"Stalin"

Werke

Band 1

ZUR AGRARFRAGE

Man erinnert sich gewiss des letzten Artikels über die „Munizipalisierung" (siehe „Elwa"[60] Nr. 12). Wir wollen uns nicht auf eine Erörterung aller Fragen, die der Autor berührt, einlassen: das wäre weder von Interesse noch von Nutzen. Wir wollen lediglich die beiden Hauptfragen streifen: Widerspricht die Munizipalisierung der Beseitigung der Überreste der Leibeigenschaft und ist die Aufteilung der Ländereien reaktionär? Eben in dieser Weise stellt unser Genösse die Frage. Offenbar scheinen ihm die Munizipalisierung, die Aufteilung der Ländereien und ähnliche Fragen prinzipielle Fragen zu sein, während unsere Partei die Agrarfrage auf eine ganz andere Grundlage stellt.

Die Sache ist die, dass die Sozialdemokratie weder die Nationalisierung noch die Munizipalisierung noch die Aufteilung der Ländereien für eine prinzipielle Frage hält und gegen keine von ihnen prinzipielle Einwendungen hat. Man nehme das „Manifest" von Marx, „Die Agrarfrage" Kautskys, das „Protokoll des II. Parteitags", „Die Agrarfrage in Rußland" des nämlichen Kautsky, und man wird sehen, dass dem so ist. Die Partei betrachtet alle diese Fragen vom Standpunkt der Praxis und stellt die Agrarfrage auf eine praktische Grundlage: Was verwirklicht unser Prinzip vollständiger - die Munizipalisierung, die Nationalisierung oder die Aufteilung der Ländereien?

Eben auf diese Grundlage stellt die Partei die Frage.

Man begreift, dass das Prinzip des Agrarprogramms - die Beseitigung der Überreste der Leibeigenschaft und die freie Entwicklung des Klassenkampfes - unverändert geblieben ist, verändert haben sich nur die Mittel zur Verwirklichung dieses Prinzips.

Eben auf diese Weise hätte auch der Autor die Frage stellen sollen: Was ist besser für die Beseitigung der Überreste der Leibeigenschaft und die Entwicklung des Klassenkampfes - die Munizipalisierung oder die Aufteilung der Ländereien? Er aber ist ganz plötzlich auf das Gebiet der Prinzipien hinübergeschwenkt, gibt praktische Fragen für prinzipielle Fragen aus und fragt uns: „Widerspricht der Beseitigung der Überreste der Leibeigenschaft und der Entwicklung des Kapitalismus" die so genannte Munizipalisierung? Der Beseitigung der Überreste der Leibeigenschaft und der Entwicklung des Kapitalismus widerspricht weder die Nationalisierung noch die Aufteilung der Ländereien, aber das heißt doch nicht, dass es zwischen ihnen keinen Unterschied gibt, dass ein Anhänger der Munizipalisierung gleichzeitig auch Anhänger sowohl der Nationalisierung als auch der Aufteilung der Ländereien sein muss! Es ist klar, dass es zwischen ihnen irgendeinen praktischen Unterschied gibt. Gerade darauf kommt es an, und eben deshalb hat die Partei die Frage ja auf eine praktische Grundlage gestellt. Der Autor aber, wie wir oben bemerkt haben, brachte die Frage auf eine ganz andere Ebene, vermengte das Prinzip und die Mittel zu seiner Verwirklichung und umging auf diese Weise unwillkürlich die von der Partei aufgeworfene Frage.

Weiter versichert uns der Autor, die Aufteilung der Ländereien sei reaktionär, d. h. er macht uns den gleichen Vorwurf, den wir von den Sozialrevolutionären wiederholt zu hören bekommen haben. Wenn die Sozialrevolutionären Metaphysiker uns sagen, die Aufteilung der Ländereien sei vom Standpunkt des Marxismus aus reaktionär, so setzt uns ein solcher Vorwurf nicht im geringsten in Erstaunen, denn wir wissen ausgezeichnet, dass sie die Sache nicht vom Standpunkt der Dialektik aus betrachten - sie wollen nicht begreifen, dass alles seine Zeit und seinen Ort hat, und was morgen reaktionär wird, heute revolutionär sein kann. Wenn uns jedoch materialistische Dialektiker mit demselben Vorwurf kommen, so müssen wir allerdings fragen: Wodurch unterscheiden sich dann Dialektiker und Metaphysiker voneinander? Selbstverständlich wäre die Aufteilung der Ländereien reaktionär, wenn sie gegen die Entwicklung des Kapitalismus gerichtet wäre, wenn sie jedoch gegen die Überreste der Leibeigenschaft gerichtet ist, so ist es von selbst klar, dass die Aufteilung der Ländereien ein revolutionäres Mittel ist, das die Sozialdemokratie unterstützen muss. Wogegen ist heute die Aufteilung der Ländereien gerichtet: gegen den Kapitalismus oder gegen die Überreste der Leibeigenschaft? Kein Zweifel, dass sie gegen die Überreste der Leibeigenschaft gerichtet ist. Die Frage erledigt sich also von selber.

Natürlich wird die Aufteilung der Ländereien, nachdem sich der Kapitalismus im Dorfe genügend durchgesetzt hat, zu einer reaktionären Maßnahme werden, da sie gegen die Entwicklung des Kapitalismus gerichtet sein wird, aber dann wird die Sozialdemokratie sie auch nicht unterstützen. Gegenwärtig verficht die Sozialdemokratie eifrig die Forderung der demokratischen Republik als revolutionär, später aber, wenn die Frage der Diktatur des Proletariats praktische Gestalt annimmt, wird die demokratische Republik bereits reaktionär sein und die Sozialdemokratie wird bemüht sein, sie zu beseitigen. Das gleiche muss auch von der Aufteilung der Ländereien gesagt werden. Die Aufteilung der Ländereien und die kleinbürgerliche Wirtschaft überhaupt sind revolutionär, wenn gegen die Überreste der Leibeigenschaft gekämpft wird, aber die gleiche Aufteilung der Ländereien ist reaktionär, wenn sie gegen die Entwicklung des Kapitalismus gerichtet ist. Das ist die dialektische Auffassung von der gesellschaftlichen Entwicklung. Auf diese dialektische Art sieht Karl Marx die kleinbürgerliche Landwirtschaft an, wenn er sie in Band III des „Kapitals" im Vergleich zur Feudalwirtschaft als fortschrittlich bezeichnet.

Abgesehen von alledem sagt übrigens K. Kautsky über die Aufteilung:

„Die Verteilung der Bodenreserve, das heißt des großen Grundeigentums, wie sie heute die russische Bauernschaft fordert und auch schon anfängt, praktisch durchzuführen..., ist also nicht bloß unvermeidlich und notwendig, sondern auch höchst nützlich, und die Sozialdemokratie hat alle Ursache, diesen Prozess zu unterstützen." (Siehe „Die Agrarfrage in Rußland", S. 11.)

Bei der Lösung der Frage kommt der richtigen Fragestellung gewaltige Bedeutung zu. Jede Frage muss dialektisch gestellt werden, d. h. wir dürfen niemals vergessen, dass sich alles verändert, dass alles seine Zeit und seinen Ort hat, dass wir folglich auch die Fragen in Übereinstimmung mit den konkreten Bedingungen stellen müssen. Das ist die erste Voraussetzung für die Lösung der Agrarfrage. Zweitens dürfen wir ferner nicht vergessen, dass die Sozialdemokraten Rußlands die Agrarfrage heute auf eine praktische Grundlage stellen, und dass, wer diese Frage lösen will, sich eben auf diese Grundlage stellen muss. Das ist die zweite Voraussetzung für die Lösung der Agrarfrage. Unser Genösse aber hat keine dieser Voraussetzungen in Betracht gezogen.

Gut, wird der Genösse antworten, nehmen wir an, die Aufteilung der Ländereien sei revolutionär. Es ist klar, dass wir uns bemühen werden, diese revolutionäre Bewegung zu unterstützen, aber das heißt durchaus nicht, dass wir die Forderungen dieser Bewegung in unser Programm aufnehmen müssen, - solche Forderungen sind im Programm durchaus nicht am Platze usw. Offenbar verwechselt der Autor das Minimalprogramm und das Maximalprogramm. Er weiß, dass es in einem sozialistischen Programm (d. h. im Maximalprogramm) nur proletarische Forderungen geben darf, er vergisst jedoch, dass das demokratische Programm (d. h. das Minimalprogramm), um so mehr also auch das Agrarprogramm, kein sozialistisches ist, und deshalb also in ihm unbedingt bürgerlich-demokratische Forderungen, die wir unterstützen, enthalten sein werden. Die politische Freiheit ist eine bürgerliche Forderung, und trotzdem nimmt sie in unserem Minimalprogramm einen Ehrenplatz ein. Ja, wozu brauchen wir in die Ferne zu schweifen, man sehe sich Punkt 2 des Agrarprogramms an und lese: die Partei verlangt „...die Aufhebung aller Gesetze, die den Bauern in der Verfügungsgewalt über seinen Grund und Boden behindern", - man lese alles dies und antworte: was gibt es in diesem Punkt Sozialistisches?

Nichts, werdet ihr sagen, da dieser Punkt die Freiheit des bürgerlichen Eigentums, nicht aber seine Aufhebung fordert. Trotzdem ist dieser Punkt in unserem Minimalprogramm enthalten. Worum handelt es sich also? Nur darum, dass das Maximalprogramm und das Minimalprogramm zwei verschiedene Begriffe sind, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Allerdings werden die Anarchisten hiermit unzufrieden sein, aber da ist nichts zu machen, wir sind ja keine Anarchisten! ...

Was das Bestreben der Bauern nach Aufteilung der Ländereien anbelangt, so haben wir bereits gesagt, dass seine Bedeutung durch die Tendenz der ökonomischen Entwicklung gemessen wird, und da das Bestreben der Bauern sich aus dieser Tendenz „direkt ergibt", so muss unsere Partei es unterstützen, nicht aber ihm entgegenwirken.

„Elwa“ („Der Blitz“) Nr. 14,
29. März 1906.
Unterschrift: J. Bessoschwili.
Nach der autorisierten russischen Übersetzung
aus dem Georgischen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis