"Stalin"

Werke

Band 1

DIE GEGENWÄRTIGE LAGE
UND DER VEREINIGUNGSPARTEITAG
DER ARBEITERPARTEI[74]

I

Es ist eingetroffen, was wir mit so großer Ungeduld erwartet haben - der Vereinigungsparteitag hat friedlich geendet, die Partei hat die Spaltung vermieden, die Verschmelzung der Fraktionen ist formal besiegelt und damit ist das Fundament gelegt worden, auf dem die Partei zu einer politischen Macht werden kann.

Jetzt muss man sich Rechenschaft ablegen, muss sich näher bekannt machen mit der Physiognomie des Parteitags und seine guten und schlechten Seiten nüchtern abwägen.

Was hat der Parteitag getan?

Was musste der Parteitag tun?

Auf die erste Frage geben die Resolutionen des Parteitags Antwort. Was jedoch die zweite Frage anbelangt, so muss man, um sie zu beantworten, wissen, in welcher Situation der Parteitag eröffnet wurde und welche Aufgaben ihm die gegenwärtige Lage stellte.

Wir wollen mit der zweiten Frage beginnen.

Jetzt ist es bereits klar, dass die Volksrevolution nicht untergegangen ist, dass sie trotz der „Dezemberniederlage“ dennoch wächst und ihrem Höhepunkt zustrebt. Wir sagen, dass dem auch so sein muss: die Triebkräfte der Revolution leben und wirken weiter, die ausgebrochene Industriekrise wird immer stärker, die Hungersnot, die das Dorf vollends ruiniert, wird von Tag zu Tag stärker - und dies bedeutet, dass die Stunde nahe ist, wo die revolutionäre Volksempörung als ein mächtiger Strom hervorbrechen wird. Die Tatsachen besagen, dass im gesellschaftlichen Leben Rußlands eine neue Aktion heranreift - eine entschiedenere und mächtigere Aktion, als es der Dezemberangriff war. Wir durchleben den Vorabend des Aufstands.

Auf der anderen Seite sammelt auch die dem Volke verhaßte Konterrevolution ihre Kräfte und nimmt an Stärke zu. Sie hat bereits eine Kamarilla organisiert, sie ruft alle dunklen Kräfte unter ihre Fahne, sie tritt an die Spitze der „Bewegung“ der Schwarzhunderter, sie bereitet einen neuen Überfall auf die Volksrevolution vor, sie schart die blutdürstigen Gutsbesitzer und Fabrikanten um sich - folglich bereitet sie sich darauf vor, die Volksrevolution zu zerschmettern.

Je weiter, desto schärfer teilt sich das Land in zwei feindliche Lager, das Lager der Revolution und das Lager der Konterrevolution, desto drohender treten die beiden Führer der beiden Lager einander gegenüber - das Proletariat und die Zarenregierung, und desto klarer wird es, dass alle Brücken zwischen ihnen verbrannt sind. Von zwei Dingen eins: entweder Sieg der Revolution und Selbstherrschaft des Volkes oder Sieg der Konterrevolution und Selbstherrschaft des Zaren. Wer sich zwischen zwei Stühle setzt, der verrät die Revolution. Wer nicht mit uns ist, der ist wider uns! Die jämmerliche Duma mit ihren jämmerlichen Kadetten hat sich eben gerade zwischen diese beiden Stühle gesetzt. Sie will die Revolution mit der Konterrevolution versöhnen, damit Wölfe und Schafe zusammen weiden - und auf diese Weise „auf einen Schlag“ mit der Revolution fertig werden. Eben aus diesem Grunde schöpft die Duma bisher nur Wasser in ein Sieb, eben aus diesem Grunde hat sie niemand für sich gewinnen können, und da sie keinen Boden unter den Füßen hat, baumelt sie in der Luft.

Die Hauptarena des Kampfes bleibt nach wie vor die Straße. Das besagen die Tatsachen. Die Tatsachen besagen, dass in dem jetzigen Kampf, im Straßenkampf, nicht aber in der geschwätzigen Duma, die Kräfte der Konterrevolution mit jedem Tage schwächer und lockerer werden, während die Kräfte der Revolution wachsen und sich rüsten, dass der Zusammenschluss und die Organisierung der revolutionären Kräfte unter der Führerschaft der fortgeschrittenen Arbeiter, nicht aber der Bourgeoisie vor sich gehen. Dies bedeutet aber, dass der Sieg der gegenwärtigen Revolution und ihre Vollendung durchaus möglich ist. Möglich allerdings nur dann, wenn an ihrer Spitze auch weiterhin die fortgeschrittenen Arbeiter stehen, wenn das klassenbewusste Proletariat die Führung der Revolution würdig verwirklicht.

Hieraus ist klar, welche Aufgaben die gegenwärtige Lage dem Parteitag stellte und was der Parteitag tun musste.

Engels hat gesagt, die Arbeiterpartei sei „die bewusste Vollstreckerin des unbewussten Prozesses“, d. h. die Partei muss bewusst den Weg beschreiten, den das Leben selbst unbewusst geht, sie muss bewusst die Ideen zum Ausdruck bringen, die das brausende Leben unbewusst auf die Tagesordnung setzt.

Die Tatsachen besagen, dass es dem Zarismus nicht gelungen ist, die Volksrevolution zu unterdrücken, dass sie im Gegenteil von Tag zu Tag wächst, höher ansteigt und einer neuen Aktion entgegengeht, - folglich ist es die Aufgabe der Partei, sich bewusst für diese Aktion zu rüsten und die Volksrevolution zu Ende zu führen.

Es ist klar, dass der Parteitag diese Aufgabe stellen und die Parteimitglieder verpflichten musste, sie ehrlich zu erfüllen.

Die Tatsachen besagen, dass eine Versöhnung der Revolution und der Konterrevolution unmöglich ist, dass die Duma, die von allem Anfang an den Weg dieser Versöhnung beschriften hat, nichts wird tun können, dass eine solche Duma niemals das politische Zentrum des Landes werden, das Volk nicht um sich scharen und gezwungen sein wird, zu einem Anhängsel der Reaktion zu werden, - folglich ist es die Aufgabe der Partei, die auf die Duma gesetzten falschen Hoffnungen zu zerstreuen, die politischen Illusionen des Volkes zu bekämpfen und vor aller Welt zu erklären, dass die Hauptarena der Revolution die Straße und nicht die Duma ist, dass hauptsächlich die Straße, der Kampf auf der Straße, nicht aber die Duma, nicht das Geschwätz in der Duma den Sieg des Volkes bringen muss.

Es ist klar, dass der Vereinigungsparteitag in seinen Resolutionen auch diese Aufgabe stellen musste, um dadurch die Richtung der Parteitätigkeit klar zu bestimmen.

Die Tatsachen besagen, dass die Revolution nur dann zum Sieg und zu Ende geführt und die Selbstherrschaft des Volkes errichtet werden kann, wenn an der Spitze der Revolution die klassenbewussten Arbeiter marschieren, wenn die Führung der Revolution in den Händen der Sozialdemokratie, nicht aber der Bourgeoisie liegt, - folglich ist es die Aufgabe der Partei, der Hegemonie der Bourgeoisie das Grab zu graben, die revolutionären Elemente in Stadt und Land um sich zu scharen, ihnen im revolutionären Kampf führend voranzuschreiten, von jetzt an ihre Aktionen zu leiten und auf diese Weise den Boden zu festigen für die Hegemonie des Proletariats.

Es ist klar, dass der Vereinigungsparteitag dieser dritten und grundlegenden Aufgabe besondere Aufmerksamkeit schenken musste, um dadurch der Partei ihre überragende Bedeutung zu zeigen.

Das verlangte die gegenwärtige Lage vom Vereinigungsparteitag und das musste der Parteitag tun.

Hat der Parteitag diese Aufgaben erfüllt?

II

Zwecks Klärung dieser Frage ist es notwendig, das Gesicht des Parteitags selbst kennen zu lernen.

Der Parteitag hat auf seinen Sitzungen viele Fragen berührt, die Hauptfrage aber, um die sich alle übrigen Fragen bewegten, das war die Frage der gegenwärtigen Lage. Die gegenwärtige Lage der demokratischen Revolution und die Klassenaufgaben des Proletariats - das war die Frage, in der sich alle unsere taktischen Meinungsverschiedenheiten wie in einem Knoten verflochten.

In der Stadt verschärft sich die Krise, sagten die Bolschewik!, auf dem Lande verstärkt sich die Hungersnot, das Zarenregime zersetzt sich bis auf den Grund, die Volksempörung aber wird mit jedem Tag stärker, - folglich ebbt die Revolution nicht nur nicht ab, sondern im Gegenteil, sie wächst mit jedem Tage an und rüstet sich für einen neuen Angriff. Daher die Aufgabe, die anwachsende Revolution zu fördern, sie zu Ende zu führen und sie durch die Selbstherrschaft des Volkes zu krönen (siehe die Resolution der Bolschewik! „Die gegenwärtige Lage...“).

Fast das gleiche sagten die Menschewiki.

Wie aber soll die jetzige Revolution zu Ende geführt werden, welche Voraussetzungen sind hierfür nötig?

Nach der Meinung der Bolschewik! kann die jetzige Revolution nur dann zu Ende geführt und durch die Selbstherrschaft des Volkes gekrönt werden, wenn die klassenbewussten Arbeiter an die Spitze dieser Revolution treten, wenn die Führung der Revolution in den Händen des sozialistischen Proletariats, nicht aber der bürgerlichen Demokraten konzentriert ist. Die Bolschewiki sagten: „Die demokratische Revolution zu vollenden, ist nur das Proletariat imstande, und zwar unter der „Bedingung, dass es ... die Massen der Bauernschaft führt und ihrem spontanen Kampf politisches Bewusstsein verleiht...“ Im entgegengesetzten Falle würde das Proletariat gezwungen sein, auf die Rolle des „Führers der Volksrevolution“ zu verzichten, und würde „in den Nachtrab der liberal-monarchistischen Bourgeoisie“ geraten, die niemals danach streben wird, die Revolution zu Ende zu führen (siehe die Resolution „Die Klassenaufgaben des Proletariats...“). Freilich ist unsere Revolution eine bürgerliche Revolution, und in dieser Hinsicht erinnert sie an die große französische Revolution, deren Früchte sich die Bourgeoisie aneignete. Klar ist aber auch, dass es zwischen diesen beiden Revolutionen auch einen großen Unterschied gibt. Während der französischen Revolution gab es keine maschinelle Großproduktion, wie wir sie heute bei uns sehen, und die Klassengegensätze waren nicht so scharf ausgeprägt wie bei uns, deshalb war dort das Proletariat schwach, während es hier stärker und geschlossener ist. Es muss ferner berücksichtigt werden, dass das Proletariat dort keine eigene Partei hatte, während es hier eine eigene Partei mit eigenem Programm und eigener Taktik besitzt. Kein Wunder, dass an der Spitze der französischen Revolution bürgerliche Demokraten standen, während die Arbeiter diesen Herren nachtrabten, „die Arbeiter kämpften, und die Bourgeois erlangten die Macht“. Auf der anderen Seite begreift man auch vollauf, dass das Proletariat Rußlands sich nicht damit zufrieden gibt, im Nachtrab der Liberalen einherzutrotten, dass es als Hegemon der Revolution auftritt und alle „Geknechteten und Enterbten“ unter sein Banner ruft. Darin liegt der Vorzug unserer Revolution vor der großen französischen Revolution, und deshalb glauben wir, dass unsere Revolution zu Ende geführt werden und mit der Selbstherrschaft des Volkes enden kann. Notwendig ist nur, die Hegemonie des Proletariats bewusst zu fördern und das kämpf ende Volk um das Proletariat zusammenzuschließen, um dadurch die Vollendung der jetzigen Revolution zu ermöglichen. Die Vollendung der Revolution aber ist notwendig, damit sich die Früchte dieser Revolution nicht die Bourgeoisie allein aneignet, damit die Arbeiterklasse außer der politischen Freiheit den achtstündigen Arbeitstag, eine Erleichterung der Arbeitsbedingungen erhält, ihr Minimalprogramm restlos verwirklicht und auf diese Weise den Weg zum Sozialismus bahnt. Wer daher die Interessen des Proletariats verteidigt, wer nicht will, dass das Proletariat zu einem Anhängsel der Bourgeoisie werde und für sie die Kastanien aus dem Feuer hole, wer dafür kämpft, dass das Proletariat zu einer selbständigen Macht werde und die jetzige Revolution für seine Zwecke ausnutze - der muss die Hegemonie der bürgerlichen Demokraten offen verurteilen, der muss den Boden festigen für die Hegemonie des sozialistischen Proletariats in der jetzigen Revolution.

So urteilten die Bolschewiki.

Ganz anders redeten die Menschewiki. Freilich erstarke die Revolution, freilich müsse sie zu Ende geführt werden, aber dazu bedürfe es durchaus nicht der Hegemonie des sozialistischen Proletariats - sollen doch die nämlichen bürgerlichen Demokraten als Führer der Revolution auftreten, sagten sie. Weshalb, was ist hier los? fragten die Bolschewiki. Weil die jetzige Revolution eine bürgerliche sei und weil als ihr Führer die Bourgeoisie auftreten müsse, antworteten die Menschewiki. Was also müsse dann das Proletariat tun? Es müsse den bürgerlichen Demokraten folgen, „sie vorwärts schieben“ und auf diese Weise „die bürgerliche Revolution voranbringen“. So sprach Martynow, der Führer der Menschewiki, den sie zum „Berichterstatter“ ausersahen. Der gleiche Gedanke ist, wenn auch nicht so klar, in der Resolution der Menschewiki „über die gegenwärtige Lage“ zum Ausdruck gebracht worden. Martynow hat bereits in seinen „Zwei Diktaturen“ gesagt, dass „die Hegemonie des Proletariats eine gefährliche Utopie“, eine Phantasie sei, dass die bürgerliche Revolution „von der extremen demokratischen Opposition geführt werden muss“, nicht aber vom sozialistischen Proletariat, dass das kämpfende Proletariat „der bürgerlichen Demokratie folgen“ und sie auf dem Wege zur Freiheit vorwärts schieben müsse (siehe die bekannte Broschüre Martynows „Zwei Diktaturen“). Den gleichen Gedanken wiederholte er auf dem Vereinigungsparteitag. Seiner Meinung nach war die große französische Revolution das Original, während unsere Revolution nur ein blasser Abklatsch von diesem Original ist, und da in Frankreich zu Anfang die „Nationalversammlung“ und dann der „Nationalkonvent“, in denen die Bourgeoisie die Herrschaft hatte, an der Spitze der Revolution standen, so müsse auch bei uns zu dem Führer der Revolution, der das Volk um sich schart, zunächst die Reichsduma werden, und dann irgendeine andere Vertretungskörperschaft, die revolutionärer sein werde als die Duma. Sowohl in der Duma als auch in dieser zukünftigen Vertretungskörperschaft würden die bürgerlichen Demokraten die Herrschaft haben, - folglich brauchten wir die Hegemonie der bürgerlichen Demokratie, nicht aber die des sozialistischen Proletariats. Man brauche der Bourgeoisie nur Schritt für Schritt zu folgen und sie noch weiter voranzubringen, der wahren Freiheit entgegen. Kennzeichnend ist, dass die Menschewiki Martynows Rede mit lautem Beifall begrüßten. Kennzeichnend ist auch, dass sie in keiner einzigen von ihren Resolutionen die Notwendigkeit der Hegemonie des Proletariats erwähnen, - der Ausdruck „Hegemonie des Proletariats“ ist aus ihren Resolutionen ebenso wie auch aus den Resolutionen des Parteitags völlig verbannt (siehe die Resolutionen des Parteitags).

Das war der Standpunkt der Menschewiki auf dem Parteitag.

Wie man sieht, gibt es hier zwei einander ausschließende Standpunkte, und eben hier nehmen alle die übrigen Meinungsverschiedenheiten ihren Anfang.

Ist der Führer der jetzigen Revolution das klassenbewusste Proletariat, in der jetzigen Duma aber herrschen die Kadetten, die Bourgeois, - so ist es von selbst klar, dass die jetzige Duma nicht zu einem „politischen Zentrum des Landes“ werden kann, sie wird das revolutionäre Volk nicht um sich vereinigen und durch keinerlei Anstrengungen zum Führer der anwachsenden Revolution werden können. Ferner, ist der Führer der Revolution das klassenbewusste Proletariat und ist es unmöglich, von der Duma aus die Revolution zu führen, - so ist es von selbst klar, dass die Hauptarena unserer Tätigkeit gegenwärtig die Straße sein muss und nicht der Sitzungssaal der Duma. Weiter, ist der Führer der Revolution das klassenbewusste Proletariat und ist die Hauptarena des Kampfes die Straße, - so ist es von selbst klar, dass unsere Aufgabe darin besteht, uns aktiv zu beteiligen an der Organisierung des Kampfes der Straße, der Bewaffnung verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken, die roten Kampfabteilungen zu mehren und unter den fortgeschrittenen Elementen militärische Kenntnisse zu verbreiten. Schließlich, ist der Führer der Revolution das fortgeschrittene Proletariat und soll es sich an der Organisierung des Aufstands aktiv beteiligen, - so ist es von selbst klar, dass wir nicht unsere Hände in Unschuld waschen, uns nicht von der provisorischen revolutionären Regierung ausschalten können, wir müssen gemeinsam mit der Bauernschaft die politische Macht erobern und uns an der provisorischen Regierung beteiligen (Wir berühren hier nicht die prinzipielle Seite dieser Frage.): der Führer der revolutionären Straße muss auch in der Regierung der Revolution der Führer sein.

Das war der Standpunkt der Bolschewiki.

Und umgekehrt, wenn, wie die Menschewiki sich das denken, die Führung der Revolution den bürgerlichen Demokraten gehören wird, und die Dumakadetten „solchen Demokraten nahe kommen“, - so wäre es von selbst klar, dass die jetzige Duma zu einem „politischen Zentrum des Landes“ werden könnte, dass die jetzige Duma das revolutionäre Volk um sich vereinigen, sein Führer werden und zur Hauptarena des Kampfes werden könnte. Ferner, wenn die Duma zur Hauptarena des Kampfes werden könnte, so wäre es überflüssig, der Bewaffnung und der Organisation der roten Kampfabteilungen verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken, es wäre nicht unsere Sache, der Organisierung des Kampfes der Straße besondere Aufmerksamkeit zu schenken, und um so weniger wäre es unsere Sache, gemeinsam mit der Bauernschaft die politische Macht zu erobern und uns an der provisorischen Regierung zu beteiligen, - sollen doch dafür die bürgerlichen Demokraten sorgen, die die Führer der Revolution sein werden. Es wäre natürlich nicht schlecht, Waffen und rote Kampfabteilungen zu haben, im Gegenteil, dies wäre sogar notwendig, aber diese Sache habe keine so große Bedeutung, wie die Bolschewiki sie ihr beimessen.

Das war der Standpunkt der Menschewiki.

Der Parteitag hat den zweiten Weg eingeschlagen, d.h. er hat die Hegemonie des sozialistischen Proletariats abgelehnt und den Standpunkt der Menschewiki gebilligt.

Hierdurch hat der Parteitag klar gezeigt, dass er die dringenden Forderungen der gegenwärtigen Lage nicht begriffen hat.

Darin liegt der grundlegende Fehler des Parteitags, dem alle übrigen Fehler ganz von selbst folgen mussten.

III

Nachdem der Parteitag die Idee der Hegemonie des Proletariats abgelehnt hatte, wurde es klar, wie er die übrigen Fragen lösen musste: „über das Verhältnis zur Reichsduma“, „über den bewaffneten Aufstand“ u. a.

Gehen wir zu diesen Fragen über.

Wir wollen mit der Frage der Reichsduma beginnen.

Wir werden uns nicht darauf einlassen, zu untersuchen, welche Taktik richtiger war - der Boykott oder die Wahlbeteiligung. Wir bemerken nur folgendes: Wenn sich heute die Duma mit nichts anderem als Redereien befasst, wenn sie zwischen Revolution und Konterrevolution stecken geblieben ist, so heißt das, dass die Anhänger der Wahlbeteiligung sich irrten, als sie das Volk zu den Wahlen riefen und in ihm falsche Hoffnungen erweckten. Aber lassen wir dies beiseite. Die Sache ist die, dass die Wahlen, als der Parteitag zusammentrat, bereits beendet waren (außer in Kaukasien und Sibirien), dass wir bereits über die Wahlergebnisse verfügten und folglich nur von der Duma selbst die Rede sein konnte, die wenige Tage später zusammentreten sollte. Es ist klar, dass der Parteitag nicht zur Vergangenheit zurückkehren konnte und die Hauptaufmerksamkeit darauf verwenden musste, was die Duma selbst darstellt und wie unser Verhältnis zu ihr sein muss.

Was also ist die heutige Duma und wie muss unser Verhältnis zu ihr sein?

Schon aus dem Manifest vom 17. Oktober war es bekannt, dass die Duma nicht über besonders große Rechte verfügt: sie ist eine Versammlung von Deputierten, die „das Recht haben“, sich zu beraten, aber „nicht das Recht haben“, die geltenden „Grundgesetze“ zu überschreiten. Sie wird überwacht vom Reichsrat, der „das Recht hat“, jeden beliebigen Beschluß der Duma aufzuheben. Auf der Wacht aber steht das von Kopf bis Fuß bewaffnete Zarenregiment, das „das Recht hat“, die Duma auseinanderzujagen, wenn sie sich mit ihrer beratenden Rolle nicht zufrieden gibt.

Was nun das Gesicht der Duma anbelangt, so wussten wir auch vor der Eröffnung des Parteitags schon, aus was für Elementen sie bestehen wird, wir wussten auch damals, dass die Duma zum großen Teil aus Kadetten werde bestehen müssen. Hiermit wollen wir durchaus nicht sagen, dass die Kadetten selbst die Mehrheit in der Duma bildeten, - wir sagen bloß, dass von den 500 Dumamitgliedern die Kadetten annähernd ein Drittel stellen würden, ein zweites Drittel würde bestehen aus den Zwischengruppen und den Rechten (der „Partei der demokratischen Reformen“[75] den gemäßigten Elementen unter den parteilosen Deputierten, den Oktobristen[76] u. a.), die in Augenblicken des Kampfes gegen die äußersten Linken (die Arbeitergruppe und die Gruppe der revolutionären Bauern) sich um die Kadetten vereinigen und für sie stimmen würden, so dass auf diese Weise die Kadetten in der Duma die Herren der Lage wären.

Wer aber sind die Kadetten? Kann man sie Revolutionäre nennen? Natürlich nicht! Also wer sind dann die Kadetten? Die Kadetten sind eine Partei der Paktierer-, sie wollen eine Einschränkung der Rechte des Zaren, aber nicht etwa, weil sie Anhänger des Sieges des Volkes wären - die Kadetten wollen die Selbstherrschaft des Zaren ersetzen durch die Selbstherrschaft der Bourgeoisie, nicht aber durch die Selbstherrschaft des Volkes (siehe ihr Programm) -, sondern damit auch das Volk sein revolutionäres Feuer mäßige, seine revolutionären Forderungen zurücknehme und irgendwie mit dem Zaren übereinkomme, - die Kadetten wollen eine Verständigung des Zaren mit dem Volke.

Wie man sieht, musste die Mehrheit der Duma aus Paktierern und nicht aus Revolutionären bestehen. Das war schon in der ersten Aprilhälfte von selbst klar.

Also boykottiert und ohnmächtig, mit geringfügigen Rechten einerseits, in ihrer Mehrheit nicht revolutionär und paktiererisch anderseits - das war die Duma. Ohnmächtige pflegen sowieso den Weg des Paktierertums zu beschreiten, haben sie aber außerdem noch nichtrevolutionäre Bestrebungen, so gleiten sie umso schneller zum Paktierertum hinab. Das gleiche musste auch mit der Reichsduma passieren. Sie konnte nicht ganz und gar auf die Seite des Zaren treten, da sie eine Beschränkung der Rechte des Zaren will, aber sie konnte auch nicht auf die Seite des Volkes übergehen, da das Volk revolutionäre Forderungen erhebt. Deshalb musste sie sich zwischen den Zaren und das Volk stellen und darangehen, sie zu versöhnen, d. h. Wasser in ein Sieb zu schöpfen. Einerseits musste sie das Volk zu überreden versuchen, auf „übermäßige Forderungen“ zu verzichten und sich irgendwie mit dem Zaren zu verständigen, anderseits aber musste sie zu einem Makler vor dem Zaren werden, damit er dem Volke eine Kleinigkeit zugestehe und dadurch den „revolutionären Wirren“ ein Ende setze.

Mit einer Solchen Duma hatte es der Vereinigungsparteitag zu tun.

Wie musste das Verhältnis der Partei zu einer solchen Duma sein? Es erübrigt sich zu sagen, dass die Partei es nicht auf sich nehmen konnte, eine solche Duma zu unterstützen, da die Unterstützung der Duma die Unterstützung der Paktiererpolitik ist und die Paktiererpolitik der Aufgabe, die Revolution zu vertiefen, von Grund aus widerspricht - die Arbeiterpartei darf sich nicht dazu hergeben, die Revolution zu beschwichtigen. Natürlich musste die Partei sowohl die Duma als auch die Konflikte der Duma mit der Regierung ausnutzen, aber dies bedeutet noch nicht, dass sie die nichtrevolutionäre Taktik der Duma unterstützen muss. Im Gegenteil, die Entlarvung der Doppelzüngigkeit der Duma, ihre schonungslose Kritik, die klare Bloßstellung ihrer Verrätertaktik - das muss das Verhältnis der Partei zur Reichsduma sein.

Ist dem aber so, so ist es klar, dass die kadettische Duma den Willen des Volkes nicht zum Ausdruck bringt, dass sie der Rolle einer Volksvertretung nicht gerecht werden kann, dass sie nicht zu einem politischen Zentrum des Landes werden und das Volk nicht um sich zusammenschließen kann.

Hierbei war es die Pflicht der Partei, die falschen Hoffnungen zu zerstreuen, die auf die Duma gesetzt wurden, und für alle laut vernehmlich zu erklären, dass die Duma den Willen des Volkes nicht zum Ausdruck bringt, dass sie folglich nicht zu einem Werkzeug der Revolution werden kann und dass die Hauptarena des Kampfes jetzt die Straße und nicht die Duma ist. Gleichzeitig war es klar, dass die in der

vertretene bäuerliche „Gruppe der Trudowiki“[77] die im Vergleich mit den Kadetten zahlenmäßig schwach war, der Paktierertaktik der Kadetten nicht bis zu Ende folgen konnte, dass sie sehr bald den Kampf gegen sie als gegen Verräter des Volkes aufnehmen und den Weg der Revolution einschlagen musste. Es war die Pflicht der Partei, die „Gruppe der Trudowiki“ in ihrem Kampf gegen die Kadetten zu unterstützen, ihre revolutionären Tendenzen bis zu Ende zu entwickeln, ihre revolutionäre Taktik der nichtrevolutionären Taktik der Kadetten gegenüberzustellen und dadurch die verräterischen Tendenzen der Kadetten noch klarer aufzudecken.

Wie aber verfuhr der Parteitag, was sagte der Parteitag in seiner Resolution über die Reichsduma?

Die Resolution des Parteitags besagt, die Duma sei eine „aus dem Schöße der Nation“ hervorgegangene Körperschaft. Also brächte die Duma trotz ihrer Mängel den Willen des Volkes dennoch zum Ausdruck.

Es ist klar, dass der Parteitag es nicht verstanden hat, die kadettische Duma gebührend einzuschätzen, der Parteitag hat vergessen, dass die Dumamehrheit aus Paktierern besteht, dass Paktierer als Menschen, die die Revolution ablehnen, nicht dem Willen des Volkes Ausdruck geben können, und dass wir folglich nicht das Recht haben zu sagen, die Duma sei „aus dem Schöße der Nation“ hervorgegangen.

Was sagten hierüber auf dem Parteitag die Bolschewiki?

Sie sagten: „Die Reichsduma mit ihrer schon jetzt sichtbar gewordenen (vorwiegend) kadettischen Zusammensetzung kann auf keinen Fall der Rolle einer wirklichen Volksvertretung gerecht werden.“ Das heißt, die jetzige Duma ist nicht aus dem Schoße des Volkes hervorgegangen, sie ist volksfeindlich und bringt deshalb den Willen des Volkes nicht zum Ausdruck (siehe die Resolution der Bolschewiki).

Der Parteitag lehnte in dieser Frage den Standpunkt der Bolschewiki ab.

Die Resolution des Parteitags besagt, die „Duma“ werde trotz ihres „pseudokonstitutionellen“ Charakters dennoch „zu einem Werkzeug der Revolution werden“ ... ihre Konflikte mit der Regierung könnten Ausmaße annehmen, „die die Möglichkeit geben, diese Konflikte zum Ausgangspunkt breiter, auf den Sturz der heutigen politischen Ordnung gerichteter Massenbewegungen zu machen“. Das heißt, die Duma könnte zum politischen Zentrum werden, das revolutionäre Volk um sich scharen und das Banner der Revolution erheben.

Ihr hört es, Arbeiter: Die kadettische Paktiererduma könnte also zum Zentrum der Revolution werden und an ihre Spitze gelangen: eine Hündin könnte also ein Lamm gebären! Ihr braucht euch nicht zu beunruhigen - von jetzt an bedarf es weder der Hegemonie des Proletariats noch des Zusammenschlusses des Volkes eben um das Proletariat: die nichtrevolutionäre Duma werde selbst das revolutionäre Volk um sich zusammenscharen, und alles werde in Ordnung sein! So einfach ist also die Revolution zu machen, so muss man also die jetzige Revolution zu Ende führen!

Offenbar hat der Parteitag nicht begriffen, dass die doppelzüngige Duma mit ihren doppelzüngigen Kadetten sich unweigerlich zwischen zwei Stühle setzen, den Zaren und das Volk miteinander zu versöhnen versuchen und dann, wie jeder Doppelzüngler, gezwungen sein wird, sich auf die Seite desjenigen zu neigen, der am meisten verspricht!

Was sagten hierüber auf dem Parteitag die Bolschewiki?

Sie erklärten, „die Voraussetzungen dafür, dass unsere Partei den parlamentarischen Weg betritt, liegen noch nicht vor“, d.h. vorläufig können wir ein ruhiges parlamentarisches Leben noch nicht beginnen, die Hauptarena des Kampfes bleibt immer noch die Straße und nicht die Duma (siehe die Resolution der Bolschewiki).

Der Parteitag lehnte auch in diesem Teil die Resolution der Bolschewiki ab.

Die Resolution des Parteitags sagt nichts Bestimmtes darüber, dass es in der Duma in der Minderheit bleibende Vertreter der revolutionären Bauernschaft (die „Gruppe der Trudowiki“) gibt, die gezwungen sein werden, das Paktierertum der Kadetten abzulehnen und den Weg der Revolution einzuschlagen, dass es notwendig ist, sie zu ermuntern, sie im Kampf gegen die Kadetten zu unterstützen und ihnen zu helfen, noch entschlossener den revolutionären Weg zu beschreiten.

Offenbar hat der Parteitag nicht begriffen, dass das Proletariat und die Bauernschaft die beiden Hauptkräfte der jetzigen Revolution sind, dass das Proletariat als der Führer der Revolution im gegenwärtigen Augenblick die revolutionären Bauern sowohl auf der Straße als auch in der Duma unterstützen muss, sobald sie den Kampf gegen die Feinde der Revolution aufnehmen.

Was sagten hierüber auf dem Parteitag die Bolschewiki?

Sie erklärten, schonungslos entlarven müsse die Sozialdemokratie „die Inkonsequenz und Wankelmütigkeit der Kadetten, dabei besonders aufmerksam die Elemente der bäuerlichen revolutionären Demokratie beachten, sie vereinigen, sie den Kadetten gegenüberstellen, diejenigen ihrer Aktionen unterstützen, die den Interessen des Proletariats entsprechen“ (siehe die Resolution).

Der Parteitag hat auch diesen Vorschlag der Bolschewiki nicht angenommen. Wahrscheinlich deswegen, weil hier die führende Rolle des Proletariats im jetzigen Kampf allzu offenkundig zum Ausdruck gebracht wird, während sich der Parteitag, wie wir oben gesehen haben, der Hegemonie des Proletariats gegenüber misstrauisch verhielt - die Bauernschaft müsse sich um die Duma, nicht aber um. das Proletariat zusammenschließen!

Das ist der Grund, weshalb die bürgerliche Zeitung „Nascha Shisn“[78] die Resolution des Parteitags lobt, das ist der Grund, weshalb die Kadetten von „Nascha Shisn“ wie aus einem Munde zu schreien begonnen haben: Endlich haben die Sozialdemokraten sich besonnen und sind vom Blanquismus abgerückt (siehe „Nascha Shisn“ Nr. 432).

Es ist augenscheinlich, dass die Feinde des Volkes - die Kadetten - nicht umsonst die Resolution des Parteitags loben! Nicht umsonst hat Bebel gesagt: Was unseren Feinden gefällt, das ist für uns von Schaden!

IV

Gehen wir zur Frage des bewaffneten Aufstands über.

Heute ist es für niemand mehr ein Geheimnis, dass eine Volksaktion unabwendbar ist. Wenn in den Städten und in den Dörfern die Krise und die Hungersnot um sich greifen, wenn die Gärung im Proletariat und in der Bauernschaft mit jedem Tage stärker wird, wenn das Zarenregiment sich zersetzt, wenn die Revolution also im Aufschwung begriffen ist, - so ist es von selbst klar, dass das Leben eine neue Volksaktion vorbereitet, eine umfassendere und mächtigere, als es die Oktober- und die Dezemberaktion waren. Ob diese neue Aktion wünschenswert ist oder nicht, ob sie gut oder schlecht - darüber zu reden ist heute überflüssig: es handelt sich nicht um unsere Wünsche, sondern darum, dass die Volksaktion von selbst heranreift, dass sie unabwendbar ist.

Aber es gibt Aktionen und Aktionen. Kein Zweifel, dass der Januar-Generalstreik in Petersburg (1905) eine Volksaktion war. Eine Volksaktion war auch der politische Generalstreik im Oktober. Eine Volksaktion war ferner die „Dezemberschlacht“ in Moskau und die der Letten. Es ist klar, dass es zwischen ihnen auch einen Unterschied gab. Während im Januar (1905) der Streik die Hauptrolle spielte, bildete der Streik im Dezember nur den Anfang, um dann in den bewaffneten Aufstand umzuschlagen und die Hauptrolle an diesen abzutreten. Die Aktionen im Januar, Oktober und Dezember haben bewiesen, dass es, und wenn man den Generalstreik noch so „friedlich“ beginnt, und wenn man bei der Vorlegung von Forderungen noch so „delikat“ verfährt, und wenn man noch so unbewaffnet das Kampffeld betritt, dennoch zu einem Zusammenprall kommen muss (man denke an den 9. Januar in Petersburg, als das Volk mit Kreuzen und dem Zarenbild aufmarschierte), dass die Regierung dennoch zu Kanonen und Gewehren ihre Zuflucht nehmen wird, dass das Volk dennoch zu den Warfen greifen wird und dass der Generalstreik somit dennoch in den bewaffneten Aufstand umschlagen wird. Was bedeutet dies? Nur, dass die kommende Volksaktion keine einfache Aktion sein wird, dass sie unbedingt einen bewaffneten Charakter annehmen wird und dass die entscheidende Rolle somit dem. bewaffneten Aufstand gehören wird. Ob ein Blutvergießen wünschenswert ist oder nicht, ob es gut ist oder schlecht, darüber braucht man nicht zu sprechen: wir wiederholen - es kommt nicht auf unsere Wünsche an, sondern darauf, dass der bewaffnete Aufstand unzweifelhaft kommen wird und dass es unmöglich ist, ihn zu vermeiden.

Unser heutiges Ziel ist die Selbstherrschaft des Volkes. Wir wollen, dass die Zügel der Verwaltung dem Proletariat und der Bauernschaft in die Hände gelegt werden. Lässt sich dieses Ziel durch den Generalstreik erreichen? Die Tatsachen besagen, dass dies unmöglich ist (man erinnere sich des oben Gesagten). Oder wird uns vielleicht die Duma mit ihren redseligen Kadetten helfen und wird mit ihrer Hilfe die Selbstherrschaft des Volkes errichtet werden? Die Tatsachen besagen, dass dies gleichfalls unmöglich ist, denn die kadettische Duma will die Selbstherrschaft der Großbourgeoisie und nicht die Selbstherrschaft des Volkes (man erinnere sich des oben Gesagten).

Es ist klar, dass der einzig verlässliche Weg der bewaffnete Aufstand des Proletariats und der Bauernschaft ist. Nur auf dem Wege des bewaffneten Aufstands kann die Herrschaft des Zaren gestürzt und die Herrschaft des Volkes errichtet werden, natürlich nur, wenn dieser Aufstand mit dem Sieg endet. Ist dem aber so, ist ein Sieg des Volkes ohne den Sieg des Aufstands heute unmöglich und bereitet anderseits das Leben selbst die bewaffnete Volksaktion vor, ist diese Aktion unvermeidlich, - so ist es von selbst klar, dass die Aufgabe der Sozialdemokratie darin besteht, sich bewusst für diese Aktion zu rüsten, ihren Sieg bewusst vorzubereiten. Von zwei Dingen eins: entweder müssen wir die Selbstherrschaft des Volkes (die demokratische Republik) ablehnen und uns mit einer konstitutionellen Monarchie zufrieden geben, - dann werden wir das Recht haben zu sagen, es sei nicht unsere Sache, den bewaffneten Aufstand zu organisieren, oder aber wir müssen uns die Selbstherrschaft des Volkes (die demokratische Republik) nach wie vor als heutiges Ziel setzen und die konstitutionelle Monarchie entschieden ablehnen, - dann werden wir nicht das Recht haben zu sagen, es sei nicht unsere Sache, die spontan heranreifende Aktion bewusst zu organisieren.

Wie aber sollen wir uns auf den bewaffneten Aufstand vorbereiten, wie können wir zu seinem Siege beitragen?

Die Dezemberaktion hat bewiesen, dass wir Sozialdemokraten, abgesehen von allen anderen Sünden, noch eine große Sünde vor dem Proletariat begangen haben. Diese Sünde besteht darin, dass wir nicht oder zu wenig für die Bewaffnung der Arbeiter und für die Organisierung roter Kampfabteilungen gesorgt haben. Man denke an den Dezember. Wem wäre das erregte, kampfentschlossene Volk in Tiflis, in Westkaukasien, in Südrußland, in Sibirien, in Moskau, in Petersburg, in Baku nicht mehr in Erinnerung? Warum gelang es der Selbstherrschaft, dieses von Kampfeifer entbrannte Volk so leicht zu zerstreuen? Etwa deshalb, weil das Volk noch nicht von der Schlechtigkeit der Zarenregierung überzeugt gewesen wäre? Natürlich nicht! Warum also?

Vor allem deshalb, weil das Volk keine oder doch zu wenig Waffen hatte, - wie klassenbewusst ihr auch sein mögt, mit bloßen Händen könnt ihr den Kugeln nicht standhalten! Jawohl, mit Recht wurden wir gerügt, wenn man sagte: Das Geld nehmt ihr, Waffen aber sind nicht zu sehen.

Zweitens deshalb, weil wir keine ausgebildeten roten Kampfabteilungen hatten, die die übrigen mitgerissen, mit Waffengewalt weitere Waffen erobert und das Volk damit ausgerüstet hätten: in den Straßenkämpfen ist das Volk ein Held, wenn es aber nicht von seinen bewaffneten Brüdern geführt wird, wenn diese ihm nicht mit ihrem Beispiel vorangehen, so kann es sich in einen Haufen verwandeln.

Drittens deshalb, weil der Aufstand zersplittert und unorganisiert war. Ais Moskau auf den Barrikaden kämpfte, war Petersburg stumm. Tiflis und Kutais rüsteten zum Sturm, als Moskau bereits „bezwungen“ war. Sibirien griff zu den Waffen, als der Süden und die Letten bereits „besiegt“ waren. Dies bedeutet, dass das kämpfende Proletariat dem Aufstand in Gruppen zersplittert begegnete, wodurch die Regierung verhältnismäßig leicht imstande war, ihm eine „Niederlage“ beizubringen.

Viertens deshalb, weil unser Aufstand sich an die Politik der Verteidigung, nicht aber des Angriffs hielt. Die Regierung selber rief den Dezemberaufstand hervor, die Regierung selber griff uns an, sie hatte ihren Plan, während wir diesem Angriff der Regierung unvorbereitet begegneten, keinen durchdachten Plan hatten, gezwungen waren, uns an die Politik der Selbstverteidigung zu halten, und somit im Nachtrab der Ereignisse einhertrotteten. Hätten die Moskauer gleich zu Anfang die Politik der Offensive gewählt, so hätten sie unverzüglich den Nikolaus-Bahnhof besetzt, die Regierung wäre dann außerstande gewesen, Truppen aus Petersburg nach Moskau zu werfen, und der Moskauer Aufstand wäre somit von längerer Dauer gewesen, was einen entsprechenden Einfluss auch auf die anderen Städte ausgeübt haben würde. Dasselbe muss auch über die Letten gesagt werden: hätten sie gleich zu Anfang den Weg des Angriffs beschritten, so hätten sie sich vor allem der Geschütze bemächtigt und die Regierungskräfte erschüttert.

Nicht umsonst sagte Marx:

„...hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Jod jedes bewaffneten Aufstands... überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sicherere Seite schlagen; zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionäreer Taktik zu sprechen: de l’audace, de l’audace, encore de l’audace!“ [Kühnheit, Kühnheit und abermals Kühnheit!] (Siehe „Historische Skizzen“ von Karl Marx, S. 95 [K. Marx/F. Engels, „Revolution und Konterrevolution in Deutschland“, deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, S. 119].)

Eben an dieser „Kühnheit“ und Offensivpolitik hat es dem Dezemberaufstand gefehlt.

Man wird uns sagen: Damit sind die Ursachen der Dezember“niederlage“ nicht erschöpft, ihr habt vergessen, dass die Bauernschaft es im Dezember nicht vermocht hat, sich mit dem Proletariat zu vereinigen, und auch das ist eine der Hauptursachen des Dezemberrückzugs. Gewiss zutreffend, und wir wollen das nicht vergessen. Warum aber hat die Bauernschaft es nicht vermocht, sich mit dem Proletariat zu vereinigen, worin lag die Ursache? Man wird uns sagen: mangelnde Bewusstheit. Schön, wie aber sollen wir den Bauern Bewusstheit beibringen? Durch Verbreitung von Broschüren? Natürlich genügt das nicht! Wie also? Durch Kampf, durch Hereinziehung der Bauern in den Kampf, und durch unsere Führung während des Kampfes. Heute ist die Stadt berufen, das Dorf zu leiten, der Arbeiter - den Bauern, und ist der Aufstand in den Städten nicht organisiert, so wird die Bauernschaft im Aufstand niemals mit dem fortgeschrittenen Proletariat zusammengehen. Das sind die Tatsachen.

Hieraus wird von selbst klar, wie der Parteitag sich zum bewaffneten Aufstand stellen musste, welche Losungen er den Parteigenossen geben musste.

Die Bewaffnung war eine schwache Seite der Partei, bis auf den heutigen Tag hat sie die Bewaffnung vernachlässigt - folglich musste der Parteitag der Partei sagen: bewaffnet euch, schenkt der Bewaffnung verstärkte Aufmerksamkeit, um der kommenden Aktion wenigstens einigermaßen gerüstet zu begegnen.

Ferner. Die Organisierung bewaffneter Kampfabteilungen war eine schwache Seite der Partei, sie schenkte der Vermehrung der roten Kampfabteilungen nicht die gebührende Aufmerksamkeit - folglich musste der Parteitag der Partei sagen: Schafft rote Kampfabteilungen, verbreitet im Volke militärische Kenntnisse, schenkt der Organisierung der roten Kampfabteilungen verstärkte Aufmerksamkeit, damit es später möglich sei, mit Waffengewalt weitere Waffen zu erlangen und den Aufstand zu verbreitern.

Weiter. Dem Dezemberaufstand begegnete das Proletariat zersplittert, niemand hatte ernstlich an die Organisierung des Aufstands gedacht - folglich musste der Parteitag der Partei die Losung geben, energisch dazu überzugehen, die Kampfelemente zu vereinigen, sie nach einem einheitlichen Plan in Bewegung zu setzen und den bewaffneten Aufstand aktiv zu organisieren.

Weiter. Bisher hielt sich das Proletariat im bewaffneten Aufstand an die Politik der Defensive, es beschritt niemals den Weg des Angriffs, und dieser Umstand behinderte den Sieg des Aufstands, - folglich war der Parteitag verpflichtet, die Parteigenossen darauf hinzuweisen, dass der Augenblick des siegreichen Aufstands näher rückt und dass es notwendig ist, zur Politik der Offensive überzugehen.

Wie aber ist der Parteitag vorgegangen und welche Losungen hat er der Partei gegeben?

Der Parteitag sagte: „...Die Hauptaufgabe der Partei in der gegenwärtigen- Lage ist die Entwicklung der Revolution durch Verbreiterung und Verstärkung der agitatorischen Tätigkeit in den breiten Schichten des Proletariats, der Bauernschaft, der städtischen Kleinbourgeoisie und unter den Truppen sowie ihre Hineinziehung in den aktiven Kampf gegen die Regierung durch ständiges Eingreifen der Sozialdemokratie und des von ihr geführten Proletariats in das politische Leben des Landes in allen seinen Erscheinungsformen...“ Die Partei „kann die falsche Hoffnungen erweckende Verpflichtung, das Volk zu bewaffnen, nicht auf sich nehmen, und muss ihre Aufgaben darauf beschränken, die Selbstbewaffnung der Bevölkerung zu fördern und Kampfscharen zu organisieren und zu bewaffnen...“ „Es ist Pflicht der Partei, sich allen Versuchen zu widersetzen, das Proletariat unter ungünstigen Voraussetzungen in einen bewaffneten Zusammenstoß hineinzuziehen...“ usw. usf. (siehe die Resolution des Parteitags).

Es ergibt sich, dass heute, in der gegebenen Lage, wo wir an der Schwelle einer neuen Volksaktion stehen, die „Hauptsache für den Sieg des Aufstandes - die Agitation wäre, während die Bewaffnung und die Organisierung roter Kampfabteilungen etwas Unwesentliches wäre, wovon wir uns nicht hinreißen lassen sollen und in Hinsicht worauf wir unsere Tätigkeit auf eine „Förderung“ „beschränken“ sollen. Davon aber, dass es notwendig ist, den Aufstand zu organisieren, und ihn nicht zersplittert durchzuführen, davon, dass wir eine Politik des Angriffs brauchen (man erinnere sich der Worte von Marx), - davon sagt der Parteitag kein Wort. Es ist klar, dass diese Fragen für ihn keine Bedeutung haben.

Die Tatsachen besagen: Bewaffnet euch und festigt mit allen Mitteln die roten Kampfabteilungen, der Parteitag aber antwortet: Lasst euch nicht so sehr von der Bewaffnung und Organisierung roter Kampfabteilungen hinreißen, „beschränkt“ eure Tätigkeit in dieser Beziehung, da die Hauptsache die Agitation ist.

Man könnte meinen, wir hätten bisher sehr viel für die Bewaffnung gesorgt, eine Masse von Genossen bewaffnet, sehr viele Kampfabteilungen organisiert, die Agitation aber vernachlässigt - und da belehrt uns nun der Parteitag: Genug der Bewaffnung, macht euch darüber weiter keine Sorgen, die Hauptaufgabe ist ja die Agitation!

Selbstverständlich ist die Agitation stets und überall eines der Hauptinstrumente der Partei, aber wird denn etwa die Agitation über den Sieg des bevorstehenden Aufstands entscheiden? Hätte der Parteitag dies vor vier Jahren gesagt, als die Frage des Aufstands bei uns nicht auf der Tagesordnung stand, so wäre das noch begreiflich gewesen, heute aber, wo wir an der Schwelle des bewaffneten Aufstands stehen, wo die Frage des Aufstands auf die Tagesordnung gestellt ist, wo er unabhängig von uns und gegen unseren Willen beginnen kann - was kann da die „als Hauptsache“ betriebene Agitation tun, was kann man durch diese „Agitation“ erreichen?

Oder weiter: Nehmen wir an, wir erweitern die Agitation, nehmen wir an, das Volk habe sich erhoben, was dann? Wie kann es ohne Warfen kämpfen? Hat denn das unbewaffnete Volk nicht genügend Blut vergossen? Und was soll das Volk mit Waffen, wenn es sie nicht zu benutzen weiß, wenn es nicht über genügend rote Kampfabteilungen verfügt? Man wird uns sagen: Wir verzichten nicht auf die Bewaffnung und auf rote Kampfabteilungen. Zugegeben, aber wenn ihr der Bewaffnung nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenkt, wenn ihr sie vernachlässigt, so heißt das, dass ihr faktisch auf sie verzichtet.

Wir sprechen schon gar nicht davon, dass der Parteitag kein Sterbenswörtchen von der Organisierung des Aufstands und von der Politik des Angriffs gesagt hat. Übrigens musste das auch so kommen, denn die Resolution des Parteitags ist um vier bis fünf Jahre hinter dem Leben zurückgeblieben, und für den Parteitag war der Aufstand immer noch eine theoretische Frage.

Was sagten über diese Frage auf dem Parteitag die Bolschewiki?

Sie sagten: „...In der propagandistischen und agitatorischen Tätigkeit der Partei muss dem Studium der praktischen Erfahrungen des Dezemberaufstands, seiner militärischen Kritik und der Herausarbeitung der unmittelbaren Lehren für die Zukunft verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt werden.“ „Es muss eine noch energischere Tätigkeit entfaltet werden, um die Zahl der Kampfscharen zu vergrößern, ihre Organisation zu verbessern und sie mit Waffen aller Art zu versorgen, wobei es, wie die Erfahrung gezeigt hat, notwendig ist, nicht nur Kampfscharen der Partei zu organisieren, sondern auch solche, die sich an die Partei anlehnen oder auch ganz parteilos sind...“ „Angesichts der wachsenden Bauernbewegung, die in der allernächsten Zukunft zu einem richtigen Aufstand aufflammen kann, ist es wünschenswert, die Kräfte auf die Vereinigung der Aktionen der Arbeiter und der Bauern zu richten, um nach Möglichkeit gemeinsame und gleichzeitige Kampfaktionen durchzuführen...“ Folglich „...beginnt angesichts der Steigerung und Verschärfung der neuen politischen Krise der „Übergang von den defensiven zu den offensiven Formen des bewaffneten Kampfes...“, und gemeinsam mit den Soldaten sind „...die entschlossensten Angriffsaktionen gegen die Regierung...“ notwendig usw. (siehe die Resolution der Bolschewiki).

Das sagten die Bolschewiki.

Aber der Standpunkt der Bolschewiki wurde vom Parteitag abgelehnt.

Hiernach ist es nicht schwer zu begreifen, weshalb die Resolutionen des Parteitags von den liberalen Kadetten mit solcher Begeisterung aufgenommen wurden (siehe „Mascha Shisn“ Nr. 432): sie begriffen, dass diese Resolutionen um mehrere Jahre hinter der jetzigen Revolution zurückgeblieben sind, dass diese Resolutionen die Klassenaufgaben des Proletariats absolut nicht zum Ausdruck bringen, dass das Proletariat durch diese Resolutionen eher zu einem Anhängsel der Liberalen werden kann als zu einer selbständigen Macht, - sie begriffen dies alles und ebendeshalb loben sie sie.

Die Aufgabe der Parteigenossen besteht darin, zu den Resolutionen des Parteitags kritisch Stellung zu nehmen und zur gegebenen Zeit die entsprechenden Korrekturen an ihnen vorzunehmen.

Ebendiese Aufgabe hatten wir im Auge, als wir darangingen, diese Broschüre zu schreiben.

Allerdings haben wir hier nur die beiden Resolutionen „Über das Verhältnis zur Reichsduma“ und „über den bewaffneten Aufstand“ berührt, aber diese beiden Resolutionen sind zweifellos die Hauptresolutionen, die den taktischen Standpunkt des Parteitags am klarsten zum Ausdruck bringen.

Somit sind wir zu der Hauptschlussfolgerung gelangt, dass die Frage in der Partei so gestellt ist: Soll das klassenbewusste Proletariat in der jetzigen Revolution der Hegemon sein oder im Nachtrab der bürgerlichen Demokraten einher trotten?

Wir haben gesehen, dass von dieser oder jener Lösung dieser Frage auch die Lösung aller übrigen Fragen abhängt.

Umso sorgfältiger müssen die Genossen das Wesen dieser beiden Auffassungen gegeneinander abwägen.

Nach der vom „Verlag „Proletariat“
1906 herausgegebenen Broschüre.
Unterschrift-. Genosse K.
Nach der autorisierten russischen „Übersetzung
aus dem Georgischen.

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