"Stalin"

Werke

Band 2

DEM GENOSSEN G.TELIJA ZUM GEDENKEN[21]

Es ist in unseren Parteikreisen Sitte geworden, verstorbenen Genossen übermäßiges Lob zu spenden. Das Verschweigen der schwachen Seiten und die Übertreibung der positiven Seiten ist eine kennzeichnende Besonderheit der gegenwärtigen Nekrologe. Das ist natürlich eine unvernünftige Sitte. Wir wollen dieser Sitte nicht folgen. Wir wollen über den Genossen G. Telija nur die Wahrheit sagen, wir wollen den Leser mit Telija bekannt machen, wie er in Wirklichkeit war. Und da sagt uns die Wirklichkeit, dass Genösse G. Telija als fortgeschrittener Arbeiter und als Parteiarbeiter ein bis zu Ende makelloser und für die Partei unschätzbarer Mann war. Alles, was die Sozialdemokratische Partei am treffendsten charakterisiert - Wissensdurst, Unabhängigkeit, unentwegtes Vorwärtsgehen, Standhaftigkeit, Fleiß, sittliche Kraft -, alles das verband sich in der Person des Genossen Telija. Telija verkörperte in sich die besten Züge des Proletariers. Das ist keine Übertreibung. Seine kurze Biographie wird uns das gleich zeigen.

Genösse Telija gehörte nicht zu den „Gelehrten“. Als Autodidakt meisterte er die Kunst des Lesens und Schreibens und wurde klassenbewusst. Nachdem er die Ortschaft Tschagani (Telija war aus der Ortschaft Tschagani, Bezirk Kutais, gebürtig) verlassen hatte, trat er als Hausdiener bei einer Familie in Tiflis in Dienst. Hier lernte er auch Russisch sprechen und wurde ein leidenschaftlicher Bücherfreund. Doch wurde er schnell des Dienerberufs überdrüssig, und bald trat er in die Tischlerei der Eisenbahnwerkstätten ein. Diese Werkstätten leisteten Genossen Telija einen großen Dienst. Sie waren seine Schule, hier wurde er zum Sozialdemokraten, hier stählte er sich und wurde ein standhafter Kämpfer, hier tat er sich auch als fähiger und klassenbewusster Arbeiter hervor.

In den Jahren 1900 und 1901 ragte Telija bereits unter den fortgeschrittenen Arbeitern als geachteter Führer hervor. Seit der Demonstration von 1901 in Tiflis[22] kannte Genösse Telija keine Erholung mehr. Flammende Propaganda, Schaffung von Organisationen, Teilnahme an verantwortlichen Versammlungen, beharrliche Arbeit an der Selbstaneigung einer sozialistischen Bildung - dem allen widmete er seine ganze freie Zeit. Die Polizei verfolgte ihn, sie suchte ihn „mit der Laterne in der Hand“, aber das verdoppelte nur seine Energie und seine Kampflust. Der Inspirator der Demonstration von 1903 (in Tiflis)[23] war Genosse Telija. Obgleich die Polizei ihm auf den Fersen war, erhob er die Fahne und hielt eine Rede. Nach dieser Demonstration ging er dann völlig in die Illegalität über. Von diesem Jahre an begann er im Auftrage der Organisation verschiedene Städte Transkaukasiens „zu bereisen“. In dem gleichen Jahr begab er sich im Auftrage der Organisation nach Batum, um eine illegale Druckerei einzurichten. Auf dem Bahnhof in Batum wurde er aber mit der Ausrüstung dieser Druckerei verhaftet und nach einiger Zeit in das Kutaiser Gefängnis geschickt. Mit diesem Augenblick begann eine neue Periode in seinem „unruhigen“ Leben. Die anderthalb Jahre Gefängnishaft gingen an Telija nicht spurlos vorüber. Das Gefängnis wurde zu seiner zweiten Schule. Durch ständiges Lernen, durch Lesen sozialistischer Bücher und Beteiligung an den Diskussionen vermehrte er seinen Wissensschatz bedeutend. Hier bildete sich auch endgültig jener unbeugsame revolutionäre Charakter in ihm heraus, um den ihn viele seiner Genossen beneideten. Aber das gleiche Gefängnis drückte ihm auch den Stempel des Todes auf, das gleiche Gefängnis traf ihn mit der tödlichen Krankheit (der Schwindsucht), die unseren besten Genossen ins Grab gebracht hat.

Telija kannte den verhängnisvollen Zustand seiner Gesundheit, doch nicht das beunruhigte ihn. Ihn beunruhigte nur eines - „müßiges Dasitzen und Untätigkeit“. „Wann werde ich je den Tag erleben, wo ich mich nach meinem Willen ungebunden entfalte, aufs neue die Volksmassen sehe, mich an ihre Brust schmiege und ihnen zu dienen beginne?“ - davon träumte der ins Gefängnis gesperrte Genösse. Sein Traum sollte in Erfüllung gehen. Anderthalb Jahre später überführte man ihn in das „kleine“ Kutaiser Gefängnis, von wo er sofort floh, um in Tiflis aufzutauchen. Zu dieser Zeit ging in der Partei die Spaltung vor sich. Genösse Telija schloss sich damals den Menschewiki an, aber er ähnelte durchaus nicht jenen „abgestempelten“ Menschewiki, die den Menschewismus für den „Koran“, sich für Rechtgläubige und die Bolschewiki für Giaurs halten. Telija ähnelte auch denjenigen „fortschrittlichen“ Arbeitern nicht, die sich als „Sozialdemokraten von Geburt“ hinstellen und, obgleich völlige Ignoranten, so albern schreien: Wir brauchen keine Kenntnisse, wir sind Arbeiter. Eine kennzeichnende Eigenheit Telijas war es gerade, dass er den fraktionellen Fanatismus ablehnte, von ganzem Herzen die blinde Nachahmung verachtete und alles mit seinem Verstand ergründen wollte. Eben deshalb stürzte er sich nach seiner Flucht aus dem Gefängnis sofort auf die Bücher: „Protokoll des II. Parteitages“, Martows „Belagerungszustand“, Lenin s „Was tun?“ und „Ein Schritt vorwärts“. Man musste den ausgemergelten, gelb gewordenen Telija gesehen haben, der, beharrlich über den Büchern hockend, lächelnd sagte: „Wie ich sehe, ist es gar nicht so leicht zu entscheiden, ob man Bolschewik oder Menschewik sein soll; solange ich diese Bücher nicht durchstudiert habe, solange ist mein Menschewismus auf Sand gebaut.“ Nachdem also Genösse Telija die notwendige Literatur studiert und sich in die Streitigkeiten zwischen Bolschewiki und Menschewiki hineingedacht hatte, hat er alles abgewogen und erst dann gesagt: „Ich, Genossen, bin Bolschewik; wie mir scheint, übt derjenige, der nicht Bolschewik ist, unzweifelhaft Verrat am revolutionären Geist des Marxismus.“

Hierauf wurde er ein Apostel des revolutionären Marxismus (Bolschewismus). Auf Beschluss der Organisation begab er sich im Jahre 1905 nach Baku. Einrichtung der Druckerei, Organisierung der Arbeit der Bezirksorganisationen, Beteiligung an der leitenden Organisation, Einsendung von Artikeln für „Proletariatis Brdsola“[24] - hiermit beschäftigte sich Genösse Telija in Baku. Bei dem bekannten Hochgehen verhaftete man auch ihn, aber auch hier „entwischte“ er und eilte wieder nach Tiflis. Nachdem er eine Zeitlang in der Tifliser leitenden Organisation gearbeitet hatte, beteiligte er sich an der gesamtrussischen Konferenz der Bolschewiki in Tammerfors im Jahre 1905. Interessant sind seine Eindrücke von dieser Konferenz. Mit großen Hoffnungen blickte er auf die Zukunft der Partei und pflegte mit glänzenden Augen zu sagen: Ich werde meine letzten Kräfte für diese Partei nicht schonen. Doch das Unglück lag ja eben darin, dass er sich gleich nach seiner Rückkehr aus Rußland ins Bett legen musste und nicht mehr aufstand. Erst jetzt begann er eine ernsthafte literarische Tätigkeit. Während seiner Krankheit schrieb er: „Was wir brauchen“ (siehe „Achali Zchowreba“[25]), „Alte und neue Tote“ (eine Antwort an Artsch. Dshordshadse), „Anarchismus und Sozialdemokratie“ (Die letzten beiden Broschüren konnten nicht gedruckt werden, da sie während einer Haussuchung von der Polizei beschlagnahmt wurden), „Weshalb man uns Blanquisten nennt“ u. a.

In den letzten Tagen schrieb er uns, er bereite eine Broschüre über die Geschichte der kaukasischen Sozialdemokratie vor, aber der unbarmherzige Tod riss dem unermüdlichen Genossen die Feder vorzeitig aus der Hand.

Das ist das Bild des kurzen, aber von Stürmen erfüllten Lebens des Genossen Telija.

Erstaunliche Fähigkeiten, unerschöpfliche Energie, Unabhängigkeit, liefe Liebe zur Sache, heroische Unbeugsamkeit und Apostelbegabung - das ist es, was Genossen Telija charakterisiert.

Nur in den Reihen des Proletariats trifft man Menschen wie Telija, nur das Proletariat bringt Helden wie Telija hervor, und das Proletariat wird auch bestrebt sein, an der verfluchten Ordnung Rache zu nehmen, der unser Genosse - der Arbeiter G. Telija - zum Opfer gefallen ist.

„Dro“ (Die Zeit) „Nr. 10,
22. März 1907.
Unterschrift: Ko...
Nach der autorisierten russischen Übersetzung
aus dem Georgischen.

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