"Stalin"

Werke

Band 2

DIE AUSEINANDERJAGUNG DER DUMA
UND DIE AUFGABEN DES PROLETARIATS

Man hat die zweite Duma auseinandergejagt.[31] Und nicht einfach, sondern mit Getöse auseinandergejagt - ganz genau so wie die erste Duma. Auch hier gibt es ein „Auseinanderjagungsmanifest“ mit „aufrichtigem Bedauern“ des pharisäischen Zaren über die Auseinanderjagung. Auch hier gibt es ein „neues Wahlgesetz“, das das Wahlrecht der Arbeiter Und Bauern zunichte macht. Es liegen sogar Versprechungen vor, Rußland „zu erneuern“, natürlich mit Hilfe von Erschießungen und einer dritten Duma. Mit einem Wort, hier gibt es alles das, was noch ganz kürzlich bei der Auseinanderjagung der ersten Duma stattgefunden hat. Der Zar hat die Auseinanderjagung der ersten Duma kurz wiederholt...

Aber der Zar hat die zweite Duma nicht unbedacht und durchaus nicht ohne Zweck auseinandergejagt. Er wollte mit Hilfe der Duma Verbindung mit der Bauernschaft aufnehmen, sie aus einem Verbündeten des Proletariats zu einem Verbündeten der Regierung machen und auf diese Weise, indem er das Proletariat allein ließ, es isolierte, die Sache der Revolution desorganisieren, ihren Sieg unmöglich machen. Zu diesem Zweck nutzte die Regierung die Hilfe der liberalen Bourgeoisie aus, die vorläufig noch einigen Einfluss unter der unaufgeklärten Masse der Bauern besitzt, und eben durch ihre Vermittlung wollte sie mit der Millionen zählenden Bauernschaft Verbindung aufnehmen. So wollte sie die zweite Reichsduma ausnutzen.

Das Gegenteil jedoch trat ein. Gleich in den ersten Sitzungen der zweiten Duma offenbarte sich das Misstrauen der Bauerndeputierten nicht nur gegenüber der Regierung, sondern auch gegenüber den Deputierten der liberalen Bourgeois. Dieses Misstrauen wuchs infolge einer ganzen Anzahl von Abstimmungen und ging schließlich so weit, dass es in offene Feindschaft gegen die Deputierten der liberalen Bourgeoisie umschlug. Es gelang der Regierung somit nicht, die Bauerndeputierten um die Liberalen und vermittels ihrer um die alte Gewalt zusammenzuschließen. Der Wunsch der Regierung, durch die Duma mit der Bauernschaft Verbindung aufzunehmen und das Proletariat zu isolieren, ist nicht in Erfüllung gegangen. Im Gegenteil: Die Bauerndeputierten schlossen sich immer mehr um die proletarischen Deputierten, um die Sozialdemokraten zusammen. Und je mehr sie von den Liberalen, den Kadetten abrückten, desto entschlossener näherten sie sich den sozialdemokratischen Deputierten. Dies aber erleichterte bedeutend den Zusammenschluss der Bauern um das Proletariat außerhalb der Duma. Es kam also so, dass nicht das Proletariat isoliert wurde, sondern die liberale Bourgeoisie und die Regierung von den Bauern isoliert wurden; das Proletariat sicherte sich die Führung der viele Millionen zählenden Bauernschaft - desorganisiert wurde also nicht die Sache der Revolution, wie die Regierung das wollte, sondern die Sache der Konterrevolution. Infolgedessen wurde die Existenz der zweiten Duma für die Regierung immer gefährlicher. So hat sie die Duma „aufgelöst“.

Um jedoch die Annäherung der Bauern an das Proletariat recht erfolgreich zu desorganisieren, um in den unaufgeklärten Massen der Bauern Feindschaft gegen die Sozialdemokraten zu säen und sie um sich zu scharen, griff die Regierung zu zwei Maßnahmen.

Erstens fiel sie über die Dumafraktion der Sozialdemokraten her, erhob gegen deren Mitglieder die falsche Beschuldigung, zu einem sofortigen Aufstand aufgerufen zu haben, und stellte sie somit als die Hauptschuldigen an der Auseinanderjagung der Duma hin. Wir hätten, wollten sie sagen, euer „Dumachen“, liebe Bauern, nicht auseinandergejagt, aber die Sozialdemokraten bedrohten uns mit dem Aufstand, und wir haben uns gezwungen gesehen, es „aufzulösen“…

Zweitens erließ die Regierung ein „neues Gesetz“, demzufolge die der bäuerlichen Wahlmänner um die Hälfte herabgesetzt wurde, während die Zahl der gutsherrlichen Wahlmänner um ebensoviel erhöht wurde, wobei es den letzteren überlassen wurde, in Vollversammlungen die Bauerndeputierten zu wählen, sie setzte die Zahl der von den Arbeitern zu wählenden Wahlmänner gleichfalls um fast die Hälfte herab (124 an Stelle von 237 Wahlmännern), behielt sich das Recht vor, die Wähler „nach Ortschaften, nach der Art der sie betreffenden Zensen und nach Nationalitäten“ neu einzuteilen, beseitigte jede Möglichkeit einer freien Wahlagitation usw. usw. Und alles dies: um in die dritte Duma keine revolutionären Vertreter der Arbeiter und Bauern hineinzulassen; um sie mit liberalen und reaktionären Vertretern der Guts- und Fabrikanten zu füllen; um die Vertretung der Bauern dadurch zu entstellen, dass, gegen den Wunsch der Bauern selbst, die Möglichkeit geschaffen wird, die konservativsten Bauerndeputierten durchzubringen; Und um auf diese Weise dem Proletariat die Möglichkeit zu nehmen, die breiten Massen der Bauernschaft offen um sich zu scharen - sich also die Möglichkeit einer offenen Annäherung an die Bauernschaft zu schaffen.

Das ist der Sinn der Auseinanderjagung der zweiten Reichsduma.

Die liberale Bourgeoisie hat alles dies augenscheinlich begriffen und kommt, vertreten durch ihre Kadetten, der Regierung entgegen. Schon in der zweiten Duma ging sie einen Kuhhandel mit der alten Gewalt ein und bemühte sich, mit den Bauerndeputierten liebäugelnd, das Proletariat zu isolieren. Am Vorabend der Auseinanderjagung forderte der Kadettenführer Miljukow seine Partei dazu auf, alles und alle um die „Stolypin-Regierung“ zusammenzuschließen, mit ihr ein Abkommen einzugehen und der Revolution, eigentlich dem Proletariat, den Krieg zu erklären. Ein zweiter Kadettenführer aber, Struve, verfocht, bereits nach der Auseinanderjagung, die „Idee der Auslieferung“ der sozialdemokratischen Deputierten an die Regierung, forderte die Kadetten auf, offen den Weg des Kampfes gegen die Revolution zu beschreiten, sich mit den konterrevolutionären Oktobristen zu verschmelzen und, nach Isolierung des unruhigen Proletariats, den Kampf gegen dieses aufzunehmen. Die Kadettenpartei schweigt - also ist sie mit ihren Führern einverstanden.

Augenscheinlich begreift die liberale Bourgeoisie die ganze Wichtigkeit des gegenwärtigen Augenblicks.

Mit umso größerer Deutlichkeit ersteht vor dem Proletariat die Aufgabe, die Zarenmacht zu stürzen. Man denke doch nur. Da war die erste Duma. Da war auch die zweite. Aber weder die eine noch die andere hat auch nur eine einzige der Fragen der Revolution „gelöst“ - und konnte sie auch nicht „lösen“. Nach wie vor bleiben: die Bauern ohne Boden, die Arbeiter ohne Achtstundentag, alle Bürger ohne politische Freiheit. Weshalb? Weil die Zarenmacht noch nicht tot ist, weil sie noch weiter besteht, nach der ersten Duma die zweite auseinanderjagt, die Konterrevolution organisiert und danach trachtet, die Kräfte der Revolution zu verwirren und die viele Millionen zählende Bauernschaft von den Proletariern loszureißen. Unterdessen setzen die unterirdischen Kräfte der Revolution - die Krise in den Städten und der Hunger in den Dörfern - ihr Werk auch weiter fort, rütteln die breiten Massen der Arbeiter und Bauern immer stärker auf und heischen immer beharrlicher die Lösung der grundlegenden Fragen unserer Revolution. Die Machenschaften der Zarenmacht verschärfen die Krise nur. Die Anstrengungen der liberalen Bourgeoisie - die Bauern von den Proletariern loszureißen - verstärken nur die Revolution. Es ist klar, dass ohne den Sturz der Zarenmacht und die Einberufung einer vom ganzen Volke getragenen Konstituierenden Versammlung die breiten Massen der Arbeiter und Bauern nicht zufrieden gestellt werden können. Nicht weniger klar ist es auch, dass die Grundfragen der Revolution nur im Bündnis mit der Bauernschaft gegen die Zarenmacht und die liberale Bourgeoisie gelöst werden können.

Sturz der Zarenmacht und Einberufung der vom ganzen Volke getragenen Konstituierenden Versammlung - dahin führt uns die Auseinanderjagung der zweiten Duma.

Krieg gegen die verräterische liberale Bourgeoisie, enges Bündnis mit der Bauernschaft - davon spricht uns die Auseinanderjagung der zweiten Duma.

Aufgabe des Proletariats besteht darin, bewusst diesen Weg zu und seine Rolle als Führer der Revolution würdig zu erfüllen.

„Bakinski Proletari“ (Der Bakuer Proletarier) Nr. 1,
20. Juni 1907.
Artikel ohne Unterschrift.
Nach dem russischen Zeitungstext.

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