"Stalin"

Werke

Band 2

DIE BERATUNG MUSS BOYKOTTIERT WERDEN[49]

Die Frage der Beteiligung an der Beratung mit den Erdölindustriellen oder ihres Boykotts ist für uns eine Frage nicht des Prinzips, sondern der praktischen Zweckmäßigkeit. Wir können nicht ein für allemal alle und jegliche Beratungen boykottieren, wie einige erboste und nicht ganz normale "Individuen" das vorschlagen. Und umgekehrt, wir können nicht ein für allemal die Frage zugunsten einer Beteiligung an einer Beratung entscheiden, wie unsere kadettenhaften Genossen das zu tun fertig bringen. Wir müssen an die Frage der Beteiligung oder des Boykotts vom Standpunkt der lebendigen Tatsachen und nur der Tatsachen herangehen. Hierbei kann sich zeigen, dass unsere Aufgabe, die Massen zusammenzuschließen, angesichts bestimmter Tatsachen, unter bestimmten Bedingungen zur Notwendigkeit der Beteiligung führt - und dann müssen wir unbedingt teilnehmen. Und umgekehrt, unter anderen Bedingungen kann die gleiche Aufgabe zur Notwendigkeit des Boykotts führen - und dann müssen wir unbedingt die Beratung boykottieren.

Ferner müssen wir zur Vermeidung einer Verwirrung im Voraus die Begriffe festlegen, mit denen wir operieren. Was heißt das, sich an der Beratung "beteiligen"? Was heißt das, die Beratung "boykottieren"? Wenn wir in den Versammlungen allgemeine Forderungen formulieren, Bevollmächtigte wählen usw. usf., es uns nicht zum Ziel stecken, die Beratung zum Scheitern zu bringen, sondern - umgekehrt - in die Beratung gehen, um, unter Anerkennung des Reglements der Beratung und darauf gestützt, Verhandlungen mit den Erdölindustriellen zu führen und schließlich zu dieser oder jener Vereinbarung zu gelangen, so müssen wir diese unsere Haltung Beteiligung an der Beratung nennen. Wenn wir aber Forderungen ausarbeiten und Bevollmächtigte wählen, um diese Forderungen besser zu formulieren, die bereits ausgearbeiteten Forderungen popularisieren und publizieren, es uns zum Ziel stecken, uns nicht an den Arbeiten der Beratung mit den Erdölindustriellen zu beteiligen, sondern die ganze Beratung zum Scheitern zu bringen und jeden Vertrag mit den Erdölindustriellen vor dem Kampfe zu vereiteln (einen Vertrag nach dem Kampf, besonders nach einem erfolgreichen Kampf, halten wir für notwendig), so müssen wir diese unsere Haltung Boykott der Beratung nennen, natürlich aktiven Boykott, denn er endet mit der Vereitelung der Beratung.

Hierbei darf auf keinen Fall die Taktik hinsichtlich der Duma mit der Taktik hinsichtlich der Beratung verwechselt werden. Die Beteiligung an der Beratung oder ihr Boykott hat den Zweck, die Bedingungen für eine Verbesserung der herrschenden Zustände im Erdölgebiet vorzubereiten, die Beteiligung an der Duma oder ihr Boykott dagegen bezweckt die Verbesserung der gesamten Verhältnisse im Lande. Das Schicksal der Beratung wird voll und ganz ausschließlich durch das Proletariat der betreffenden Gegend bestimmt, denn ohne die Beteiligung des Proletariats fällt die Beratung von selbst weg, während das Schicksal der Beteiligung an der Duma oder ihres Boykotts nicht durch das Proletariat allein, sondern auch durch die Bauernschaft bestimmt wird. Schließlich kann der aktive Boykott der Beratung (ihre Vereitelung) bequem ohne aktive Aktionen verwirklicht werden, was man hinsichtlich der Resultate eines Boykotts der Duma nicht sagen kann.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen gehen wir zu der konkreten Frage des Boykotts der bevorstehenden Beratung über.

Man kann die Geschichte des ökonomischen Kampfes der Bakuer Arbeiter in zwei Perioden einteilen.

Die erste Periode - das ist die Periode des Kampfes bis in die letzte Zeit hinein, als die Werkarbeiter als handelnde Personen in den Vordergrund traten, als die Arbeiter der Erdölfelder[50] einfach und Vertrauensvoll den Werkarbeitern als ihren Führern folgten, als die Erdölarbeiter sich ihrer gewaltigen Rolle in der Produktion noch nicht bewusst geworden waren. Die Taktik der Erdölindustriellen in dieser Periode kann als eine Taktik des Liebäugeins mit den Werkarbeitern, als eine Taktik systematischer Zugeständnisse an die Werkarbeiter und einer ebenso systematischen Ignorierung der Erdölarbeiter qualifiziert werden.

Die zweite Periode wird eröffnet durch das Erwachen der Erdölarbeiter, durch ihr selbständiges Betreten des Schauplatzes und die gleichzeitige Zurückdrängung der Werkarbeiter. Dabei ist dieses Auftreten aufs äußerste karikiert, denn 1. geht es über schandvolle Prämien nicht hinaus und 2. trägt es die Färbung eines äußerst verhängnisvollen Misstrauens gegen die Werkarbeiter. Die Erdölindustriellen versuchen, die veränderte Lage auszunutzen, und ändern ihre Taktik. Sie liebäugeln nun nicht mehr mit den Werkarbeitern, sie versuchen nicht mehr, die Werkarbeiter zu bestechen - denn sie wissen sehr wohl, dass die Erdölarbeiter ihnen jetzt nicht immer folgen werden -, im Gegenteil, die Erdölindustriellen sind selbst bemüht, die Werkarbeiter zu einem Streik ohne die Erdölarbeiter zu provozieren, um damit die verhältnismäßige Machtlosigkeit der Werkarbeiter zu demonstrieren und sie gefügig zu machen. Parallel hiermit liebäugeln die Erdölindustriellen, die den Erdölarbeitern früher keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt haben, jetzt in der frechsten Weise mit ihnen, indem sie sie mit Prämien traktieren. Dadurch versuchen sie, die Erdölarbeiter endgültig von den Werkarbeitern loszureißen, sie vollends zu korrumpieren, sie mit knechtischem Vertrauen zu den Erdölindustriellen zu infizieren, das Prinzip des unversöhnlichen Kampfes durch das "Prinzip" des Feilschens und der lakaienhaften Bettelei zu ersetzen und dadurch jede ernste Verbesserung unmöglich zu machen.

Zu den gleichen Zwecken hat man die bevorstehende Beratung "ersonnen"

Hieraus wird klar, dass die nächste Aufgabe der fortgeschrittenen Genossen der hartnäckige Kampf um die Erdölarbeiter, der Kampf um den Zusammenschluss der Erdölarbeiter um. die Kollegen Werkarbeiter ist, und zwar dadurch, dass ihrem Bewusstsein ein grenzenloses Misstrauen gegen die Erdölindustriellen eingeflößt wird, dadurch, dass aus ihren Köpfen die schädlichen Vorurteile des Feilschens und der Bettelei ausgemerzt werden. Wir müssen der Masse der Erdölarbeiter, die zum ersten Mal den Schauplatz betritt, und zwar so ungeschickt und karikaturenhaft ("Bakschisch"[51] usw.) betritt, laut und scharf sagen (mit Tatsachen und nicht nur mit Worten sagen!), dass Verbesserungen im Leben nicht von oben gewährt und nicht durch Feilschen erworben werden, sondern von unten, durch den gemeinsamen Kampf zusammen mit den Werkarbeitern.

Nur wenn wir diese Aufgabe im Auge haben, können wir die Frage der Beratung richtig lösen.

Wir glauben, dass die Beteiligung an der bevorstehenden Beratung, der Aufruf zur gemeinsamen Arbeit der Erdölindustriellen und der Arbeiter zwecks Ausarbeitung eines bindenden Vertrages, jetzt, vor dem allgemeinen Kampfe, wo der Teilkampf seinen Fortgang nimmt, wo der allgemeine Kampf noch bevorsteht, wo die Erdölindustriellen nach rechts und links Prämien verteilen, um die Erdölarbeiter von den Werkarbeitern loszureißen und ihr junges Bewusstsein zu korrumpieren, da glauben wir, dass in einem solchen Augenblick "zur Beratung gehen" bedeutet, die "Bakschisch"-Vorurteile in den Köpfen der Masse nicht auszumerzen, sondern sie darin zu festigen. Es bedeutet, dem Bewusstsein der Masse nicht Misstrauen gegen die Erdölindustriellen, sondern Vertrauen zu ihnen einzuflößen. Es bedeutet, die Erdölarbeiter nicht um die Werkarbeiter zu scharen, sie nicht den Werkarbeitern näher zu bringen, sondern sie zeitweilig im Stich zu lassen, sie in die Klauen der Kapitalisten zurückzuschaudern.

Natürlich, "kein Übel so groß, hat was Gutes im Schoß", eine Beratung im gegenwärtigen Augenblick könnte ebenfalls einen gewissen Nutzen für die Organisierung, für die "Verbreiterung des Kampfes" bringen, wie sich Genosse Kotschegart[52] ausdrückt. Wenn aber der von der Beratung gestiftete Schaden diesen gewissen Nutzen zweifellos überwiegt, so ist es zweifellos notwendig, die Beratung wie überflüssiges Gerumpel beiseite zu werfen. Denn wenn Genosse Kotschegar hauptsächlich deshalb "zur Beratung geht", weil die Beratung "organisiert" und "den Kampf verbreitert", so ist es geradezu unverständlich, weshalb man auch während des Aufschwungs, am Vorabend des allgemeinen Kampfes, zu Beginn des in Vorbereitung befindlichen allgemeinen Kampfes nicht "zur Beratung gehen" soll. Was hat man zu fürchten? Die "allgemeine Organisation", die "Verbreiterung des Kampfes" ist dann doch besonders notwendig? Die Massen müssen dann doch am allerwenigsten für Zugeständnisse von oben zu haben sein? Aber das ist ja gerade die Sache, dass Bevollmächtigte wählen noch nicht bedeutet, die Massen zu organisieren. Eben darum handelt es sich ja, dass organisieren (in unserem Sinne natürlich, und nicht im Sinne eines Gapon) vor allem bedeutet, das Bewusstsein des unversöhnlichen Gegensatzes zwischen Kapitalisten und Arbeitern zu entwickeln. Wenn nur ein solches Bewusstsein vorhanden wäre, dann würde sich das übrige von selber finden.

Die bevorstehende Beratung aber kann eben gerade dies nicht geben.

Deswegen kann die einzige Taktik, die unter den gegebenen Verhältnissen unserer Aufgabe entspricht, nur die Taktik des Boykotts der Beratung sein.

Die Taktik des Boykotts entwickelt am besten das Bewusstsein des unversöhnlichen Gegensatzes zwischen den Arbeitern und den Erdölindustriellen.

Die Taktik des Boykotts, die die "Bakschisch" -Vorurteile erschüttert und die Erdölarbeiter von den Erdölindustriellen losreißt, schließt sie um die Werkarbeiter zusammen.

Die Taktik des Boykotts, die Misstrauen gegen die Erdölindustriellen einflößt, unterstreicht in den Augen der Massen am besten die Notwendigkeit des Kampfes als des einzigen Mittels zur Verbesserung des Lebens.

Deshalb müssen wir eine Boykottkampagne eröffnen: Betriebsversammlungen veranstalten, Forderungen ausarbeiten, Bevollmächtigte zwecks bester Formulierung der gemeinsamen Forderungen wählen, die Forderungen durch den Druck verbreiten, sie erläutern, sie noch einmal zur endgültigen Bestätigung unter die Massen bringen usw. usw. und alles dies unter der Losung des Boykotts tun, um dann, wenn die gemeinsamen Forderungen populär geworden und die "legalen Möglichkeiten" ausgenutzt sind, die Beratung durch Boykott zum Scheitern zu bringen sie dem Gelächter preiszugeben und dadurch die Notwendigkeit des Kampfes für die gemeinsamen Forderungen zu unterstreichen. Es gilt also, die Beratung zu boykottieren!

"Gudok" (Die Sirene) Nr. 4,
29. September 1907.
"Unterschrift: Ko...
Nach dem russischen Zeitungstext.

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