"Stalin"

Werke

Band 1

ANHANG

ANARCHISMUS ODER SOZIALISMUS?

Der dialektische Materialismus

I

Wir gehören nicht zu den Leuten, die sich bei der Erwähnung des Wortes „Anarchismus“ verächtlich abwenden, mit der Hand abwinken und erklären: „Da habt ihr die richtige Beschäftigung gefunden, es lohnt nicht mal, von ihm zu reden!“ Wir meinen, dass eine so billige „Kritik“ sowohl unwürdig als auch nutzlos ist.

Wir gehören ferner nicht zu den Leuten, die sich damit trösten, die Anarchisten hätten „keine Massen und sind deshalb nicht gar so gefährlich“. Die Sache ist nicht die, wem heute größere oder geringere „Massen“ folgen, - es handelt sich um das Wesen der Lehre. Bringt die „Lehre“ der Anarchisten die Wahrheit zum Ausdruck, so wird sie sich selbstverständlich den Weg bahnen und Massen um sich sammeln. Ist sie dagegen nicht stichhaltig und auf einer falschen Grundlage errichtet, so wird sie sich nicht lange halten und in der Luft hängen. Die Unstichhaltigkeit des Anarchismus aber bedarf des Beweises.

Wir sind der Auffassung, dass die Anarchisten richtige Feinde des Marxismus sind. Wir erkennen also auch an, dass man gegen richtige Feinde einen richtigen Kampf führen muss. Deshalb aber ist es notwendig, die „Lehre“ der Anarchisten von Anfang bis zu Ende zu untersuchen und sie von allen Seiten gründlich zu erwägen.

Es gilt aber nicht nur, den Anarchismus zu kritisieren, sondern auch unseren eigenen Standpunkt auseinanderzusetzen, also in großen Zügen die Lehre von Marx und Engels darzulegen. Das ist umso notwendiger, als manche Anarchisten falsche Vorstellungen über den Marxismus verbreiten und die Köpfe der Leser zu verwirren versuchen. Damit kommen wir zur Sache.

„Alles, was existiert, … existiert nur, lebt
nur vermittelst irgendwelcher Bewegung …
Wir leben inmitten einer beständigen Be-
wegung des Anwachsens der Produktiv-
kräfte, der Zerstörung sozialer Verhält-
nisse…“

K. Marx

Der Marxismus ist nicht nur die Theorie des Sozialismus, sondern eine in sich geschlossene Weltanschauung, ein philosophisches System, aus dem sich der proletarische Sozialismus von Marx logisch ergibt. Dieses philosophische System heißt dialektischer Materialismus. Den Marxismus darlegen heißt klarerweise auch den dialektischen Materialismus darlegen.

Weshalb heißt dieses System dialektischer Materialismus?

Weil seine Methode die dialektische und seine Theorie materialistisch ist.

Was ist die dialektische Methode?

Was ist die materialistische Theorie?

Man sagt, das Leben bestehe in ununterbrochenem Wachstum und Entwicklung, und das ist richtig: das gesellschaftliche Leben ist nicht irgendetwas Unveränderliches und Erstarrtes, es bleibt niemals auf derselben Stufe stehen - es befindet sich in ewiger Bewegung, ist in stetem Vergehen und Werden begriffen. Nicht umsonst hat Marx gesagt, ewige Bewegung, ewiges Zerstören und Entstehen seien das Wesen des Lebens. Ebendeshalb gibt es im Leben stets Neues und Altes, Wachsendes und Absterbendes, Revolution und Reaktion - unablässig ist darin stets irgend etwas im Sterben und gleichzeitig ist unablässig stets irgend etwas im Entstehen begriffen ...

Die dialektische Methode besagt, dass man das Leben gerade so betrachten muss, wie es in Wirklichkeit ist. Das Leben befindet sich in unaufhörlicher Bewegung, folglich müssen wir auch das Leben in seiner Bewegung, im Vergehen und Entstehen betrachten. Wohin das Leben geht, was abstirbt und was im Leben entsteht, was zerstört wird und was geschaffen wird - diese Fragen müssen uns vor allem interessieren.

Das ist die erste Schlussfolgerung der dialektischen Methode.

Das, was im Leben entsteht und von Tag zu Tage wächst, ist unbesiegbar, kann in seiner Vorwärtsbewegung nicht aufgehalten werden, sein Sieg ist unvermeidlich. Das heißt, wenn z. B. im Leben das Proletariat entsteht und von Tag zu Tage wächst, so wird es, auch wenn es heute noch so schwach und wenig zahlreich sein mag, zu guter Letzt doch siegen. Umgekehrt muss das, was im Leben abstirbt und dem Grabe entgegengeht, unvermeidlich eine Niederlage erleiden, d. h. wenn z. B. die Bourgeoisie den Boden unter den Füßen verliert und von Tag zu Tage zurückgeht, so kann sie heut noch so stark und zahlreich sein, sie muss zu guter Letzt dennoch eine Niederlage erleiden und in die Grube fahren. Daher auch der bekannte dialektische Leitsatz: Alles, was wirklich ist, d. h. alles, was von Tag zu Tage wächst, ist vernünftig.

Das ist die zweite Schlussfolgerung der dialektischen Methode.

In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstand unter der russischen revolutionären Intelligenz ein bemerkenswerter Streit. Die Volkstümler erklärten, der Hauptfaktor, der die „Befreiung Rußlands“ bewerkstelligen könne, sei die arme Bauernschaft. Wieso? fragten die Marxisten sie. Weil die Bauernschaft, sagten sie, zahlreicher und gleichzeitig ärmer ist als alle anderen in der russischen Gesellschaft. Die Marxisten erwiderten: Richtig ist, dass die Bauernschaft heute die Mehrheit bildet und dass sie sehr arm ist, aber kommt es denn darauf an? Die Bauernschaft bildet schon lange die Mehrheit, doch hat sie bis jetzt ohne die Hilfe des Proletariats keinerlei Initiative im Kampf für die „Freiheit“ an den Tag gelegt. Und warum? Weil es mit der Bauernschaft als Stand von Jag zu Jage abwärts gebt, weil sie in Proletariat und Bourgeoisie zerfällt, während das Proletariat als Klasse von Tag zu Tage wächst und erstarkt. Der Armut kommt hier ebenfalls nicht die entscheidende Bedeutung zu: die „Barfüßler“ sind noch ärmer als die Bauern, doch wird niemand behaupten, dass sie die „Befreiung Rußlands“ bewerkstelligen können. Es handelt sich nur darum, wer wächst und wer im Leben altert. Da nun das Proletariat die einzige Klasse ist, die unaufhörlich wächst und erstarkt, so ist es unsere Pflicht, uns seinen Reihen anzuschließen und es als Hauptfaktor in der russischen Revolution anzuerkennen, - so erwiderten die Marxisten. Die Marxisten betrachteten, wie man sieht, die Frage vom dialektischen Standpunkt aus, während die Volkstümler metaphysisch urteilten, da sie die Lebenserscheinungen als „unveränderte, erstarrte, ein für allemal gegebene“ ansahen (siehe F. Engels, „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ [deutsche Neuausgabe Berlin 1949]).

So betrachtet die dialektische Methode die Bewegung des Lebens.

Es gibt jedoch Bewegungen und Bewegungen. Es gab eine gesellschaftliche Bewegung in den „Dezembertagen“, als das Proletariat, den Rücken gestrafft, die Waffenlager stürmte und die Reaktion angriff. Aber eine gesellschaftliche Bewegung muss auch die Bewegung der vorhergehenden Jahre genannt werden, wo das Proletariat unter „friedlichen“ Entwicklungsbedingungen sich auf einzelne Streiks und die Schaffung kleiner Gewerkschaften beschränkte. Es ist klar, dass die Bewegung verschiedene Formen hat. Die dialektische Methode besagt denn auch, dass die Bewegung zweierlei Formen hat: eine evolutionäre und eine revolutionäre. Die Bewegung ist evolutionär, wenn die progressiven Elemente spontan ihre alltägliche Wirksamkeit fortsetzen und in den alten Zuständen kleine, quantitative Veränderungen herbeiführen. Die Bewegung ist revolutionär, wenn dieselben Elemente sich vereinigen, von einer einheitlichen Idee ergriffen werden und gegen das feindliche Lager anstürmen, um die alte Ordnung mit ihren qualitativen Zügen von Grund aus zu vernichten und eine neue Ordnung herzustellen. Die Evolution bereitet die Revolution vor und schafft den Boden für sie, während die Revolution die Krönung der Evolution ist und ihr weiteres Wirken fördert.

Ebensolche Prozesse gehen auch im Leben der Natur vor sich. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt, dass die dialektische Methode die wahrhaft wissenschaftliche Methode ist: von der Astronomie bis zur Soziologie - überall findet der Gedanke Bestätigung, dass es in der Welt nichts Ewiges gibt, dass alles sich verändert, alles sich entwickelt. Folglich muss alles in der Natur vom Standpunkt der Bewegung, der Entwicklung aus betrachtet werden. Dies bedeutet aber, dass der Geist der Dialektik die ganze moderne Wissenschaft durchdringt.

Was nun die Formen der Bewegung anbelangt, was die Tatsache anbelangt, dass der Dialektik zufolge kleine, quantitative Veränderungen schließlich zu großen, qualitativen Veränderungen führen - so gilt dieses Gesetz in gleichem Maße auch in der Naturgeschichte. Das „Periodische System der Elemente“ von Mendelejew zeigt klar, von welcher großen Bedeutung in der Naturgeschichte das Eintreten qualitativer Veränderungen infolge quantitativer Veränderungen ist. Das gleiche bezeugt in der Biologie die Theorie des Neolamarckismus, dem der Neodarwinismus Platz macht.

Wir sprechen gar nicht von den anderen Tatsachen, die F. Engels in seinem „Anti-Dühring“ genügend vollständig beleuchtet hat.

*

Jetzt kennen wir also die dialektische Methode. Wir wissen, dass die Welt, dieser Methode zufolge, in ewiger Bewegung, in ewigem Vergehen und Werden begriffen ist, und folglich dass jede Erscheinung in der Natur ebenso wie in der Gesellschaft in ihrer Bewegung, in ihrem Vergehen und Werden betrachtet werden muss, nicht aber als etwas Erstarrtes und Unbewegliches. Wir wissen ferner auch, dass diese Bewegung selbst zweierlei Formen hat: eine evolutionäre und eine revolutionäre...

Wie stellen sich nun unsere Anarchisten zur dialektischen Methode?

Der Stammvater der dialektischen Methode war bekanntlich Hegel. Marx hat diese Methode nur geläutert und verbessert. Dieser Umstand ist den Anarchisten bekannt; sie wissen auch, dass Hegel ein konservativer Denker war, und da benutzen sie die „Gelegenheit“, um Hegel wütend zu beschimpfen, ihn als „Reaktionär“ und als Anhänger der „Restauration“ mit Schmutz zu bewerfen und sich eifrig um den Nachweis zu bemühen, „dass Hegel der Philosoph der Restauration ist..., dass er den bürokratischen Konstitutionalismus in seiner absoluten Form lobpreist, dass die Gesamtidee seiner Philosophie der Geschichte der philosophischen Richtung der Restauration der Epoche untergeordnet ist und ihr dient“, und so weiter, und dergleichen mehr (siehe „Nobati“ Nr. 6, Artikel von W. Tscherkesischwili). Allerdings streitet niemand mit ihnen darüber, im Gegenteil, jeder ist damit einverstanden, dass Hegel kein Revolutionär war, dass er ein Anhänger der Monarchie war, aber die Anarchisten versuchen dennoch zu „beweisen“ und halten es für notwendig, ohne Ende zu „beweisen“, dass Hegel ein Anhänger der „Restauration“ war. Wozu? Wahrscheinlich, um mit alledem Hegel zu diskreditieren und den Leser auf den Gedanken zu bringen, auch die Methode des „Reaktionärs“ Hegel sei eben nur „abscheulich“ und unwissenschaftlich. Ist dies wirklich so und wollen die Herren Anarchisten auf diesem „Wege die dialektische Methode widerlegen, so muss ich sagen, dass sie auf diesem Wege nichts beweisen als ihr eigenes Talent zum Missgeschick. Pascal und Leibniz waren keine Revolutionäre, aber die von ihnen entdeckte mathematische Methode wird jetzt als eine wissenschaftliche Methode anerkannt. Mayer und Helmholtz waren keine Revolutionäre, aber ihre Entdeckungen auf dem Gebiete der Physik sind zu einer Grundlage der Wissenschaft geworden, - keine Revolutionäre waren auch Lamarck und Darwin, aber ihre evolutionistische Methode hat die biologische Wissenschaft auf die Füße gestellt... Jawohl, auf diesem Wege werden die Anarchisten nichts beweisen als ihr eigenes Talent zum Missgeschick.

Gehen wir weiter. Die Anarchisten meinen: „Dialektik ist Metaphysik“ (siehe „Nobati“ Nr. 9, S. G.), und da sie „die Wissenschaft von der Metaphysik und die Philosophie von der Theologie befreien wollen“ (siehe „Nobati“ Nr. 3, S. G.), so lehnen sie die dialektische Methode ab.

Das ist ja allerhand von den Anarchisten! „Der Sieche nennt den Gesunden krank“, heißt es in einem Sprichwort. Die Dialektik ist im Kampf gegen die Metaphysik gereift, in diesem Kampf hat sie sich Ruhm erworben, nach der Meinung der Anarchisten aber „ist Dialektik - Metaphysik“! Der „Stammvater“ der Anarchisten, Proudhon, glaubte daran, dass es in der Welt eine ein für allemal bestimmte, „unveränderliche Gerechtigkeit“ gebe (siehe Elzbachers „Anarchismus“, S.64-68, Auslandsausgabe), weswegen man Proudhon als Metaphysiker bezeichnete. Marx bekämpfte Proudhon mit Hilfe der dialektischen Methode und bewies, dass, da sich in der Welt alles verändert, auch die „Gerechtigkeit“ sich verändern muss, und folglich die „unveränderliche Gerechtigkeit“ eine metaphysische Phantasie ist (siehe „Das Elend der Philosophie“ von Marx). Die georgischen Schüler des Metaphysikers Proudhon aber kommen an und „beweisen“, dass „Dialektik - Metaphysik ist“, dass die Metaphysik das „Unerkennbare“ und das „Ding an sich“ anerkennt, um schließlich in eine inhaltslose Theologie überzugehen. Im Gegensatz zu Proudhon und Spencer bekämpfte Engels mit Hilfe der dialektischen Methode sowohl die Metaphysik als auch die Theologie (siehe „Ludwig Feuerbach“ und „Anti-Dühring“ von Engels). Er bewies ihre lächerliche Inhaltslosigkeit. Unsere Anarchisten aber „beweisen“, Proudhon und Spencer seien Wissenschaftler, Marx und Engels aber seien Metaphysiker. Von zwei Dingen eins: entweder betrügen die Herren Anarchisten sich selbst, oder sie begreifen nicht, was Metaphysik ist. Jedenfalls ist die dialektische Methode hier ganz unschuldig.

Was werfen die Herren Anarchisten der dialektischen Methode noch vor? Sie sagen, die dialektische Methode sei eine „Spitzfindigkeit“, eine „Methode von Sophismen“, ein „logischer und denkerischer Salto mortale“ (siehe „Nobati“ Nr. 8, S. G.), „mit dessen Hilfe sich Wahrheit und Lüge gleicherweise leicht beweisen lassen“ (siehe „Nobati“ Nr. 4, W. Tscherkesischwili).

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ob die von den Anarchisten erhobene Beschuldigung richtig wäre. Man höre, was Engels über einen Anhänger der metaphysischen Methode sagt: „... seine Rede ist Ja, ja, Nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel. Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: ein Ding kann ebenso wenig zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut aus...“ (Siehe „Anti-Dühring“, Einleitung [deutsche Neuausgabe, Berlin 1949, S. 24].) Aber wieso denn! ereifert sich der Anarchist. Ist es denn möglich, dass ein und dasselbe Ding zu ein und derselben Zeit sowohl gut als auch schlecht ist?! Das ist doch ein „Sophismus“, ein „Wortspiel“, das bedeutet doch, dass „ihr mit gleicher Leichtigkeit Wahrheit und Lüge beweisen wollt!“ ... Denken wir uns jedoch in das Wesen der Sache hinein. Heute fordern wir die demokratische Republik, die demokratische Republik aber festigt das bürgerliche Eigentum, - können wir sagen, die demokratische Republik sei überall und stets gut? Nein, das können wir nicht! Warum? Weil die demokratische Republik nur „heute“ gut ist, wo wir das feudale Eigentum zerstören, „morgen“ aber, wo wir zur Zerstörung des bürgerlichen und zur Herstellung des sozialistischen Eigentums schreiten werden, wird die demokratische Republik schon nicht mehr gut sein, im Gegenteil, sie wird zu einer Fessel, die wir sprengen und abwerfen werden, - da aber das Leben sich in ständiger Bewegung befindet, da Vergangenes und Gegenwärtiges nicht voneinander losgerissen werden können, da wir gleichzeitig sowohl gegen die Feudalen als auch gegen die Bourgeoisie kämpfen, so sagen wir eben: Soweit die demokratische Republik das feudale Eigentum abschafft, insofern ist sie gut, und wir verteidigen sie; soweit sie aber das bürgerliche Eigentum festigt, insofern ist sie schlecht, und wir kritisieren sie. Es ergibt sich, dass die demokratische Republik gleichzeitig „gut“ und „schlecht“ ist, so dass man auf die gestellte Frage mit „Ja“ und mit „Nein“ antworten kann. Ebensolche Tatsachen hatte Engels im Auge, als er mit den oben angeführten Worten die Richtigkeit der dialektischen Methode bewies. Die Anarchisten aber begriffen das nicht und nahmen es für einen „Sophismus“! Natürlich ist es den Anarchisten freigestellt, diese Tatsachen zu bemerken oder nicht zu bemerken, sie können sogar am Strande den Sand nicht bemerken - das ist ihr gutes Recht. Was aber hat damit die dialektische Methode zu schaffen, die zum Unterschied von den Anarchisten das Leben nicht mit geschlossenen Augen ansieht, sondern den Pulsschlag des Lebens fühlt und geradeheraus erklärt: Da das. Leben sich verändert, da das Leben sich bewegt, hat jede Lebenserscheinung zwei Tendenzen: eine positive und eine negative, - erstere müssen wir verteidigen, letztere aber ablehnen? Erstaunliche Leute, die Anarchisten: dauernd führen sie die „Gerechtigkeit“ im Munde, mit der dialektischen Methode aber gehen sie sehr ungerecht um!

Gehen wir weiter. Nach Ansicht unserer Anarchisten „ist die dialektische Entwicklung eine Entwicklung in Katastrophen, derzufolge zuerst das Vergangene restlos vernichtet wird und dann völlig gesondert das Zukünftige sich durchsetzt ... Die Kataklysmen von Cuvier wurden durch unbekannte Ursachen hervorgerufen, die Katastrophen von Marx und Engels aber werden durch die Dialektik hervorgerufen„ (siehe „Nobati“ Nr. 8, S. G.). An einer anderen Stelle aber sagt der gleiche Autor: „Der Marxismus stützt sich auf den Darwinismus und nimmt eine unkritische Stellung ihm gegenüber ein.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 6.)

Hier möge sich der Leser hübsch hineindenken!

Cuvier lehnt die Darwinsche Evolution ab, er erkennt nur die Kataklysmen an, ein Kataklysmus aber ist eine plötzliche Explosion, „von unbekannten Ursachen hervorgerufen“. Die Anarchisten behaupten, die Marxisten schlössen sich Cuvier an und folglich lehnten sie den Darwinismus ab.

Darwin lehnt Cuviers Kataklysmen ab, er erkennt nur die allmähliche Evolution an. Da sagen nun die gleichen Anarchisten: „Der Marxismus stützt sich auf den Darwinismus und nimmt eine unkritische Stellung ihm gegenüber ein“, folglich sind die Marxisten keine Anhänger der Kataklysmen von Cuvier.

Da habt ihr sie - die Anarchie! Die Unteroffizierswitwe hat, wie die Rede geht, sich selbst verprügelt! Es ist klar, dass der S. G. aus Nr. 8 des „Nobati“ vergessen hat, was der S. G. aus Nr. 6 geschrieben hat. Welche von ihnen hat denn nun recht: Nr. 6 oder Nr. 8? Oder lügen sie alle beide?

Wenden wir uns den Tatsachen zu. Marx erklärt: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen ... Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“ Aber „eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist ...“ (Siehe K. Marx, „ Zur Kritik der politischen Ökonomie“. Vorwort [deutsche Neuausgabe, Berlin 1947, S. 13-14].) Wendet man Marx’ Gedanken auf das moderne gesellschaftliche Leben an, so ergibt es sich, dass zwischen den modernen Produktivkräften, die gesellschaftlichen Charakter tragen, und der Aneignung der Produkte, die privaten Charakter trägt, ein grundlegender Konflikt besteht, der durch die sozialistische Revolution abgeschlossen werden muss (siehe F. Engels, „Anti-Dühring“, Kap. II des Dritten Abschnitts). Wie man sieht, wird nach Ansicht von Marx und Engels die „Revolution“ (die „Katastrophe“) nicht durch die „unbekannten Ursachen“ Cuviers hervorgerufen, sondern durch ganz bestimmte und lebendige gesellschaftliche Ursachen, die „Entwicklung der Produktivkräfte“ heißen. Wie man sieht, wird nach Ansicht von Marx und Engels die Revolution erst dann vollzogen, wenn die Produktivkräfte genügend herangereift sind, und nicht plötzlich, wie Cuvier sich das dachte. Es ist klar, dass Cuviers Kataklysmen und die dialektische Methode nichts miteinander gemein haben. Anderseits lehnt der Darwinismus nicht nur die Kataklysmen von Cuvier, sondern auch die dialektisch verstandene Revolution ab, während, gemäß der dialektischen Methode, Evolution und Revolution, quantitative und qualitative Veränderungen zwei notwendige Formen ein und derselben Bewegung sind. Es ist klar, dass man auch durchaus nicht sagen kann: „Der Marxismus ... nimmt gegenüber dem Darwinismus eine unkritische Stellung ein.“ Es ergibt sich, dass „Nobati“ in beiden Fällen lügt, sowohl in Nr. 6 als auch in Nr. 8.

Und diese verlogenen „Kritiker“ leiern uns aufdringlich vor: Ob euch recht oder nicht, unsere Lüge ist besser als eure Wahrheit! Sie meinen wahrscheinlich, einem Anarchisten sei alles zu verzeihen.

Die Herren Anarchisten können noch etwas anderes der dialektischen Methode nicht verzeihen: „Die Dialektik ... gibt nicht die Möglichkeit, aus sich herauszugehen oder aus sich herauszuhüpfen noch sich selbst zu überspringen.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 8, S. G.) Dies allerdings, ihr Herren Anarchisten, ist die reinste Wahrheit, hier habt ihr, Verehrte, absolut recht: die dialektische Methode gibt eine solche Möglichkeit nicht. Warum aber tut sie das nicht? Weil „aus sich herauszuhüpfen und sich selbst zu überspringen“ eine Beschäftigung für Gemsböcke ist, während die dialektische Methode für Menschen geschaffen ist. Das ist das ganze Geheimnis!...

Das sind im großen und ganzen die Ansichten unserer Anarchisten über die dialektische Methode.

Es ist klar, dass die Anarchisten die dialektische Methode von Marx und Engels nicht begriffen haben - sie haben sich ihre eigene Dialektik ausgedacht und eben mit dieser schlagen sie sich so erbittert herum.

Wir aber können nur lachen, wenn wir auf dieses Schauspiel blicken, denn man muss unwillkürlich lachen, wenn man sieht, wie ein Mensch mit den Ge¬bilden seiner Phantasie kämpft, auf seine eigenen Fiktionen einschlägt und gleichzeitig leidenschaftlich versichert, er treffe den Gegner.

II

„Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen,
das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesell-
schaftliches Sein, das ihr Bewusstsein be-
stimmt.“

K. Marx

Was ist die materialistische Theorie?

Alles auf Erden verändert sich, alles in der Welt bewegt sich, aber wie geht diese Veränderung vor sich, und in welcher form vollzieht sich diese Bewegung, - das ist die Frage. Wir wissen z.B., dass die Erde einstmals eine glühende Feuermasse war, die dann allmählich erkaltete, dass später die Tierwelt entstand, dass mit der Entwicklung der Tierwelt eine Gattung von Affen auftauchte, aus der schließlich der Mensch hervorging. Wie aber vollzog sich diese Entwicklung? Manche sagen, der Natur und ihrer Entwicklung sei eine Weitidee vorausgegangen, die dann die Grundlage dieser Entwicklung bildete, so dass der Verlauf der Naturerscheinungen sich als eine leere Form der Entwicklung der Ideen erweist. Man nannte diese Leute Idealisten, und diese teilten sich später in mehrere Richtungen. Manche wiederum sagen, dass in der Welt von Anbeginn an zwei einander entgegengesetzte Kräfte bestehen - Idee und Materie -, dass dementsprechend die Erscheinungen sich in zwei Reihen teilen - eine ideelle und eine materielle -, zwischen ihnen gehe ein ständiger Kampf vonstatten; so dass die Entwicklung der Naturerscheinungen also einen ständigen Kampf zwischen ideellen und mate¬riellen Erscheinungen darstelle. Diese Leute nannte man Dualisten, und ähnlich wie die Idealisten teilen sie sich in verschiedene Richtungen.

Die materialistische Theorie von Marx lehnt sowohl den Dualismus als auch den Idealismus entschieden ab. Gewiss, in der Welt existieren in der Tat ideelle und materielle Erscheinungen, aber dies bedeutet keineswegs, dass sie einander negieren. Im Gegenteil, das Ideelle und das Materielle sind zwei verschiedene Formen einer und derselben Erscheinung; sie existieren zusammen und entwickeln sich zusammen, zwischen ihnen besteht eine enge Verbindung. Also haben wir keinen Grund zu glauben, dass sie einander negieren. So stürzt der so genannte Dualismus in seinem Fundament zusammen. Eine einheitliche und unteilbare Natur, in zwei verschiedenen Formen, der ideellen und der materiellen, ausgeprägt - so muss die Entwicklung der Natur betrachtet werden. Ein einheitliches und unteilbares gesellschaftliches Leben, in zwei verschiedenen Formen, der ideellen und der materiellen, ausgeprägt - so müssen wir die Entwicklung des Lebens betrachten. Das ist der Monismus der materialistischen Theorie von Marx. Gleichzeitig lehnt Marx auch den Idealismus ab. Falsch ist der Gedanke, dass die Idee, und überhaupt die geistige Seite, in ihrer Entwicklung der Natur, und überhaupt der materiellen Seite voraus gehe. Es gab auf der Welt noch keine Lebewesen, als bereits die so genannte äußere, anorganische Natur existierte. Das erste Lebewesen - das Protoplasma - besaß keinerlei Bewusstsein (keine Idee), es besaß lediglich die Eigenschaft der Reizbarkeit und die ersten Keimformen der Empfindung. Dann entwickelte sich bei den Tieren allmählich die Fähigkeit der Empfindung, die langsam in Bewusstsein überging, entsprechend der Entwicklung ihres Nervensystems. Hätte der Affe nicht seinen Rücken gestrafft, wäre er immer auf allen vieren gegangen, so hätte sein Nachkomme - der Mensch - sich nicht frei seiner Lungen und seiner Stimmbänder bedienen können und würde somit nicht von der Sprache haben Gebrauch machen können, was die Entwicklung seines Bewusstseins wesentlich aufgehalten hätte. Oder aber: wenn der Affe sich nicht auf die Hinterbeine gestellt hätte, so wäre sein Nachkomme - der Mensch - gezwungen gewesen, immer nach unten zu blicken und nur von dort seine Eindrücke zu schöpfen; er hätte nicht die Möglichkeit gehabt, nach oben und um sich zu blicken und folglich hätte er nicht die Möglichkeit gehabt, seinem Hirn mehr Material (Eindrücke) zuzuführen, als ein Affe; und so wäre die Entwicklung seines Bewusstseins wesentlich aufgehalten worden. Es ergibt sich, dass für die Entwicklung der geistigen Seite selbst ein bestimmter Bau des Organismus und eine bestimmte Entwicklung seines Nervensystems notwendig sind. Es ergibt sich, dass der Entwicklung der geistigen Seite, der Entwicklung der Idee, die Entwicklung der materiellen Seite, die Entwicklung des Seins vorausgeht. Es ist klar, dass sich zuerst die äußeren Bedingungen verändern, zuerst ändert sich die Materie, und dann verändern sich dementsprechend das Bewusstsein und die anderen geistigen Erscheinungen, - die Entwicklung der ideellen Seite bleibt hinter der Entwicklung der materiellen Verhältnisse zurück. Nennen wir die materielle Seite, die äußeren Bedingungen, das Sein usw. den Inhalt, so müssen wir die ideelle Seite, das Bewusstsein und andere derartige Erscheinungen die form nennen. Hieraus entspringt der bekannte materialistische Satz: Im Prozess der Entwicklung geht der Inhalt der Form voraus, bleibt die Form hinter dem Inhalt zurück.

Das gleiche ist auch vom gesellschaftlichen Leben zu sagen. Auch hier geht die materielle Entwicklung der ideellen Entwicklung voraus, auch hier bleibt die Form hinter ihrem Inhalt zurück. Es gab noch keine Spur von wissenschaftlichem Sozialismus, als bereits der Kapitalismus existierte und ein heftiger Klassenkampf geführt wurde; noch nirgends war die sozialistische Idee aufgetaucht, aber der Produktionsprozess besaß bereits einen gesellschaftlichen Charakter.

Deshalb sagt Marx: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ (Siehe „K. Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ [deutsche Neuausgabe, Berlin 1947, S. 13].) Nach der Meinung von Marx ist die ökonomische Entwicklung die materielle Basis des gesellschaftlichen Lebens, sein Inhalt, während die juristisch-politische und religiös-philosophische Entwicklung die „ideologische Form“ dieses Inhalts, sein „Überbau“ ist, und deshalb sagt Marx: „Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“ (Ebenda.)

Auch im gesellschaftlichen Leben ändern sich zuerst die äußeren, die materiellen Bedingungen, und dann das Denken der Menschen, ihre Weltanschauung. Die Entwicklung des Inhalts geht der Entstehung und Entwicklung der Form voraus. Dies bedeutet natürlich keineswegs, dass nach Ansicht von Marx ein Inhalt ohne Form möglich sei, wie dies S. G. schien (siehe „Nobati“ Nr. l, „Kritik des Monismus“). Ein Inhalt ohne Form ist unmöglich, aber die Sache ist die, dass diese oder jene Form, da sie hinter ihrem Inhalt zurückbleibt, diesem Inhalt niemals restlos entspricht, so dass oft der neue Inhalt sich „gezwungenermaßen“ zeitweilig in die alte Form kleidet, was einen Konflikt zwischen ihnen hervorruft. Dem gesellschaftlichen Inhalt der Produktion entspricht z. B. gegenwärtig nicht der private Charakter der Aneignung des erzeugten Produkts, und eben auf diesem Boden spielt sich der soziale „Konflikt“ der Gegenwart ab. Auf der anderen Seite bedeutet der Gedanke, dass die Idee eine Form des Daseins ist, keineswegs, dass das Bewusstsein seiner Natur nach gleichfalls Materie wäre. So dachten nur die Vulgärmaterialisten (z.B. Büchner und Moleschott), deren Theorien dem Materialismus von Marx von Grund aus widersprechen und die Engels in seinem „Ludwig Feuerbach“ mit Recht verspottet hat. Gemäß dem Materialismus von Marx sind Bewusstsein und Sein, Geist und Materie zwei verschiedene Formen ein und derselben Erscheinung, die, allgemein gesprochen, Natur genannt wird; also negieren sie einander nicht (Dies widerspricht keineswegs dem Gedanken, dass zwischen Form und Inhalt ein Konflikt besteht. Die Sache ist die, dass dieser Konflikt nicht zwischen dem Inhalt und der Form überhaupt, sondern zwischen der alten Form und dem neuen Inhalt besteht, der sich eine neue Form sucht und ihr zustrebt.) und sind doch gleichzeitig nicht ein und dasselbe. Die Sache ist nur die, dass in der Entwicklung der Natur und der Gesellschaft dem Bewusstsein, d. h. dem, was in unserem Kopfe vor sich geht, eine entsprechende materielle Veränderung vorausgeht, d. h. das, was außer uns vor sich geht. Dieser oder jener materiellen Veränderung folgt früher oder später unvermeidlich die entsprechende ideelle Veränderung, weshalb wir denn auch sagen, dass die ideelle Veränderung eine Form der entsprechenden materiellen Veränderung ist.

Das ist in großen Zügen der Monismus des dialektischen Materialismus von Marx und Engels.

Gut und schön, werden manche uns sagen, das alles stimmt hinsichtlich der Geschichte der Natur und der Gesellschaft. Auf welche Weise aber entstehen in unserem Kopf heutzutage verschiedene Vorstellungen und Ideen über diese oder jene Dinge? Existieren denn in Wirklichkeit die so genannten äußeren Bedingungen, oder aber existieren nur unsere Vorstellungen von diesen äußeren Bedingungen? Und wenn die äußeren Bedingungen existieren, in welchem Maße ist dann ihre Wahrnehmung und Erkenntnis möglich?

Hierzu erklären wir, dass unsere Vorstellungen, unser „Ich“ nur insoweit existiert, als die äußeren Bedingungen existieren, die in unserem „Ich“ Eindrücke hervorrufen. Wer ohne Überlegung sagt, dass nichts existiere als unsere Vorstellungen, ist gezwungen, alle wie immer gearteten äußeren Bedingungen zu leugnen und folglich auch die Existenz der übrigen Menschen, außer seinem eigenen „Ich“, zu leugnen, was den Grundprinzipien der Wissenschaft und der praktischen Tätigkeit von Grund aus widerspricht. Jawohl, die äußeren Bedingungen existieren wirklich; diese Bedingungen haben vor uns existiert und werden nach uns existieren, ihre Wahrnehmung und Erkenntnis ist um so leichter und rascher möglich, je häufiger und stärker sie auf unser Bewusstsein einwirken. Was die Frage anbelangt, auf welche Weise heutzutage in unserem Kopfe verschiedene Vorstellungen und Ideen von diesen oder jenen Dingen entstehen, so müssen wir dazu bemerken, dass sich hier in Kürze wiederholt, was in der Geschichte der Natur und der Gesellschaft vor sich geht. Auch im vorliegenden Fall ist der Gegenstand, der sich außerhalb von uns befindet, unserer Vorstellung von diesem Gegenstand vorausgegangen, auch im vorliegenden Fall bleibt unsere Vorstellung, die Form, hinter dem Gegenstand, als hinter ihrem Inhalt, zurück, usw. Betrachte ich einen Baum und sehe ich ihn, so bedeutet das lediglich, dass, noch bevor in meinem Kopf die Vorstellung von dem Baum entstand, der Baum selber existierte, der die entsprechende Vorstellung in mir hervorgerufen hat.

Man begreift unschwer, welche Bedeutung der monistische Materialismus von Marx und Engels für die praktische Tätigkeit der Menschen haben muss. Wenn unsere Weltanschauung, unsere Sitten und Gebräuche von den äußeren Bedingungen hervorgerufen werden, wenn die Untauglichkeit juristischer und politischer Formen auf dem Ökonomisten Inhalt beruht, so ist es klar, dass wir eine radikale Umgestaltung der ökonomischen Verhältnisse fördern müssen, damit sich zugleich mit ihnen auch die Sitten und Gebräuche des Volkes und die politische Ordnung des Landes von Grund aus ändern.

Hierüber sagt Karl Marx:

„Es bedarf keines großen Scharfsinnes, um aus den Lehren des Materialismus ... seinen notwendigen Zusammenhang mit dem ... Sozialismus einzusehen. Wenn der Mensch aus der Sinnenwelt ... alle Kenntnis, Empfindung etc. sich bildet, so kommt es also darauf an, die empirische Welt so einzurichten, dass er das Menschliche in ihr erfährt, sich angewöhnt, dass er sich als Mensch erfährt ... Wenn der Mensch unfrei im materialistischen Sinne, d. h. frei ist, nicht durch die negative Kraft, dies und jenes zu meiden, sondern durch die positive Macht, seine wahre Individualität geltend zu machen, so muss man nicht das Verbrechen am einzelnen strafen, sondern die antisozialen Geburtsstätten des Verbrechens zerstören ... Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muss man die Umstände menschlich bilden.“ (Siehe „Ludwig Feuerbach“, Beilage, „K. Marx über den französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts“ [Marx-Engels-Gesamtausgabe, Erste Abt., Bd. 3, Berlin 1932, S. 307].)

Das ist der Zusammenhang zwischen dem Materialismus und der praktischen Tätigkeit der Menschen.

Wie stellen sich die Anarchisten zum monistischen Materialismus von Marx und Engels?

Nimmt die Dialektik von Marx ihren Ausgang von Hegel, so ist sein Materialismus eine Entwicklung des Materialismus von Feuerbach. Die Anarchisten wissen dies sehr wohl, und sie versuchen, die Mängel Hegels und Feuerbachs ausnutzend, den dialektischen Materialismus von Marx und Engels anzuschwärzen. Hinsichtlich Hegels haben wir bereits darauf hingewiesen, dass solche Schliche der Anarchisten nichts weiter zu beweisen vermögen, als ihre eigene polemische Ohnmacht. Das gleiche muss auch hinsichtlich Feuerbachs gesagt werden. Da betonen sie z.B. nachdrücklich: „Feuerbach war Pantheist...“, er habe „den Menschen vergöttlicht...“ (siehe „Nobati“ Nr. 7, D. Delendi), „nach Ansicht Feuerbachs ist der Mensch das, was er isst ...“, woraus Marx angeblich die Schlussfolgerung gezogen habe: „Folglich ist das wichtigste und das erste die ökonomische Lage“ usw. (siehe „Nobati“ Nr. 6, S. G.). Allerdings zweifelt niemand von uns an dem Pantheismus Feuerbachs, an seiner Vergöttlichung des Menschen und an anderen, ähnlichen Fehlern von ihm, im Gegenteil, Marx und Engels haben Feuerbachs Fehler als erste aufgedeckt, die Anarchisten aber halten es trotzdem für notwendig, die bereits enthüllten Fehler Feuerbachs erneut zu „enthüllen“. Weshalb? Wahrscheinlich, weil sie durch die Anpöbelung Feuerbachs irgendwie auch den Materialismus, den Marx bei Feuerbach entlehnte und dann wissenschaftlich entwickelte, anschwärzen wollen. Konnte es denn bei Feuerbach neben irrigen Gedanken nicht auch richtige geben? Wir behaupten, dass die Anarchisten durch solche Schliche den monistischen Materialismus in keiner Weise erschüttern, sondern höchstens ihre eigene Ohnmacht beweisen werden.

Unter den Anarchisten selbst herrscht ein Durcheinander in den Ansichten über den Materialismus von Marx. Hört man Herrn Tscherkesischwili, so hätten Marx und Engels den monistischen Materialismus gehasst, so wäre ihr Materialismus ein vulgärer und kein monistischer gewesen: „Jene große Wissenschaft der Naturforscher mit ihrem System der Evolution, dem Transformismus und dem monistischen Materialismus, den Engels so stark hasst..., hat die Dialektik gemieden“ usw. (Siehe „Nobati“ Nr. 4, W. Tscherkesischwili.) Es ergäbe sich, dass der naturwissenschaftliche Materialismus, der Tscherkesischwili gefällt und den Engels hasste, ein monistischer Materialismus war. Ein anderer Anarchist wieder sagt uns, der Materialismus von Marx und Engel sei monistisch, und deshalb verdiene er, abgelehnt zu werden. „Die historische Konzeption von Marx ist ein Atavismus von Hegel. Der monistische Materialismus des absoluten Objektivismus überhaupt und der ökonomische Monismus von Marx im besonderen sind in der Natur unmöglich und in der Theorie irrig ... Der monistische Materialismus ist ein schlecht verhüllter Dualismus und ein Kompromiss zwischen Metaphysik und Wissenschaft ...“ (Siehe „Nobati“ Nr. 6, S. G.) Es ergäbe sich, dass der monistische Materialismus unannehmbar wäre, da Marx und Engels ihn nicht nur nicht hassten, sondern im Gegenteil selber monistische Materialisten waren, weshalb der monistische Materialismus abgelehnt werden müsse.

Da hat man die Anarchie! Sie sind mit sich selbst noch nicht über das Wesen des Materialismus von Marx ins reine gekommen, sie haben selber noch nicht herausgebracht, ob er ein monistischer Materialismus ist oder nicht, sie sind miteinander selbst noch nicht über seine Vorzüge und Mängel einig geworden, aber schon prahlen sie uns die Ohren voll: wir, meinen sie, kritisieren und machen den Materialismus von Marx dem Erdboden gleich. Schon hieraus ersieht man, wie begründet ihre „Kritik“ sein kann.

Gehen wir weiter. Manche Anarchisten wissen nicht einmal, wie sich herausstellt, dass es in der Wissenschaft verschiedene Arten des Materialismus gibt, und dass zwischen ihnen ein großer Unterschied besteht: es gibt z. B. einen vulgären Materialismus (in Naturwissenschaft und Geschichte), der die Bedeutung der ideellen Seite und ihre Rückwirkung auf die materielle Seite leugnet; es gibt aber auch den so genannten monistischen Materialismus, der die Wechselbeziehungen der ideellen und der materiellen Seite wissenschaftlich untersucht. Manche Anarchisten verwechseln das alles und erklären gleichzeitig mit großem Aplomb: Ob euch recht oder nicht, aber den Materialismus von Marx und Engels kritisieren wir gründlich! Man höre: „Nach Engels´ Ansicht, und auch nach Ansicht Kautskys, hat Marx der Menschheit einen großen Dienst dadurch geleistet, dass er ...“ unter anderem die „materialistische Konzeption“ entdeckt hat. „Ist das richtig? Wir glauben nicht, denn wir wissen ..., dass alle Historiker, Gelehrten und Philosophen, die die Ansicht vertreten, der gesellschaftliche Mechanismus werde durch die geographischen, klimatischtellurischen, kosmischen, anthropologischen und biologischen Bedingungen in Bewegung gesetzt, dass sie alle Materialisten sind.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 2, S. G.) Mit solchen Leuten rede nun einer! Es ergäbe sich, dass kein Unterschied besteht zwischen dem „Ma340terialismus“ von Aristoteles und Montesquieu, zwischen dem „Materialismus“ von Marx und Saint-Simon. Und das nennt man, den Gegner verstehen und ihn gründlich kritisieren! ...

Manche Anarchisten haben irgendwo gehört, der Materialismus von Marx sei „eine Theorie des Magens“, und sie machten sich daran, diesen „Gedanken“ zu popularisieren, offenbar weil dem Papier in der Redaktion von „Nobati“ kein hoher Wert beigemessen wird und diese Operation ihr wohlfeil zu stehen kommt. Man höre: „Nach Feuerbachs Ansicht ist der Mensch das, was er isst. Diese Formel hatte eine magische Wirkung auf Marx und Engels“, und nach der Meinung der Anarchisten habe Marx daraus die Schlussfolgerung gezogen: „Also ist das wichtigste und erste die ökonomische Lage, die Produktionsverhältnisse ...“ Weiter belehren uns die Anarchisten philosophisch: „Zu sagen, das einzige Mittel zu diesem Zweck (dem gesellschaftlichen Leben) sei das Essen und die ökonomische Produk¬tion, wäre ein Irrtum ... Wenn hauptsächlich, monistisch, durch das Essen und das ökonomische Sein die Ideologie bestimmt würde, so wäre mancher Vielfraß ein Genie.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 6, S. G.) So leicht ist es also, den Materialismus von Marx durch Kritik zu erledigen: es genügt, von irgendeiner höheren Tochter Straßenklatschereien über Marx und Engels zu hören, es genügt, diese Straßenklatschereien mit philosophischem Aplomb in den Spalten irgendeines „Nobati“ zu wiederholen, um mit einem Schlage den Ruhm eines „Kritikers“ zu erwerben. Aber sagt doch eins, ihr Herren: Wo, wann, in welchem Lande hat welcher Marx gesagt, dass „das Essen die Ideologie bestimmt“? Warum habt ihr keinen einzigen Satz, kein einziges Wort aus den Werken von Marx angeführt, um eure Beschuldigung zu erhärten? Sind denn ökonomisches Sein und Essen ein und dasselbe? Diese durchaus verschiedenen Begriffe miteinander verwechseln, kann man, sagen wir, irgendeiner höheren Tochter verzeihen, aber wie kommt es, dass ihr, „Vernichter der Sozialdemokratie“, „Erneuerer der Wissenschaft“, dass auch ihr den Fehler der höheren Töchter so unbekümmert nachsprecht? Und wie könnte auch das Essen die gesellschaftliche Ideologie bestimmen? Denkt euch doch in eure eigenen Worte hinein: das Essen, die Form des Essens ändert sich nicht, auch in alter Zeit haben die Menschen ebenso gegessen, gekaut und die Speise verdaut wie jetzt, während sich die Form der Ideologie fortwährend ändert und entwickelt. Die antike, die feudale, die bürgerliche, die proletarische - diese Formen hat, nebenbei gesagt, die Ideologie. Kann man etwa annehmen, dass, was sich, allgemein gesprochen, nicht verändert, dasjenige bestimmt, was sich fortwährend ändert? Das ökonomische Sein bestimmt die Ideologie - das sagt Marx wirklich, und das ist leicht zu begreifen, aber sind denn Essen und ökonomisches Sein ein und dasselbe? Warum beliebte es euch, eure eigene Denkschwäche auf Marx abzuwälzen?... Gehen wir weiter. Nach Ansicht unserer Anarchisten ist der Materialismus von Marx „gleichfalls Parallelismus ...“; oder aber: „Der monistische Materialismus ist ein schlecht verhüllter Dualismus und ein Kompromiss zwischen Metaphysik und Wissenschaft ...“ „Marx verfällt deshalb in Dualismus, weil er die Produktionsverhältnisse als das Materielle, die Bestrebungen und den Willen der Menschen aber als Illusion und Utopie darstellt, die keine Bedeutung haben, obgleich sie existieren.“ (Siehe „Nobati“ Nr. 6, S. G.) Erstens hat der monistische Materialismus von Marx mit dem albernen Parallelismus nichts gemein. Während vom Standpunkt des Materialismus aus die materielle Seite, der Inhalt, der ideellen Seite, der Form, notwendig vorausgeht, lehnt der Parallelismus diese Ansicht ab und erklärt entschieden, dass weder die materielle noch die ideelle Seite einander vorausgehen, dass sich beide gemeinsam, parallel entwickeln. Zweitens, was haben der Monismus von Marx und der Dualismus miteinander gemein, wo wir doch sehr wohl wissen (auch ihr Herren Anarchisten solltet es wissen, wenn ihr die marxistische Literatur lest!), dass der erstere von einem Prinzip ausgeht - der Natur, die eine materielle und eine ideelle Form hat, während der letztere von zwei Prinzipien ausgeht -, dem materiellen und dem ideellen, die dem Dualismus zufolge einander negieren? Drittens, wer hat gesagt: „Die Bestrebungen und der Wille des Menschen haben keine Bedeutung“? Warum gebt ihr nicht an, wo Marx hiervon spricht? Spricht Marx denn nicht im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“, in den „Klassenkämpfen in Frankreich“, im „Bürgerkrieg in Frankreich“ und in anderen Broschüren von der Bedeutung „der Bestrebungen und des Willens“? Warum hat Marx sich dann bemüht, „den Willen und die Bestrebungen“ der Proletarier im sozialistischen Geist zu entwickeln, wozu trieb er unter ihnen Propaganda, wenn er die Bedeutung „der Bestrebungen und des Willens“ nicht anerkannte? Oder wovon spricht Engels in seinen bekannten Artikeln aus den Jahren 1891-94 anders als von „der Bedeutung der Bestrebungen und des Willens“? Die Bestrebungen und der Wille der Menschen schöpfen ihren Inhalt aus dem ökonomischen Sein, aber dies bedeutet durchaus nicht, dass sie keinen Einfluss auf die Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse ausüben. Fällt es unseren Anarchisten denn wirklich so schwer, diesen einfachen Gedanken zu verdauen? Ja, ja, nicht umsonst sagt man, die Lust zur Kritik und die Kritik selber seien zwei verschiedene Sachen!...

Noch eine von den Herren Anarchisten vorgebrachte Beschuldigung: „Man kann sich die Form nicht ohne Inhalt vorstellen ...“, deshalb dürfe man nicht sagen, dass „die Form hinter dem Inhalt zurückbleibt ... dass sie .nebeneinander bestehen´ ... Sonst ist der Monismus ein Absurdum“ (siehe „Nobati“ Nr. l, S. G.). Die Herren Anarchisten haben sich ein klein wenig verheddert. Ein Inhalt ohne Form ist undenkbar, aber die bestehende Form entspricht niemals vollständig dem bestehenden Inhalt, der neue Inhalt kleidet sich in einem gewissen Maße stets in die alte Form, so dass zwischen der alten Form und dem neuen Inhalt immer ein Konflikt besteht. Eben auf diesem Boden erfolgen die Revolutionen, und darin kommt u. a. der revolutionäre Geist des Materialismus von Marx zum Ausdruck. Die Anarchisten aber haben das nicht begriffen und wiederholen eigensinnig, einen Inhalt ohne Form gebe es nicht...

Das sind die Ansichten der Anarchisten über den Materialismus. Wir beschränken uns auf das Gesagte. Auch so schon ist es genügend klar, dass die Anarchisten sich einen eigenen Marx ausgedacht und ihm ihren, von ihnen ausgedachten „Materialismus“ zugeschrieben haben, um dann mit ihm zu ringen. Der wirkliche Marx aber und der wirkliche Materialismus wird von keiner einzigen Kugel getroffen...

Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem dialektischen Materialismus und dem proletarischen Sozialismus?

„Achali Zchowreba“ („Neues Leben“)Nr. 2, 4, 7 und 16
Vom 21., 24, 28. Juni und 9. Juli 1906.
Unterschrift: Koba
Nach der autorisierten Übersetzung
aus dem Georgischen.

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