"Stalin"

Werke

Band 2

NOCH EINMAL
ÜBER DIE BERATUNG MIT GARANTIEN

Die Kampagne anlässlich der Beratung ist in vollem Gange. Die Wahl der Bevollmächtigten nähert sich ihrem Ende. In nicht ferner Zukunft wird der Bevollmächtigtenrat zusammentreten. Ob eine Beratung stattfinden wird oder nicht, unter welchen Garantien (Bedingungen) eine Beratung wünschenswert ist, wie diese Garantien zu verstehen sind - mit diesen Fragen vor allem wird sich der Bevollmächtigtenrat beschäftigen.

Welche Linie müssen wir in unserer Haltung im Bevollmächtigtenrat befolgen?

Wir wiederholen, dass Beratungen mit den Erdölindustriellen für uns nichts Neues sind. Wir hatten eine solche Beratung im Jahre 1905. Wir hatten eine zweite im Jahre 1906. Was haben uns diese Beratungen gegeben, was haben wir aus ihnen gelernt, haben sie sich bewährt?

Sowohl damals als auch noch kürzlich sagte man uns, dass eine Beratung an und für sich, ohne alle Bedingungen, die Massen zusammenschließe. Die Tatsachen haben jedoch gezeigt, dass keine einzige dieser früheren Beratungen die Massen zusammengeschlossen hat, noch auch zusammenschließen konnte: es wurden lediglich Wahlen vorgenommen und damit endete der ganze "Zusammenschluss".

Weshalb?

Weil es bei der Organisierung der früheren Beratungen auch nicht die Spur irgendeiner Rede- und "Versammlungsfreiheit gab, weil es keine Möglichkeit gab, die Masse in den Betrieben, auf den Ölfeldern und in den Baracken zusammenzufassen, Wähleraufträge in jeder gegebenen Frage auszuarbeiten und überhaupt aktiv in alle Angelegenheiten der Beratung einzugreifen. Also war die Masse damals genötigt, untätig zu sein, und es betätigten sich lediglich die Delegierten, fern von den Arbeitermassen. Wir wissen aber seit langem, dass die Massen nur in den Aktionen selbst organisiert werden...

Weiter deshalb, weil es keinen Bevollmächtigtenrat als ständiges Organ der Arbeiter gab, das während der ganzen Zeit der Beratung frei tätig gewesen wäre, die Arbeiter aller Firmen und Bezirke um sich vereinigt, die Forderungen dieser Arbeiter ausgearbeitet und auf Grund dieser Forderungen die Arbeiterdelegierten kontrolliert hätte. Die Schaffung eines solchen Bevollmächtigtenrats aber wollten die Erdölindustriellen nicht gestatten, und die Initiatoren der Beratung fanden sich demütig damit ab.

Wir sprechen schon gar nicht davon, dass damals die Zentren der Bewegung - die Gewerkschaften - fehlten, die den Bevollmächtigtenrat hätten um sich zusammenschließen und ihn auf den Weg des Klassenkampfes leiten können...

Einst sagte man uns, die Beratung könnte sogar an und für sich den Forderungen der Arbeiter Genüge leisten. Die Erfahrung der ersten beiden Beratungen aber hat auch diese Annahme widerlegt. Denn als unsere Delegierten auf der ersten Beratung von den Forderungen der Arbeiter zu reden begannen, da unterbrachen die Erdölindustriellen sie, indem sie sagten, dass "dies die Tagesordnung der Beratung nicht berühre", dass die Beratung berufen sei, "von der Versorgung der Industrie mit flüssigem Brennstoff" und nicht von irgendwelchen Forderungen zu sprechen. Als nun unsere Delegierten auf der zweiten Beratung verlangten, dass auch Delegierte der Arbeitslosen zugelassen würden, da unterbrachen die Erdölindustriellen sie auch diesmal, indem sie sagten, sie seien nicht bevollmächtigt, derartigen Forderungen Rechnung zu tragen. So wurden unsere Delegierten vor die Tür gesetzt. Und als einige der Genossen die Frage der Unterstützung unserer Delegierten durch einen allgemeinen Kampf aufwarfen, da stellte es sich heraus, dass ein solcher Kampf unmöglich ist, weil beide Beratungen von den Kapitalisten in einer flauen und für sie vorteilhaften Zeit vorgenommen wurden - im Winter, wo die Wolga vereist ist, wo die Preise der Erdölprodukte fallen, wo es also direkt unvernünftig ist, an einen Sieg der Arbeiter auch nur zu denken.

So haben sich die beiden vorhergegangenen Beratungen "bewährt".

Es ist klar, dass eine Beratung an und für sich, eine Beratung ohne einen freien Bevollmächtigtenrat, eine Beratung ohne Beteiligung und Führung der Gewerkschaften, noch dazu im Winter einberufen - kurzum eine Beratung ohne Garantien ein leerer Schall ist. Eine solche Beratung schließt nicht nur nicht zusammen, sie fördert nicht nur nicht die Erringung unserer Forderungen, sondern - im Gegenteil - sie desorganisiert und schiebt den Augenblick der Befriedigung unserer Forderungen hinaus, weil sie, ohne etwas zu geben, die Arbeiter mit leeren Versprechungen füttert.

Das ist es, was wir aus den beiden vorhergegangenen Beratungen gelernt haben.

Das ist der Grund, weshalb das klassenbewusste Proletariat die dritte Beratung im November 1907 boykottierte.

Mögen dies die einzelnen Genossen aus der Maschinenarbeitergewerkschaft beherzigen, die, der gesamten Erfahrung der vorhergegangenen Beratungen zum Trotz, dem Willen der Mehrheit des Erdölproletariats zum Trotz, schließlich der zwischen den Gewerkschaften getroffenen Vereinbarung zum Trotz, für eine Beratung ohne Garantien agitieren!

Mögen sie dies beherzigen und diese Vereinbarung nicht brechen.

Heißt dies aber, dass wir alle und jegliche Beratungen als hoffnungslos aufgeben müssen?

Nein, das heißt es nicht!

Den Einwand der sozialrevolutionären Boykottisten, wir dürften nicht zur Beratung gehen, weil unsere Feinde, die Bourgeois, uns dorthin einladen - diesen Einwand kann man nur mit Lachen beantworten: denn auch in die Fabrik, ins Industriewerk oder auf die Erdölfelder laden uns ja die gleichen Feinde, die Bourgeois, zur Arbeit ein. Müssen wir deshalb die Fabrik, das Industriewerk oder die Ölfelder einzig aus dem Grunde boykottieren, weil unsere Feinde, die Bourgeois, uns dorthin einladen? Auf diese Weise könnte man ja vor Hunger verrecken! Das würde ja bedeuten, dass alle Arbeiter den Verstand verloren haben, da sie doch einverstanden sind, auf Einladung der Bourgeois zur Arbeit zu gehen!

Der Erklärung der Daschnakzakaner, dass wir nicht zur Beratung gehen dürften, da sie eine bürgerliche Einrichtung sei - einer solchen albernen Erklärung braucht man eigentlich überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken: denn das gegenwärtige gesellschaftliche Leben ist ja gleichfalls eine bürgerliche "Einrichtung", die Fabrik, das Industriewerk, die Ölfelder - alles das sind ja bürgerliche "Einrichtungen", "nach dem Ebenbild" der Bourgeoisie, zu Nutz und Frommen der Bourgeoisie organisiert - werden wir alles das nur allein deswegen boykottieren, weil es bürgerlich ist? Wohin sollen wir denn in einem solchen Falle übersiedeln, auf den Mars, den Jupiter oder vielleicht in die Luftschlösser der Daschnaken und Sozialrevolutionäre? ... (Wie gänzlich unernst und unreell der Boykottstandpunkt der Herren Daschnakzakaner und Sozialrevolutionäre ist, wird auch schon dadurch bewiesen, dass sie selbst der Beratung der Druckereiarbeiter mit ihren Unternehmern und dem Kollektivertrag zwischen ihnen wohlwollend gegenüberstehen. Mehr noch, es ist ihren einzelnen Mitgliedern nicht untersagt, sich an dieser Sache zu beteiligen.)

Nein, Genossen! Wir dürfen der Position der Bourgeoisie nicht den Rücken kehren, sondern wir müssen sie erstürmen! Wir dürfen die Positionen nicht der Bourgeoisie überlassen, sondern müssen sie Schritt für Schritt freikämpfen und die Bourgeoisie aus ihnen hinauswerfen! Nur Luftschlossbewohner können diese einfache Wahrheit nicht begreifen!

Wir werden nicht zur Beratung gehen, wenn wir nicht vorher die geforderten Garantien erhalten, - aber wir werden zur Beratung gehen, wenn wir die geforderten Garantien erlangen, um uns auf diese Garantien zu stützen, die Beratung aus einer Waffe der Bettelei zu einer Waffe des weiteren Kampfes zu machen - genau so, wie wir es nicht ablehnen, nach Einräumung bestimmter notwendiger Bedingungen zur Arbeit zu gehen, um die Fabrik, das Industriewerk, die Ölfelder aus einer Arena der Knechtung zu einer Arena der Befreiung zu machen.

Indem wir nun die Beratung mit den von den Arbeitern errungenen Garantien organisieren und die fünfzigtausendköpfige Arbeitermasse zur Wahl eines Bevollmächtigtenrats und zur Ausarbeitung unserer Forderungen aufrufen, leiten wir die Arbeiterbewegung in Baku auf einen neuen, für sie vorteilhaften Kampf weg: auf den Weg der organisierten und bewussten und nicht der spontanen (zerstreuten) und Almosen erbettelnden Bewegung.

Dies eigentlich ist es, was wir von einer Beratung mit Garantien erwarten, das ist der Grund, weshalb wir sagen: Eine Beratung mit Garantien, oder keinerlei Beratung[55].

Mögen die Herren alten Beratungsleute gegen die Garantien agitieren, mögen sie die Beratung ohne Garantien preisen, mögen sie bis auf den Grund des Subatow-Sumpfes versinken - das Proletariat wird sie aus dem Sumpf zerren und ihnen beibringen, das breite Feld des Klassenkampfes zu beschreiten!

Mögen die Herren Daschnaken und Sozialrevolutionäre "umherflattern", mögen sie die organisierten Aktionen der Arbeiter von ihren luftigen Höhen aus boykottieren - das klassenbewusste Proletariat wird sie auf unsere sündhafte Erde herabführen und sie zwingen, ihre Häupter vor der Beratung mit Garantien zu beugen!

Unser Ziel ist klar: das Proletariat um den Bevollmächtigtenrat sammeln und den letzteren um die Gewerkschaften zusammenschließen, damit unsere allgemeinen Forderungen erreicht und unser Leben verbessert werden.

Unser Weg ist klar: von einer Beratung mit Garantien zur Befriedigung der lebenswichtigen Bedürfnisse des Proletariats der Erdölindustrie.

Zur gegebenen Zeit werden wir den Bevollmächtigtenrat auffordern, sowohl gegen die Beratungsanhänger aus dem Sumpf als auch gegen die Fabelphantasien der sozialrevolutionär-daschnakischen Boykottisten zu kämpfen.

Eine Beratung mit bestimmten Garantien, oder wir brauchen die Beratung nicht!

"Gudok" (Die Sirene) Nr. 17,
3. Februar 1908.
Artikel ohne Unterschrift.
Nach dem russischen Zeitungstext.

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