"Stalin"

Werke

Band 2

VOR DEN WAHLEN

Die Herren Erdölindustriellen haben den Rückzug angetreten. Noch vor kurzem erklärten sie durch den Mund des Redakteurs ihrer Zeitung "Neftjanoje Delo"[53] , die Gewerkschaften seien in Baku "ein fremdes Element, das außerhalb der Arbeiterschaft steht". Die Behörden ließen zur Vollstreckung ihres Willens eine Bekanntmachung anschlagen, in der die Arbeiter aufgefordert werden, Bevollmächtigte für eine Organisationskommission zu wählen; dadurch wollten sie die Gewerkschaften von der Führung der Kampagne entfernen. So war es gestern. Heute aber, am 7. Januar, hat der Fabrikinspektor den Sekretären der Gewerkschaften mitgeteilt, dass eine Versammlung der Erdölindustriellen stattgefunden habe, auf der sie beschlossen hätten, dem Herrn Stadthauptmann vorzuschlagen, den Gewerkschaften Erlaubnisscheine auszustellen, die ihnen das Recht geben, auf den Erdölfeldern und in den Betrieben Versammlungen zu veranstalten.

Die Herren Kapitalisten fürchten die Stärkung des Einflusses der Gewerkschaften, sie möchten die Arbeiter in einem zersplitterten und desorganisierten Zustand sehen, und zu diesem Zweck wollen sie nicht einmal die Ölfeld- und Betriebskommissionen anerkennen. Wir haben sie aber jetzt gezwungen anzuerkennen, dass die Lösung einer der wichtigsten Fragen des Arbeiterlebens, der Frage der Beratung und des Kollektivertrages, von den Gewerkschaften geleitet werden muss und wird.

Wir haben sie gezwungen, die führende Bedeutung der Gewerkschaften anzuerkennen, obgleich die Herren Daschnakzakaner[54] und die Sozialrevolutionäre den Herren Erdölindustriellen und den Behörden in ihrem Kampfe gegen die Arbeiterorganisationen zu Hilfe gekommen sind. Die Herren Daschnakzakaner folgten prompt dem Ruf des Herrn Stadthauptmanns, schritten unverzüglich zu den Wahlen, natürlich zu ihren eigenen Zwecken - um nämlich die von den Gewerkschaften für die Führung der Kampagne aufgestellten Bedingungen, vor allem die wichtigste von ihnen - die Anerkennung der Arbeiterorganisationen -, zu vereiteln.

Die Herren Erdölindustriellen sind jedoch mit der prompten Arbeit der Daschnakzakaner nicht zufrieden. Den letzteren folgten nur die kleinen Firmen, wie Abijanz, Raduga, Ararat, Pharos u. a., und nur bei zwei oder drei großen armenischen Firmen wurden die Wahlen durchgeführt. Die Arbeiter der Kaspi-Schwarzmeer-Gesellschaft, Nobels, Kokorews, "Borns", Schibajews, Assadullajews, der Moskau-Kaukasus-Gesellschaft und anderer Firmen protestierten in ihren Resolutionen gegen solche Wahlen und lehnten die Beteiligung an ihnen so lange ab, bis den Gewerkschaften Erlaubnisscheine ausgestellt werden würden.

Die Arbeiter der größten und einflussreichsten Firmen brachten klar und bestimmt ihren Willen zum Ausdruck und gaben damit nicht nur den Herren Erdölindustriellen Antwort, sondern auch denjenigen von ihren "Freunden", die gern allzu schön leeres Zeug reden.

Die Arbeiter haben in ihren Resolutionen klar und bestimmt bestätigt, dass die von den Gewerkschaften aufgestellten Bedingungen nicht von den "Führern" ausgedacht worden sind, wie das die Sozialrevolutionäre in ihrer Broschüre "Weshalb wir nicht zur Beratung gehen" behaupten.

Die Behörden, die Erdölindustriellen und die Daschnakzakaner kämpfen gegen die Erweiterung des Einflusses der Gewerkschaften. Die Arbeiter sprechen den Gewerkschaften ihr Vertrauen aus und bekunden Ihre Solidarität mit den von den Gewerkschaften gestellten Bedingungen.

Die Worte "Beratung" und "Verhandlungen" sind kein Schreckgespenst für die Arbeiter und dürfen das auch nicht sein, ebenso wenig wie die Arbeiter es am Vorabend eines Streiks fürchten, Verhandlungen zu führen und Forderungen zu stellen. Das Stellen von Forderungen beseitigt manchmal die Notwendigkeit, den Konflikt durch einen Streik zu entscheiden. Am häufigsten geschieht es umgekehrt. Damit jedoch die "Verhandlungen" vor den Arbeitern das ganze Bild der gegenwärtigen Sachlage entrollen, damit die Kampagne anlässlich der Beratung den Arbeitern durch die breite Aufwerfung und öffentliche Erörterung aller Fragen des Arbeiterlebens unschätzbare Dienste leiste, müssen die Bedingungen verwirklicht werden, die die Gewerkschaften gestellt haben und die in dem Wählerauftrag an die zu wählenden Bevollmächtigten enthalten sein werden.

Vor keinerlei Verhandlungen braucht man "Angst" zu haben, wenn sie vor den Augen der gesamten Arbeitermasse geführt werden. Die gestellten Bedingungen sichern die Möglichkeit einer umfassenden Beteiligung aller Arbeiter an der Erörterung aller mit der Beratung verbundenen Fragen. Die Beratungen vom Schendrikow-Typus, die ein trauriges Andenken hinterlassen haben, sind für immer begraben.

Wir haben es erreicht, dass die Kollegen, die sich an den Verband der Maschinenarbeiter "anschließen", uns folgen und auf die Losung der "Beratung um jeden Preis" verzichtet haben. Auch sie haben beschlossen, Wahlen ohne die Grundbedingung, ohne die Anerkennung der führenden Bedeutung der Gewerkschaften zu boykottieren. Wir werden auch erreichen, dass es keine Anhänger des Boykotts "um jeden Preis" mehr geben wird. Die Beratung, und hauptsächlich die Kampagne anlässlich der Beratung, ist für die Arbeiter annehmbar, wenn die dafür notwendigen Bedingungen gewährleistet sind.

Die Arbeiter haben in ihren letzten Resolutionen die Richtigkeit unseres Standpunktes bestätigt.

Die Erlaubnisscheine sind uns ausgestellt worden. Wir haben also erreicht, dass die Behörden und die Erdölindustriellen die führende Rolle der Gewerkschaften anerkennen.

Die Mehrheit der Arbeiter der größten Firmen hat sich unter den von uns angegebenen Bedingungen für die Beteiligung an den Wahlen ausgesprochen.

Wir können jetzt ruhig und zuversichtlich zur Wahl der Bevollmächtigten schreiten, denen wir den Auftrag zu geben empfehlen: Wählt solche 16 Delegierte, die als obligatorische Bedingung für die Führung der Verhandlungen in der Organisationskommission vor. allem die Anerkennung der folgenden Punkte verlangen werden:

1. Der Zeitpunkt der Beratung muss von den Bevollmächtigten der Arbeiter und der Unternehmer als gleichberechtigten Verhandlungspartnern, d. h. nach gegenseitiger Vereinbarung, festgelegt werden.

2. Die Versammlung aller Bevollmächtigten, von denen je einer von je 100 Arbeitern gewählt wird, muss bis zum Ende der Beratung existieren und periodisch und nach Bedarf zusammentreten, um die Berichte der Arbeiter, der Beratungsmitglieder, der Delegierten zu erörtern und Ihnen die maßgebenden Weisungen zu geben.

3. Die Bevollmächtigten haben das Recht, in den Betrieben, auf den Erdölfeldern und in den Werkstätten Versammlungen zu veranstalten, um die geforderten und vorgeschlagenen Vertragsbedingungen zu erörtern.

4. Die Vorstände der Gewerkschaften der Erdölarbeiter und der Maschinenarbeiter erhalten das Recht, ihre Delegierten ohne beschließende Stimme in die Beratung mit den Erdölindustriellen direkt zu entsenden, sie erhalten ferner das Recht, in allen Kommissionen der Beratung, in den Versammlungen der Bevollmächtigten, in Betriebsversammlungen und Versammlungen auf den Ölfeldern usw. Reden zu halten.

5. Die Delegierten zur Organisationskommission werden vom Bevollmächtigtenrat als einem einheitlichen Ganzen gewählt, ohne sich nach Produktionszweigen zu trennen. Die Verhandlungen werden in der Organisationskommission gleichfalls als einem einheitlichen Ganzen geführt (ein einheitlicher Vertrag für alle Arbeiter).

"Gudok" (Die Sirene) Nr. 14,
13. Januar 1908
Artikel ohne Unterschrift.
Nach dem russischen Zeitungstext.

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