mit aller Entschlossenheit die Pläne der Reaktion zu durchkreuzen, die Reichsduma wegzufegen und dadurch den Weg zu bahnen für die Volksrevolution.

Was ist das, die Duma, aus was für Leuten besteht sie?

Die Duma ist eine Missgeburt von Parlament. Sie wird nur zum Schein eine beschließende Stimme besitzen, in Wirklichkeit aber wird sie nur eine beratende Stimme haben, denn über ihr werden als Zensoren ein Oberhaus und die mit allen Machtmitteln gerüstete Regierung stehen. In dem Manifest wird direkt gesagt, dass kein Beschluß der Duma durchgeführt werden kann, wenn er nicht vom Oberhaus und dem Zaren gebilligt wird.

Die Duma ist kein Volksparlament, sie ist ein Parlament der Volksfeinde, denn die Wahlen zur Duma werden weder allgemein noch gleich, weder direkt noch geheim sein. Das geringfügige Wahlrecht, das den Arbeitern eingeräumt wird, existiert nur auf dem Papier. Von den 98 Wahlmännern, die für das Gouvernement Tiflis die Dumadeputierten wählen sollen, können nur zwei aus der Arbeiterschaft sein, die übrigen 96 Wahlmänner müssen anderen Klassen angehören - heißt es im Manifest. Von den 32 Wahlmännern, die für die Kreise Batum und Suchum die Dumadeputierten entsenden sollen, kann nur einer aus der Arbeiterschaft sein, die übrigen 31 Wahlmänner müssen aus den anderen Klassen sein - heißt es im Manifest. Das gleiche muss auch von den anderen Gouvernements gesagt werden. Es erübrigt sich zu sagen, dass nur Vertreter der anderen Klassen als Deputierte durchkommen werden. Kein einziger Deputierter von den Arbeitern, keine einzige Stimme für die Arbeiter - auf dieser Grundlage wird die Duma aufgebaut. Fügt man zu alledem noch den Ausnahmezustand, berücksichtigt man die Unterdrückung der Rede-, Presse-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit, so ist ganz von selbst klar, was für ein Publikum in der zaristischen Duma zusammenkommen wird...

Es erübrigt sich zu sagen, dass wir mit um so größerer Entschlossenheit bemüht sein müssen, diese Duma wegzufegen und das Banner der Revolution zu entrollen.

Wie können wir die Duma wegfegen: durch die Beteiligung an den Wahlen oder durch den Boykott der Wahlen? - das ist jetzt die Frage.

Die einen sagen: Wir müssen uns unbedingt an den Wahlen beteiligen, um die Reaktion in den von ihr selbst ausgelegten Netzen zu verstricken und dadurch die Reichsduma endgültig zum Scheitern zu bringen.

Die anderen antworten ihnen: Durch die Wahlbeteiligung helft ihr unwillkürlich der Reaktion bei der Schaffung der Duma und geratet auf diese Weise selber mit beiden Beinen in die von der Reaktion ausgelegten Netze. Dies bedeutet aber, dass ihr zuerst gemeinsam mit der Reaktion die zaristische Duma schafft, und dann unter dem Druck des Lebens versucht, die von euch selbst geschaffene Duma zu zerstören, was unvereinbar ist mit den sich aus der Prinzipienfestigkeit unserer Politik ergebenden Anforderungen. Damit ihr es später nicht nötig habt, das zu zerstören, was ihr selbst geschaffen habt, von zwei Dingen eins: entweder verzichtet ihr auf die Beteiligung an den Wahlen und schreitet zur Sprengung der Duma oder ihr verzichtet auf die Sprengung der Duma und geht zu den Wahlen.

Es ist klar, dass der einzig richtige Weg der aktive Boykott ist, mit dem wir die Reaktion vom Volke isolieren, die Sprengung der Duma organisieren und damit diesem Scheinparlament jeden Boden entziehen.

So urteilen die Anhänger des Boykotts.

Wer von ihnen hat nun recht?

Für eine wahrhaft sozialdemokratische Taktik sind zwei Bedingungen notwendig: die erste ist die, dass sie dem Gang des gesellschaftlichen Lebens nicht widersprechen darf, und die zweite, dass sie den revolutionären Geist der Massen immer höher heben muss.

Die Taktik der Wahlbeteiligung widerspricht dem Gang des gesellschaftlichen Lebens, denn das Leben untergräbt die Grundpfeiler der Duma, während die Wahlbeteiligung diese Grundpfeiler festigt und sich dadurch mit dem Leben in Widerspruch setzt.

Die Taktik des Boykotts dagegen ergibt sich von selbst aus dem Gang der Revolution, denn zusammen mit der Revolution diskreditiert und untergräbt sie von allem Anfang an die Grundpfeiler der Polizeiduma.

Die Taktik der Wahlbeteiligung schwächt den revolutionären Geist des Volkes, denn die Anhänger der Beteiligung rufen das Volk zu Polizeiwahlen auf, nicht aber zu revolutionären Handlungen, sie sehen das Heil im Stimmzettel und nicht in der Aktion des Volkes. Die Polizeiwahlen aber werden im Volk eine trügerische Vorstellung von der Reichsduma hervorrufen, in ihm falsche Hoffnungen wecken und es unwillkürlich auf den Gedanken bringen: Die Duma ist offenbar gar nicht so schlecht, denn sonst würden uns die Sozialdemokraten nicht raten, uns an ihr zu beteiligen: vielleicht wird uns das Glück gewogen und die Duma uns von Nutzen sein.

Die Taktik des Boykotts dagegen sät keinerlei falsche Hoffnungen auf die Duma, sondern besagt direkt und unzweideutig, dass die einzige Rettung in der siegreichen Aktion des Volkes liegt, dass die Befreiung des Volkes nur mit den Händen des Volkes selbst verwirklicht werden kann, und da die Duma hierfür ein Hindernis ist, so gilt es, sich jetzt gleich an ihre Beseitigung zu machen. Hier verlässt sich das Volk nur auf sich selbst und nimmt von allem Anfang an eine der Duma als der Zitadelle der Reaktion feindliche Stellung ein, und dies wird seine revolutionäre Stimmung immer höher heben und den Boden für eine allgemeine siegreiche Aktion bereiten.

Die revolutionäre Taktik muss klar, exakt und bestimmt sein, und die Boykott-Taktik besitzt gerade diese Eigenschaften.

Man sagt, Agitation in Worten allein sei ungenügend, die Massen müssten durch Tatsachen von der Untauglichkeit der Duma überzeugt werden, und auf diese Weise müsse man zu ihrer Sprengung beitragen, für alles dies aber bedürfe es der Wahlbeteiligung, und nicht des aktiven Boykotts.

Hierauf antworten wir folgendes. Gewiss kommt der Agitation durch Tatsachen viel mehr Bedeutung zu als einer Erläuterung mit Worten. Eben aus diesem Grunde gehen wir in die Wahlversammlungen des Volkes, um im Kampfe mit anderen Parteien, in Zusammenstößen mit ihnen dem Volk handgreiflich die Wortbrüchigkeit der Reaktion und der Bourgeoisie zu zeigen und damit die Wähler „durch Tatsachen zu agitieren". Wenn nun die Genossen sich hiermit nicht zufrieden geben, wenn sie zu alledem auch noch die Wahlbeteiligung hinzufügen, so muss bemerkt werden, dass die Wahlen an und für sich - die Abgabe oder Nichtabgabe von Stimmzetteln - weder zu der Agitation „durch Tatsachen" noch zu der Agitation „in Worten" auch nur einen Deut hinzufügen. Der sich hieraus ergebende Schaden aber ist groß, da die Anhänger der Beteiligung bei dieser „Agitation durch Tatsachen" unwillkürlich die Existenz der Duma billigen und dadurch den Boden unter ihren Füßen festigen. Wodurch wollen denn nun die Genossen diesen gewaltigen Schaden wettmachen? Durch die Abgabe von Stimmzetteln? Es lohnt nicht, davon auch nur zu reden.

Auf der anderen Seite muss auch die „Agitation durch Tatsachen" ihre Grenzen haben. Als Gapon mit Kreuz und Ikonen den Petersburger Arbeitern voranschritt, da sagte er ebenfalls, das Volk glaube an die Güte des Zaren, es habe sich noch nicht davon überzeugt, dass die Regierung verbrecherisch sei, und wir müssten es zum Palast des Zaren führen. Gapon irrte sich selbstverständlich. Seine Taktik war eine schädliche Taktik, wie der 9. Januar bestätigt hat. Dies bedeutet aber, dass wir uns von der Gaponschen Taktik fernhalten müssen. Die Boykott-Taktik dagegen ist die einzige Taktik, die mit Gapons Schlichen radikal aufräumt.

Man sagt, der Boykott werde die Massen von ihrem fortgeschrittenen Teil losreißen, da uns beim Boykott nur der fortgeschrittene Teil folgen wird, während die Massen bei den Reaktionären und Liberalen bleiben, die sie auf ihre Seite hinüberziehen werden.

Wir antworten hierauf, dass die Massen, wo eine solche Erscheinung zu verzeichnen sein wird, offenbar mit anderen Parteien sympathisieren und sowieso keine Sozialdemokraten als Bevollmächtigte wählen werden, und wenn wir uns noch so sehr an den Wahlen beteiligen. Denn die Wahlen an sich können doch nicht die Massen revolutionieren! Was nun die Wahlagitation anbelangt, so wird sie von beiden Seiten betrieben, nur mit dem Unterschied, dass die Boykottanhänger gegen die Duma eine unversöhnlichere und entschlossenere Agitation betreiben als die Anhänger der Wahlbeteiligung, denn eine scharfe Kritik der Duma kann die Massen zum Verzicht auf die Wahlen veranlassen, und das passt den Anhängern der Wahlbeteiligung nicht in den Kram. Wird diese Agitation eine Wirkung haben, so wird sich das Volk um die Sozialdemokraten zusammenschließen, und wenn diese zum Boykott der Duma aufrufen, so wird das Volk ihnen unverzüglich folgen - und die Reaktionäre bleiben mit ihren wohlgeborenen Banditen allein. Hat die Agitation dagegen „keine Wirkung", so werden die Wahlen nur Schaden bringen, denn wir würden mit der Taktik der Beteiligung an der Duma gezwungen sein, die Tätigkeit der Reaktionäre zu billigen. Wie ihr seht, ist der Boykott das beste Mittel zum Zusammenschluss des Volkes um die Sozialdemokratie, natürlich nur dort, wo ein solcher Zusammenschluss möglich ist, während die Wahlen dort, wo er unmöglich ist, nur Schaden bringen.

Außerdem trübt die Taktik der Beteiligung an der Duma das revolutionäre Bewusstsein des Volkes. Die Sache ist die, dass alle reaktionären und liberalen Parteien sich an den Wahlen beteiligen. Welcher Unterschied zwischen ihnen und den Revolutionären besteht, auf diese Frage gibt die Taktik der Beteiligung den Massen keine direkte Antwort. Die Massen können die nichtrevolutionären Kadetten leicht mit den revolutionären Sozialdemokraten verwechseln. Die Boykott-Taktik aber zieht eine scharfe Scheidelinie zwischen den Revolutionären und den Nichtrevolutionären, die mit Hilfe der Duma die Grundlagen des alten Regimes retten wollen. Diese Scheidelinie zu ziehen aber ist von großer Bedeutung für die revolutionäre Aufklärung des Volkes.

Schließlich sagt man uns, wir würden mit Hilfe der Wahlen Sowjets der Arbeiterdeputierten schaffen und dadurch die revolutionären Massen organisatorisch vereinigen.

Wir antworten hierauf, dass die Tätigkeit der Sowjets der Arbeiterdeputierten unter den gegenwärtigen Verhältnissen, wo die Teilnehmer auch der harmlosesten Versammlungen verhaftet werden, ganz unmöglich ist, so dass es folglich Selbstbetrug ist, sich eine solche Aufgabe zu stellen.

Also dient die Taktik der Beteiligung unwillkürlich der Festigung der zaristischen Duma, sie schwächt den revolutionären Geist der Massen, sie trübt das revolutionäre Bewusstsein des Volkes, sie ist nicht imstande, irgendwelche revolutionären Organisationen zu schaffen, sie setzt sich in Widerspruch mit der Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens und muss daher von der Sozialdemokratie abgelehnt werden.

Boykott-Taktik - dahin treibt heute die Entwicklung der Revolution. In der gleichen Richtung muss sich auch die revolutionäre Sozialdemokratie bewegen.

„Gantiadi" („Die Morgendämmerung") Nr. 3,
8. .März 1906.
Unterschrift: J. Bessoschwili.
Nach der autorisierten russischen Übersetzung
aus dem Georgischen.

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