"Stalin"

Werke

Band 2

DIE PRESSE[63]

LAKAIENHAFTE "SOZIALISTEN"

Neben anderen in Tiflis herausgegebenen Zeitungen existiert auch eine georgische Zeitung, die sich "Naperzkali"[64] nennt. Es ist eine neue, aber zugleich auch allzu alte Zeitung, denn sie ist eine Fortsetzung aller bisherigen menschewistischen Zeitungen in Tiflis, angefangen bei "S´chiwi" vom Jahre 1905. Die "Naperzkali" wird von einer alten Gruppe menschewistischer Opportunisten redigiert. Es handelt sich jedoch natürlich nicht nur darum. Es handelt sich hauptsächlich darum, dass der Opportunismus dieser Gruppe irgendetwas Besonderes, Fabelhaftes ist. Opportunismus ist ja Prinzipienlosigkeit, politische Charakterlosigkeit, und so erklären wir, dass keine einzige der menschewistischen Gruppen sich durch solch eine schamlose Charakterlosigkeit auszeichnet wie die Tifliser. Im Jahre 1905 erkannte diese Gruppe die Rolle des Proletariats als des Führers der Revolution an (siehe "S´chiwi"). Im Jahre 1906 änderte sie ihre "Position", indem sie erklärte: "Auf die Arbeiter kann man sich nicht verlassen..., die Initiative kann nur von den Bauern ausgehen" (siehe "S´chiwi"). Im Jahre 1907 änderte sie noch einmal ihre "Position", indem sie sagte: "Die Führerstellung in der Revolution muss der liberalen Bourgeoisie gehören" (siehe "Asri"[65]) usw. usf.

Aber noch niemals ist die Prinzipienlosigkeit der erwähnten Gruppe bis zu solcher Schamlosigkeit gegangen wie jetzt, im Sommer 1908. Wir denken an die Einschätzung der Erschlagung des ideologischen Unterdrückers der Enterbten, des so genannten Exarchen, in den Spalten der "Naperzkali". Die Geschichte dieses Totschlags ist allgemein bekannt. Irgendeine Gruppe, die den Exarchen erschlug, tötete auch noch einen Gendarmerierittmeister, der vom "Orte des Verbrechens" mit einem Protokoll zurückkehrte, und überfiel dann die aus Rowdys bestehende Prozession, die die Leiche des Exarchen begleitete. Die Gruppe, die den Überfall verübte, ist offenbar keine Rowdy-Gruppe, ist aber auch nicht revolutionär, denn keine revolutionäre Gruppe wird sich im gegenwärtigen Augenblick der Sammlung der Kräfte zu einem solchen Akt entschließen und es riskieren, den Zusammenschluss des Proletariats zu vereiteln. Der Standpunkt der Sozialdemokratie gegenüber solchen Gruppen ist allgemein bekannt: Sie klärt die Bedingungen auf, unter denen derartige Gruppen entstehen, und bekämpft diese Bedingungen, kämpft jedoch gleichzeitig ideologisch und organisatorisch auch gegen die Gruppen selbst, diskreditiert sie in den Augen des Proletariats und grenzt das Proletariat gegen sie ab. Anders verfährt die "Naperzkali". Ohne irgend etwas aufzuklären und ohne etwas zu geben, speit das Blatt einige vulgäre liberale Phrasen gegen den Terror überhaupt und rät dann den Lesern, und es rät nicht nur, sondern verpflichtet sie auch, nicht mehr und nicht weniger zu tun, als diese Gruppen der Polizei zu denunzieren, sie der Polizei auszuliefern! Das ist eine Schande, aber es ist leider Tatsache. Man höre die "Naperzkali":

"Die Mörder des Exarchen vor Gericht stellen - das ist das einzige Mittel, den Flecken für immer von sich abzuwaschen... Das ist die Pflicht der fortgeschrittenen Elemente" (siehe "Naperzkali" Nr. 5).

Sozialdemokraten in der Rolle freiwilliger Denunzianten - soweit haben uns die menschewistischen Opportunisten aus Tiflis gebracht!

Die politische Charakterlosigkeit der Opportunisten fällt nicht vom Himmel. Sie entspringt aus dem unaufhaltsamen Bestreben, sich dem Geschmack der Bourgeoisie anzupassen, den "Herren" zu gefallen und ihnen ein Lob zu entreißen. Das ist die psychologische Grundlage der opportunistischen Taktik der Anpassung. Und um nun vor den "Herren" ins beste Licht zu treten, um ihnen zu gefallen, um wenigstens ihrem Zorn über die Erschlagung des Exarchen zu entgehen - krümmen sich unsere menschewistischen Opportunisten lakaienhaft vor ihnen und übernehmen die Rolle von Polizeispitzeln! Weiter als dies kann eine Taktik der Anpassung nicht gehen!

PHARISÄISCHE SUBATOWLEUTE

Zu den Städten Kaukasiens, die originelle Typen des Opportunismus liefern, gehört auch Baku. In Baku gibt es ebenfalls eine Gruppe, eine noch rechtere und deshalb noch prinzipienlosere Gruppe als die Tifliser. Wir denken nicht an den "Promyslowy Westnik", der mit der bürgerlichen "Sewodnja" ein ungesetzliches Verhältnis eingegangen ist - über ihn ist genügend in unserer Presse geschrieben worden. Wir sprechen von der Schendrikow-Gruppe "Prawoje Delo", der Stammmutter der Bakuer Menschewiki. Allerdings existiert diese Gruppe in Baku schon lange nicht mehr - von den Bakuer Arbeitern und ihren Organisationen verfolgt, war sie gezwungen, nach Petersburg überzusiedeln. Aber sie schickt ihr Geschreibsel nach Baku, sie schreibt ausschließlich über Bakuer Angelegenheiten, sie sucht Anhänger gerade in Baku, sie bemüht sich, das Bakuer Proletariat "zu erobern". Es mag deshalb angebracht sein, von ihr zu sprechen. Vor uns liegt also Nr. 2/3 des "Prawoje Delo". Wir blättern die Nummer durch, und vor uns entrollt sich das alte Bild der alten sauberen Gesellschaft der Herren Schendrikows[66]. Da ist Ilja Schendrikow, der bekannte "Händedrücker" des Herrn Dshunkowski, ein alter Schieber hinter den Kulissen. Da ist auch Gleb Schendrikow, früherer Sozialrevolutionär, früherer Menschewik, früherer "Subatowmann", jetzt ein Mann im Ruhestande. Da ist ferner die berühmte Plaudertasche, die "allreine" Klawdija Schendrikowa, eine in jeder Beziehung angenehme Dame. Auch an verschiedenen "Anhängern" vom Schlage der Groschews und Kalinins, die einstmals eine Rolle in der Bewegung gespielt haben, jetzt aber hinter dem Leben zurückgeblieben sind und allein von Erinnerungen leben, ist kein Mangel. Selbst der Schatten des verstorbenen Ljowa geistert vor uns auf ... Kurzum, das Bild ist vollständig!

Wer jedoch braucht das alles, zu welchem Zweck werden den Arbeitern die ruhmlosen Schatten einer finsteren Vergangenheit aufgedrängt? Fordert man vielleicht, dass die Arbeiter die Bohrtürme in Brand setzen? Oder dass die Partei beschimpft und in den Schmutz getreten wird? Dass man ohne die Arbeiter zur Beratung geht und dann mit Herrn Dshunkowski die Geschäftchen deichselt?

Nein! Die Schendrikows wollen die Bakuer Arbeiter "retten"! Sie "sehen", dass nach 1905, d.h. nach der Vertreibung der Schendrikows durch die Arbeiter, "die Arbeiter an den Rand des Abgrundes geraten sind" (siehe "Prawoje Delo", S. 80), und da haben die Schendrikows das "Prawoje Delo" geschrieben, um die Arbeiter "zu retten", sie aus der "Sackgasse" herauszuführen. Zu diesem Zweck schlagen sie vor, zum Alten zurückzukehren, sich von den Errungenschaften der letzten drei Jahre loszusagen, dem "Gudok" und dem "Promyslowy Westnik" den Rücken zu kehren, die bestehenden Gewerkschaften aufzugeben, die Sozialdemokratie zum Teufel zu schicken und sich, nachdem alle Nichtschendrikowleute aus den Arbeiterkommissionen vertrieben sind, um die Schlichtungskammer zusammenzuschließen. Es bedarf keiner Streiks mehr, es bedarf auch keiner illegalen Organisationen mehr - die Arbeiter brauchen nur eine Schlichtungskammer, wo die Schendrikows und Gukassows[67] mit Genehmigung des Herrn Dshunkowski "die Fragen entscheiden" werden...

So wollen sie die Bakuer Arbeiterbewegung aus der "Sackgasse" herausführen!

Ganz genau wie das Chamäleon aus dem "Neftjanoje Delo", Herr K-sa (siehe "Neftjanoje Delo" Nr. 11).

Aber haben nicht etwa Subatow in Moskau, Gapon in Petersburg, Schajewitsch in Odessa die Arbeiter ganz ebenso "gerettet"? Und haben sie sich nicht alle als geschworene Feinde der Arbeiter erwiesen?

Wen also wollen am helllichten Tage diese pharisäischen "Retter" prellen?

Nein, ihr Herren Schendrikows, obgleich ihr gemeinsam mit Herrn K-sa behauptet, das Bakuer Proletariat sei noch "nicht herangereift", es müsse noch "die Reifeprüfung bestehen" (vor wem bestehen?) (siehe "Prawoje Delo", S.2) - es wird euch dennoch nicht gelingen, es zu betrügen!

Das Bakuer Proletariat ist klassenbewusst genug, euch die Maske herunterzureißen und euch an den gebührenden Ort zu verweisen! Wer seid ihr, woher des Wegs?

Ihr seid keine Sozialdemokraten, denn ihr seid im Kampf gegen die Sozialdemokratie, im Kampf gegen das Parteiprinzip herangewachsen und lebt darin!

Ihr seid auch keine Gewerkschaftler, denn ihr tretet die Arbeiterverbände, die natürlich vom Geiste der Sozialdemokratie durchdrungen sind, in den Schmutz!

Ihr seid die gleichen Gaponleute und Subatowleute, die sich pharisäisch unter der Maske von "Volksfreunden" verstecken!

Ihr seid die inneren und deshalb die gefährlichsten Feinde des Proletariats!

Nieder mit den Schendrikowleuten! Kehrt den Schendrikowleuten den Rücken!

So antworten wir auf euer "Prawoje Delo", ihr Herren Schendrikows! Das wird die Antwort des Bakuer Proletariats auf eure pharisäischen Versuche sein, mit ihm zu liebäugeln!...

"Bakinski Proletari" (Der Bakuer Proletarier) Nr. 5,
20. Juli 1908.
Unterschrift: Ko...
Nach dem russischen Zeitungstext.

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