"Stalin"

Werke

Band 2

VORWORT ZUR GEORGISCHEN AUSGABE
DER BROSCHÜRE K. KAUTSKYS
„TRIEBKRÄFTE UND AUSSICHTEN
DER RUSSISCHEN REVOLUTIONEN“[1]

Der Name Karl Kautskys ist kein neuer Name. Man kennt ihn seit langem als einen würdigen Theoretiker der Sozialdemokratie. Kautsky ist jedoch nicht nur von dieser Seite her bekannt, er ragt auch als solider und gründlicher Untersucher taktischer Fragen hervor. In dieser Beziehung hat er sich nicht nur unter den europäischen Genossen, sondern auch bei uns großes Ansehen erworben. Dies kann auch nicht wundernehmen, denn heute, wo die taktischen Meinungsverschiedenheiten die Sozialdemokratie Rußlands in zwei Fraktionen spalten, wo die gegenseitige Kritik häufig die Sache verschärft, indem sie in Gezänk übergeht, wo die Aufhellung der Wahrheit äußerst erschwert wird, ist es von großem Interesse, einen so unvoreingenommenen und erfahrenen Genossen zu hören, wie K. Kautsky es ist. Eben aus diesem Grunde haben sich unsere Genossen mit solchem Eifer darangemacht, Kautskys taktische Artikel „Die Reichsduma“, „Der Moskauer Aufstand“, „Die Agrarfrage“, „Die russische Bauernschaft und die Revolution“, „Die Judenpogrome in Rußland“ u. a. zu studieren. Unvergleichlich größere Aufmerksamkeit aber haben die Genossen der vorliegenden Broschüre entgegengebracht, und zwar deshalb, weil hier alle diejenigen Hauptfragen berührt werden, die die Sozialdemokratie in zwei Fraktionen teilen. Die Sache ist die, dass sich Plechanow, der sich kürzlich an die ausländischen Genossen wandte, um unsere aktuellen Fragen zu klären, auch an Kautsky, wie sich herausstellt, mit den gleichen Fragen gewandt und ihn ebenfalls um eine entsprechende Antwort gebeten hat worauf Kautsky, wie aus seinen Worten zu ersehen ist, mit der vorliegenden Broschüre geantwortet hat. Es versteht sich, dass hiernach die Genossen der erwähnten Broschüre umso größere Aufmerksamkeit entgegenbringen mussten. Es ist klar, dass diese Broschüre für uns von umso größerer Bedeutung ist.

Es wird deshalb sehr nützlich sein, wenn wir uns die Fragen unserer Meinungsverschiedenheiten wenigstens in allgemeinen Zügen in Erinnerung rufen und nebenbei die Ansichten Kautskys über diese oder jene Fragen larstellen.

Auf wessen Seite steht Kautsky, wen unterstützt er, die Bolschewiki oder die Menschewiki?

Die erste Frage, die die Sozialdemokratie Rußlands in zwei Teile spaltet, ist die Frage nach dem Gesamtcharakter unserer Revolution. Dass unsere Revolution eine bürgerlich-demokratische und keine sozialistische ist, dass sie mit der Zerstörung des Feudalismus, und nicht der des Kapitalismus, abschließen muss - das ist allen klar. Es fragt sich jedoch, wer diese Revolution leiten und wer die unzufriedenen Elemente des Volkes um sich vereinigen wird, die Bourgeoisie oder das Proletariat? Wird das Proletariat der Bourgeoisie nachtraben, wie das in Frankreich der Fall war, oder wird die Bourgeoisie dem Proletariat folgen? So steht die Frage.

Die Menschewiki erklären durch den Mund Martynows, unsere Revolution sei eine bürgerliche, sie sei eine Wiederholung der französischen Revolution, und da die französische Revolution als bürgerliche Revolution von der Bourgeoisie geführt wurde, so müsse auch unsere Revolution von der Bourgeoisie geführt werden. „Die Hegemonie des Proletariats ist eine schädliche Utopie...“ „Das Proletariat muss der extremen bürgerlichen Opposition folgen“ (siehe Martynows „Zwei Diktaturen“).

Die Bolschewiki dagegen sagen: Allerdings ist unsere Revolution eine bürgerliche, aber das bedeutet durchaus nicht, dass sie eine Wiederholung der französischen Revolution ist, dass sie unbedingt von der Bourgeoisie geführt werden muss, wie das in Frankreich der Fall war. In Frankreich stellte das Proletariat eine wenig klassenbewusste und nicht organisierte Kraft dar, weshalb die Hegemonie in der Revolution der Bourgeoisie Verblieb. Bei uns dagegen stellt das Proletariat eine verhältnismäßig klassenbewusstere und organisiertere Kraft dar, weshalb es sich nicht mehr mit der Rolle eines Anhängsels der Bourgeoisie begnügt und als die revolutionärste Klasse an die Spitze der heutigen Bewegung tritt. Die Hegemonie des Proletariats ist keine Utopie, sie ist eine lebendige Tatsache, das Proletariat vereinigt in der Tat die unzufriedenen Elemente um sich. Wer ihm nun rät, „der bürgerlichen Opposition zu folgen“, der bringt das Proletariat um seine Selbständigkeit, der verwandelt das Proletariat Rußlands in ein Werkzeug der Bourgeoisie (siehe Lenin s „Zwei Taktiken“).

Welche Ansicht hat K. Kautsky über diese Frage?

„Oft erinnern sie (die Liberalen) sich der großen französischen Revolution. Nicht immer mit Recht. Die Verhältnisse des heutigen Rußland sind vielfach ganz andere als die des Frankreich von 1789“ (siehe Kapitel 3 der Broschüre) ... „Der Liberalismus Rußlands ist ganz anderer Art als der Westeuropas, und schon darum ist es durchaus verfehlt, die große französische Revolution einfach als Muster der jetzigen russischen hinzustellen. Die führende Klasse in den revolutionären Bewegungen Westeuropas war das „Kleinbürgertum, vor allem das der Großstädte.“ (Siehe Kapitel 4) ... „Das Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen, das heißt der Revolutionen, deren Triebkraft die Bourgeoisie bildete, ist abgeschlossen, auch für Rußland. Auch dort bildet das Proletariat nicht mehr ein Anhängsel und Werkzeug der Bourgeoisie, wie das in den bürgerlichen Revolutionen der Fall war, sondern eine selbständige Klasse mit selbständigen revolutionären Zielen“ (siehe Kapitel 5).

So spricht K. Kautsky vom Gesamtcharakter der russischen Revolution, so versteht Kautsky die Rolle des Proletariats in der gegenwärtigen russischen Revolution. Die Bourgeoisie kann die russische Revolution nicht führen - folglich muss als Führer der Revolution das Proletariat auftreten.

Die zweite Frage unserer Meinungsverschiedenheiten lautet: Kann die liberale Bourgeoisie wenigstens der Verbündete des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution sein?

Die Bolschewiki sagen, dass sie das nicht kann. Allerdings spielte die liberale Bourgeoisie in der französischen Revolution eine revolutionäre Rolle, aber dies war der Fall, weil sich dort der Klassenkampf nicht so verschärft hatte, weil das Proletariat wenig klassenbewusst war und sich mit der Rolle eines Anhängsels der Liberalen begnügte, während sich bei uns der Klassenkampf außerordentlich verschärft hat, das Proletariat viel klassenbewusster ist und sich mit der Rolle eines Anhängsels der Liberalen nicht abfinden kann. Dort, wo das Proletariat bewusst kämpft, hört die liberale Bourgeoisie auf, revolutionär zu sein. Eben deshalb suchen die vom Kampf des Proletariats erschreckten kadettischen Liberalen Schutz unter den Fittichen der Reaktion. Eben deshalb kämpfen sie mehr gegen die Revolution als gegen die Reaktion. Eben deshalb werden die Kadetten[2] eher ein Bündnis mit der Reaktion gegen die Revolution als mit der Revolution schließen. Jawohl, unsere liberale Bourgeoisie und ihre Verteidiger, die Kadetten, sind Verbündete der Reaktion, sie sind „aufgeklärte“ Feinde der Revolution. Ganz anders steht die Sache mit der bäuerlichen Armut. Die Bolschewiki sagen, dass nur die ärmste Bauernschaft dem revolutionären Proletariat die Hand entgegenstrecken wird und nur sie ein festes Bündnis mit dem Proletariat für die ganze Periode der gegenwärtigen Revolution schließen kann. Eben sie muss vom Proletariat gegen die Reaktion und die Kadetten unterstützt werden. Und wenn diese beiden Hauptkräfte miteinander ein Bündnis schließen, wenn die Arbeiter und die Bauern einander unterstützen, dann ist auch der Sieg der Revolution gesichert. Ohne dies ist der Sieg der Revolution unmöglich. Eben deshalb unterstützen die Bolschewiki auf der ersten Stufe der Wahlen die Kadetten weder in der Duma noch außerhalb der Duma. Eben deshalb unterstützen die Bolschewiki sowohl bei den Wahlen als auch in der Duma nur die revolutionären Vertreter der Bauern gegen die Reaktion und die Kadetten. Eben deshalb schließen die Bolschewiki die breiten Volksmassen nur um den revolutionären Teil der Duma, und nicht um die gesamte Duma zusammen. Eben deshalb unterstützen die Bolschewiki nicht die Forderung nach Ernennung eines Kadettenkabinetts (siehe Lenin s „Zwei Taktiken“ und „Der Sieg der Kadetten“).

Ganz anders urteilen die Menschewiki. Allerdings schwanke die liberale Bourgeoisie zwischen der Reaktion und der Revolution, aber letzten Endes werde sie sich ihrer Meinung nach dennoch der Revolution anschließen, werde sie dennoch eine revolutionäre Rolle spielen. Weshalb? Weil die liberale Bourgeoisie in Frankreich eine revolutionäre Rolle gespielt habe, weil sie in Opposition zu den alten Zuständen stehe und sie folglich gezwungen sein werde, sich der Revolution anzuschließen. Nach der Meinung der Menschewiki dürfe man die liberale Bourgeoisie und Ihre Verteidiger, die Kadetten, nicht Verräter an der jetzigen Revolution nennen, sie seien Verbündete der Revolution. Das ist der Grund, weshalb die Menschewiki sie sowohl bei den Wahlen als auch in der Duma unterstützen. Die Menschewiki behaupten, der Klassenkampf dürfe niemals den allgemeinen Kampf überschatten. Eben aus diesem Grunde fordern sie die Volksmassen auf, sich um die gesamte Duma, und nicht bloß um Ihren revolutionären Teil, zusammenzuschließen, eben aus diesem Grunde unterstützen sie mit allen Kräften die Forderung nach Ernennung eines Kadettenkabinetts, eben aus diesem Grunde sind die Menschewiki bereit, das Maximalprogramm in Vergessenheit geraten zu lassen, das Minimalprogramm zu beschneiden und die demokratische Republik abzulehnen, um nur ja nicht die Kadetten von sich abzustoßen. Vielleicht wird mancher Leser alles dies für eine Verleumdung der Menschewiki halten und von uns Tatsachen verlangen. Hier sind die Tatsachen.

Folgendes schrieb vor kurzem der bekannte menschewistische Literat Malischewski:

„Unsere Bourgeoisie will nicht die Republik, folglich kann es bei uns eine Republik gar nicht geben...“, so dass „...im Resultat unserer Revolution eine konstitutionelle Ordnung, keineswegs aber eine demokratische Republik entstehen muss.“ Deshalb rät Malischewski den „Genossen“, den „republikanischen Illusionen“ zu entsagen (siehe „Perwy sbornik“[3], S. 288, 289).

Dies zum ersten.

Am Vorabend der Wahlen schrieb der menschewistische Führer Tscherewanin:

„Es wäre eine Absurdität und ein Wahnsinn für das Proletariat, den Versuch zu machen, wie manche das vorschlagen, gemeinsam mit der Bauernschaft den Kampf sowohl gegen die Regierung als auch gegen die Bourgeoisie, den Kampf für eine mit Machtvollkommenheit ausgestattete und vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung aufzunehmen.“ Wir, sagt er, streben jetzt ein Abkommen mit den Kadetten und ein Kadettenkabinett an (siehe „Nasche Delo“[4] Nr. 1).

Dies zum zweiten.

Das alles wurde aber nur geschrieben. Einem anderen Führer der Menschewiki, Plechanow, war das noch nicht genug, er wollte das Geschriebene in die Tat umsetzen. Als in der Partei eine erbitterte Diskussion über die Frage der Wahltaktik geführt wurde, als alle fragten, ob auf der ersten Stufe der Wahlen ein Abkommen mit den Kadetten zulässig wäre, hielt Plechanow sogar ein Abkommen mit den Kadetten für unzureichend und begann, einen direkten Block, eine zeitweilige Verschmelzung mit den Kadetten zu predigen. Man erinnere sich der Zeitung „Towarischtsch“[5] vom 24. November (1906), in der Plechanow seinen kleinen Artikel veröffentlichte. Ein Leser des „Towarischtsch“ fragt Plechanow: Ist eine gemeinsame Plattform der Sozialdemokraten mit den Kadetten möglich, und falls sie möglich ist, „welches könnte die gemeinsame Wahlplattform sein...?“ Plechanow antwortet, eine gemeinsame Plattform sei notwendig und eine solche Plattform müsse „die mit Machtvollkommenheit ausgestattete Duma“ sein. „Eine andere Antwort gibt es nicht und kann es nicht geben“ (siehe „Towarischtsch“ vom 24. November 1906). Was bedeuten die Worte Plechanows? Sie haben nur den einen Sinn, dass die Partei der Proletarier, d. h. die Sozialdemokratie, sich während der Wahlen faktisch der Partei der Unternehmer, d. h. den Kadetten, anschließen soll, gemeinsam mit ihnen Agitationsschriften an die Arbeiter herausgeben soll, faktisch auf die Losung einer vom ganzen Volke getragenen Konstituierenden Versammlung, auf das sozialdemokratische Minimalprogramm verzichten soll und statt dessen die kadettische Losung einer mit Machtvollkommenheit ausgestatteten Duma aufstellen soll. In Wirklichkeit ist das ein Verzicht auf unser Minimalprogramm den Kadetten zuliebe und zur Hebung des eigenen Ansehens in ihren Augen.

Dies zum dritten.

Was jedoch Plechanow nicht genügend kühn gesagt hat, das hat ein dritter Führer der Menschewiki, Wassiljew, mit bemerkenswerter Kühnheit ausgesprochen. Man höre:

„Zunächst mag die ganze Gesellschaft, mögen alle Bürger... eine konstitutionelle Macht aufrichten. Ist diese Macht einmal eine Volksmacht geworden, so kann das Volk entsprechend seiner Gruppierung nach Klassen und Interessen ... zur Entscheidung aller Fragen schreiten. Dann ist der Kampf der Klassen und der Gruppen nicht nur angebracht, sondern auch notwendig... Jetzt dagegen, im gegebenen Augenblick, ist er mörderisch und verbrecherisch...“ Deshalb müssten sich die verschiedenen Klassen und Gruppen „eine Zeitlang von allen ihren ,allerbesten Programmen’ trennen und sich zu einer einzigen konstitutionellen Partei verschmelzen ...“ „Mein Vorschlag zielt auf eine gemeinsame Plattform ab, als deren Basis die Herstellung eines elementaren Fundaments für eine mit Machtvollkommenheit ausgestattete Gesellschaft dient, die allein die entsprechende Duma liefern kann ...“ „Der Inhalt dieser Plattform... ist ein vor der Volksvertretung verantwortliches Kabinett..., die Freiheit des Wortes und der Presse...“ usw. (siehe „Towarischtsch“ vom 17. Dezember 1906). Was die vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung und überhaupt unser Minimalprogramm anbelangt, so muss man sich nach der Meinung Wassiljews von alldem „trennen“...

Dies zum vierten.

Allerdings ist ein vierter Führer der Menschewiki, Martow, nicht einverstanden mit dem Menschewik Wassiljew, den er für seinen vorstehend erwähnten Artikel hochmütig abkanzelt (siehe „Otkliki“[6]). Dafür aber spricht sich Plechanow sehr lobend über Wassiljew aus, der Plechanows Meinung nach „ein unermüdlicher und beliebter sozialdemokratischer Organisator der Schweizer Arbeiter“ ist- und der „der russischen Arbeitersache viele Dienste leisten wird“ (siehe “Mir Boshi“[7], Juni 1906). Welchem von diesen beiden Menschewiki soll man glauben: Plechanow oder Martow? Außerdem, hat nicht Martow selbst vor kurzem geschrieben: „Die Fehde zwischen Bourgeoisie und Proletariat stärkt die Position der Selbstherrschaft und hemmt dadurch den Erfolg der Volksbefreiung“? (Siehe Elmar, „Das Volk und die Reichsduma“, S. 20.) Wer wüsste nicht, dass diese unmarxistische Ansicht eben die wahre Grundlage des von Wassiljew vorgebrachten liberalen „Vorschlags“ ist?

Wie man sieht, sind die Menschewiki von dem „revolutionären Charakter“ der liberalen Bourgeoisie so hingerissen, setzen sie so viele Hoffnungen auf ihren „revolutionären Charakter“, dass sie ihr zuliebe bereit sind, das ganze sozialdemokratische Programm in Vergessenheit geraten zu lassen.

Wie denkt K. Kautsky über unsere liberale Bourgeoisie, wen hält er für den wahren Verbündeten des Proletariats, was sagt er über diese Frage?

„Auch dort (d. h. in der jetzigen russischen Revolution) bildet das Proletariat nicht mehr ein Anhängsel und Werkzeug der Bourgeoisie, wie das in den bürgerlichen Revolutionen der Fall war, sondern eine selbständige Klasse mit selbständigen revolutionären Zielen. Wo aber das Proletariat in dieser Weise auftritt, hört die Bourgeoisie auf, eine revolutionäre Klasse zu sein. Die russische Bourgeoisie, soweit sie überhaupt liberal ist und eine selbständige Klassenpolitik treibt, hasst wohl den Absolutismus, hasst aber noch mehr die Revolution... und soweit sie nach politischer Freiheit verlangt, so geschieht dies vor allem deswegen, weil sie darin das einzige Mittel zu finden glaubt, der Revolution ein Ende zu machen. Die „Bourgeoisie gehört also nicht zu den Triebkräften der heutigen revolutionären Bewegung Rußlands ... Eine solide Interessengemeinschaft für die ganze Zeit des revolutionären Kampfes besteht aber nur zwischen dem Proletariat und der „Bauernschaft. Sie muss die Grundlage der ganzen revolutionären Taktik der Sozialdemokratie Rußlands abgeben ... Ohne die Bauern können wir in Rußland so bald nicht siegen“ (siehe Kapitel 5).

So spricht Kautsky.

Wir glauben, Kommentare sind überflüssig.

Die dritte Frage unserer Meinungsverschiedenheiten lautet; Worin besteht das Klassenwesen des Sieges unserer Revolution oder, mit anderen Worten, welche Klassen müssen in unserer Revolution den Sieg davontragen, welche Klassen müssen die Macht erobern?

Die Bolschewiki behaupten, dass, da die Hauptkräfte der gegenwärtigen Revolution das Proletariat und die Bauernschaft sind und da ihr Sieg ohne gegenseitige Unterstützung unmöglich ist, gerade sie die Macht erobern werden, und deshalb der Sieg der Revolution die „Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft bedeuten wird (siehe Lenin s „Zwei Taktiken“ und „Der Sieg der Kadetten“).

Die Menschewiki dagegen lehnen die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft ab, sie glauben nicht, dass das Proletariat und die Bauernschaft die Macht erobern werden. Ihrer Meinung nach muss die Macht in die Hände der kadettischen Duma gelangen. Demzufolge unterstützen sie mit außergewöhnlicher Begeisterung die kadettische Losung eines verantwortlichen Kabinetts. Somit schlagen die Menschewiki uns an Stelle der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft die Diktatur der Kadetten vor (siehe Martynows „Zwei Diktaturen“ sowie die Zeitungen „Golos Truda[8], „Nasche Delo“ u.a.).

Welche Ansicht hat K. Kautsky über diese Frage? Über diesen Punkt sagt Kautsky direkt: „In der Interessengemeinschaft zwischen dem industriellen Proletariat und der Bauernschaft liegt die revolutionäre Kraft der russischen Sozialdemokratie begründet und die Möglichkeit ihres Sieges“ (siehe Kapitel 5). Das heißt, die Revolution wird nur in dem Falle siegen, wenn das Proletariat und die Bauernschaft gemeinsam für den gemeinsamen Sieg kämpfen werden - die Diktatur der Kadetten ist antirevolutionär.

Die vierte Frage unserer Meinungsverschiedenheiten lautet: In einer Zeit revolutionärer Stürme wird selbstverständlich eine so genannte provisorische revolutionäre Regierung entstehen - ist die Beteiligung der Sozialdemokratie an der revolutionären Regierung zulässig?

Die Bolschewiki sagen, dass die Beteiligung an einer solchen provisorischen Regierung nicht nur vom Standpunkt der Prinzipien zulässig ist, sondern auch in praktischer Beziehung notwendig sein wird, und zwar damit die Sozialdemokratie dort, in der provisorischen revolutionären Regierung, die Interessen des Proletariats und der Revolution in gebührender Weise vertritt. Wenn das Proletariat im Kampf auf der Straße gemeinsam mit den Bauern die alte Ordnung zertrümmert, wenn es gemeinsam mit ihnen sein Blut vergießt, so ist es natürlich, dass es auch gemeinsam mit ihnen in die provisorische revolutionäre Regierung eintreten muss, um die Revolution zu den erwünschten Resultaten zu führen (siehe Lenin s „Zwei Taktiken“).

Die Menschewiki dagegen lehnen die Beteiligung an der provisorischen revolutionären Regierung ab - dies sei für die Sozialdemokratie unzulässig, dies gezieme einem Sozialdemokraten nicht, dies werde das Proletariat zugrunde richten (siehe Martynows „Zwei Diktaturen“). Was sagt über diesen Punkt K. Kautsky?

„Allerdings ist es sehr wohl möglich, dass im Fortgange der Revolution der Sieg der sozialdemokratischen Partei zufällt...“ Dies bedeutet jedoch nicht, dass „die jetzige Revolution Rußlands bereits zur Einführung einer sozialistischen Produktionsweise führt, auch wenn sie zeitweilig die Sozialdemokratie ans Ruder bringen sollte“ (siehe Kapitel 5).

Wie man sieht, ist nach der Ansicht Kautskys die Beteiligung an einer provisorischen revolutionären Regierung nicht nur zulässig, sondern kann es sogar so kommen, dass die Sozialdemokratie allein „zeitweilig ans Ruder“ gebracht wird.

Das sind Kautskys Ansichten über die wichtigsten Fragen unserer Meinungsverschiedenheiten.

Wie man sieht, sind der große Theoretiker der Sozialdemokratie Kautsky und die Bolschewiki völlig miteinander einig.

Das bestreiten auch die Menschewiki nicht, selbstverständlich mit Ausnahme einiger „abgestempelter“ Menschewiki, die wahrscheinlich Kautskys Broschüre nicht einmal zu Gesicht bekommen haben. Martow z. B. erklärt direkt: „In seiner letzten Schlussfolgerung ist Kautsky mit Genossen Lenin und seinen Gesinnungsfreunden einverstanden, die die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft verkünden“ (siehe „Otkliki“ Nr. 2, S. 19).

Dies bedeutet aber, dass die Menschewiki mit K. Kautsky nicht einverstanden sind, oder, richtiger gesagt, dass Kautsky mit den Menschewiki nicht einverstanden ist.

Wer ist also mit den Menschewiki einverstanden, und mit wem schließlich sind die Menschewiki einverstanden?

Über diese Frage lassen wir die Geschichte sprechen. Am 27. Dezember (1906) fand in Soljanoi Gorodok (in Petersburg) eine Diskussionsversammlung statt. In der Diskussion erklärte der Kadettenführer P. Struve folgendes: „Ihr alle werdet Kadetten werden ... Die Menschewiki nennt man bereits Halbkadetten. Plechanow halten viele für einen Kadetten, und wirklich, vieles von dem, was Plechanow jetzt sagt, können die Kadetten begrüßen, es ist nur schade, dass er dies nicht gesagt hat, als die Kadetten allein standen“ (siehe „Towarischtsch“vom28. Dezember 1906).

Da sieht man, wer mit den Menschewiki einverstanden ist.

Was wäre daran Erstaunliches, wenn auch die Menschewiki sich mit ihnen einverstanden erklärten und den Weg des Liberalismus beschritten?...

10. Februar 1907.

Nach dem „Wortlaut der Broschüre.
Unterschrift: Koba.
Nach der autorisierten russischen Übersetzung
aus dem Georgischen.

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