"Stalin"

Werke

Band 1

MARX UND ENGELS ÜBER DEN AUFSTAND

Der Menschewik N. Ch.[63] weiß, dass Kühnheit Städte erstürmt und ... erkühnt sich noch einmal, die Bolschewiki des Blanquismus zu bezichtigen (siehe „Simartle“[64] Nr. 7).

Daran ist natürlich nichts Erstaunliches. Die deutschen Opportunisten Bernstein und Vollmar bezeichnen Kautsky und Bebel schon lange als Blanquisten. Die französischen Opportunisten Jaurès und Millerand bezichtigen Guesde und Lafargue schon lange des Blanquismus und des Jakobinertums. Trotzdem weiß die ganze Welt, dass Bernstein, Millerand, Jaurès und andere Opportunisten sind, dass sie den Marxismus verraten, während Kautsky, Bebel, Guesde, Lafargue und andere revolutionäre Marxisten sind. Was ist daran Erstaunliches, wenn die Opportunisten Rußlands und ihr Parteigänger N. Ch. die Opportunisten Europas nachahmen und uns als Blanquisten bezeichnen? Das bedeutet nur, dass die Bolschewiki ebenso wie Kautsky und Guesde revolutionäre Marxisten sind.[65]

Damit könnten wir das Gespräch mit N. Ch. beenden. Aber er „vertieft“ die Frage und bemüht sich, seine Behauptung zu beweisen. „Wir wollen ihn also nicht kränken, sondern hören ihn an.

N.Ch. ist mit der folgenden Meinung der Bolschewiki nicht einverstanden:

„Sagen wir (Hier hat N. Ch. die Worte „sagen wir“ durch das Wort „wenn“ ersetzt, was den Sinn etwas ändert.), das Stadtvolk ist von Hass gegen die Regierung (Hier hat N. Ch. die Worte „gegen die Regierung“ ausgelassen (siehe „Achali Zchowreba“[66] Nr. 6) erfüllt, es kann sich stets zum Kampf erheben, wenn die Gelegenheit dazu sich bietet. Dies bedeutet, dass wir quantitativ schon bereit sind. Aber das ist noch ungenügend. Um den Aufstand zu gewinnen, muss man im voraus den Kampfplan aufstellen, muss man die Kampftaktik im voraus ausarbeiten, muss man organisierte Kampfabteilungen haben usw.“ (Siehe „Achali Zchowreba“ Nr. 6.)

N. Ch. ist damit nicht einverstanden. Weshalb? Weil dies Blanquismus sei! Also will N.Ch. weder die „Kampftaktik“ noch die „organisierten Kampfabteilungen“ noch auch eine organisierte Aktion, - alles dies sei, so erfährt man, etwas Unwesentliches und überflüssiges. Die Bolschewiki sagen, dass „Hass gegen die Regierung allein ungenügend“ ist, dass das Bewusstsein allein „ungenügend“ ist, man braucht außerdem noch „Kampfabteilungen und eine Kampftaktik“. N.Ch. lehnt alles das ab und nennt es Blanquismus.

Merken wir uns dies und gehen wir weiter.

N. Ch. gefällt der folgende Gedanke Lenin s nicht:

„Wir müssen die Erfahrungen des Auf Standes in Moskau, im Donezbecken, in Rostow und anderer Aufstände sammeln, diese Erfahrungen verbreiten, beharrlich und geduldig neue Kampfkräfte vorbereiten und sie in einer Anzahl von Kampfaktionen der Partisanen schulen und stählen. Vielleicht wird die neue Explosion im Frühjahr noch nicht eintreten, aber sie rückt heran und ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht allzufern. Wir müssen ihr bewaffnet, militärisch organisiert und zu entschlossenen Angriffsaktionen fähig entgegentreten.“ (Siehe „Partinyje Iswestija“[67].)

N. Ch. ist mit diesem Gedanken Lenin s nicht einverstanden. Weshalb? Weil dies Blanquismus sei!

Nach der Meinung N. Ch’s ergibt sich also, dass wir nicht „die Erfahrungen des Dezemberaufstands sammeln“ müssen und nicht „sie verbreiten“ müssen. Allerdings rückt die Explosion näher, aber nach der Meinung N. Ch.´s müssen wir nicht „ihr bewaffnet entgegentreten“, wir müssen uns nicht „zu entschlossenen Angriffsaktionen“ rüsten. Weshalb? Wahrscheinlich weil wir unbewaffnet und unvorbereitet eher siegen werden! Die Bolschewiki sagen, dass die Explosion zu erwarten ist und dass es deshalb unsere Pflicht ist, uns auf sie sowohl hinsichtlich der Bewusstheit als auch hinsichtlich der Bewaffnung vorzubereiten. N. Ch. weiß, dass eine Explosion zu erwarten ist, aber außer einer Agitation in Worten erkennt er nichts an und deshalb zweifelt er an der Notwendigkeit der Bewaffnung und hält sie für überflüssig. Die Bolschewiki sagen, in einen spontan begonnenen und isolierten Aufstand müsse Bewusstheit und Organisiertheit hineingetragen werden. N. Ch. gibt auch das nicht zu - das sei Blanquismus. Die Bolschewiki sagen, in einem bestimmten Augenblick seien „entschlossene Angriffsaktionen“ notwendig. Weder die Entschlossenheit noch die Angriffsaktionen gefallen N. Ch. - alles dies sei Blanquismus.

Merken wir uns alles dies und sehen wir, wie Marx und Engels zum bewaffneten Aufstand standen.

Marx schrieb in den fünfziger Jahren:

„...hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands... überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sicherere Seite schlagen; zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik zu sprechen: de l´audace, de l´audace, encore de l´audace!“ [Kühnheit, Kühnheit und abermals Kühnheit!] (Siehe K. „Marx, „Historische Skizzen“, S. 95.)[68]

So spricht der größte Marxist - Karl Marx.

Wie man sieht, muss, nach Ansicht von Marx, wer den Sieg des Aufstands will, den Weg der Offensive einschlagen. Wir wissen jedoch, dass derjenige, der den Weg der Offensive einschlägt, sowohl über Warfen als auch über militärische Kenntnisse als auch über ausgebildete Kampfabteilungen verfügen muss, - ohne das ist eine Offensive unmöglich. Was nun die kühnen Angriffsaktionen anbelangt, so sind diese nach der Meinung von Marx das Fleisch und Blut jedes Aufstands. N. Ch. aber verspottet sowohl die kühnen Angriffsaktionen als auch die Politik der Offensive, sowohl die organisierten Kampfabteilungen als auch die Verbreitung militärischer Kenntnisse, - alles dies sei Blanquismus! Es ergibt sich, dass N. Ch. Marxist, Marx aber Blanquist wäre! Armer Marx! Könnte er doch aus dem Grabe aufstehen und das Gestammel N.Ch’s anhören.

Und was sagt Engels vom Aufstand? Engels spricht an einer Stelle in einer seiner Broschüren über den spanischen Aufstand und erhebt Einwände gegen die Anarchisten, um dann fortzufahren:

„Trotzdem hatte der, wenn auch hirnlos eingeleitete, Aufstand immer noch große Aussicht auf Erfolg, wäre er nur mit einigem Verstand geleitet worden, selbst nur nach der Weise der spanischen Militärrevolten, wo die Garnison einer Stadt sich erhebt, zur nächsten zieht, die schon vorher bearbeitete Garnison dieser Stadt mit sich fortreißt, und lawinenartig anschwellend gegen die Hauptstadt vordringt, bis ein glückliches Gefecht oder der Übertritt der gegen sie gesandten Truppen den Sieg entscheidet. Diese Methode war diesmal ganz besonders anwendbar. Die Insurgenten waren überall seit längerer Zeit in Freiwilligenbataillone organisiert“ (hören Sie, Genosse, Engels spricht von Bataillonen!), „deren Disziplin zwar erbärmlich war, aber sicher nicht erbärmlicher als die der Reste der alten, größtenteils auseinander gegangnen spanischen Armee. Die einzig zuverlässigen Truppen der Regierung waren die Gendarmen (guardias civiles), und diese waren über das ganze Land zerstreut. Es kam vor allem darauf an, die Zusammenziehung der Gendarmen zu verhindern, und dies konnte nur geschehn, indem man angriffsweise verfuhr und sich aufs offne Feld wagte...“ (Achtung, Achtung, Genossen!) „und wollte man siegen, so gab´s kein anderes Mittel...“ Weiter liest Engels den Bakunisten die Leviten, die als ihr Prinzip erklärten, was man vermeiden konnte; nämlich „die Zersplitterung und Vereinzelung der revolutionären Kräfte, die denselben Regierungstruppen erlaubte, einen Aufstand nach dem ändern niederzuschlagen...“ (Siehe F. Engels, „Die Bakunisten an der Arbeit“.)[69]

So spricht der bekannte Marxist Friedrich Engels...

Organisierte Bataillone, Politik der Offensive, Organisierung des Aufstands, Zusammenfassung der einzelnen Aufstände - das war nach der Meinung von Engels für den Sieg des Aufstands notwendig.

Es ergibt sich, dass N. Ch. Marxist ist, Engels aber Blanquist! Armer Engels!

Wie man sieht, ist N. Ch. mit der Ansicht von Marx und Engels über den Aufstand nicht bekannt.

Das wäre noch nicht so schlimm. Wir erklären aber, dass die von N. Ch. vorgeschlagene Taktik die Bedeutung der Bewaffnung, der roten Kampfabteilungen, der militärischen Kenntnisse herabsetzt und faktisch leugnet. Diese Taktik ist eine Taktik des unbewaffneten Aufstands. Diese Taktik drängt uns zur „Dezemberniederlage“. Weshalb hatten wir im Dezember keine Waffen, keine Kampfabteilungen, keine militärischen Kenntnisse u. dgl.? Weil die Taktik der Genossen vom Schlage eines N. Ch. in der Partei große Verbreitung hatte...

Der Marxismus und das reale Leben widerlegen aber gleicherweise eine derartige unbewaffnete Taktik.

Das besagen die Tatsachen.

„Achali Zchowreba“ („Neues Leben“} Nr. 19,
13. Juli 1906.
Unterschrift: Koba.
„Nach der autorisierten russischen Übersetzung
aus dem Georgischen.

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