"Stalin"

Werke

Band 1

DIE AGRARFRAGE

I

Die alten Zustände brechen zusammen, das Dorf ist in Wallung geraten. Die Bauernschaft, die gestern noch verschüchtert und erniedrigt war, richtet sich heute auf und strafft den Rücken. Die Bauernbewegung, die gestern noch hilflos war, drängt heute wie ein stürmischer Strom gegen die alten Zustände an: Bahn frei - sonst werdet ihr weggefegt! „Die Bauern wollen die Gutsländereien haben", „die Bauern wollen die Überreste der Leibeigenschaft vernichten", - solche Stimmen werden jetzt in den aufständischen Dörfern Rußlands laut.

Auf dem Holzweg sind diejenigen, die die Bauern mit Kugeln zum Schweigen zu bringen gedenken: das Leben hat uns gezeigt, dass dies die revolutionäre Bewegung der Bauern noch mehr anfacht und verschärft

Auf dem Holzweg sind auch diejenigen, die den Versuch machen, mit leeren Versprechungen und „Bauernbanken" die Bauern zu beschwichtigen: die Bauern wollen Land, sie sehen sogar im Traum dieses Land und sie werden sich begreiflicherweise nicht beruhigen, bis sie nicht von den Gutsländereien Besitz ergriffen haben. Was können leere Versprechungen und irgendwelche „Bauernbanken" ihnen geben?

Die Bauern wollen von den Gutsländereien Besitz ergreifen. Auf diesem Wege streben sie die Vernichtung der Überreste der Leibeigenschaft an - und wer die Bauern nicht verrät, der muss sich bemühen, eben auf dieser Grundlage die Agrarfrage zu lösen.

Wie aber kann die Bauernschaft die Gutsländereien in die Hand bekommen?

Man sagt, der einzige Ausweg liege darin, die Ländereien „zu Vorzugsbedingungen loszukaufen". Die Regierung und die Gutsbesitzer haben viele freie Ländereien, sagen uns diese Herrschaften, wenn die Bauern diese Ländereien loskaufen, so kommt alles von selbst in Ordnung und es werden die Wölfe satt sein und auch die Schafe unversehrt bleiben. Man fragt jedoch nicht, womit denn die Bauern diese Ländereien loskaufen sollen, wenn man ihnen nicht nur das Geld abgenommen, sondern auch ihr eigenes Fell abgezogen hat. Man denkt jedoch nicht daran, dass die Bauern beim Loskauf nur den unbrauchbaren Boden bekommen werden, während die Herren das brauchbare Land selbst behalten, wie sie das bei der „Befreiung der Leibeigenen" zu tun gewusst haben! Ja, und wozu sollen auch die Bauern das Land loskaufen, das ihnen von alters her gehört? Ist denn das Land des Fiskus nicht ebenso wie das der Gutsbesitzer mit dem Schweiße der Bauern getränkt, hat denn dieses Land nicht den Bauern gehört, wurde denn nicht der Besitz der Väter und der Vorväter den Bauern geraubt? Wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn man von den Bauern den Loskauf der doch ihnen selbst abgenommenen Ländereien verlangt? Und ist etwa die Frage der Bauernbewegung eine Frage des Kaufs und Verkaufs? Ist etwa die Bauernbewegung nicht auf die Befreiung der Bauern gerichtet? Wer aber wird die Bauern aus dem Joch der Leibeigenschaft befreien, wenn nicht die Bauern selbst? Diese Herrschaften aber versichern uns, die Bauern würden durch die Gutsbesitzer befreit werden, wenn man diesen nur einen Batzen Bargeld hinwürfe. Wie denn sonst! Diese „Befreiung" soll doch, erfährt man, unter der Leitung der zaristischen Bürokratie durchgeführt werden, der nämlichen Bürokratie, die die hungernde Bauernschaft so manches Mal mit Kanonen und Maschinengewehren empfangen hat! ...

Nein! Die Bauern wird der Loskauf der Ländereien nicht retten. Diejenigen, die ihnen einen „Loskauf zu Vorzugsbedingungen" anraten, sind Verräter, denn sie bemühen sich, die Bauernschaft in Maklernetzen zu fangen, und wollen nicht, dass die Befreiung der Bauern durch die Hände der Bauern selbst vollzogen werde.

Wenn die Bauern von den Gutsländereien Besitz ergreifen wollen, wenn sie auf diese Weise die Überbleibsel der Leibeigenschaft vernichten sollen, wenn ein „Loskauf zu Vorzugsbedingungen" sie nicht rettet, wenn die Befreiung der Bauern durch die Hände der Bauern selbst vollzogen werden soll, so gibt es keinen Zweifel, dass der einzige Weg der ist, die Gutsländereien wegzunehmen, d. h. diese Ländereien zu konfiszieren.

Das ist der Ausweg.

Es fragt sich, wie weit diese Konfiskation gehen soll, ob sie eine Grenze hat, ob die Bauern nur einen Teil oder aber alle Ländereien wegnehmen sollen?

Manche sagen, alle Ländereien wegnehmen - das sei zuviel, es genüge, nur einen Teil der Ländereien wegzunehmen, um die Bauern zu befriedigen. Räumen wir das ein, aber was soll werden, wenn die Bauern mehr verlangen? Wir werden ihnen doch nicht quer in den Weg treten und sagen: Haltet ein, geht nicht weiter! Das wäre doch reaktionär! Haben denn die Ereignisse in Rußland nicht bewiesen, dass die Bauern wirklich die Konfiskation aller Gutsländereien verlangen? Außerdem, was heißt das, „einen Teil wegnehmen", welcher Teil soll den Gutsbesitzern weggenommen werden, die Hälfte oder ein Drittel? Wer soll über diese Frage entscheiden - die Gutsbesitzer allein oder die Gutsbesitzer und die Bauern zusammen? Wie man sieht, bleibt hier noch viel Spielraum für Maklertätigkeit, hier ist noch ein Schacher zwischen den Gutsbesitzern und den Bauern möglich, das aber widerspricht von Grund aus der Bauernbefreiung. Die Bauern müssen sich ein für allemal mit dem Gedanken vertraut machen, dass man mit den Gutsbesitzern nicht schachern soll, sondern kämpfen muss. Es gilt, das Joch der Leibeigenschaft nicht zu flicken, sondern zu zerschlagen, um die Überreste der Leibeigenschaft für immer zu vernichten. „Nur einen Teil wegnehmen" - das bedeutet, sich mit der Reparatur der Überbleibsel der Leibeigenschaft befassen, was mit der Befreiung der Bauern unvereinbar ist.

Es ist klar, dass der einzige Weg darin besteht, den Gutsbesitzern alle Ländereien wegzunehmen. Nur das kann die Bauernbewegung zum Ziel führen, nur das kann die Energie des Volkes verstärken, nur das kann die überalterten Reste der Leibeigenschaft beseitigen.

Also: die gegenwärtige Bewegung des Dorfes ist eine demokratische Bauernbewegung. Das Ziel dieser Bewegung ist die Vernichtung der Überreste der Leibeigenschaft. Zur Vernichtung dieser Überreste aber ist die Konfiskation des gesamten Grund und Bodens der Gutsbesitzer und des Fiskus notwendig.

Manche Herrschaften beschuldigen uns: Weshalb hat die Sozialdemokratie bisher nicht die Konfiskation alles Grund und Bodens verlangt, weshalb hat sie bisher nur von der Konfiskation der Boden-„abschnitte" gesprochen?

Deshalb, ihr Herren, weil im Jahre 1903, als die Partei von den Boden „abschnitten" sprach, die russische Bauernschaft noch nicht in die Bewegung hineingezogen war. Pflicht der Partei war es, eine Losung ins Dorf zu werfen, die die Herzen der Bauern entflammte und die Bauernschaft zum Kampf gegen die Überreste der Leibeigenschaft emporrisse. Eine solche Losung waren gerade die Boden„abschnitte", die die russische Bauernschaft eindringlich an die Ungerechtigkeit der Überreste der Leibeigenschaft erinnerte.

Dann aber haben sich die Zeiten geändert. Die Bauernbewegung ist gewachsen. Sie braucht jetzt nicht mehr entfacht zu werden, sie flammt und prasselt schon. Heute ist nicht davon die Rede, wie die Bauernschaft in Bewegung gebracht werden soll, sondern davon, was die in Bewegung geratene "Bauernschaft fordern soll. Es ist klar, dass hier bestimmte Forderungen notwendig sind, und deshalb sagt die Partei der Bauernschaft, dass sie die Konfiskation des gesamten Grund und Bodens der Gutsbesitzer und des Fiskus fordern muss.

Dies aber bedeutet, dass alles seine Zeit und seinen Ort hat, sowohl die Boden„abschnitte" als auch die Konfiskation aller Ländereien.

II

Wir haben gesehen, dass die jetzige Bewegung des Dorfes eine Befreiungsbewegung der Bauern ist, wir haben ferner gesehen, dass es für die Befreiung der Bauern notwendig ist, die Überreste der Leibeigenschaft zu vernichten, dass es aber für die Vernichtung dieser Überreste notwendig ist, den Gutsbesitzern und dem Fiskus alle Ländereien wegzunehmen, um den Weg zu bahnen für ein neues Leben, für die freie Entwicklung des Kapitalismus.
Nehmen wir an, alles dies sei geschehen. Wie sollen dann aber diese Ländereien verteilt werden, wem sollen sie als Eigentum übergeben werden?

Die einen sagen, die weggenommenen Ländereien müssten dem Dorf als Gemeineigentum übergeben werden, es müsse sofort das Privateigentum an Grund und Boden aufgehoben werden, so dass das Dorf zum unumschränkten Herrn der Ländereien wird, sodann werde das Dorf selbst an die Bauern gleiche „Anteile" verteilen und auf diese Weise werde sofort der Sozialismus im Dorfe verwirklicht werden - an die Stelle der Lohnarbeit werde die ausgleichende Bodennutzung treten.

Dies heiße „Sozialisierung des Grund und Bodens“, sagen uns die Sozialrevolutionäre.

Ist ein solcher Ausweg für uns annehmbar? Gehen wir der Sache auf den Grund. Zunächst einmal wollen die Sozialrevolutionäre die Verwirklichung des Sozialismus mit dem Dorfe beginnen. Ist das möglich? Jedermann weiß, dass die Stadt entwickelter ist als das Dorf, das die Stadt die Führerin des Dorfes ist, dass also jedwedes sozialistische Werk von der Stadt aus beginnen muss. Demgegenüber wollen die Sozialrevolutionäre das Dorf zum Führer der Stadt machen und es veranlassen, die Verwirklichung des Sozialismus zu beginnen, was wegen der Rückständigkeit des Dorfs selbstverständlich unmöglich ist. Man ersieht hieraus, dass der „Sozialismus" der Sozialrevolutionäre ein totgeborener Sozialismus sein würde.

Gehen wir jetzt zu der Frage über, dass sie sofort den Sozialismus im Dorfe verwirklichen wollen. Die Verwirklichung des Sozialismus - das ist die Aufhebung der Warenproduktion, die Abschaffung der Geldwirtschaft, die Zerstörung des Kapitalismus bis auf sein Fundament und die Vergesellschaftung aller Produktionsmittel. Die Sozialrevolutionäre aber wollen alles dies unangetastet lassen und nur den Grund und Boden vergesellschaften, was ganz unmöglich ist. Bleibt die Warenproduktion unversehrt, so wird auch der Grund und Boden zu einer Ware und wird sehr bald auf dem Markt erscheinen, so dass der „Sozialismus" der Sozialrevolutionäre in die Luft fliegt. Es ist klar, dass sie den Sozialismus im Rahmen des Kapitalismus verwirklichen wollen, was natürlich undenkbar ist. Ebendeshalb sagt man, dass der „Sozialismus" der Sozialrevolutionäre ein bürgerlicher Sozialismus ist.

Was die ausgleichende "Bodennutzung anbelangt, so muss gesagt werden, dass dies lediglich leere Worte sind. Die ausgleichende Bodennutzung erfordert Vermögensgleichheit, innerhalb der Bauernschaft aber existiert eine Vermögensungleichheit, die aufzuheben die gegenwärtige demokratische Revolution nicht in der Lage ist. Ist anzunehmen, dass der Besitzer von acht Paar Ochsen den Boden in dem gleichen Maße ausnutzen wird wie ein Bodenbesitzer, der keinen einzigen Ochsen hat? Die Sozialrevolutionäre aber glauben, die „ausgleichende Bodennutzung" werde die Lohnarbeit aus der Welt schaffen und der Entwicklung des Kapitals werde ein Ende gesetzt, was natürlich absurd ist. Offenbar wollen die Sozialrevolutionäre gegen die weitere Entwicklung des Kapitalismus kämpfen und das Rad der Geschichte zurückdrehen - darin sehen sie die Rettung. Die Wissenschaft aber sagt uns, dass der Sieg des Sozialismus von der Entwicklung des Kapitalismus abhängt, und wer gegen diese Entwicklung kämpft, der kämpft gegen den Sozialismus. Eben darum nennt man die Sozialrevolutionäre auch Sozialreaktionäre.

Wir sprechen schon gar nicht davon, dass die Bauern die Aufhebung des Feudaleigentums nicht gegen das bürgerliche Eigentum erkämpfen wollen, sondern auf dem Boden des bürgerlichen Eigentums - sie wollen die weggenommenen Ländereien als Privateigentum unter sich verteilen und werden sich nicht mit der „Sozialisierung des Grund und Bodens" zufrieden geben.

Wie man sieht, ist die „Sozialisierung des Grund und Bodens" unannehmbar.

Andere sagen, dass die weggenommenen Ländereien dem demokratischen Staat übergeben werden sollen, während die Bauern den Grund und Boden beim Staat nur pachten werden.

Dies nennt man „Nationalisierung des Grund und Bodens".

Ist die Nationalisierung des Grund und Bodens annehmbar? Berücksichtigen wir, dass der künftige Staat, und sei er noch so demokratisch, dennoch ein bürgerlicher Staat sein wird, dass der Übergabe der Ländereien an einen solchen Staat eine politische Stärkung der Bourgeoisie folgen wird, was für das ländliche und städtische Proletariat äußerst unvorteilhaft ist; berücksichtigen wir ferner, dass auch die Bauern selbst gegen die „Nationalisierung des Grund und Bodens" sein und sich mit der Rolle bloßer Pächter nicht zufrieden geben werden - so begreift man von selbst, dass die „Nationalisierung des Grund und Bodens" den Interessen der gegenwärtigen Bewegung nicht entspricht.

Folglich ist die „Nationalisierung des Grund und Bodens" ebenfalls unannehmbar.

Wieder andere sagen, der Grund und Boden müsse das Eigentum der lokalen Selbstverwaltung werden, während die Bauern den Grund und Boden von den Organen der Selbstverwaltung pachten sollen.

Dies nennt man „Munizipalisierung des Grund und Bodens".

Ist die Munizipalisierung des Grund und Bodens annehmbar? Was bedeutet „Munizipalisierung des Grund und Bodens"? Erstens bedeutet dies, dass die Bauern die Ländereien, die sie den Gutsbesitzern und dem Fiskus während des Kampfes abnehmen, nicht als Eigentum erhalten. Wie werden sich die Bauern dazu stellen? Die Bauern wollen den Boden als Eigentum erhalten, die Bauern wollen die weggenommenen Ländereien aufteilen, sie sehen sogar im Traum diese Ländereien als ihr Eigentum, und wenn man ihnen sagt, dass die Ländereien nicht ihnen, sondern Organen der Selbstverwaltung übergeben werden sollen, dann werden sich die Bauern zweifellos mit den Anhängern der „Munizipalisierung" nicht einverstanden erklären. Dies dürfen wir nicht vergessen.

Wie soll es außerdem werden, wenn die von der Revolution hingerissenen Bauern sich alle weggenommenen Ländereien aneignen und den Organen der Selbstverwaltung nichts übriglassen? Wir werden ihnen doch nicht quer in den Weg treten und sagen: Haltet ein, diese Ländereien müssen den Organen der Selbstverwaltung, und nicht euch übergeben werden, für euch genügt auch die Pacht!

Zweitens müssten wir bei der Annahme der Losung der „Munizipalisierung" sogleich diese Losung ins Volk werfen und sofort den Bauern erklären, dass die Ländereien, für die sie kämpfen, die sie in ihre Hände nehmen wollen, den Organen der Selbstverwaltung, und nicht den Bauern als Eigentum übergeben werden sollen. Allerdings, hat die Partei großen Einfluss auf die Bauern, so werden diese sich möglicherweise mit ihr einverstanden erklären, aber es erübrigt sich zu sagen, dass die Bauern nun nicht mehr mit dem früheren Feuereifer kämpfen werden, was für die gegenwärtige Revolution äußerst schädlich sein würde. Hat aber die Partei keinen großen Einfluss auf die Bauern, dann werden sich die Bauern von ihr abwenden und ihr den Rücken kehren, was einen Konflikt zwischen den Bauern und der Partei hervorrufen und die Kräfte der Revolution in bedeutendem Maße schwächen wird.

Man wird uns sagen: Häufig widersprechen die Wünsche der Bauern dem Gang der Entwicklung, wir aber können nicht den Gang der Geschichte ignorieren und den Wünschen der Bauern stets folgen, - die Partei muss ihre Prinzipien haben. Die reinste Wahrheit! Die Partei muss sich von ihren Prinzipien leiten lassen. Eine Partei jedoch, die alle die oben erwähnten Bestrebungen der Bauern ablehnen wollte, würde ihren Prinzipien untreu werden. Wenn die Bestrebungen der Bauern, von den Gutsländereien Besitz zu ergreifen und sie aufzuteilen, dem Gang der Geschichte nicht widersprechen, wenn diese Bestrebungen sich im Gegenteil restlos aus der gegenwärtigen demokratischen Revolution ergeben, wenn ein wahrer Kampf gegen das Feudaleigentum nur auf dem Boden des bürgerlichen Eigentums möglich ist, wenn die Bestrebungen der Bauern gerade diese Tendenz widerspiegeln, - so begreift man von selbst, dass die Partei diese Forderungen der Bauern nicht ablehnen kann, denn diese Forderungen nicht zu unterstützen wäre gleichbedeutend mit einem Verzicht auf die Entwicklung der Revolution. Umgekehrt, wenn die Partei Prinzipien hat, wenn sie nicht zu einem Hemmschuh der Revolution werden will, so muss sie zur Verwirklichung dieser Bestrebungen der Bauern beitragen. Diese Bestrebungen widersprechen aber von Grund aus der „Munizipalisierung des Grund und Bodens"! Wie man sieht, ist auch die „Munizipalisierung des Grund und Bodens" unannehmbar.

III

Wir haben gesehen, dass weder die „Sozialisierung" noch die „Nationalisierung" noch die „Munizipalisierung", dass keine einzige von ihnen den Interessen der gegenwärtigen Revolution in der gehörigen Weise Genüge leisten kann.
Wie aber sollen nun die weggenommenen Ländereien verteilt werden, wem sollen sie als Eigentum übergeben werden?

Es ist klar, dass die durch die Bauern weggenommenen Ländereien den Bauern selbst übergeben werden müssen, damit diese die Möglichkeit erhalten, diese Ländereien unter sich aufzuteilen. So muss die oben aufgeworfene Frage gelöst werden. Die Aufteilung des Grund und Bodens wird eine Mobilisierung des Eigentums hervorrufen. Die Minderbemittelten werden ihr Land verkaufen und den Weg der Proletarisierung gehen, die Wohlhabenden werden neues Land erwerben und zur Verbesserung der Bearbeitungstechnik schreiten, das Dorf wird sich in Klassen teilen, es wird ein verschärfter Klassenkampf entbrennen, und so wird das Fundament für die weitere Entwicklung des Kapitalismus gelegt werden.

Wie man sieht, ergibt sich die Aufteilung des Grund und Bodens aus der gegenwärtigen ökonomischen Entwicklung von selbst.

Auf der anderen Seite wird die Losung: „Der Boden den Bauern, nur den Trauern und niemand sonst" die Bauernschaft aufmuntern, ihr neue Kraft verleihen und mithelfen, die bereits begonnene revolutionäre Bewegung im Dorf zu Ende zu führen.

Wie man sieht, weist auch der Gang der gegenwärtigen Revolution auf die Notwendigkeit hin, die Ländereien aufzuteilen.

Die Gegner beschuldigen uns, wir erweckten mit alledem die Kleinbourgeoisie zu neuem Leben, und das widerspreche von Grund aus der Lehre von Marx. Da schreibt die „Rewoluzionnaja Rossija"[56]

„Indem ihr der Bauernschaft helft, die Gutsbesitzer zu expropriieren, fördert ihr unbewusst die Verbreitung der kleinbürgerlichen Wirtschaft auf den Trümmern bereits mehr oder weniger entwickelter Formen der kapitalistischen Landwirtschaft. Ist das nicht ein ´Schritt zurück´ gegenüber dem Standpunkt des orthodoxen Marxismus?" (Siehe „Rewoluzionnaja Rossija" Nr. 75.)

Ich muss sagen, dass die Herren „Kritiker" die Tatsachen durcheinander gebracht haben. Sie haben vergessen, dass die Gutsherrenwirtschaft keine kapitalistische Wirtschaft ist, dass sie ein Überbleibsel der Leibeigenenwirtschaft darstellt, und dass folglich durch die Expropriation der Gutsbesitzer die Überreste der Leibeigenenwirtschaft zerstört werden, nicht aber die kapitalistische Wirtschaft. Sie haben auch vergessen, dass, wie der Marxismus zeigt, der Leibeigenenwirtschaft niemals unmittelbar die kapitalistische Wirtschaft gefolgt ist, noch folgen kann - zwischen ihnen steht die kleinbürgerliche Wirtschaft, die die feudale Wirtschaft ablöst und dann in kapitalistische Wirtschaft übergeht. Karl Marx hat schon in Band III des „Kapitals" gesagt, dass der Feudalwirtschaft in der Geschichte zunächst die kleinbürgerliche Landwirtschaft folgte und erst danach sich die großkapitalistische Wirtschaft entwickelte - es gab keinen unmittelbaren Sprung von der einen zu der anderen, und es konnte ihn auch nicht geben. Demgegenüber aber sagen uns diese seltsamen „Kritiker", die Wegnahme der Gutsländereien und ihre Aufteilung seien vom Standpunkt des Marxismus aus ein Rückschritt! Bald werden sie uns noch beschuldigen, auch die „Aufhebung der Leibeigenschaft" sei vom Standpunkt des Marxismus aus ein Rückschritt, da auch damals einige Ländereien den Gutsbesitzern „weggenommen" und den kleinen Landwirten, den Bauern übergeben worden seien! Komische Leute! Sie begreifen nicht, dass der Marxismus alles vom historischen Standpunkt aus betrachtet, dass die kleinbürgerliche Landwirtschaft vom Standpunkt des Marxismus aus der Leibeigenenwirtschaft gegenüber fortschrittlich ist, dass die Zerstörung der Leibeigenenwirtschaft und die Einführung der kleinbürgerlichen Wirtschaft eine notwendige Voraussetzung ist für die Entwicklung des Kapitalismus, der in der Folgezeit diese kleinbürgerliche Wirtschaft verdrängen wird...

Aber lassen wir die „Kritiker" in Ruhe.

Es kommt darauf an, dass die Tibergabe der Ländereien an die "Bauern und ihre darauf folgende Aufteilung die Überbleibsel der Leibeigenschaft in ihren Grundlagen untergräbt, der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft den Boden bereitet, den revolutionären Aufschwung bedeutend verstärkt, und gerade deshalb ist dies für die Sozialdemokratische Partei annehmbar.

Somit ist zur Vernichtung der Überreste der Leibeigenschaft die Konfiskation aller Gutsländereien notwendig, und diese Ländereien müssen die Bauern als Eigentum erhalten und entsprechend ihren Interessen unter sich aufteilen.
Auf dieser Grundlage muss das Agrarprogramm der Partei aufgebaut werden.

Man wird uns sagen: Alles dies bezieht sich auf die Bauern, aber was gedenkt ihr mit den Landproletariern zu tun? Wir antworten ihnen: Brauchen die Bauern ein demokratisches Agrarprogramm, so gibt es für die Dorf- und Stadtproletarier ein sozialistisches Programm, worin ihre Klasseninteressen zum Ausdruck gebracht werden, während ihre Tagesinteressen in den 16 Punkten des Minimalprogramms berücksichtigt sind, wo von der Verbesserung der Arbeitsbedingungen gesprochen wird (siehe das auf dem II. Parteitag angenommene Parteiprogramm). Vorläufig aber kommt die unmittelbare sozialistische Arbeit der Partei darin zum Ausdruck, dass sie unter den Landproletariern sozialistische Propaganda betreibt, sie zu eigenen sozialistischen Organisationen zusammenschließt und sie mit den Stadtproletariern zu einer besonderen politischen Partei verschmelzt. Die Partei hat es ständig mit diesem Teil der Bauern zu tun und sagt ihnen: Soweit ihr die demokratische Revolution verwirklicht, haltet Verbindung mit den kämpfenden Bauern und kämpft gegen die Gutsbesitzer, soweit ihr aber zum Sozialismus schreitet, vereinigt euch entschlossen mit den Stadtproletariern und kämpft schonungslos gegen jeden Bourgeois, ob er nun Bauer oder Adliger sei. Gemeinsam mit den Bauern für die demokratische Republik! Gemeinsam mit den Arbeitern für den Sozialismus! - das sagt die Partei den Dorfproletariern.

Entfachen die Bewegung der Proletarier und ihr sozialistisches Programm die Flamme des Klassenkampfes, um dadurch für immer jedwedes Klassenwesen zu vernichten, so entfachen die Bauernbewegung und ihr demokratisches Agrarprogramm ihrerseits im Dorfe die Flamme des Ständekampes, um damit von Grund aus jedwedes Ständewesen zu vernichten.

 

P. S. Zum Schluss des Artikels können wir nicht umhin, auf den Brief eines Lesers einzugehen, der uns folgendes schreibt: „Mich hat Ihr erster Artikel dennoch nicht befriedigt. War denn die Partei nicht gegen die Konfiskation aller Ländereien? Wenn dem aber so war, warum hat sie davon nichts gesagt?"

Nein, verehrter Leser, die Partei war niemals gegen eine solche Konfiskation. Schon auf dem II. Parteitag, eben auf dem Parteitag, wo der Punkt über die Boden „abschnitte" angenommen wurde, schon auf diesem Parteitag (1903) erklärte die Partei durch den Mund Plechanows und Lenin s, dass wir die Bauern unterstützen werden, wenn sie die Konfiskation aller Ländereien verlangen. (Siehe Protokoll des II. Parteitags) Zwei Jahre später (1905) gaben beide Fraktionen der Partei, die „Bolschewiki" auf dem III. Parteitag und die „Menschewiki" auf der ersten Konferenz, einmütig die Erklärung ab, dass sie die Bauern in der Frage der Konfiskation aller Ländereien voll und ganz unterstützen werden. (Siehe Protokoll des III. Parteitags und die „Erste Konferenz".) Später wurde in den Zeitungen der beiden Parteiströmungen, sowohl in der „Iskra" und dem „Proletari" als auch in der „Nowaja Shisn"[57] und im „Natschalo"[58], die Bauernschaft wiederholt zur Konfiskation aller Ländereien aufgefordert... Sie sehen also, die Partei war gleich von Anfang an für die Konfiskation aller Ländereien, und folglich haben Sie keinerlei Anlass zu glauben, die Partei trottete im Nachtrab der Bauernbewegung einher. Die Bauernbewegung hatte noch gar nicht richtig begonnen, die Bauern hatten noch nicht einmal die Boden „abschnitte" verlangt, die Partei aber sprach bereits auf ihrem II. Parteitag von der Konfiskation aller Ländereien.

Fragen Sie uns nun trotzdem, weshalb wir damals, in demselben Jahre 1903, die Forderungen nach der Konfiskation aller Ländereien nicht in das Programm aufgenommen haben, so antworten wir Ihnen mit einer Gegenfrage: Weshalb haben denn die Sozialrevolutionäre nicht gleich im Jahre 1900 die Forderung der demokratischen Republik in ihr Programm aufgenommen, waren sie etwa gegen diese Forderung? (Siehe „Unsere Aufgaben", Verlag des „Bundes der Sozialrevolutionäre"; 1900.) Weshalb sprach man damals nur von der Nationalisierung, während man uns heute mit der Sozialisierung in den Ohren liegt? Und wenn wir heute in unserem Minimalprogramm nichts vom siebenstündigen Arbeitstag sagen, heißt das etwa, dass wir dagegen wären? Worum handelt es sich also? Nur darum, dass 1903, als die Bewegung noch nicht erstarkt war, die Konfiskation aller Ländereien auf dem Papier geblieben wäre, dass die noch nicht erstarkte Bewegung mit dieser Forderung nicht fertig geworden wäre, weshalb jener Zeit die Boden „abschnitte" mehr entsprachen. In der Folgezeit aber, als die Bewegung heranwuchs und praktische Fragen aufwarf, musste die Partei zeigen, dass die Bewegung bei den Boden „abschnitten" nicht stehen bleiben kann und darf, dass die Konfiskation aller Ländereien notwendig ist.

Das sind die Tatsachen.

Schließlich einige Worte über „Znobis Purzeli"[59] (siehe Nr. 3033). Diese Zeitung faselt von „Mode" und „Prinzip" und versichert, die Partei habe einst die Boden „abschnitte" zum Prinzip erhoben. Dass dies Lüge ist, dass die Partei gleich von allem Anfang an prinzipiell vor aller Welt die Konfiskation aller Ländereien anerkannt hat, das konnte der Leser auch oben sehen. Was nun die Tatsache anbelangt, dass „Znobis Purzeli" Prinzipien nicht von den praktischen Fragen unterscheiden kann, so ist das kein Malheur - es wird älter werden und sie unterscheiden lernen.
(„Znobis Purzeli" hat irgendwo „gehört", dass die „Sozialdemokraten Rußlands ... ein neues Agrarprogramm angenommen haben, demzufolge sie ... die Munizipalisierung der Ländereien unterstützen". Ich muss erklären, dass die Sozialdemokraten Rußlands keinerlei derartiges Programm angenommen haben. Die Annahme eines Programms ist Sache des Parteitags, dieser Parteitag aber hat noch nicht stattgefunden. Es ist klar, dass „Znobis Purzeli" von irgendjemand oder durch irgendetwas irregeführt worden ist. „Znobis Purzeli" würde sehr gut tun, seine Leser nicht mit Gerüchten zu traktieren.)

„Elwa" („Der ´Blitz") "Nr. 5, 9 und 10,
17., 22. und 23. März 1906.
Unterschrift: J. Bessoschwili.
Nach der autorisierten russischen Übersetzung
aus dem Georgischen.

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