"Stalin"

Werke

Band 2

DER LONDONER PARTEITAG
DER SOZIALDEMOKRATISCHEN ARBEITERPARTEI RUSSLANDS

(Aufzeichnungen eines Delegierten)[32]

Der Londoner Parteitag ist beendet. Entgegen den Erwartungen der liberalen Federfuchser, all dieser Wergeshskis[33] und Kuskowas[34] , hat uns der Parteitag nicht die Spaltung gebracht, sondern den weiteren Zusammenschluss der Partei, die weitere Vereinigung der fortgeschrittenen Arbeiter ganz Rußlands zu einer einzigen unteilbaren Partei. Dieser Parteitag war ein wirklicher gesamtrussischer Vereinigungsparteitag: denn auf ihm waren zum ersten Mal unsere polnischen, bundistischen und lettischen Genossen in umfassendster und vollständigster Weise vertreten, auf ihm haben sie zum ersten Mal an den Arbeiten eines Parteitages aktiv teilgenommen und folglich zum ersten Mal das Schicksal ihrer Organisationen auf das unmittelbarste mit dem Schicksal der Gesamtpartei verknüpft. In diesem Sinne hat der Londoner Parteitag das Werk des Zusammenschlusses und der Festigung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands um ein beträchtliches vorwärts gebracht.

Das ist das erste wichtige Ergebnis des Londoner Parteitags. Damit ist aber die Bedeutung des Londoner Parteitags nicht erschöpft. Die Sache ist die, dass der Parteitag entgegen den Wünschen der gleichen liberalen Federfuchser mit dem Sieg des "Bolschewismus", mit dem Sieg der revolutionären Sozialdemokratie über den opportunistischen Flügel unserer Partei, über den "Menschewismus", geendet hat. Allen bekannt sind natürlich unsere Meinungsverschiedenheiten in der Frage nach der Rolle der verschiedenen Klassen und Parteien in unserer Revolution und nach unserem Verhältnis zu ihnen. Bekannt ist gleichfalls, dass die offizielle, ihrer Zusammensetzung nach menschewistische Parteizentrale in einer ganzen Reihe von Fällen eine mit der Partei als Ganzem in Widerspruch stehende Haltung einnahm. Man erinnere sich doch nur: die Geschichte mit der Losung des Zentralkomitees von einem verantwortlichen Kadettenkabinett, die zur Zeit der ersten Duma von der Partei verworfen wurde; die Geschichte mit der Losung desselben ZK von der "Wiedereröffnung der Dumatagung" nach der Auseinanderjagung der ersten Duma, einer Losung, die von der Partei gleichfalls verworfen wurde; die Geschichte mit dem bekannten Aufruf des ZK zum Generalstreik anlässlich der Auseinanderjagung der ersten Duma, der von der Partei gleichfalls verworfen wurde ... Es war notwendig, diesem unnormalen Zustand ein Ende zu machen. Dazu aber war es wiederum notwendig, aus den faktischen Siegen der Partei über das opportunistische ZK das Fazit zu ziehen, aus den Siegen, die die Geschichte der inneren Entwicklung unserer Partei im ganzen abgelaufenen Jahr ausfüllen. Der Londoner Parteitag hat nun das Fazit aus allen diesen Siegen der revolutionären Sozialdemokratie gezogen, ihren Sieg gefestigt und die Taktik dieser Sozialdemokratie angenommen.

Folglich wird die Partei von nun an eine streng konsequente Klassenpolitik des sozialistischen Proletariats durchführen. Das rote Banner des Proletariats wird vor den Schönrednern des Liberalismus nicht mehr gesenkt werden. Gegen die intelligenzlerischen Schwankungen, die sich für das Proletariat nicht ziemen, ist ein tödlicher Schlag geführt worden.

Das ist das zweite, nicht minder wichtige Ergebnis des Londoner Parteitags unserer Partei.

Die faktische Vereinigung der fortgeschrittenen Arbeiter ganz Rußlands zu einer einheitlichen gesamtrussischen Partei unter dem Banner der revolutionären Sozialdemokratie - das ist der Sinn des Londoner Parteitags, das ist sein allgemeiner Charakter.

Gehen wir nun an eine ausführlichere Charakterisierung des Parteitags.

I
DIE ZUSAMMENSETZUNG DES PARTEITAGS

Auf dem Parteitag waren insgesamt etwa 330 Delegierte anwesend. Von ihnen hatten 302 - die Vertreter von über 150000 Parteimitgliedern - beschließende, die übrigen beratende Stimme. Nach Fraktionen verteilten sie sich ungefähr folgendermaßen (nur beschließende Stimmen): 92 Bolschewiki, 85 Menschewiki, 54 Bundisten, 45 Polen und 26 Letten.

Unter dem Gesichtspunkt der sozialen Stellung der Parteitagsdelegierten (Arbeiter und Nichtarbeiter) bot der Parteitag folgendes Bild: Handarbeiter waren insgesamt 116; Büro- und Handelsangestellte 24; die übrigen waren Nichtarbeiter. Dabei verteilten sich die Handarbeiter folgendermaßen auf die Fraktionen: der bolschewistischen Fraktion gehörten 38 (36 Prozent) an; der menschewistischen 30 (31 Prozent); bei den Polen waren es 27 (61 Prozent); bei den Letten 12 (40 Prozent); bei den Bundisten 9 (15 Prozent). Die Berufsrevolutionäre aber verteilten sich auf die Fraktionen folgendermaßen: der bolschewistischen Fraktion gehörten 18 (17 Prozent) an; der menschewistischen 22 (22 Prozent); bei den Polen waren es 5 (11 Prozent); bei den Letten 2 (6 Prozent); bei den Bundisten 9 (15 Prozent).

Wir alle waren über diese Statistik "verblüfft". Wie denn? Die Menschewiki hatten doch so viel darüber geschrieen, dass unsere Partei aus Intellektuellen bestünde; sie hatten die Bolschewiki Tag und Nacht als Intellektuelle beschimpft, sie hatten gedroht, alle Intellektuellen aus der Partei hinauszujagen, sie hatten die Berufsrevolutionäre fortwährend verächtlich behandelt - und nun erwies sich plötzlich, dass in ihrer Fraktion weitaus weniger Arbeiter waren als bei den "Intellektuellen", den Bolschewiki! Es erwies sich, dass es bei ihnen weit mehr Berufsrevolutionäre gab als bei den Bolschewiki! Wir aber haben uns das menschewistische Geschrei mit dem Sprichwort erklärt: "Die Zunge geht dahin, wo der Zahn schmerzt" ...

Noch aufschlussreicher sind die Ziffern über die Zusammensetzung des Parteitags unter dem Gesichtspunkt der "territorialen Verteilung" der Delegierten. Es hat sich herausgestellt, dass große Gruppen menschewistischer Delegierter hauptsächlich von den bäuerlichen und handwerklichen Gebieten entsandt werden: von Gurien (9 Delegierte), von Tiflis (10 Delegierte), von der kleinrussischen Bauernorganisation "Spilka" (wohl 12 Delegierte), vom "Bund" (der in seiner übergroßen Mehrheit menschewistisch ist) und, als Ausnahme, vom Donezbecken (7 Mann). Demgegenüber werden große Gruppen bolschewistischer Delegierter ausschließlich von großindustriellen Gebieten entsandt: von Petersburg (12 Delegierte), von Moskau (13 oder 14 Delegierte), vom Ural (21 Delegierte), von Iwanowo-Wosnessensk (11 Delegierte) und von Polen (45 Delegierte).

Offensichtlich ist die Taktik der Bolschewiki die Taktik der Proletarier der Großindustrie, die Taktik derjenigen Gebiete, wo die Klassengegensätze besonders klar sind und der Klassenkampf besonders scharf ist. Der Bolschewismus - das ist die Taktik der echten Proletarier.

Anderseits ist es nicht weniger offensichtlich, dass die Taktik der Menschewiki vorwiegend eine Taktik der im Handwerk beschäftigten Arbeiter und der bäuerlichen Halbproletarier ist, eine Taktik derjenigen Gebiete, wo die Klassengegensätze nicht ganz klar sind und der Klassenkampf verschleiert ist. Der Menschewismus - das ist die Taktik der halbbürgerlichen Elemente des Proletariats. Das besagen die Ziffern.

Und das ist nicht schwer zu verstehen: Man kann unter den Lodzer, Moskauer oder Iwanowo-Wosnessensker Arbeitern nicht ernsthaft von Blockbildungen mit derselben liberalen Bourgeoisie sprechen, deren Angehörige einen erbitterten Kampf gegen sie führen, sie in einem fort durch Teilentlassungen und Massenaussperrungen "bestrafen" - dort wird der Menschewismus keine Sympathien finden, dort braucht man den Bolschewismus, die Taktik des unversöhnlichen proletarischen Klassenkampfes. Umgekehrt ist es äußerst schwer, den gurischen Bauern oder irgendwelchen Schklower Handwerkern, die nicht die heftigen systematischen Schläge des Klassenkampf es zu fühlen bekommen und deshalb gern zu allerlei Abkommen gegen den "gemeinsamen Feind" bereit sind, die Idee des Klassenkampfes einzuimpfen - dort braucht man vorläufig den Bolschewismus nicht, dort braucht man den Menschewismus, denn dort ist alles von der Atmosphäre der Abkommen und Kompromisse durchdrungen.

Nicht weniger aufschlussreich ist die Zusammensetzung des Parteitags unter dem Gesichtspunkt der nationalen Zugehörigkeit. Die Statistik hat gezeigt, dass in der menschewistischen Fraktion die Juden die Mehrheit bilden (die Bundisten natürlich nicht eingerechnet), dann folgen die Georgier und nach ihnen die Russen. Dagegen besteht die übergroße Mehrheit der bolschewistischen Fraktion aus Russen, dann folgen die Juden (die Polen und Letten natürlich nicht eingerechnet), nach ihnen die Georgier usw. Aus diesem Anlass machte einer der Bolschewiki (ich glaube, Genosse Alexinski[35] ) im Scherz die Bemerkung, die Menschewiki seien eine jüdische, die Bolschewiki aber eine echt russische Fraktion, und es wäre nicht schlecht, wenn wir Bolschewiki in der Partei einen Pogrom veranstalten würden.

Diese Zusammensetzung der Fraktionen aber ist nicht schwer zu erklären: die Hochburgen des Bolschewismus sind hauptsächlich großindustrielle Gebiete, die, mit Ausnahme Polens, rein russische Gebiete sind, während die Gebiete des Menschewismus Gebiete der Kleinproduktion und zugleich auch Gebiete der Juden, Georgier usw. sind.

Was die Strömungen betrifft, die sich auf dem Parteitag geltend machten, so muss vermerkt werden, dass die formale Teilung des Parteitags in fünf Fraktionen (Bolschewiki, Menschewiki, Polen usw.) nur bis zur Behandlung der Fragen prinzipiellen Charakters (Frage der nicht-proletarischen Parteien, des Arbeiterkongresses usw.) in einem gewissen, allerdings unbedeutenden Maße in Kraft blieb. Bei der Behandlung der prinzipiellen Fragen wurde die formale Gruppierung faktisch aufgegeben, und bei den Abstimmungen teilte sich der Parteitag gewöhnlich in zwei Teile: in Bolschewiki und Menschewiki. Ein so genanntes Zentrum oder einen Sumpf gab es auf dem Parteitag nicht. Trotzki erwies sich als "schöne Überflüssigkeit". Dabei schlössen sich alle Polen eindeutig den Bolschewiki an. Die übergroße Mehrheit der Letten unterstützte ebenfalls eindeutig die Bolschewiki. Der "Bund", dessen Delegierte in ihrer übergroßen Mehrheit faktisch stets die Menschewiki unterstützten, trieb der Form nach eine in höchstem Grade zweideutige Politik, die Lächeln auf der einen und Gereiztheit auf der anderen Seite hervorrief. Genossin Rosa Luxemburg hat diese Politik des "Bund" meisterhaft und treffend charakterisiert, als sie sagte, dass die Politik des "Bund" nicht die Politik einer reifen politischen Organisation mit Masseneinfluss sei, sondern eine Politik von Krämern, die ewig Ausschau halten und ewig in der Hoffnung abwarten: Vielleicht wird morgen der Zucker billiger. Von den Bundisten unterstützten nur 8 bis 10 Delegierte die Bolschewiki, und auch das nicht immer.

Im Allgemeinen war das Übergewicht, und zwar ein recht beträchtliches Übergewicht, auf Seiten der Bolschewiki.

Es war also ein bolschewistischer Parteitag, wenn auch kein streng bolschewistischer. Von den menschewistischen Resolutionen ging nur die Resolution über die Partisanenaktionen durch, und auch diese nur ganz zufällig: die Bolschewiki nahmen in diesem Fall den Kampf nicht an, richtiger gesagt, sie wollten ihn nicht zu Ende führen, einfach aus dem Wunsch heraus, "den Genossen Menschewiki auch einmal eine Freude zu machen" ...

II
DIE TAGESORDNUNG
DER BERICHT DES ZENTRALKOMITEES
DER BERICHT DER DUMAFRAKTION

Vom Standpunkt der politischen Strömungen auf dem Parteitag könnte man die Arbeiten des Parteitags in zwei Teile gliedern.

Erster Teil: Debatten über formale Fragen, wie die Tagesordnung des Parteitags, die Berichte des ZK und der Bericht der Dumafraktion, Fragen, die einen tiefen politischen Sinn haben, aber mit der "Ehre" der einen oder der anderen Fraktion, mit dem Gedanken verknüpft sind oder werden, die eine oder die andere Fraktion "nur ja nicht zu kränken", "nur ja keine Spaltung hervorzurufen" - und deshalb als formale Fragen bezeichnet werden. Dieser Teil des Parteitags verlief am stürmischsten und nahm die meiste Zeit in Anspruch. Das geschah aber deshalb, weil die prinzipiellen Erwägungen hinter "moralische" Erwägungen zurückgedrängt wurden ("nur ja nicht kränken"), sich also keine scharf umrissenen Gruppierungen herausbildeten, weil nicht gleich zu erraten war, "wer die Oberhand bekommen wird", und sich die Fraktionen - in der Hoffnung, die "Neutralen und Korrekten" auf ihre Seite zu ziehen - zu einem heftigen Kampf um das Übergewicht hinreißen ließen.

Zweiter Teil: Debatten über prinzipielle Fragen, wie die Frage der nichtproletarischen Parteien, des Arbeiterkongresses usw. Hier gab es bereits keine "moralischen" Erwägungen mehr, es entstanden ganz bestimmte Gruppierungen nach scharf umrissenen prinzipiellen Strömungen, das Kräfteverhältnis zwischen den Fraktionen wurde sofort klar; und deshalb war dieser Teil des Parteitages der ruhigste und fruchtbarste - ein klarer Beweis dafür, dass Prinzipienfestigkeit in den Debatten die beste Garantie für eine fruchtbringende und ruhige Arbeit des Parteitags ist.

Wenden wir uns nun einer kurzen Charakteristik des ersten Teils der Arbeiten des Parteitags zu.

Nach einer Rede des Genossen Plechanow, der den Parteitag eröffnete und in seiner Rede erwähnte, es sei notwendig, "von Fall zu Fall" Abkommen mit den "fortschrittlichen Elementen" der bürgerlichen Gesellschaft einzugehen, wählte der Parteitag ein Präsidium aus fünf Genossen (je einen aus jeder Fraktion) sowie eine Mandatsprüfungskommission und schritt zur Festlegung der Tagesordnung. Es ist bezeichnend, dass die Menschewiki auch auf diesem Parteitag, genau so wie im vorigen Jahre auf dem Vereinigungsparteitag, in der heftigsten Weise gegen den Antrag der Bolschewiki auftraten, die Frage der Einschätzung der gegenwärtigen Lage und die der Klassenaufgaben des Proletariats in unserer Revolution auf die Tagesordnung zu setzen. Befindet sich die Revolution im Aufschwung oder im Abflauen und muss man sie demzufolge "liquidieren" oder zu Ende führen, - welches sind die Klassenaufgaben des Proletariats in unserer Revolution, die eine scharfe Scheidelinie zwischen dem Proletariat und den übrigen Klassen der russischen Gesellschaft ziehen? - das sind die Frage», vor denen sich die Genossen Menschewiki fürchten. Vor ihnen laufen sie davon wie der Schatten vor der Sonne; sie wollen die Wurzeln unserer Meinungsverschiedenheiten nicht ans Tageslicht bringen. Warum? ´Weil in der Fraktion der Menschewiki selbst tiefe Meinungsverschiedenheiten über diese Fragen bestehen, - weil der Menschewismus keine einheitliche Strömung ist, der Menschewismus - das ist ein Mischmasch von Strömungen, die während des Fraktionskampfes gegen den Bolschewismus nicht bemerkbar sind, aber sofort zum Durchbruch kommen, so bald die Fragen der gegenwärtigen Lage und unserer Taktik prinzipiell gestellt werden. Die Menschewiki wollen diese innere Schwäche ihrer Fraktion nicht offenbar werden lassen. Die Bolschewiki wussten das und bestanden im Interesse eines möglichst prinzipiellen Charakters der Debatten darauf, dass die oben genannten Fragen auf die Tagesordnung gesetzt würden. Da die Menschewiki sahen, dass eine prinzipielle Fragestellung vernichtend für sie sein würde, wurden sie halsstarrig und gaben den "korrekten Genossen" zu verstehen, dass sie sich "gekränkt" fühlen würden - und der Parteitag nahm die Frage der gegenwärtigen Lage usw. nicht in die Tagesordnung auf. Schließlich wurde folgende Tagesordnung angenommen: Bericht des Zentralkomitees, Bericht der Dumafraktion, über die Stellung zu den nichtproletarischen Parteien, über die Duma, über den Arbeiterkongress, über die Gewerkschaften, über die Partisanenaktionen, Krisen, Aussperrungen und Arbeitslosigkeit, der Stuttgarter Internationale Kongress[36], Organisationsfragen.

 

Den Bericht des ZK erstatteten als Hauptreferenten Genosse Martow (von den Menschewiki) und Genosse Rjadowoi[37] (von den Bolschewiki). Martows Referat war eigentlich kein Bericht, der die Erscheinungen ernsthaft beleuchtete, sondern ein Herzenserguss darüber, wie das unschuldige ZK darangehen wollte, die Partei und dann auch die Dumafraktion zu leiten, und wie die "schrecklichen" Bolschewiki es an jeder Tätigkeit hinderten, indem sie es mit ihrer Prinzipienfestigkeit belästigten. Die von der Partei dann abgelehnten Losungen des ZK von einem verantwortlichen Kadettenkabinett und der "Wiedereröffnung der Dumatagung" usw. usf. suchte Martow damit zu rechtfertigen, dass die Lage damals unklar gewesen sei und man in einer Zeit der Flaute keine anderen Losungen habe aufstellen können. Den verfehlten Aufruf des ZK zum Generalstreik und später zu Teilaktionen, unmittelbar nach der Auseinanderjagung der ersten Duma, suchte Martow wiederum mit der Unklarheit der Lage und mit der Unmöglichkeit zu rechtfertigen, die Stimmung der Massen genau festzustellen. Sehr wenig sagte er über die Rolle des ZK bei der Spaltung der Petersburger Organisation.[38] Dafür sprach er allzu viel über die Konferenz der Militär- und Kampforganisationen, die auf Initiative einer gewissen Gruppe der Bolschewik! durchgeführt worden war und, nach der Meinung Martows, Desorganisation und Anarchie in die Parteiorganisationen getragen habe. Am Schluss seines Referats richtete Martow an den Parteitag den Appell, die schwierigen Bedingungen, unter denen infolge der besonderen Kompliziertheit und Verworrenheit der Lage die Arbeit der Parteileitung geleistet werden musste, in Betracht zu ziehen und dem ZK gegenüber Milde walten zu lassen. Offensichtlich erkannte Martow selbst an, dass das ZK arge Sünden begangen hat.

Das Referat des Genossen Rjadowoi trug einen ganz anderen Charakter. Seiner Ansicht nach ist das ZK der Partei verpflichtet: 1. das Programm der Partei zu verfechten und durchzuführen, 2. die taktischen Direktiven zu befolgen, die es vom Parteitag erhalten hat, 3. die Einheit der Partei zu wahren, 4. die positive Arbeit der Partei zu vereinen. Indessen hat das ZK keine einzige dieser Verpflichtungen erfüllt. Anstatt das Programm der Partei zu verfechten und durchzuführen, hat das ZK der sozialdemokratischen Dumafraktion anlässlich des bekannten Aufrufs der ersten Duma zur Agrarfrage[39] die Anweisung gegeben, im Interesse der Einheit der Opposition, im Interesse der Heranziehung der Kadetten darauf zu verzichten, den bekannten Punkt unseres Agrarprogramms über die Konfiskation des gesamten Grund und Bodens (der Gutsbesitzer) als Antrag zum Dumaaufruf einzubringen, und sich auf eine einfache Erklärung über die Enteignung des Grund und Bodens zu beschränken, ohne eine Klausel darüber, ob mit oder ohne Entschädigung. Man bedenke nur: Das ZK der Partei gab Anweisung, den höchst wichtigen Punkt des Parteiprogramms über die Konfiskation des Grund und Bodens fallen zu lassen. Das ZK verstieß gegen das Parteiprogramm! Ein ZK, das gegen das Parteiprogramm verstößt - ist diese unerhörte Schmach denn auszudenken?

Weiter. Anstatt wenigstens die Direktiven des Vereinigungsparteitages durchzuführen; anstatt den Kampf der Parteien innerhalb der Duma systematisch zu vertiefen, um dem Kampf der Klassen außerhalb der Duma erhöhte Bewusstheit zu verleihen; anstatt eine unabhängige, streng konsequente Klassenpolitik des Proletariats zu betreiben - stellte das ZK Losungen auf wie die eines verantwortlichen Kadettenkabinetts, einer "Wiedereröffnung der Dumatagung", "für die Duma und gegen die Kamarilla" usw. usw., Losungen, die dem Kampf der Partei in der Duma die Spitze abbrechen, die Klassengegensätze außerhalb der Duma verkleistern, jede Scheidelinie zwischen der Kampfpolitik des Proletariats und der Paktiererpolitik der liberalen Bourgeoisie verwischen und die erste der zweiten anlassen. Und als Genosse Plechanow, ein Mitglied der Redaktion des Zentralorgans, also auch des Zentralkomitees, auf dem Weg des Paktierens mit den Kadetten noch weiter ging und der Partei vorschlug, einen Block mit der liberalen Bourgeoisie einzugehen, die Losung der Konstituierenden Versammlung fallen zu lassen und die für die liberale Bourgeoisie annehmbare Losung einer "mit Machtvollkommenheit ausgestatteten Duma" aufzustellen - da erhob das ZK gegen den Ausfall des Genossen Plechanow, durch den der Partei Schimpf und Schande angetan wurde, nicht nur keinen Protest, sondern stimmte ihm sogar zu, ohne es übrigens zu wagen, seine Zustimmung offiziell zum Ausdruck zu bringen.

So hat das ZK der Partei die elementaren Erfordernisse einer unabhängigen Klassenpolitik des Proletariats und die Beschlüsse des Vereinigungsparteitags missachtet!

Ein ZK, das das Klassenbewusstsein des Proletariats trübt; ein ZK, das die Politik des Proletariats der Politik der liberalen Bourgeoisie unterordnet; ein ZK, das das Banner des Proletariats vor den Scharlatanen des kadettischen Liberalismus streicht - so weit haben uns die Opportunisten, die Vertreter des Menschewismus gebracht!

Wir sprechen schon nicht davon, wie das ZK die Einheit und Disziplin der Partei nicht nur nicht gewährleistete, sondern systematisch verletzte, indem es die Initiative zur Spaltung der Petersburger Organisation ergriff.

Wir wollen auch nicht lang und breit davon reden, dass das ZK die Arbeit der Partei nicht zusammengefasst hat - das ist ohne weiteres klar.

Womit ist das alles zu erklären, alle diese Fehler des ZK? Natürlich nicht mit den "schrecklichen" Leuten, die im ZK beisammen saßen, sondern damit, dass der Menschewismus, der sich damals im ZK breitmachte, nicht fähig ist, die Partei zu leiten; er hat als politische Strömung endgültig Bankrott gemacht. Von diesem Standpunkt aus ist die ganze Geschichte des ZK eine Geschichte des Scheiterns des Menschewismus. Und wenn uns die Genossen Menschewiki Vorwürfe machen und sagen, wir hätten das ZK "gehindert", wir hätten es "belästigt" usw. usw., so können wir nicht umhin, diesen moralisierenden Genossen zu antworten: Jawohl, Genossen, wir haben das ZK "gehindert", gegen unser Programm zu verstoßen, wir haben es "gehindert", die Taktik des Proletariats dem Geschmack der liberalen Bourgeoisie anzupassen, und werden es auch künftig daran hindern, denn das ist unsere heilige Pflicht...

Das waren ungefähr die Ausführungen des Genossen Rjadowoi.

Aus der Diskussion ergab sich, dass die Mehrzahl der Genossen, sogar einige Bundisten, den Standpunkt des Genossen Rjadowoi teilen. Und wenn trotzdem die Resolution der Bolschewiki, die die Fehler des ZK feststellte, nicht durchging, so deshalb, weil Erwägungen wie "nur ja keine Spaltung herbeiführen" stark auf die Genossen einwirkten. Natürlich wurde auch die menschewistische Resolution, in der dem ZK das Vertrauen ausgesprochen wurde, nicht angenommen. Es wurde einfach beschlossen, ohne eine Einschätzung der Tätigkeit des ZK zum nächsten Tagesordnungspunkt überzugehen...

 

Die Debatten zum Bericht der Dumafraktion waren im Allgemeinen eine Wiederholung der Debatten zur vorangegangenen Frage. Das ist auch begreiflich: die Dumafraktion war unter der unmittelbaren Leitung des ZK tätig, und eine Kritik oder Verteidigung des ZK war natürlich zugleich eine Kritik oder Verteidigung der Dumafraktion.

Von Interesse war eine Bemerkung des zweiten Referenten, des Genossen Alexinski (der erste Referent war Genosse Zereteli), die dahin ging, dass die Losung der in ihrer Mehrheit menschewistischen Dumafraktion von der Einheit der Dumaopposition, von der Vermeidung einer Spaltung der Opposition und von der Notwendigkeit, mit den Kadetten zusammenzugehen - dass diese menschewistische Losung, nach dem Ausdruck des Genossen Alexinski, in der Duma einen völligen Bankrott erlitten habe: denn in den wichtigsten Fragen, wie der des Staatshaushalts, der Armee usw., gingen die Kadetten mit Stolypin zusammen, und die menschewistischen Sozialdemokraten mussten Schulter an Schulter mit den Bauernabgeordneten gegen die Regierung und die Kadetten kämpfen. Die Menschewiki mussten in der Tat den Bankrott ihrer Position feststellen und in der Duma die Losung der Bolschewiki durchführen, die besagt, dass es notwendig ist, im Kampf gegen die Rechten und die Kadetten die Bauernabgeordneten für sich zu gewinnen.

Nicht weniger interessant war die Bemerkung der polnischen Genossen, dass es für die Dumafraktion unzulässig sei, sich auf gemeinsame Versammlungen mit den Volksparteilern[40] einzulassen, diesen polnischen Schwarzhundertern, die wiederholt Massaker unter den Sozialisten Polens organisiert haben und auch jetzt noch organisieren. Darauf gaben zwei Führer der kaukasischen Menschewiki[41] einer nach dem anderen zur Antwort, für die Dumafraktion sei nicht das von Belang, was die Parteien bei sich zu Hause treiben, sondern ihr Verhalten in der Duma, die Volksparteiler aber nähmen in der Duma eine mehr oder weniger liberale Haltung ein. Das hieße also, dass man die Parteien nicht danach bewerten soll, was sie außerhalb der Duma tun, sondern danach, was sie in der Duma reden. Höher kann sich der Opportunismus wahrhaftig nicht versteigen...

Die Mehrheit der Redner schloss sich dem Standpunkt des Genossen Alexinski an; aber dennoch wurde auch zu dieser Frage keine Resolution angenommen, wiederum aus den gleichen Erwägungen, "niemand zu kränken". Der Parteitag stellte die Frage der Resolution zurück und ging direkt zur nächsten Frage über.

III
ÜBER DIE NICHTPROLETARISCHEN PARTEIEN

Von den formalen Fragen gehen wir zu den prinzipiellen Fragen über, zu den Fragen unserer Meinungsverschiedenheiten.

Die Fragen unserer taktischen Meinungsverschiedenheiten, das sind die Fragen nach dem voraussichtlichen Schicksal unserer Revolution und der Rolle der verschiedenen Klassen und Parteien der russischen Gesellschaft in dieser Revolution. Dass unsere Revolution eine bürgerliche ist, dass sie mit der Beseitigung der feudalen und nicht der kapitalistischen Zustände enden muss, dass sie nur von der demokratischen Republik gekrönt werden kann - darüber sind sich in unserer Partei anscheinend alle einig. Darüber ferner, dass unsere Revolution im großen und ganzen im Aufschwung, nicht aber im Abflauen begriffen ist und dass es unsere Aufgabe nicht ist, die Revolution zu "liquidieren", sondern sie zu Ende zu führen, darüber sind sich, wenigstens formal, ebenfalls alle einig, denn die Menschewiki, als Fraktion, haben noch nirgends das Gegenteil erklärt. Aber auf welche Weise soll unsere Revolution zu Ende geführt werden? Welches ist die Rolle des Proletariats, der Bauernschaft, der liberalen Bourgeoisie in dieser Revolution? Unter welcher Kombination der kämpfenden Kräfte könnte man die gegenwärtige Revolution zu Ende führen? Mit wem muss man zusammengehen, wen muss man schlagen usw. usw.? Hier setzen bei uns die Meinungsverschiedenheiten ein.

Die Ansicht der .Menschewiki: - Da unsere Revolution eine bürgerliche Revolution ist, so kann auch einzig und allein die Bourgeoisie der Führer der Revolution sein. Die Bourgeoisie war der Führer der großen Revolution in Frankreich, sie war der Führer der Revolutionen in anderen Staaten Europas - sie muss auch der Führer unserer russischen Revolution sein. Das Proletariat ist der Hauptkämpfer der Revolution, doch muss es der Bourgeoisie folgen und sie vorwärts drängen. Die Bauernschaft ist ebenfalls eine revolutionäre Kraft, doch hat sie zu viel Reaktionäres an sich, und deshalb wird das Proletariat weit seltener mit ihr gemeinsam auftreten können als mit der liberal-demokratischen Bourgeoisie. Die Bourgeoisie ist ein zuverlässigerer Verbündeter des Proletariats als die Bauernschaft. Alle kämpfenden Kräfte müssen sich um die liberal-demokratische Bourgeoisie als ihren Führer zusammenschließen. Deshalb darf unsere Stellung zu den bürgerlichen Parteien nicht durch den revolutionären Leitsatz: Zusammen mit der Bauernschaft gegen die Regierung und die liberale Bourgeoisie - an der Spitze das Proletariat, sondern muss durch den opportunistischen Leitsatz bestimmt werden: Zusammen mit der ganzen Opposition gegen die Regierung, mit der liberalen Bourgeoisie an der Spitze. Daher die Taktik der Abkommen mit den Liberalen. Das ist die Ansicht der Menschewiki.

Die Ansicht der Bolschewiki: Unsere Revolution ist tatsächlich eine bürgerliche, das bedeutet aber noch nicht, dass unsere liberale Bourgeoisie ihr Führer sein wird. Im 18. Jahrhundert war die französische Bourgeoisie der Führer der französischen Revolution, aber weshalb? Weil das französische Proletariat schwach war, nicht selbständig auftrat, keine eigenen Klassenforderungen aufstellte, weder Klassenbewusstsein noch Organisation besaß; es ging damals im Schlepptau der Bourgeoisie und wurde von der Bourgeoisie als Werkzeug für ihre bürgerlichen Zwecke ausgenutzt. Wie man sieht, bedurfte die Bourgeoisie damals gegen das Proletariat keines Verbündeten in Gestalt einer Zarenmacht - das Proletariat war selber ihr Verbündeter, ihr Diener -, und deshalb konnte sie damals revolutionär sein und sogar an der Spitze der Revolution marschieren. Ganz anders ist es bei uns, in Rußland. Das russische Proletariat kann bei weitem nicht als schwach bezeichnet werden: Es tritt schon einige Jahre lang völlig selbständig auf und stellt seine Klassenforderungen; es besitzt genügend Klassenbewusstsein, um seine eigenen Interessen zu verstehen; es ist in einer eigenen Partei zusammengeschlossen; es hat die stärkste Partei in Rußland mit eigenem Programm und eigenen taktischorganisatorischen Grundsätzen; es hat mit dieser Partei an der Spitze bereits eine Reihe glänzender Siege über die Bourgeoisie errungen... Kann sich unser Proletariat unter diesen Umständen mit der Rolle eines Anhängsels der liberalen Bourgeoisie, mit der Rolle eines kläglichen Werkzeugs in den Händen dieser Bourgeoisie begnügen? Kann es, soll es dieser Bourgeoisie folgen, sie zu seinem Führer machen? Kann es anders, als Führer der Revolution sein? Man sehe sich doch an, was im Lager unserer liberalen Bourgeoisie vor sich geht: Von dem revolutionären Elan des Proletariats in Schrecken versetzt, wirft sich unsere Bourgeoisie, anstatt an der Spitze der Revolution zu marschieren, der Konterrevolution in die Arme und schließt mit ihr ein Bündnis gegen das Proletariat. Und ihre Partei, die Partei der Kadetten, verständigt sich offen, vor der ganzen Welt, mit Stolypin, stimmt für den Staatshaushalt und die Armee zu Nutz und Frommen des Zarismus gegen die Volksrevolution. Ist es da nicht klar, dass die russische liberale Bourgeoisie eine antirevolutionäre Kraft darstellt, gegen die der schonungsloseste Krieg geführt werden muss? Und hatte nicht Genosse Kautsky recht, als er sagte, dass dort, wo das Proletariat selbständig auftritt, die Bourgeoisie aufhört, revolutionär zu sein? ...

Daraus folgt: Die russische liberale Bourgeoisie ist antirevolutionär; sie kann nicht der Motor und noch viel weniger der Führer der Revolution sein; sie ist der geschworene Feind der Revolution, und gegen sie muss ein hartnäckiger Kampf geführt werden.

Der einzige Führer unserer Revolution, der daran interessiert und dazu imstande ist, die revolutionären Kräfte Rußlands zum Sturm gegen die zaristische Selbstherrschaft zu führen, ist das Proletariat. Nur das Proletariat kann die revolutionären Elemente des Landes um sich scharen, nur das Proletariat wird unsere Revolution zu Ende führen. Es ist die Aufgabe der Sozialdemokratie, alles zu tun, was in ihren Kräften Hegt, um das Proletariat auf die Rolle des Führers der Revolution vorzubereiten.

Das ist der Angelpunkt der bolschewistischen Auffassung. Auf die Frage, wer denn, wo es gilt, unsere Revolution zu Ende zu führen, ein zuverlässiger Verbündeter des Proletariats sein kann, antworten die Bolschewiki: Der einzige einigermaßen zuverlässige und starke Verbündete des Proletariats ist die revolutionäre Bauernschaft. Nicht die verräterische liberale Bourgeoisie, sondern die revolutionäre Bauernschaft wird zusammen mit dem Proletariat den Kampf gegen alle Grundfesten der feudalen Zustände führen.

Dementsprechend muss unsere Stellung zu den bürgerlichen Parteien durch den Leitsatz bestimmt werden: Zusammen mit der revolutionären Bauernschaft gegen den Zarismus und die liberale Bourgeoisie - an der Spitze das Proletariat. Daher die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Hegemonie (Führerrolle) der kadettischen Bourgeoisie und folglich die Unzulässigkeit von Abkommen mit den Kadetten. Das ist die Ansicht der Bolschewiki.

Im Rahmen dieser beiden Positionen bewegten sich die Reden der Referenten Lenin und Martynow sowie aller übrigen Redner.

Genosse Martynow hat den Standpunkt der Menschewiki endgültig "vertieft", als er kategorisch die Zulässigkeit der Hegemonie des Proletariats verneinte und ebenso kategorisch die Idee eines Blockes mit den Kadetten verfocht.

Die übrigen Redner sprachen in ihrer großen Mehrheit im Sinne der bolschewistischen Stellungnahme.

Besonders aufschlussreich waren die Reden der Genossin Rosa Luxemburg, die den Parteitag im Namen der deutschen Sozialdemokraten begrüßte und die Auffassung entwickelte, die unsere deutschen Genossen von unseren Meinungsverschiedenheiten haben. (Wir fassen hier die beiden Reden zusammen, die R. L. zu verschiedener Zeit gehalten hat.) In den Fragen nach der Rolle des Proletariats als des Führers der Revolution, nach der Rolle der liberalen Bourgeoisie als einer antirevolutionären. Kraft usw. usw. erklärte Rosa Luxemburg ihre volle Übereinstimmung mit den Bolschewiki, kritisierte sie die Führer des Menschewismus, Plechanow und Axelrod, die sie als Opportunisten bezeichnete und deren Haltung sie mit der der Jaurèsisten in Frankreich verglich. Ich weiß, sagte Rosa Luxemburg, dass auch die Bolschewiki manchmal danebenhauen, manchmal sonderbar und allzu felsenfest sind, aber ich verstehe und rechtfertige sie durchaus: angesichts der zerfließenden, gallertartigen Masse des menschewistischen Opportunismus muss man felsenfest sein. Bei den Guesdisten[42] in Frankreich ist gleichfalls zu verzeichnen gewesen, dass sie allzu felsenfest sind, hat doch ihr Führer, Genosse Guesde, in dem bekannten Wahlplakat verkündet: "Kein Bourgeois wage es, für mich zu stimmen, denn ich werde im Parlament nur die Interessen der Proletarier gegen alle Bourgeois vertreten." Und ungeachtet dessen, ungeachtet dieser Schroffheiten, standen wir deutschen Sozialdemokraten stets an der Seite der Guesdisten in ihrem Kampfe gegen die Verräter am Marxismus, die Jaurèsisten. Das gleiche muss hinsichtlich der Bolschewiki gesagt werden, die wir deutschen Sozialdemokraten in ihrem Kampfe gegen die Opportunisten, die Menschewiki unterstützen werden...

So ungefähr sprach Genossin Rosa Luxemburg.

Noch interessanter ist der berühmte Brief, den der Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an den Parteitag gerichtet und den Rosa Luxemburg verlesen hat. Interessant ist er deshalb, weil er durch den Rat an die Partei, gegen den Liberalismus zu kämpfen, und durch die Anerkennung der besonderen Rolle des russischen Proletariats als des Führers der russischen Revolution zugleich auch alle grundlegenden Leitsätze des Bolschewismus anerkennt.

Es ist also offenbar geworden, dass die erprobteste und revolutionärste sozialdemokratische Partei Europas, die deutsche Sozialdemokratie, offen und klar die Bolschewiki, als die wahren Marxisten, in ihrem Kampf gegen die Verräter am Marxismus, gegen die Menschewiki unterstützt.

Beachtenswert sind auch einige Stellen in der Rede des Genossen Tyszko, der der Vertreter der polnischen Delegation im Präsidium war.

Beide Fraktionen versichern uns, sagte Genosse Tyszko, dass sie fest auf dem Standpunkt des Marxismus stehen. Nicht jeder wird daher ohne weiteres verstehen: Wer steht denn nun wirklich auf diesem Standpunkt, die Bolschewiki oder die Menschewiki? ... "Wir sind es, die auf dem Standpunkt des Marxismus stehen", rufen "von links" einige Menschewiki dazwischen. "Nein, Genossen", antwortete ihnen Tyszko, "ihr steht nicht, sondern liegt auf ihm: denn eure ganze Hilflosigkeit bei der Leitung des Klassenkampfes des Proletariats, die Tatsache, dass ihr die bedeutenden Worte des großen Marx zwar auswendig zu lernen, sie aber nicht anzuwenden versteht - alles das besagt: Ihr steht nicht, sondern liegt auf dem Standpunkt des Marxismus."

Das war meisterhaft treffend.

In der Tat, man nehme allein folgende Tatsache. Die Menschewiki sprechen häufig davon, dass es immer und überall die Aufgabe der Sozialdemokratie ist, das Proletariat zu einer selbständigen politischen Kraft zu machen. Ist das richtig? Unbedingt richtig! Das sind inhaltsschwere Worte von Marx, deren jeder Marxist stets eingedenk sein muss. Wie aber wenden die Genossen Menschewiki diese Worte an? Tragen sie dazu bei, das Proletariat aus der Masse der es umgebenden bürgerlichen Elemente tatsächlich als selbständige, unabhängige Klasse herauszuheben? Scharen sie die revolutionären Elemente um das Proletariat und bereiten sie das Proletariat auf seine Rolle als Führer der Revolution vor? Die Tatsachen zeigen, dass die Menschewiki nichts dergleichen tun. Im Gegenteil: Die Menschewiki raten dem Proletariat, möglichst oft Abkommen mit der liberalen Bourgeoisie einzugehen - und damit tragen sie nicht dazu bei, das Proletariat als selbständige Klasse herauszuheben, sondern dazu, es mit der Bourgeoisie zu vermengen; die Menschewiki raten dem Proletariat, auf die Rolle des Führers der Revolution zu verzichten, diese Rolle der Bourgeoisie zu überlassen, der Bourgeoisie zu folgen - und damit tragen sie dazu bei, das Proletariat nicht zu einer selbständigen politischen Kraft, sondern zum Anhängsel der Bourgeoisie zu machen... Das heißt, die Menschewiki tun genau das Gegenteil von dem, was sie, ausgehend von dem richtigen marxistischen Leitsatz, tun müssten.

Jawohl, Genosse Tyszko hatte Recht, als er sagte, die Menschewiki stehen nicht, sondern liegen auf dem Standpunkt des Marxismus...

Nach Abschluss der Debatten wurden zwei Resolutionsentwürfe eingebracht, ein menschewistischer und ein bolschewistischer. Der Entwurf der Bolschewik! wurde mit großer Stimmenmehrheit als Grundlage angenommen.

Weiter kamen Abänderungsanträge zum Entwurf. Es wurden ungefähr 80 Abänderungsanträge eingebracht. Sie betrafen hauptsächlich zwei Punkte des Entwurfes: den Punkt über das Proletariat als den Führer der Revolution, und als zweiten Punkt den über die Kadetten als einer antirevolutionären Kraft. Das war der interessanteste Teil der Debatten, denn hier trat das Gesicht der Fraktionen besonders klar zutage. Der erste wichtige Abänderungsantrag wurde von Genossen Martow eingebracht. Er verlangte, die Worte.- "das Proletariat als Führer der Revolution" durch die Worte: "das Proletariat als Avantgarde" zu ersetzen. Zur Begründung sagte er, das Wort "Avantgarde" gebe den Gedanken genauer wieder. Genosse Alexinski trat dem entgegen. Er führte aus, dass es hier nicht um Genauigkeit gehe, sondern um zwei entgegengesetzte Auffassungen, die sich in diesem Punkt geltend machten, denn "Avantgarde" und "Führer" seien zwei völlig verschiedene Begriffe. Avantgarde (Vortrupp) sein heißt sich in den vordersten Reihen schlagen, die am stärksten unter Feuer liegenden Stellungen einnehmen, sein Blut vergießen, dabei aber von anderen, im gegebenen Falle von den bürgerlichen Demokraten geführt werden-, die Avantgarde leitet niemals den Gesamtkampf, sondern wird stets selbst geleitet. Und umgekehrt: Führer sein heißt sich nicht nur in den vordersten Reihen schlagen, sondern auch den Gesamtkampf leiten, ihn auf sein eigenes Ziel ausrichten. Wir Bolschewiki wollen nicht, dass das Proletariat von den bürgerlichen Demokraten geführt werde, wir wollen, dass das Proletariat selbst die Führung des ganzen Kampfes des Volkes habe und ihn auf die demokratische Republik ausrichte.

Das Endergebnis war, das der Abänderungsantrag Martows durchfiel.

Alle anderen Abänderungsanträge von der gleichen Art wurden ebenfalls abgelehnt.

Eine andere Gruppe von Abänderungsanträgen war gegen den Punkt über die Kadetten gerichtet. Die Menschewiki schlugen vor zu erklären, die Kadetten hätten noch nicht den Weg der Konterrevolution beschritten. Der Parteitag nahm diesen Vorschlag jedoch nicht an, und alle Abänderungsanträge dieser Art wurden verworfen. Weiter schlugen die Menschewiki vor, in gewissen Fällen wenigstens technische Abkommen mit den Kadetten zuzulassen. Der Parteitag nahm auch diesen Vorschlag nicht an und verwarf die entsprechenden Abänderungsanträge.

Schließlich wurde über die Gesamtresolution abgestimmt, und es ergab sich, dass 159 Stimmen für die bolschewistische Resolution und 104 dagegen abgegeben worden sind, während sich die übrigen Delegierten der Stimme enthalten haben.

Der Parteitag hat mit übergroßer Stimmenmehrheit die Resolution der Bolschewiki angenommen.

Von nun an ist der Standpunkt der Bolschewiki zum Standpunkt der Partei geworden.

Außerdem hat diese Abstimmung zwei wichtige Ergebnisse gezeitigt: Erstens setzte sie der formalen, künstlichen Scheidung des Parteitags in fünf Fraktionen (Bolschewiki, Menschewiki, Polen, Letten und Bundisten) ein Ende und war der Beginn einer neuen, prinzipiellen Scheidung: in Bolschewiki (unter Einschluss aller Polen sowie der Mehrheit der Letten) und Menschewiki (unter Einschluss fast aller Bundisten).

Zweitens ergab sich aus dieser Abstimmung die genaueste Statistik über die Verteilung der Arbeiterdelegierten auf die Fraktionen. Es zeigte sich, dass in der bolschewistischen Fraktion nicht 38, sondern 77 Arbeiter waren (38 plus 27 Polen plus 12 Letten) und in der menschewistischen Fraktion nicht 30, sondern 39 Arbeiter (30 plus 9 Bundisten). Die menschewistische Fraktion hat sich als die Fraktion der Intellektuellen erwiesen.

IV
ÜBER DEN ARBEITERKONGRESS

Ehe wir eine Charakteristik der Debatten über die Frage eines Arbeiterkongresses geben, ist es unerlässlich, die Geschichte der Frage kennen zu lernen. ( Das ist umso notwendiger, als die Genossen Menschewiki, die in die Redaktionsstuben bürgerlicher Zeitungen übergesiedelt sind, Lügenmärchen darüber verbreiten, wie es um diese Frage früher stand und heute steht. (Siehe den Artikel über den "Arbeiterkongress" im "Towarischtsch", der aus der Feder eines bekannten Menschewiks stammt und im "Bakinski Den"[43] nachgedruckt worden ist.) Die Sache ist die, dass diese Frage äußerst verworren und ungeklärt ist. Während es hinsichtlich der anderen Punkte unserer Meinungsverschiedenheiten in der Partei bereits zwei scharf ausgeprägte Strömungen gibt - die bolschewistische und die menschewistische -, haben wir in der Frage des Arbeiterkongresses nicht zwei, sondern eine ganze Menge äußerst ungeklärter und widerspruchsvoller Strömungen. Allerdings ist die Haltung der Bolschewiki einheitlich und bestimmt: sie sind überhaupt gegen einen Arbeiterkongress. Hingegen herrscht unter den Menschewiki das größte Chaos und Durcheinander. Sie sind in eine Unzahl von Gruppen geteilt, deren jede ihre eigene Melodie singt, ohne auf die anderen zu hören. Während die Petersburger Menschewiki, mit Axelrod an der Spitze, einen Arbeiterkongress vorschlagen, um eine Partei zu schaffen, schlagen ihn die Moskauer Menschewiki, mit El an der Spitze, nicht im Interesse der Schaffung einer Partei vor, sondern zu dem Zweck, einen parteilosen "allrussischen Arbeiterverband" zu schaffen. Die Menschewiki des Südens gehen noch weiter und rufen unter Führung Larins[44] dazu auf, einen Arbeiterkongress einzuberufen, nicht um eine Partei und nicht um einen "Arbeiterverband", sondern um einen noch breiteren "Verband der Werktätigen" zu schaffen, der außer allen proletarischen Elementen auch Sozialrevolutionäre, halbbürgerliche, "werktätige" Elemente umfassen könnte. Ich spreche schon gar nicht von anderen, weniger einflussreichen Gruppen und Personen, wie etwa der Odessaer und der transkaspischen Gruppe oder etwa den schwachsinnigen "Autoren" einer lächerlichen Broschüre, die sich "Brodjaga" und "Schura"[45] nennen.

Solcherart ist der Wirrwarr, der in den Reihen der Menschewiki herrscht.

Wie aber soll der Arbeiterkongress einberufen, wie soll er organisiert werden, was soll Anlass und Termin seiner Einberufung sein, wen soll man zum Kongress einladen, wer soll die Initiative zu seiner Einberufung ergreifen?

In allen diesen Fragen herrscht bei den Menschewiki der gleiche Wirrwarr wie in der Frage nach dem Zweck des Kongresses.

Während einige von ihnen vorschlagen, die Wahlen zum Arbeiterkongress mit den Dumawahlen zu verbinden und auf diese Weise den Arbeiterkongress "im eigenmächtigen Verfahren" zu organisieren, schlagen andere vor, sich auf die "Nachsicht" der Regierung zu verlassen und im äußersten Fall ihre "Genehmigung" zu erbitten; wieder andere aber empfehlen, die Delegierten, auch wenn es drei- bis viertausend sein sollten, ins Ausland zu schicken und den Arbeiterkongress dort illegal abzuhalten.

Während manche Menschewiki vorschlagen, nur regelrechten Arbeiterorganisationen eine Vertretung auf dem Kongress einzuräumen, raten andere, zum Kongress Vertreter schlechthin des gesamten organisierten und unorganisierten Proletariats heranzuziehen, das nicht weniger als zehn Millionen Angehörige in seinen Reihen zählt.

Während manche Menschewiki vorschlagen, den Arbeiterkongress auf Initiative der sozialdemokratischen Partei unter Beteiligung von Intellektuellen einzuberufen, empfehlen andere, sowohl die Partei als auch die Intellektuellen beiseite zu werfen und den Kongress nur auf Initiative der Arbeiter selbst einzuberufen, ohne jede Beteiligung von Intellektuellen. Während manche Menschewiki auf unverzüglicher Einberufung des Arbeiterkongresses bestehen, schlagen andere vor, ihn auf unbestimmte Zeit zu vertagen und sich vorerst auf die Agitation für die Idee eines Arbeiterkongresses zu beschränken.

Nun wohl, und was soll mit der bestehenden Sozialdemokratischen Arbeiterpartei geschehen, die nun schon mehrere Jahre den Kampf des Proletariats leitet, in ihren Reihen 150000 Mitglieder vereinigt, bereits fünf Parteitage abgehalten hat usw. usf.? Soll man sie "zum Teufel schicken" oder was sonst?

Darauf geben alle Menschewiki, von Axelrod bis Larin, einhellig die Antwort, dass wir keine proletarische Partei hätten. "Das ist es ja gerade, dass wir keine Partei haben", sagten uns auf dem Parteitag die Menschewiki, "wir haben nur eine Organisation der kleinbürgerlichen Intelligenz", die man mit Hilfe des Arbeiterkongresses durch eine Partei ersetzen müsse. Das erklärte auf dem Parteitag der Referent der Menschewiki, Genosse Axelrod.

Aber mit Verlaub, wieso denn? Das hieße, alle die Parteitage unserer Partei, vom ersten (1898) bis zum letzten (1907), an deren Organisierung die Genossen Menschewiki auf das tatkräftigste teilgenommen haben, all der enorme Aufwand an proletarischen Geldern und Kräften, der Aufwand, der für die Organisierung der Parteitage erforderlich war, der Aufwand, für den die Menschewiki genau ebenso verantwortlich sind wie die Bolschewiki - alles das wäre also ein einziger Betrug, wäre nur Pharisäertum?!

Das hieße, alle die Aufrufe, mit denen die Partei das Proletariat zum Kampf rief, Aufrufe, die auch die Menschewiki unterschrieben haben; alle die Streiks und Aufstände in den Jahren 1905, 1906 und 1907, die unter Führung der Partei standen und zu denen es häufig auf Initiative der Partei kam; alle die Siege des Proletariats unter Führung unserer Partei; alle die Tausende von Opfern des Proletariats, die in den Straßen Petersburgs, Moskaus usw. gefallen, in Sibirien dahingesiecht, in den Kerkern zugrunde gegangen sind im "Namen der Partei, unter dem Banner der Partei - alles das wäre nur Komödie und Betrug?

Und das hieße, wir hätten keine Partei? Wir hätten nur eine "Organisation der kleinbürgerlichen Intelligenz"?

Das war natürlich eine direkte Unwahrheit, eine empörende, unverschämte Unwahrheit.

Daraus erklärt sich wohl auch die grenzenlose Empörung, die die oben erwähnte Erklärung Axelrods unter den Petersburger und Moskauer Arbeiterdelegierten hervorrief. Von ihren Sitzen aufspringend, erwiderten sie dem Referenten Axelrod energisch: "Der Bourgeois bist du, der du im Ausland sitzt, und nicht wir, - wir sind Arbeiter und wir haben unsere sozialdemokratische Partei, die wir von niemandem herabwürdigen lassen"...

Setzen wir jedoch den Fall, dass der Arbeiterkongress stattfindet, nehmen wir an, er habe bereits stattgefunden. Die bestehende sozialdemokratische Partei wäre also zum alten Eisen geworfen, der Arbeiterkongress so oder anders einberufen, und man wollte auf ihm, man weiß nicht recht, ob einen "Arbeiterverband" oder einen "Werktätigenverband" organisieren. Was nun weiter? Welches Programm wird dieser Kongress annehmen? Welches Gepräge wird der Arbeiterkongress tragen?

Manche Menschewiki antworten, der Arbeiterkongress könnte das Programm der Sozialdemokratie annehmen, selbstverständlich etwas zurechtgestutzt; sie fügen jedoch gleich hinzu, es könnte auch sein, dass er das Programm der Sozialdemokraten nicht annähme, was, ihrer Meinung nach, für das Proletariat kein besonderes Malheur wäre. Andere antworten entschiedener: Da unser Proletariat in hohem Maße von kleinbürgerlichen Bestrebungen durchdrungen sei, so werde der Arbeiterkongress aller Wahrscheinlichkeit nach nicht das sozialdemokratische, sondern ein kleinbürgerliches, demokratisches Programm annehmen. Das Proletariat werde auf dem Arbeiterkongress des sozialdemokratischen Programms verlustig gehen, aber dafür eine Arbeiterorganisation gewinnen, die alle Arbeiter zu einem Verband zusammenschließen werde. So redet beispielsweise der Führer der Moskauer Menschewiki, N. Tscherewanin (siehe "Probleme der Taktik").[46]

Also: "ein Arbeiterverband ohne sozialdemokratisches Programm" - das wäre das wahrscheinliche Ergebnis des Arbeiterkongresses. So wenigstens denken die Menschewiki selbst. Offensichtlich sind sich die in einigen Fragen, wie den Zielen und den Methoden der Einberufung des Arbeiterkongresses, untereinander uneinigen Menschewiki darin einig, dass "wir keine Partei haben, sondern nur eine Organisation der kleinbürgerlichen Intelligenz, die man zum alten Eisen werfen muss"...

In diesem Rahmen bewegte sich denn auch das Referat Axelrods. Aus dem Referat Axelrods ging hervor, dass die Agitation für einen Arbeiterkongress in der Praxis unvermeidlich auf eine Agitation gegen die Partei, auf einen Krieg gegen sie hinauslaufen wird.

Und die praktische Arbeit zur Einberufung eines Arbeiterkongresses wird ebenfalls unvermeidlich auf eine praktische Arbeit zur Desorganisierung und Zersetzung der Partei, die wir heute haben, hinauslaufen.

Indessen ersuchten die Menschewiki - durch den Mund ihres Referenten und auch in ihrem Resolutionsentwurf - den Parteitag um ein Verbot der Agitation gegen Versuche, einen Arbeiterkongress zu organisieren, d. h. gegen Versuche, die zur Desorganisierung der Partei führen. Interessant ist nun: Durch die Ausführungen der menschewistischen Redner (mit Ausnahme Plechanows, der über den Arbeiterkongress eigentlich gar nichts sagte) zogen sich wie ein roter Faden die Losungen: Nieder mit der Partei, nieder mit der Sozialdemokratie, es lebe die Parteilosigkeit, es lebe der nichtsozialdemokratische "Arbeiterverband". Diese Losungen wurden von den Rednern zwar nicht offen aufgestellt, sie klangen aber aus ihren Reden heraus.

Nicht umsonst sprechen sich alle bürgerlichen Schriftsteller, von den Syndikalisten und Sozialrevolutionären bis zu den Kadetten und Oktobristen - nicht umsonst sprechen sie sich alle so leidenschaftlich für den Arbeiterkongress aus: sind sie doch alle Feinde unserer Partei, und die praktische Arbeit zur Einberufung eines Arbeiterkongresses könnte doch die Partei erheblich schwächen und desorganisieren. Wie sollten sie da die "Idee des Arbeiterkongresses" nicht begrüßen? Ganz anders sprachen die Redner der Bolschewik; Der Referent der Bolschewiki, Genosse Lindow[47] , wandte sich, nach, einer knappen Charakteristik der Hauptströmungen unter den Menschewiki selbst, einer Klarstellung der Bedingungen zu, die die Idee eines Arbeiterkongresses hervorgebracht haben. Die Agitation für einen Arbeiterkongress begann im Jahre 1905, und zwar vor den Oktobertagen, zur Zeit der Repressalien. In den Oktober- und Novembertagen hörte sie auf. In den darauf folgenden Monaten, Monaten neuer Repressalien, lebte die Agitation für einen Arbeiterkongress wieder auf. Zur Zeit der ersten Duma, in den Tagen relativer Freiheit, ebbte sie ab. Später, nach der Auseinanderjagung der Duma, verstärkte sie sich wieder usw. Die Schlussfolgerung ist klar: In den Tagen relativer Freiheit, wenn die Partei die Möglichkeit hat, sich frei auszudehnen, verliert die Agitation für einen Arbeiterkongress zwecks Schaffung einer "breiten parteilosen Partei" naturgemäß an Boden; und umgekehrt, in den Tagen der Repressalien, wenn der Zustrom neuer Mitglieder zur Partei durch ein Abfluten abgelöst wird, findet die Agitation für einen Arbeiterkongress als eine künstliche Maßnahme zur Verbreiterung der engen Partei oder zu ihrer Ersetzung durch eine "breite parteilose" Partei einen gewissen Boden. Es versteht sich jedoch von selbst, dass der Sache durch keinerlei künstliche Maßnahmen geholfen wird, denn zur tatsächlichen Verbreiterung der Partei ist politische Freiheit erforderlich, nicht aber ein Arbeiterkongress, der selbst dieser Freiheit bedarf.

Ferner. Die Idee eines Arbeiterkongresses, in ihrer konkreten Form genommen, ist von Grund aus falsch: denn sie stützt sich nicht auf Tatsachen, sondern auf die falsche Behauptung, dass "wir keine Partei haben". Tatsache ist aber, dass wir eine proletarische Partei haben, sie tut laut und vernehmlich ihre Existenz kund, sie macht sich den Feinden des Proletariats nur allzu nachdrücklich fühlbar - das wissen die Menschewiki selbst sehr wohl, und gerade weil wir eine solche Partei bereits haben, eben darum ist die Idee eines Arbeiterkongresses von Grund aus falsch. Natürlich, hätten wir keine Partei, die mehr als 150000 fortgeschrittene Proletarier umfasst und an der Spitze hunderttausender Kämpfer steht, wären wir ein kleines Häuflein Leute von geringem Einfluss, ähnlich den deutschen Sozialdemokraten der sechziger Jahre oder den französischen Sozialisten der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, so würden wir selbst bemüht sein, einen Arbeiterkongress einzuberufen, um aus ihm eine sozialdemokratische Partei herauszuschälen. Aber darum handelt es sich ja gerade, dass wir bereits eine Partei haben, eine wahrhaft proletarische Partei, die sich unter den Massen eines ungeheuren Einflusses erfreut, und dass wir, um einen Arbeiterkongress einzuberufen, um das Phantasiegebilde einer "parteilosen Partei" zu schaffen, unvermeidlich vor allem mit der bestehenden Partei "Schluss machen", vor allem sie zerstören müssten.

Das ist der Grund, warum die Arbeit zur Einberufung eines Arbeiterkongresses in der Praxis unvermeidlich auf eine Arbeit zur Desorganisierung der Partei hinauslaufen wird. Ob es aber gelingt, statt ihrer irgendwann die "breite parteilose Partei" zu schaffen, ja ob es überhaupt notwendig ist, sie zu schaffen, das ist noch die Frage.

Das ist der Grund, warum die Feinde unserer Partei, alle diese Kadetten und Oktobristen, so eifrig dabei sind, den Menschewiki für ihre Agitation zugunsten eines Arbeiterkongresses Lob zu spenden.

Das ist der Grund, warum die Bolschewiki der Meinung sind, dass die Arbeit zur Einberufung eines Arbeiterkongresses gefährlich und schädlich ist: denn sie diskreditiert die Partei in den Augen der Massen und bringt diese unter den Einfluss der bürgerlichen Demokratie. Das waren ungefähr die Ausführungen des Genossen Lindow. Für einen Arbeiterkongress, gegen die sozialdemokratische Partei - oder für die Partei, gegen einen Arbeiterkongress? So war die Frage auf dem Parteitag gestellt.

Die bolschewistischen Arbeiterdelegierten hatten die Frage sofort begriffen und erhoben sich energisch "zur Verteidigung der Partei": "Wir sind Patrioten der Partei", erklärten sie, "wir lieben unsere Partei, und wir lassen sie nicht von müde gewordenen Intellektuellen diskreditieren."

Es ist interessant, dass sich die Vertreterin der deutschen Sozialdemokratie, Genossin Rosa Luxemburg, mit den Bolschewiki völlig einverstanden erklärte. "Wir deutschen Sozialdemokraten", sagte sie, "können die lächerliche Kopflosigkeit der Genossen Menschewiki nicht verstehen, die tastend nach den Massen suchen, während die Massen selber die Partei suchen und unaufhaltsam zu ihr hindrängen" ...

Aus den Debatten ergab sich, dass die übergroße Mehrheit der Redner die Bolschewiki unterstützt.

Nach Abschluss der Debatten wurden zwei Resolutionsentwürfe zur Abstimmung gebracht: einer von den Bolschewiki und einer von den Menschewiki. Der Entwurf der Bolschewiki wurde als Grundlage angenommen. Fast alle Abänderungsvorschläge grundsätzlicher Natur wurden verworfen. Angenommen wurde nur ein einziger mehr oder minder bedeutsamer Abänderungsvorschlag, der sich gegen eine Beschränkung der Diskussionsfreiheit in der Frage des Arbeiterkongresses richtete. Die Resolution als Ganzes besagt: "Die Idee des Arbeiterkongresses führt zur Desorganisierung der Partei", "zur Unterordnung der breiten Arbeitermassen unter den Einfluss der bürgerlichen Demokratie" und ist als solche für das Proletariat schädlich. Dabei macht die Resolution einen scharfen Unterschied zwischen dem Arbeiterkongress und den Sowjets der Arbeiterdeputierten sowie deren Kongressen, die die Partei nicht nur nicht desorganisieren, mit ihr nicht nur nicht konkurrieren, sondern im Gegenteil die Partei stärken, da sie ihr folgen und ihr helfen, in Zeiten des revolutionären Aufschwungs die praktischen Fragen zu lösen.

Schließlich wurde die Gesamtresolution mit einer Mehrheit von 165 gegen 94 Stimmen angenommen. Die übrigen Delegierten enthielten sich der Stimme.

Somit hat der Parteitag die Idee eines Arbeiterkongresses als schädlich und parteifeindlich verworfen.

Die Abstimmung in dieser Frage offenbarte die folgende wichtige Erscheinung. Es zeigte sich, dass von den 114 Arbeiterdelegierten, die an der Abstimmung teilnahmen, nur 25 für einen Arbeiterkongress stimmten. Die übrigen stimmten dagegen. In Prozenten ausgedrückt stimmten von den Arbeiterdelegierten 22 Prozent für einen Arbeiterkongress, 78 Prozent dagegen. Was aber besonders wichtig ist: von den 94 Delegierten, die für einen Arbeiterkongress stimmten, waren nur 26 Prozent Arbeiter und 74 Prozent Intellektuelle.

Die Menschewiki hatten aber doch fortwährend geschrieen, die Idee eines Arbeiterkongresses sei eine Idee der Arbeiter, nur "die Intellektuellen", die Bolschewiki, wirkten der Einberufung eines Kongresses entgegen u. dgl. m. Nach dieser Abstimmung zu urteilen, müsste man eher feststellen, dass umgekehrt die Idee eines Arbeiterkongresses eine Idee intelligenzlerischer Phantasten ist...

Haben doch offenbar sogar die Arbeiter unter den Menschewiki nicht für einen Arbeiterkongress gestimmt: von 39Arbeiterdelegierten (30 Menschewiki plus 9 Bundisten) stimmten nur 24 dafür.

Baku 1907.

Zuerst veröffentlicht im "Bakinski Proletari" (Der Bakuer Proletarier)
"Nr. l und 2, 20. Juni und 10. Juli 1907.
Unterschrift: "Koba Iwanowitsch

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