"Stalin"

Werke

Band 1

ÜBER DIE GEGENWÄRTIGE LAGE

(Rede auf der 15. Sitzung des IV. Parteitags der SDAPR
am 17. (30.) April 1906)

Es ist für niemand ein Geheimnis, dass in der Entwicklung des gesellschaftlichen und politischen Lebens Rußlands zwei Wege sichtbar geworden sind: der Weg der Pseudoreformen und der Weg der Revolution. Klar ist auch, dass den ersten Weg die Großfabrikanten und Gutsbesitzer mit der Zarenregierung an der Spitze beschreiten, den zweiten Weg aber die revolutionäre Bauernschaft und die Kleinbourgeoisie mit dem Proletariat an der Spitze. Die sich entwickelnde Krise in den Städten und die Hungersnot in den Dörfern machen eine neue Explosion unvermeidlich - folglich sind Schwankungen hier unzulässig: entweder nimmt die Revolution einen Aufschwung, und wir müssen sie zu Ende führen, oder sie ebbt ab, und wir können und dürfen uns eine solche Aufgabe nicht stellen. Rudenko glaubt mit Unrecht, eine solche Fragestellung sei nicht dialektisch. Rudenko sucht eine Mittellinie, er möchte sagen, dass die Revolution gleichzeitig ansteigt und nicht ansteigt, dass man sie zu Ende führen und nicht zu Ende führen müsse, denn seiner Meinung nach verpflichtet die Dialektik gerade zu einer solchen Fragestellung! Wir haben eine andere Vorstellung von der Marxschen Dialektik...

Wir stehen also am Vorabend einer neuen Explosion, die Revolution steigt an, und wir müssen sie zu Ende führen. Darüber sind wir uns alle einig. Unter welchen Verhältnissen aber können und müssen wir dies tun: unter den Verhältnissen der Hegemonie des Proletariats oder unter den Verhältnissen der Hegemonie der bürgerlichen Demokratie? Eben hier beginnt die grundlegende Meinungsverschiedenheit.

Genösse Martynow hat schon in „Zwei Diktaturen“ gesagt, die Hegemonie des Proletariats sei in der gegenwärtigen bürgerlichen Revolution eine schädliche Utopie. Durch seine gestrige Rede zieht sich der gleiche Gedanke. Die Genossen, die ihm applaudiert haben, sind gewiss mit ihm einverstanden. Wenn dem so ist, wenn wir nach der Meinung der menschewistischen Genossen nicht die Hegemonie des Proletariats, sondern die Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie brauchen, dann ist es von selbst klar, dass wir uns weder an der Organisierung des bewaffneten Auf Stands noch an der Machtergreifung unmittelbar aktiv beteiligen müssen. Das ist das „Schema“ der Menschewiki.

Umgekehrt, wenn die Klasseninteressen des Proletariats zu seiner Hegemonie führen, wenn das Proletariat nicht im Nachtrab, sondern an der Spitze der gegenwärtigen Revolution marschieren soll, so ist es klar, dass das Proletariat weder auf die aktive Teilnahme an der Organisierung des bewaffneten Aufstands noch auf die Machtergreifung verzichten kann. Das ist das „Schema“ der Bolschewiki.

Entweder Hegemonie des Proletariats oder Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie - so wird die Frage in der Partei gestellt, darin bestehen unsere Meinungsverschiedenheiten.

Protokoll des Vereinigungsparteitags der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands,
abgehalten in Stockholm 1906.
Moskau 1907, S. 187, russ.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis