"Stalin"

Werke

Band 2

WAS BESAGEN UNSERE STREIKS
DER LETZTEN ZEIT?

Ein charakteristischer Zug der Januar- und Februarstreiks waren gewisse neue Besonderheiten, die in unsere Bewegung neue Elemente hineintragen. Von einer dieser Besonderheiten - von dem defensiven Charakter der Streiks - ist im "Gudok"[56] bereits die Rede gewesen. Aber das ist eine äußere Besonderheit. Bedeutend interessanter sind andere, innere Besonderheiten, die ein helles Licht auf die Entwicklung unserer Bewegung werfen. Wir sprechen von dem Charakter der Forderungen, von den Methoden der Streikführung, den neuen Kampfmethoden usw.

Das erste, was in die Augen springt, ist der Inhalt der Forderungen. Charakteristischerweise werden bei einem bedeutenden Teil der Streiks keine Prämien gefordert (Nobel, Motowilicha, Molot, Mirsojews, Adamows usw.). Dort hingegen, wo Prämien gefordert werden, bemühen sich die Arbeiter, sie an das Ende ihrer Forderungen zu verlegen, weil sie sich schämen, nur für ein "Bakschisch" zu kämpfen (Pitojew usw.). Augenscheinlich erfolgt ein ernst zu nehmender Bruch mit den alten Bakschischvorurteilen. Das "Bakschisch" beginnt in den Augen der Arbeiter zu sinken. Von den kleinbürgerlichen Forderungen (Prämien) gehen die Arbeiter zu proletarischen Forderungen über: Entfernung der frechsten Administratoren (Nobel, Molot, Adamows), Wiedereinstellung entlassener Kollegen (Mirsojew), Erweiterung der Rechte der Ölfeld- und Betriebskommission (Nobel, Mirsojew). In dieser Beziehung ist der Streik der Mirsojew-Arbeiter besonders interessant[57]. Sie verlangen die Anerkennung der Kommission und die Wiedereinstellung der entlassenen Kollegen als eine Garantie dafür, dass die Firma in Zukunft keinen einzigen Arbeiter mehr ohne Zustimmung der Kommission entlassen wird. Der Streik dauert schon zwei Wochen und wird mit seltener Einmütigkeit geführt. Man muss diese Arbeiter sehen, man muss wissen, mit welchem Stolz sie erklären: "Wir kämpfen nicht um Prämien oder um Seife und Handtuch, sondern für die Rechte und die Ehre der Arbeiterkommission", man muss, sage ich, alles dies wissen, um zu begreifen, welcher Umschwung in den Köpfen der Arbeiter vor sich gegangen ist.

Die zweite Besonderheit der letzten Streiks ist das Erwachen und die Aktivität der Arbeitermasse der Ölfelder. Die Sache ist die, dass die Erdölarbeiter bisher den Werkarbeitern hatten folgen müssen, dass sie ihnen nicht immer gern folgten, sich selbständig aber nur für Prämien erhoben. Hierbei gab es unter ihnen eine bestimmte Feindschaft gegenüber den Werkarbeitern, die von der provokatorischen Bakschischpolitik der Erdölindustriellen geschürt wurde (Bibi-Eibater Gesellschaft im vorigen Jahr, Lapschin kürzlich). Die letzten Streiks zeigen, dass die Passivität der Erdölarbeiter der Vergangenheit anzugehören beginnt. Den Streik bei Nobel (im Januar) haben sie eingeleitet und die Werkarbeiter mitgerissen; der Streik bei Mirsojew (im Februar) wird ebenfalls von den Erdölarbeitern beseelt. Selbstverständlich verschwindet mit dem Erwachen der Aktivität der Erdölarbeiter auch nach und nach die Feindschaft gegen die Werkarbeiter. Die Ölarbeiter beginnen mit den Werkarbeitern Hand in Hand zu gehen.

Noch interessanter ist die dritte Besonderheit - die freundschaftliche Haltung der Streikenden zu unserer Gewerkschaft und die relativ organisierte Führung der Streiks überhaupt. Charakteristisch ist vor allem das Fehlen ellenlanger Forderungen, die die erfolgreiche Führung der Sache hindern (man erinnere sich der Kaspi-Gesellschaft im vorigen Jahr); jetzt werden nur einige wichtige Forderungen erhoben, die die Massen zusammenzuschließen geeignet sind (Nobel, Mirsojews, Motowilicha, Molot, Adamows). Zweitens erfolgt kaum ein einziger dieser Streiks ohne das aktive Eingreifen der Gewerkschaft: die Arbeiter halten es für notwendig, Vertreter der Gewerkschaft einzuladen (Kokorew, Nobel, die Molot-Arbeiter, Mirsojews u. a.). Die alte Gegenüberstellung der Ölfeld- und Betriebskommissionen einerseits und der Gewerkschaft anderseits beginnt der Vergangenheit anzugehören. Man fängt an, die Gewerkschaft als seine eigene Sache zu betrachten. Die Ölfeld- und Betriebskommissionen fangen an, aus Konkurrenten der Gewerkschaft zu einer Stütze der Gewerkschaft zu werden. Daher die große Organisiertheit der Streiks der letzten Zeit.

Daher ergibt sich auch die vierte Besonderheit - der relative Erfolg der letzten Streiks oder richtiger die Tatsache, dass Teilstreiks nicht so häufig und nicht immer völlig scheitern. Wir haben vor allem den Kokorew-Streik im Auge. Wir glauben, dass der Kokorew-Streik ein Wendepunkt in der Entwicklung der Methoden unseres Kampfes ist. Er und einige andere Streiks (Pitojew, Motowilicha) haben gezeigt, dass l. bei organisierter Führung der Sache, 2. bei aktivem Eingreifen der Gewerkschaft, 3. bei einer bestimmten Zähigkeit und 4. bei einer günstigen Wahl des Zeitpunktes für den Kampf Teilstreiks bei weitem nicht ergebnislos zu sein brauchen. Zum mindesten aber wird klargestellt, dass die "prinzipiellen" Rufe "Nieder mit den Teilstreiks" eine gewagte Losung sind, die in den Tatsachen der letzten Bewegung keine genügende Rechtfertigung findet. Im Gegenteil, wir glauben, dass bei Führung durch die Gewerkschaft und günstiger Wahl des Zeitpunktes die Teilstreiks zu einem sehr wichtigen Faktor für den Zusammenschluss des Proletariats werden könnten.

Das sind unserer Meinung nach die wichtigsten inneren Besonderheiten der Streiks der letzten Zeit.

Gudok" (Die Sirene) Nr. 21,
2. März 1908
Unterschrift: K. Kato
Nach dem russischen Zeitungstext.

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