"Stalin"

Werke

Band 2

DER WAHLKAMPF IN PETERSBURG
UND DIE MENSCHEWIKI

Nirgends hat es eine solche Verschärfung des Wahlkampfes gegeben wie in Petersburg. Nirgends gab es solche Zusammenstöße zwischen den Parteien wie in Petersburg. Sozialdemokraten, Volkstümler, Kadetten, Schwarzhunderter, Bolschewiki und Menschewiki in der Sozialdemokratie, Trudowiki[9], Sozialrevolutionäre und Volkssozialisten unter den Volkstümlern, linke und rechte Kadetten in der Kadettenpartei - sie alle führten einen erbitterten Kampf...

Dafür ist die Physiognomie der Parteien nirgends so klar zutage getreten wie in Petersburg. So musste es auch sein. Der Wahlkampf ist eine lebendige Tat, und man kann die Parteien nur in der Tätigkeit kennen lernen. Es ist klar, dass die Physiognomie der Kämpfenden umso deutlicher zutage treten musste, je erbitterter der Kampf geführt wurde.

In dieser Beziehung ist die Haltung der Bolschewiki und der Menschewiki während des Wahlkampfes von großem Interesse.

Ihr erinnert euch wahrscheinlich der Redereien der Menschewiki. Noch vor den Wahlen erklärten sie, Konstituierende Versammlung und demokratische Republik seien überflüssiger Ballast, man brauche vor allem eine Duma und ein Kadettenkabinett, weshalb es eines Wahlabkommens mit den Kadetten bedürfe. Andernfalls würden die Schwarzhunderter siegen. Hören wir, was der menschewistische Führer Tscherewanin am Vorabend der Wahlen schrieb:

„Es wäre eine Absurdität und ein Wahnsinn für das Proletariat, den Versuch zu machen, wie manche das vorschlagen, gemeinsam mit der Bauernschaft den Kampf sowohl gegen die Regierung als auch gegen die Bourgeoisie, den Kampf für eine mit Machtvollkommenheit ausgestattete und vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung aufzunehmen“ (siehe „Nasche Delo“ Nr. 1).

Ein anderer Führer der Menschewiki, Plechanow, sagte ja und amen zu Tscherewanins Auffassung, auch er lehnte die vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung ab und schlug an ihrer Stelle „eine mit Machtvollkommenheit ausgestattete Duma“ vor, die zu einer „gemeinsamen Plattform“ für die Kadetten und die Sozialdemokraten werden sollte (siehe „Towarischtsch“, 24. November 1906).

Der bekannte Menschewik Wassiljew sagte ganz offen, dass der Klassenkampf „im gegebenen Augenblick mörderisch und verbrecherisch“ sei, dass die verschiedenen Klassen und Gruppen „sich eine Zeitlang von allen ihren ‚allerbesten Programmen’ trennen und sich zu einer einzigen konstitutionellen Partei verschmelzen“ müssten (siehe „Towarischtsch“, 17. Dezember 1906).

So sprachen die Menschewiki.

Die Bolschewiki verurteilten von allem Anfang an eine derartige Stellungnahme der Menschewiki. Sie sagten, dass Sozialisten ein Abkommen mit den Kadetten nicht ansteht - die Sozialisten müssen im Wahlkampf selbständig auftreten. Auf der ersten Stufe der Wahlen sind Abkommen nur als Ausnahme zulässig, und auch dann nur mit solchen Parteien, die die vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung, die Konfiskation aller Ländereien, den Achtstundentag usw. zur Losung des Tages machen. Die Kadetten aber lehnen alles das ab. Die „Schwarzhundertergefahr“ ist eine Erfindung der Liberalen, um manchen naiven Menschen Angst einzujagen. Die Schwarzhunderter können die Duma nicht „in Besitz nehmen“. Die Menschewiki wiederholen die Worte der Liberalen, wenn sie von der „Schwarzhundertergefahr“ reden. Dafür existiert eine „Kadettengefahr“, und diese stellt eine wirkliche Gefahr dar. Unsere Pflicht ist es, alle revolutionären Elemente um uns zu scharen und den Kampf gegen die Kadetten zu führen, die mit der Reaktion ein Bündnis gegen die Revolution schließen. Wir müssen gleichzeitig einen doppelten Kampf führen: sowohl gegen die Reaktion als auch gegen die liberale Bourgeoisie und ihre Verteidiger. So sprachen die Bolschewiki.

Da kam nun der Tag der Eröffnung der Petersburger sozialdemokratischen Konferenz[10]. Hier, auf dieser Konferenz, mussten sich dem Proletariat zwei Taktiken präsentieren: die Taktik eines Abkommens mit den Kadetten und die Taktik des Kampfes gegen die Kadetten... Jetzt, auf dieser Konferenz, musste das Proletariat über alles, was die Bolschewiki und die Menschewiki bisher gesagt hatten, zu einem Urteil gelangen. Die Menschewiki witterten jedoch, dass ihrer eine Niederlage harre, sie fühlten, dass die Konferenz ihre Taktik verurteilen werde, und so beschlossen sie, die Konferenz zu verlassen, mit der Sozialdemokratie zu brechen. Um des Abkommens mit den Kadetten willen begannen die Menschewiki die Spaltung. Sie wollten durch einen Schacher mit den Kadetten „ihre Leute“ in die Duma hineinbringen.

Die Bolschewiki verurteilten diese charakterlose Tat entschieden. Sie wiesen mit Ziffern in der Hand das Fehlen einer „Schwarzhundertergefahr“ nach. Sie unterzogen die Sozialrevolutionäre und Trudowiki einer schonungslosen Kritik und riefen sie offen dazu auf, sich gegen die Konterrevolution und die Kadetten um das Proletariat zu scharen.

Während die Bolschewiki die revolutionären Elemente um das Proletariat vereinigten, während sie unentwegt die unversöhnliche Taktik des Proletariats verwirklichten - führten die Menschewiki, hinter dem Rücken der Arbeiter, Verhandlungen mit den Kadetten.

Die Kadetten aber neigten sich allmählich nach rechts. Stolypin lud den Kadettenführer Miljukow „zwecks Verhandlungen“ zu sich. Die Kadetten beauftragten Miljukow einmütig, im „Namen der Partei“ Verhandlungen mit der Reaktion zu führen. Es ist klar, dass die Kadetten ein Abkommen mit der Reaktion gegen die Revolution wollten. Zur gleichen Zeit erklärte ein anderer Kadettenführer, Struve, offen: „Die Kadetten wollen ein Abkommen mit dem Monarchen zwecks Erlangung einer Verfassung“ (siehe „Retsch“[11], 18. Januar 1907). Es war augenscheinlich, dass die Kadetten ein Bündnis mit der Reaktion eingingen.

Die Menschewiki aber führten dennoch Verhandlungen mit den Kadetten, sie suchten dennoch ein Bündnis mit ihnen. Die Ärmsten! Es ging Ihnen nicht in den Kopf, dass sie durch den Abschluss eines Abkommens mit den Kadetten ein Abkommen mit der Reaktion eingingen!

Unterdessen begannen die von den Behörden gestatteten Diskussions-Versammlungen. Hier, in diesen Meetings, stellte es sich klar heraus, dass die „Schwarzhundertergefahr“ eine Phantasie ist, dass der Hauptkampf zwischen den Kadetten und den Sozialdemokraten geführt wird und dass derjenige, der ein Abkommen mit den Kadetten eingeht, die Sozialdemokratie verrät. Die Menschewiki sind in den Meetings nicht mehr zu sehen: Sie versuchten zwei- oder dreimal, für die Kadetten einzutreten, blamierten sich aber unverkennbar und verdrückten sich. Die Schleppenträger der Kadetten - die Menschewiki - haben bereits ihren Kredit verloren. Die Diskussionsarena verblieb den Bolschewiki und den Kadetten. Der Kampf zwischen ihnen füllte die Meetings aus. Die Sozialrevolutionäre und Trudowiki lehnen Verhandlungen mit den Kadetten nb. Die Volkssozialisten schwanken. Die Bolschewiki treten an die Spitze lies Wahlkampfes.

Wo waren zu dieser Zeit die Menschewiki?

Sie verhandelten mit den Kadetten über drei Deputiertensitze. Das ist unwahrscheinlich, aber es ist Tatsache, und unsere Pflicht ist es, offen die Wahrheit zu sagen.

Die Bolschewiki erklären: Nieder mit der Hegemonie der Kadetten! Die Menschewiki dagegen lehnen diese Losung ab und ordnen sich dadurch der Hegemonie der Kadetten unter, traben hinter ihnen her.

Unterdessen erfolgen die Wahlen in der Arbeiterkurie. Es stellt sich heraus, dass die Arbeiter in den menschewistischen „Bezirken fast überall Sozialrevolutionäre zu „Bevollmächtigten gewählt haben. „Wir können nicht für die Paktierer mit den Kadetten stimmen, die Sozialrevolutionäre sind immerhin besser als sie“, so sprachen, wie sich herausstellt, die Arbeiter. Die Arbeiter nennen die Sozialdemokraten Liberale und ziehen es vor, den bürgerlichen Demokraten, den Sozialrevolutionären, zu folgen! Dahin hat der Opportunismus der Menschewiki geführt!

Die Bolschewiki fahren fort, ihre unversöhnliche Taktik zu befolgen, und fordern alle revolutionären Elemente auf, sich um das Proletariat zu scharen. Die Sozialrevolutionäre und die Trudowiki schließen sich offen der bolschewistischen Losung an: Nieder mit der Hegemonie der Kadetten! Die Volkssozialisten brechen mit den Kadetten. Es wird für alle offensichtlich, dass ein Abkommen zwischen den Sozialdemokraten und den Sozialrevolutionären und Trudowiki auf keinen Fall die Stimmen so weit zersplittern wird, dass die Schwarzhunderter siegen. Siegen müssen entweder die Kadetten oder die äußersten Linken - die „Schwarzhundertergefahr“ ist eine Phantasie.

Unterdessen stellten die Kadetten die Verhandlungen mit den Menschewiki ein. Anscheinend war die Sache vorbeigeglückt. Die Bolschewiki dagegen schlössen ein Abkommen mit den Sozialrevolutionären, Trudowiki und Volkssozialisten, sie isolierten die Kadetten und leiteten eine allgemeine Offensive gegen die Reaktion und die Kadetten ein. In Petersburg wurden drei Wahllisten veröffentlicht: die der Schwarzhunderter, der Kadetten und der äußersten Linken. So wurden, entgegen den Menschewiki, die Worte der Bolschewiki von den drei Listen zur Wahrheit.

Vom Proletariat abgelehnt, von den Kadetten mit leeren Händen nach Hause geschickt, von den Sozialrevolutionären und Trudowiki dem Gelächter preisgegeben, von der Geschichte blamiert, strecken die Menschewiki die Waffen und stimmen für die Liste der äußersten Linken, gegen die „Kadetten. Die Wiborger Bezirkskommission der Menschewiki erklärt offen, die Menschewiki würden für die äußersten Linken, gegen die Kadetten, stimmen.

Dies bedeutet aber, dass die Menschewiki das Vorhandensein einer „Schwarzhundertergefahr“ nicht mehr anerkennen, dass sie das Abkommen mit den Kadetten verworfen und die bolschewistische Losung unterstützt haben: Nieder mit der Hegemonie der Kadetten!

Dies bedeutet ferner, dass die Menschewiki ihre Taktik verworfen und die Taktik der Bolschewiki offen anerkannt haben.

Dies bedeutet schließlich, dass die Menschewiki aufgehört haben, hinter den Kadetten herzutrotten, und jetzt hinter den Bolschewiki herzutrotten begonnen haben.

Schließlich fanden die Wahlen statt, und siehe da, in Petersburg ist kein einziger Schwarzhunderter gewählt worden!

So bewährte sich die bolschewistische Taktik in Petersburg.

So erlitten die Menschewiki eine Niederlage.

„Tschweni Zchwreba“ (Unser Leben)[12] Nr. 1,
18. Februar 1907
Artikel ohne Unterschrift.
Nach der autorisierten russischen „Übersetzung aus dem Georgischen.

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