"Stalin"

Werke

Band 2

DIE PARTEIKRISE UND UNSERE AUFGABEN

Es ist für niemand ein Geheimnis, dass unsere Partei eine schwere Krise durchmacht. Die Abwanderung von Parteimitgliedern, die Schrumpfung und Schwäche der Organisationen, ihre Losgerissenheit voneinander, das Fehlen einer zusammengefassten Parteiarbeit - alles das spricht davon, dass die Partei krank ist, dass sie eine ernste Krise durchmacht.

Das erste, was die Partei besonders niederdrückt, ist die Losgerissenheit ihrer Organisationen von den breiten Massen. Es gab eine Zeit, wo unsere Organisationen Tausende in ihren Reihen zählten und Hundert-tausende mit sich führten. Damals hatte die Partei kräftige Wurzeln in den Massen. Jetzt ist das anders. An Stelle von Tausenden sind in den Organisationen Dutzende, bestenfalls Hunderte geblieben. Was aber die Führung von Hunderttausenden betrifft, so braucht man davon gar nicht zu sprechen. Freilich hat unsere Partei einen weitgehenden ideologischen Einfluss auf die Massen - die Massen kennen sie, die Massen achten sie. Eben dadurch vor allem unterscheidet sich die Partei "nach der Revolution" von der Partei "vor der Revolution". Aber darin erschöpft sich eigentlich auch der ganze Einfluss der Partei. Indessen ist der ideologische Einfluss allein bei weitem nicht ausreichend. Die Sache ist die, dass die Breite des ideologischen Einflusses an der Enge der organisatorischen Verankerung zerschellt - das ist die Quelle der Losgerissenheit unserer Organisationen von den breiten Massen. Es genügt, auf Petersburg zu verweisen, wo 1907 etwa 8000 Mitglieder gezählt wurden, während jetzt kaum 300 bis 400 Mitglieder zusammenkommen um den ganzen Ernst der Krise sofort zu begreifen. Wir sprechen schon gar nicht von Moskau, dem Ural, Polen, dem Donezbecken usw., die sich in dem gleichem Zustand befinden.

Aller das ist noch nicht alles. Die Partei leidet nicht nur an einer Losgerissenheit von den Massen, sondern auch darunter, dass ihre Organisationen in keiner Weise miteinander verbunden sind, kein gemeinsames Parteileben führen, voneinander losgerissen sind. Petersburg weiß nicht, was im Kaukasus geschieht, der Kaukasus weiß nicht, was im Ural geschieht usw., jeder Winkel führt sein besonderes Leben. Streng gesprochen gibt es faktisch jene einheitliche, ein gemeinsames Leben führende Partei schon nicht mehr, von der wir in den Jahren 1905, 1906 und 1907 mit Stolz gesprochen haben. Wir erleben die abscheulichste Handwerklerei. Die bestehenden Auslandsorgane - der "Proletari"[75] und der "Golos"[76] einerseits, der "Sozialdemokrat"[77] anderseits - verbinden die über Rußland zerstreuten Organisationen nicht und können sie nicht verbinden, sie können ihnen kein einheitliches Parteileben geben. Der Gedanke wäre ja auch seltsam, dass die Auslandsorgane, die der russischen Wirklichkeit fern stehen, die Arbeit der Partei, die das Stadium des Zirkelwesens schon längst hinter sich hat, einheitlich zusammenfassen könnten. Freilich haben die voneinander losgerissenen Organisationen viel Gemeinsames, was sie ideologisch miteinander verbindet - sie haben ein gemeinsames Programm, das die Kritik der Revolution bestanden hat, gemeinsame, von der Revolution gebilligte praktische Prinzipien, ruhmreiche revolutionäre Traditionen. Eben hierin besteht der zweite wichtige Unterschied der Partei "nach der Revolution" von der Partei "vor der Revolution". Aber das genügt noch nicht. Die Sache ist die, dass die ideologische Einheit der Parteiorganisationen die Partei noch bei weitem nicht aus der organisatorischen Zersplitterung der Parteiorganisationen und ihrer Losgerissenheit voneinander rettet. Es genügt, darauf zu verweisen, dass nicht einmal die einfache schriftliche Information in der Partei auf eine einigermaßen wünschenswerte Höhe gebracht worden ist. Wir sprechen schon gar nicht von der wirklichen Zusammenfügung der Partei zu einem einheitlichen Organismus.

Also: 1. Losgerissenheit der Partei von den breiten Massen und 2. Losgerissenheit ihrer Organisationen voneinander - das ist das Wesen der Krise, die die Partei durchmacht.

Man begreift unschwer, dass die Ursache von alledem die Krise der Revolution selbst ist, der zeitweilige Triumph der Konterrevolution, die Stille nach den Aktionen und schließlich der Verlust aller der Halbfreiheiten, die die Partei während der Jahre 1905 und 1906 genossen hat. Die Partei entwickelte sich, verbreiterte sich und festigte sich, solange die Revolution vorwärts marschierte, solange es Freiheiten gab. Die Revolution trat den Rückzug an, die Freiheiten verschwanden - und die Partei begann zu kränkeln, die Intellektuellen und dann auch die am meisten schwankenden Arbeiter begannen, aus der Partei zu fliehen. Insbesondere wurde die Flucht der Intellektuellen durch das Wachstum der Partei, eigentlich der fortgeschrittenen Arbeiter, beschleunigt, die mit ihren komplizierten Anforderungen über das spärliche geistige Gepäck der "Intellektuellen des Jahres 1905" hinausgewachsen waren.

Hieraus folgt natürlich bei weitem noch nicht, dass die Partei bis zum Eintreten künftiger Freiheiten in einer Krise dahinvegetieren muss, wie manche fälschlich glauben. Hängt doch erstens das Eintreten der Freiheiten selbst in vielem davon ab, ob es die Partei verstehen wird, aus der Krise gesund und erneuert hervorzugehen: Freiheiten fallen nicht vom Himmel, sie werden erobert, unter anderem dank einer gut organisierten Arbeiterpartei. Zweitens sagen uns die allbekannten Gesetze des Klassenkampfes, dass die immer stärker werdende Organisiertheit der Bourgeoisie unausbleiblich die entsprechende Organisiertheit des Proletariats nach sich ziehen muss. Nun ist aber jedermann bekannt, dass die vorherige Erneuerung unserer Partei, als der einzig proletarischen Partei, für das Wachstum der Organisiertheit unseres Proletariats als Klasse eine notwendige Bedingung ist.

Folglich ist die Gesundung der Partei vor dem Eintreten der Freiheiten, ihre Befreiung aus der Krise nicht nur möglich, sondern auch unvermeidlich.

Die ganze Frage besteht darin, die Methoden dieser Gesundung zu finden, die Wege zu erschließen, mit deren Hilfe die Partei 1. sich mit den Massen verbinden und 2. die voneinander losgerissenen Organisationen zu einem einheitlichen Organismus vereinigen wird.

*

Wie kann also unsere Partei die Krise überwinden, was muss man zu diesem Zweck unternehmen?

Die Partei möglichst legal machen und sie um die legale Dumafraktion zusammenschließen, sagen uns die einen. Wie aber kann man sie möglichst legal machen, wenn auch die harmlosesten legalen Einrichtungen, wie Kulturvereine usw., schwere Verfolgungen erleiden? Etwa durch die Lossage von ihren revolutionären Forderungen? Aber das würde ja bedeuten, die Partei zu begraben, und nicht, sie zu erneuern! Außerdem, wie kann die Dumafraktion die Partei mit den Massen verbinden, wenn sie selbst nicht nur von den Massen, sondern auch von den Parteiorganisationen losgerissen ist?

Es ist klar, dass eine solche Lösung der Frage sie noch mehr verwirrt und der Partei die Überwindung der Krise erschwert.

Den Arbeitern selbst möglichst viele Parteifunktionen übertragen und dadurch die Partei von den unbeständigen intelligenzlerischen Elementen befreien, sagen uns andere. Kein Zweifel, dass die Befreiung der Partei von unnötigen Gästen und die Konzentrierung der Funktionen in den Händen der Arbeiter selbst in vieler Hinsicht zur Erneuerung der Partei beitragen würden. Nicht weniger klar ist aber auch, dass angesichts des alten Organisationssystems, angesichts der alten Methoden der Parteiarbeit, angesichts der "Führung" vom Ausland her eine bloße "Übertragung der Funktionen" die Partei nicht mit den Massen verbinden und sie nicht zu einem einheitlichen Ganzen zusammenschweißen kann.

Offensichtlich ist mit halben Maßnahmen nichts Ernstliches auszurichten - es müssen radikale Mittel gesucht werden, um die kranke Partei gründlich zu heilen.

Die Partei leidet vor allem an der Losgerissenheit von den Massen, sie muss um jeden Preis mit den Massen verbunden werden. Das aber ist in unseren Verhältnissen vor allem und hauptsächlich auf dem Boden derjenigen Fragen möglich, die die breiten Massen besonders bewegen. Nehmen wir nur die Tatsache der Verelendung der Massen und die Offensive des Kapitals. Wie ein Orkan sind gewaltige Aussperrungen über die Köpfe der .Arbeiter hinweggegangen, und die Einschränkung der Produktion, die willkürlichen Entlassungen, die Herabsetzung des Lohns, die Verlängerung des Arbeitstages und überhaupt die Offensive des Kapitals dauern bis auf den heutigen Tag an. Man kann sich schwer vorstellen, welche Schmerzen, welche Anspannung des Denkens alles dies unter den Arbeitern hervorruft, welche Masse von "Missverständnissen" und Konflikten zwischen Arbeitern und Unternehmern entstehen, welche Masse interessanter Fragen auf diesem Boden in den Köpfen der Arbeiter auftaucht. Mögen unsere Organisationen neben der allgemein-politischen Arbeit unermüdlich in alle diese kleinen Zusammenstöße eingreifen, mögen sie sie mit dem großen Kampf der Klassen verbinden und, indem sie die Massen in ihren alltäglichen Protesten und Ansprüchen unterstützen, die großen Prinzipien unserer Partei an lebendigen Tatsachen demonstrieren. Es muss ja für jedermann klar sein, dass man nur auf diesem Boden die "an die Wand gedrückten" Massen in Bewegung bringen, dass man sie nur auf diesem Boden über den verdammten toten Punkt "hinwegbringen" kann. Sie aber über diesen Punkt "hinwegbringen" - das eben heißt, sie um unsere Organisationen zusammenschließen.

Die Parteikomitees in den Fabriken und Werken - das sind diejenigen Parteiorgane, die eine solche Arbeit unter den Massen mit dem größten Erfolg entwickeln könnten. Die den Fabrik- und Werkkomitees angehörenden fortgeschrittenen Arbeiter - das sind diejenigen lebendigen Menschen, die um die Partei die sie umgebenden Massen zusammenschließen könnten. Es ist nur notwendig, dass die Fabrik- und Werkkomitees unermüdlich in alle Angelegenheiten des Kampfes der Arbeiter eingreifen, für ihre täglichen Interessen eintreten und die letzteren mit den grundlegenden Interessen der Klasse der Proletarier verbinden. Fabrik- und Werkkomitees als die Hauptbastionen der Partei - das ist die Aufgabe.

Weiter ist es im Interesse der gleichen Annäherung an die Massen notwendig, dass auch die übrigen, die höheren Organisationen der Partei so aufgebaut werden, dass sie sich zur Verteidigung nicht nur der politischen, sondern auch der ökonomischen Interessen der Massen eignen. Es ist notwendig, dass kein einigermaßen wichtiger Produktionszweig der Aufmerksamkeit der Organisation entgeht. Hierfür aber ist es notwendig, dass beim Aufbau der Organisation das Territorialprinzip durch das Produktionsprinzip ergänzt wird, d. h. dass zum Beispiel die Fabrik- und Werkkomitees der verschiedenen Produktionszweige je nach der Produktion in verschiedene Unterbezirke gruppiert werden, um diese Unterbezirke territorial zu Bezirken zu vereinigen usw. Es ist kein Unglück, wenn die Zahl der Unterbezirke reichlich groß wird - dafür wird die Organisation an Festigkeit und Standhaftigkeit ihres Fundaments gewinnen, dafür wird sie sich enger mit den Massen verbinden.

Von noch größerer Bedeutung bei der Überwindung der Krise ist die Zusammensetzung der Parteiorganisationen. Notwendig ist, dass die erfahrensten und einflussreichsten fortgeschrittenen Arbeiter in allen örtlichen Organisationen vertreten sind, dass die Angelegenheiten der Parteiorganisation in ihren kräftigen Händen konzentriert werden, dass sie, und niemand anders als sie, in der Organisation die wichtigsten Posten einnehmen, von den praktischen und organisatorischen bis zu den journalistischen. Es ist kein Unglück, wenn sich die Arbeiter, die wichtige Posten innehaben, als ungenügend erfahren und geschult erweisen, mögen sie sogar in der ersten Zeit stolpern- die Praxis und die Ratschläge der erfahreneren Genossen werden ihren Gesichtskreis erweitern und aus ihnen schließlich richtige Journalisten und Führer der Bewegung machen. Man darf nicht vergessen, dass die Bebels nicht vom Himmel fallen, dass sie nur im Prozess der Arbeit, in der Praxis, herangebildet werden; unsere Bewegung aber bedarf jetzt mehr als irgendwann sonst russischer Bebels, erfahrener und erprobter Führer aus der Mitte der Arbeiter.

Das ist der Grund, weshalb unsere organisatorische Losung lauten muss: "Ebnet den fortgeschrittenen Arbeitern den Weg in alle Gebiete der Parteiarbeit", "Gebt ihnen mehr Raum"!

Es versteht sich von selbst, dass die fortgeschrittenen Arbeiter außer dem Willen und der Initiative zur Führung noch bedeutende Kenntnisse brauchen. Arbeiter mit Kenntnissen aber haben wir wenig. Jedoch gerade hier kommt uns die Hilfe erfahrener und aktiver Intellektueller zustatten. Man muss höhere Zirkel, "Besprechungen" mit den fortgeschrittenen Arbeitern schaffen, wenn auch nur eine in jedem Bezirk, und Theorie und Praxis des Marxismus systematisch "durchnehmen" - alles dies würde die Lücken der fortgeschrittenen Arbeiter in bedeutendem Maße ausfüllen und aus ihnen künftige Lehrer und ideologische Führer machen. Gleichzeitig müssen die fortgeschrittenen Arbeiter möglichst oft in ihren Werken und Fabriken Referate halten, "sich tüchtig üben" und nicht vor der Gefahr zurückschrecken, vor dem Auditorium "durchzufallen". Ein für allemal muss man die überflüssige Bescheidenheit und Angst vor dem Auditorium beiseite werfen, muss man sich mit Wagemut, mit Glauben an seine Kräfte wappnen: es ist kein Unglück, wenn man zu Anfang vorbei haut, ein paar Mal stolpert, danach wird man sich gewöhnen, selbständig zu schreiten, wie "Christus auf dem Wasser".

Kurzum: 1. verstärkte Agitation auf dem Boden der tagtäglichen Bedürfnisse, die mit den Bedürfnissen der gesamten Klasse des Proletariats verbunden werden, 2. Organisierung und Festigung der Fabrik- und Werkkomitees als der wichtigsten Zentren der Partei in den Bezirken, 3. "Übergabe" der wichtigsten Parteifunktionen an die fortgeschrittenen Arbeiter, 4. Organisierung von "Besprechungen" mit den fortgeschrittenen Arbeitern - das sind die Wege, mit deren Hilfe es unsere Organisationen verstehen werden, breite Massen um sich zusammenzuschließen.

Es muss unbedingt gesagt werden, dass uns das Leben selbst die erwähnten Wege zur Überwindung der Parteikrise weist. Das Zentralgebiet und der Ural kommen schon lange ohne Intellektuelle aus, dort erledigen die Arbeiter selbst die Angelegenheiten der Organisation. In Sormowo, Lugansk (Donezbecken), Nikolajew haben die Arbeiter im Jahre 1908 Flugblätter herausgegeben, in Nikolajew außer Flugblättern auch ein illegales Organ. In Baku aber griff und greift die Organisation systematisch in alle Angelegenheiten des Kampfes der Arbeiter ein, ließ und lässt sie fast keinen einzigen Zusammenstoß der Arbeiter mit den Erdölindustriellen vorübergehen, wobei sie natürlich zugleich eine allgemeinpolitische Agitation betreibt. Hierdurch erklärt es sich ja übrigens auch, dass die Bakuer Organisation ihre Verbindungen mit den Massen his auf den heutigen Tag behalten hat.

So steht die Sache mit den Methoden der Verbindung der Partei mit den breiten Arbeitermassen.

Aber die Partei leidet nicht nur an der Losgerissenheit von den Massen. Sie leidet außerdem noch an der Losgerissenheit ihrer Organisationen voneinander.

Gehen wir zu dieser letzten Frage über.

*

Also, wie lassen sich die voneinander losgerissenen örtlichen Organisationen miteinander verbinden, wie lassen sie sich zu einer fest gefügten, ein einheitliches Leben führenden Partei zusammenfassen?

Man könnte glauben, die zuweilen abgehaltenen Gesamtparteikonferenzen würden die Aufgabe lösen, würden die Organisationen vereinigen. Oder die im Ausland erscheinenden Zeitungen - "Proletari", "Golos" und "Sozialdemokrat" - würden letzten Endes die Partei zusammenfassen, zusammenschließen. Kein Zweifel, dass sowohl die einen als auch die anderen für die gegenseitige Verbindung der Organisationen von nicht geringer Bedeutung sind. Bisher zum mindesten waren die Konferenzen und die Auslandsorgane das einzige Mittel zur Vereinigung der voneinander losgerissenen Organisationen. Erstens aber können die Konferenzen, die überdies sehr selten veranstaltet werden, die Organisationen nur für eine bestimmte Zeit und deshalb nicht so fest, wie das notwendig wäre, miteinander verbinden; im allgemeinen zerreißen in den Zeiträumen zwischen den Konferenzen die Verbindungen, und mit der faktischen Handwerkerei bleibt es beim alten. Zweitens, was die Auslandsorgane anbelangt, schon ganz davon zu schweigen, dass sie nur in einer sehr beschränkten Anzahl nach Rußland gelangen - so bleiben sie natürlich hinter dem Gang des Parteilebens in Rußland zurück, sind nicht imstande, die die Arbeiter bewegenden Fragen rechtzeitig zu bemerken und zu berühren - und deshalb können sie unsere örtlichen Organisationen nicht mit festen Banden zu einer Einheit zusammenfassen. Die Tatsachen besagen, dass die Partei seit dem Londoner Parteitag zwei Konferenzen[78] veranstalten und Dutzende von Nummern der Auslandsorgane herausgeben konnte, und dennoch ist das Werk der Zusammenfügung unserer Organisationen zu einer wirklichen Partei, das Werk der Überwindung der Krise kaum von der Stelle gekommen.

Folglich sind Konferenzen und Auslandsorgane, obgleich für die Verbindung der Partei sehr wichtig, doch ungenügend für die Überwindung der Krise, für die feste Vereinigung der örtlichen Organisationen.

Es bedarf offenbar einer radikalen Maßnahme.

Eine solche Maßnahme aber könnte allein eine gesamtrussische Zeitung sein, eine Zeitung, die im Zentrum der Parteiarbeit steht und in Rußland erscheint.

Die über Rußland zerstreuten Organisationen zu vereinigen ist nur in gemeinsamer Parteiarbeit möglich. Die gemeinsame Arbeit aber ist unmöglich ohne die Vereinigung der Erfahrungen der örtlichen Organisationen in einem gemeinsamen Zentrum, von wo aus die verallgemeinerten Parteierfahrungen dann über alle örtlichen Organisationen verbreitet werden könnten. Eine gesamtrussische Zeitung könnte eben ein solches Zentrum sein, ein Zentrum, das die Parteiarbeit leitet, sie vereinigt und lenkt. Damit sie aber die Arbeit wirklich leiten kann, ist es notwendig, dass aus dem Lande systematisch Anfragen, Erklärungen, Briefe, Korrespondenzen, Klagen, Proteste, Arbeitspläne, die Massen bewegende Fragen usw. eingehen; dass zwischen der Zeitung und dem ganzen Lande die engste Verbindung, die festesten Fäden bestehen; dass die Zeitung, die somit über Material in genügender Menge verfügt, rechtzeitig die notwendigen Fragen bemerken, berühren und beleuchten, aus dem Material die notwendigen Weisungen und Losungen herausdestillieren und sie zum Gesamtgut der ganzen Partei, aller ihrer Organisationen machen kann...

Ohne diese Voraussetzungen gibt es keine Führung der Parteiarbeit, und ohne die Führung der Arbeit gibt es keine feste Verknüpfung der Organisationen zu einem einheitlichen Ganzen!

Deshalb betonen wir die Notwendigkeit gerade einer gesamtrussischen (und nicht einer ausländischen) und zwar einer richtunggebenden (und nicht einfach einer populären) Zeitung.

Man braucht nicht erst zu sagen, dass die einzige Institution, die die Organisierung und Führung einer solchen Zeitung in die Hände nehmen kamt, das Zentralkomitee der Partei ist. Die Aufgabe, die Parteiarbeit zu leiten, ist ohnehin die Pflicht des Zentralkomitees. Sie wird jedoch gegenwärtig schlecht erfüllt, und das Ergebnis davon ist die fast völlige Zusammenhanglosigkeit der örtlichen Organisationen. Demgegenüber könnte eine gut organisierte gesamtrussische Zeitung in den Händen des ZK das wirksamste Werkzeug für den wirklichen Zusammenschluss der Partei und die Leitung der Parteiarbeit sein. Noch mehr, wir behaupten, dass das ZK nur auf diesem Wege aus einem fiktiven Zentrum zu einem wirklichen Zentrum der Gesamtpartei werden kann, das die Partei tatsächlich zusammenfügt und in ihrer Arbeit tatsächlich den Ton angibt. Infolgedessen sind die Organisation und die Leitung der gesamtrussischen Zeitung eine direkte Aufgabe des Zentralkomitees.

Also eine gesamtrussische Zeitung als ein Organ, das die Partei um das Zentralkomitee vereinigt und zusammenschließt- das ist die Aufgabe, das ist der Weg zur Überwindung der Krise, die die Partei durchmacht.

 

Resümieren wir alles Gesagte. Infolge der Krise der Revolution ist auch in der Partei eine Krise eingetreten - die Organisationen haben die festen Verbindungen mit den Massen verloren, die Partei ist in einzelne Organisationen zersplittert.

Es ist notwendig, unsere Organisationen mit den breiten Massen zu verbinden - das ist eine örtliche Aufgabe.

Es ist notwendig, die erwähnten Organisationen untereinander, um das Zentralkomitee der Partei, zu verbinden - das ist eine zentrale Aufgabe.

Die Lösung der örtlichen Aufgabe erfordert, dass neben der allgemeinpolitischen Agitation eine ökonomische Agitation auf dem Boden der dringenden Tagesforderungen betrieben wird, sie erfordert systematisches Eingreifen in den Kampf der Arbeiter, Schaffung und Festigung der Parteikomitees in Fabriken und Werken, Konzentrierung möglichst vieler Parteifunktionen in den Händen fortgeschrittener Arbeiter, Organisierung von "Besprechungen" mit den fortgeschrittenen Arbeitern zur Erziehung erprobter und mit Kenntnissen gewappneter Arbeiterführer.

Die Lösung der zentralen Aufgabe aber erfordert eine gesamtrussische Zeitung, die die örtlichen Organisationen mit dem Zentralkomitee der Partei verbindet und sie zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt.

Nur bei Lösung dieser Aufgaben kann die Partei als eine gesunde und erneuerte Organisation aus der Krise hervorgehen, nur bei Erfüllung dieser Bedingungen kann die Partei die verantwortungsvolle Rolle einer würdigen Vorhut des heldenhaften russischen Proletariats übernehmen.

Das sind die Wege zur Überwindung der Parteikrise.

Man braucht nicht erst davon zu reden, dass die Krise um so schneller überwunden, die Aufgabe der Erneuerung und Gesundung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands um so schneller erfüllt wird, je vollständiger die Partei die vorhandenen legalen Möglichkeiten, von der Dumatribüne und den Gewerkschaften bis zu den Konsumgenossenschaften und Sterbekassen, ausnutzen wird.

"Bakinski Proletari" (Der Bakuer Proletarier) Nr. 6 und 7,
1. und 27. August 1909.
Artikel ohne Unterschrift.
Nach dem russischen Zeitungstext.

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