"Stalin"

Werke

Band 2

ZU DEM BEVORSTEHENDEN ALLGEMEINEN STREIK

Eine schwere Zeit machen die Bakuer Arbeiter durch. Die Offensive der Erdölindustriellen, die im vorigen Frühjahr begann, geht immer noch weiter. Den Arbeitern werden ihre alten Errungenschaften restlos entrissen. Die Arbeiter aber "müssen" schweigen und "ohne Ende" dulden.

Der Arbeitslohn wird durch direkte Kürzungen oder durch Entziehung der Wohnungsgelder, Prämien usw. herabgesetzt. Der Arbeitstag wird verlängert, indem das Dreischichtensystem durch das Zweischichtensystem ersetzt wird, während die Überstunden- und Sonderarbeit faktisch obligatorisch wird. Die so genannte "Einschränkung der Beschäftigtenzahl" geht in alter Weise weiter. Die Arbeiter - besonders die klassenbewussten - werden wegen Kleinigkeiten, oftmals auch ohne jeden Anlass aufs Pflaster gesetzt. Die "Schwarzen Listen" werden in rücksichtslosester Weise angewendet. Das System der "ständigen" Arbeiter wird durch das System "zeitweiliger" Arbeiter auf Bons ersetzt, die man jederzeit wegen Kleinigkeiten ihres Verdienstes berauben kann. Das "System" der Geldstrafen und der Misshandlungen wird in jeder Weise gehandhabt. Die Ölfeld- und Betriebskommissionen werden nicht mehr anerkannt. Das Unfallgesetz wird in frechster Weise umgangen. Die ärztliche Hilfe ist auf ein Minimum reduziert. Das "Zuchthausgesetz" der Zehn-Kopeken-Krankenabgabe gilt weiterhin. Hygiene und sanitäre Bedingungen liegen im Argen. Das Schulwesen hinkt. Es gibt keine Volkshäuser. Es gibt keine Abendkurse. Es gibt keine Vorträge. Es gibt nur Entlassungen und noch einmal Entlassungen! Wie weit die Frechheit der Erdölindustriellen geht, ersieht man daraus, dass viele große Firmen, z. B. die "Kaspi-Gesellschaft", um keine Wohnungsgelder zahlen zu müssen, es "ihren" Arbeitern geradezu verbieten, ohne die Erlaubnis der Betriebsverwaltung zu heiraten. Und alles das geht den Erdölkönigen durch. Und sie fahren fort, die Arbeiter zu verhöhnen, weil sie ihre Kraft fühlen, weil sie den Erfolg ihrer schlau ersonnenen Offensivtaktik sehen.

Der Erfolg der Offensive der Erdölindustriellen aber ist bei weitem kein Zufall. Er ist ganz und gar durch viele hierfür günstige äußere Umstände bedingt, und zwar vor allem durch die allgemeine Stille in Rußland, durch die von der Konterrevolution geschaffene Situation, die eine günstige Atmosphäre für die Offensive des Kapitals darstellt. Man braucht nicht erst davon zu reden, dass die Erdölindustriellen unter anderen Verhältnissen ihren Appetit mäßigen müssten. Weiter durch die rein lakaienhafte Dienstbeflissenheit der örtlichen Verwaltung mit dem Pogromhelden Martynow an der Spitze, die den Erdölindustriellen zuliebe zu allem bereit ist - denken wir nur an die "Mirsojew-Angelegenheit". Ferner durch die schwache Organisiertheit der Arbeiter, die in bedeutendem Maße durch die unbeständige Zusammensetzung der Massen der Erdölarbeiter bedingt ist. Jedem ist die Wichtigkeit der Erdölarbeiter im Kampf gegen die Erdölindustriellen klar, indessen sind gerade sie am meisten mit dem Dorf verbunden und am wenigsten zum organisierten Kampf "fähig". Endlich durch die Zersplitterung der Arbeitslöhne (die u. a. aus Prämien, Wohnungsgeldern, Fahrgeldern, Badegeldern usw. bestehen), die Lohnherabsetzungen erleichtert. Man braucht nicht erst zu beweisen, dass eine direkte Herabsetzung des Arbeitslohnes nicht so leicht ist wie seine getarnte Herabsetzung in einzelnen Teilen, in Form allmählicher Entziehung der Prämien, der Wohnungsgelder, der Fahrgelder usw., mit der Illusion, der Arbeitslohn "selbst" werde im früheren Umfang aufrechterhalten.

Es ist natürlich, dass alles dies im Zusammenhang mit der wachsenden Erfahrung und Organisiertheit der Erdölindustriellen die Offensive des Kapitals im Erdölreich bedeutend erleichtert.

Wann diese tolle Offensive der Erdölkönige aufhören wird und ob es Grenzen für ihre Frechheit gibt- das wird davon abhängen, ob sie bei den Arbeitern auf einen starken, organisierten Widerstand stoßen werden.

Klar ist vorläufig das eine, dass die Erdölindustriellen die Arbeiter "endgültig" bezwingen, ihnen den Kampfwillen "ein für allemal" austreiben, "ihre" Arbeiter "um jeden Preis" zu gefügigen Sklaven machen wollen. Ein solches Ziel verfolgten sie schon im vorigen Frühjahr, als sie, nachdem sie die Beratung gesprengt hatten, den Versuch machten, die Arbeiter zu einem unorganisierten allgemeinen Streik zu provozieren, uni auf der Stelle mit ihnen Schluss zu machen. Das gleiche Ziel verfolgen sie jetzt, wo sie die Arbeiter mit systematischer Bosheit angreifen und sie häufig zu spontanen Aktionen herausfordern.

Die Arbeiter schweigen vorläufig, ertragen stumm die Schläge der Erdölindustriellen und häufen die Wut in ihrer Brust. Berücksichtigt man jedoch einerseits, dass die Erdölindustriellen immer frecher werden, indem sie die verbliebenen Brocken endlos weiter verkleinern, die Arbeiter bis zur Verelendung bringen, sie verhöhnen und sie zu spontanem Auflodern provozieren; dass anderseits die Geduld der Arbeiter immer mehr versiegt und einem dumpfen, immer stärker werdenden Murren gegen die Erdölindustriellen Platz macht - berücksichtigt man alles dies, so kann man zuversichtlich sagen, dass ein Ausbruch der Empörung der Erdölarbeiter in nächster Zukunft eine direkte Unvermeidlichkeit ist. Von zwei Dingen eins: Entweder werden die Arbeiter in der Tat "ohne Ende" dulden und bis zur Stellung sklavisch gehorsamer chinesischer Kulis hinabsinken - oder sie werden sich gegen die Erdölindustriellen erheben und den Weg zu einem besseren Leben freilegen. Die in den Massen immer weiter ansteigende Empörung zeugt dafür, dass die Arbeiter unvermeidlich den zweiten Weg gehen werden, den Weg des Kampfes gegen die Erdölindustriellen.

Die Erdölindustrie aber befindet sich in einer solchen Lage, dass sie nicht nur einen Defensivkampf der Arbeiter, nicht nur die Behauptung der alten Positionen durchaus zulässt, sondern auch den Übergang zur Offensive und auch die Eroberung neuer Positionen, die weitere Erhöhung des Arbeitslohns, die weitere Verkürzung des Arbeitstages usw. In der Tat, wenn die Profite der Erdölindustriellen gegenwärtig im Vergleich zu den Profiten anderer Unternehmer Rußlands und Europas märchenhaft hoch sind; wenn der Erdölmarkt nicht nur nicht an Aufnahmefähigkeit einbüßt, sondern im Gegenteil zunimmt, sich neuer Gebiete (z.B. Bulgariens) bemächtigt; wenn sich die Menge der Fontänen ständig vergrößert; wenn die Erdölpreise nicht nur nicht fallen, sondern im Gegenteil eine Tendenz zum Steigen zeigen - ist es da nicht klar, dass die Arbeiter die volle Möglichkeit haben, die Ketten der sklavischen Geduld zu sprengen, das Joch des schmachvollen Schweigens abzuwerfen, das Banner der Gegenoffensive gegen die Erdölindustriellen zu erheben und ihnen neue, bessere Arbeitsbedingungen abzuringen?...

Wenn man alles das auch vor Augen hat, darf man dennoch nicht vergessen, dass der bevorstehende allgemeine Streik der ernsteste, langwierigste und zäheste aller Streiks sein wird, die jemals in Baku geführt wurden. Man muss berücksichtigen, dass uns in den früheren Streiks die folgenden Umstände günstig waren: 1. der allgemeine Aufschwung in Rußland, 2. die dadurch bedingte relative "Neutralität" der örtlichen Verwaltung, 3. die Unerfahrenheit und Unorganisiertheit der Erdölindustriellen, die beim ersten Streik den Kopf verloren - und dass wir demgegenüber jetzt weder das eine noch das andere noch auch das dritte haben. Der allgemeine Aufschwung hat einer allgemeinen Stille Platz gemacht, die die Erdölindustriellen ermuntert. Die relative "Neutralität" der örtlichen Verwaltung ist von ihrer völligen Bereitschaft abgelöst worden, alle Mittel der "Befriedung" in Gang zu setzen. Die Unerfahrenheit und Desorganisiertheit der Erdölindustriellen hat ihrer Organisiertheit Platz gemacht. Noch mehr, die Erdölindustriellen sind im Kampf so weit gewitzigt worden, dass sie selber die Arbeiter zu Streiks herausfordern. Sie sind nicht abgeneigt, sie sogar zu einem allgemeinen Streik zu provozieren, wenn er nur unorganisiert ist und die Möglichkeit gibt, die Arbeiter "mit einem Schlage unterzukriegen".

Alles das spricht dafür, dass den Arbeitern ein ernster und schwieriger Kampf gegen organisierte Feinde bevorsteht. Der Kampf ist unvermeidlich. Der Sieg ist möglich, trotz einer Menge ungünstiger Bedingungen.

Notwendig ist nur, dass der Kampf der Arbeiter kein spontaner, kein zersplitterter, sondern ein organisierter, planmäßiger und bewusster Kampf sei.

Nur unter dieser Bedingung wird man auf den Sieg rechnen können.

Wir wissen nicht, wann der allgemeine Streik genau beginnen wird - jedenfalls nicht zu der Zeit, wo er den Erdölindustriellen genehm sein wird. Wir wissen vorläufig das eine, dass es gilt, gleich jetzt die zähe Vorbereitungsarbeit für den allgemeinen Streik zu beginnen und die ganze Kraft unseres Verstandes, unserer Energie und unserer Tapferkeit in sie hineinzulegen.

Verstärkung unseres Zusammenschlusses, unserer Organisiertheit - das ist das Banner unserer Vorbereitungsarbeit.

Es gilt deshalb, gleich jetzt mit dem Massenzusammenschluss der Arbeiter um die Sozialdemokratie, um die Gewerkschaften zu beginnen. Es gilt vor allem, mit der Spaltung in der Organisation Schluss zu machen und beide Fraktionen zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuschließen. Es gilt auch, mit der Spaltung in den Gewerkschaften Schluss zu machen und sie zu einem einzigen starken Verband zu vereinigen. Es ist notwendig, die Ölfeld- und Betriebskommissionen zu beleben, sie mit dem Geist des Sozialismus anzustecken, sie mit den Massen zu verbinden und durch sie mit der ganzen Erdölarmee Verbindung aufzunehmen. Es ist notwendig, an die Ausarbeitung der gemeinsamen Forderungen heranzugehen, die geeignet sind, die Arbeiter zu einer einzigen starken Armee zusammenzuschließen. Es ist notwendig, ständig in alle Zusammenstöße der Arbeiter mit den Erdölindustriellen einzugreifen und dadurch in der Tat die Arbeiter um die Sozialdemokratie zusammenzuschließen. Mit einem Wort, es gilt unermüdlich, in jeder Weise zu rüsten, um dem schwierigen, aber ruhmreichen bevorstehenden allgemeinen Streik würdig zu begegnen.

Wir rufen zu einmütiger Arbeit an der Vorbereitung zum allgemeinen ökonomischen Streik auf.

"Bakinski Proletari" (Der Bakuer Proletarier.) Nr. 7,
27. August 1909.
Unterschrift: K.Ko...
Wach dem russischen Zeitungstext.

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