"Stalin"

Werke

Band 2

AUS DER PARTEI[79]

Weiter unten veröffentlichen wir die Resolution des Bakuer Komitees über die Meinungsverschiedenheiten in der Redaktion des "Proletari". Diese Meinungsverschiedenheiten sind nichts Neues, sie sind seit langem Gegenstand einer Polemik in unserer Auslandspresse. Man spricht sogar von einer Spaltung in der Fraktion der Bolschewiki. Indessen sind die Bakuer Arbeiter mit dem Inhalt dieser Meinungsverschiedenheiten wenig oder gar nicht bekannt. Wir halten es deshalb für notwendig, der Resolution einige Erläuterungen voranzustellen.

Vor allem über die Spaltung in der Fraktion der Bolschewiki. Wir erklären, dass es in der Fraktion keinerlei Spaltung gibt und gab, es gibt lediglich Meinungsverschiedenheiten in der Frage der legalen Möglichkeiten. Meinungsverschiedenheiten dieser Art aber hat es in einer so reichen und lebensvollen Fraktion wie der bolschewistischen immer gegeben und wird es immer geben. Jedermann weiß, dass es in der Fraktion eine Zeitlang ziemlich ernste Meinungsverschiedenheiten in der Frage des Agrarprogramms, der Partisanenaktionen, des Verhältnisses von Gewerkschaften und Partei gab und dass sich die Fraktion dennoch nicht gespalten hat, weil in der Fraktion in anderen wichtigen taktischen Fragen völlige Solidarität herrschte. Das gleiche muss auch über den vorliegenden Fall gesagt werden. Also ist das Gerede von der Spaltung in der Fraktion die reinste Erfindung.

Was die Meinungsverschiedenheiten selbst anbelangt, so sind in der erweiterten Redaktion des "Proletari"[80], die aus zwölf Mann besteht, zwei Strömungen hervorgetreten: die Mehrheit der Redaktion (zehn Mann gegen zwei Mann) glaubt, dass die legalen Möglichkeiten in Gestalt der Gewerkschaften, der Klubs und besonders der Dumatribüne im Interesse der Stärkung der Partei ausgenutzt werden müssen, dass die Partei die Dumafraktion nicht aus der Duma abberufen darf, dass sie im Gegenteil der Fraktion helfen muss, ihre Fehler zu korrigieren und eine richtige offene sozialdemokratische Agitation von der Dumatribüne aus zu betreiben. Die Minderheit der Redaktion (zwei Mann), um die sich die so genannten Otsowisten und Ultimatisten gruppieren, glaubt umgekehrt, dass die legalen Möglichkeiten keinen besonderen Wert haben, sie blickt mit Misstrauen auf die Dumafraktion, hält es nicht für notwendig, die Fraktion zu unterstützen, und wäre nicht abgeneigt, sie unter bestimmten Bedingungen sogar aus der Duma abzuberufen.

Das Bakuer Komitee findet, dass der Gesichtspunkt der Minderheit der Redaktion nicht den Interessen der Partei und des Proletariats entspricht, und erklärt sich deshalb entschieden für den Standpunkt der Mehrheit der Redaktion, deren Vertreter Genosse Lenin ist.

RESOLUTION DES BAKUER KOMITEES
TIBER DIE MEINUNGSVERSCHIEDENHEITEN
IN DER ERWEITERTEN REDAKTION DES "PROLETARI"

Das Bakuer Komitee hat den Stand der Dinge in der erweiterten Redaktion des "Proletari" auf Grund der von beiden Teilen der Redaktion zugesandten gedruckten Dokumente erörtert und ist zu der nachstehenden Schlussfolgerung gelangt:

  1. Vom Standpunkt des Wesens der Sache ist die Stellungnahme der Mehrheit der Redaktion in den Fragen der Arbeit innerhalb und außerhalb der Duma die einzig richtige. Das BK ist der Meinung, dass nur eine solche Stellungnahme wirklich bolschewistisch genannt werden kann, bolschewistisch dem Geiste und nicht nur dem Buchstaben nach.
  2. Der "Otsowismus" als eine Strömung in der Fraktion ist das Resultat einer für die Partei schädlichen Unterschätzung der legalen Möglichkeiten, besonders der Dumatribüne. Das BK behauptet, dass unter den gegenwärtigen Verhältnissen der zeitweiligen Ebbe, beim Fehlen anderer, ernsterer Mittel einer offenen sozialdemokratischen Agitation, die Arbeit von der Dumatribüne aus einer der wichtigen Zweige der Parteiarbeit sein kann und muss.
  3. Der "Ultimatismus" bildet als ständige Ermahnung der Dumafraktion zur Parteidisziplin keinerlei Strömung in der Fraktion der Bolschewiki. Insofern er aber bemüht ist, die Stellung einer besonderen Strömung einzunehmen, die sich auf die Demonstration der Rechte des ZK gegenüber der Dumafraktion beschränkt, ist der "Ultimatismus" "Otsowismus" schlimmster Art. Das BK behauptet, dass nur die unermüdliche Arbeit des ZK in der Fraktion und am der Fraktion diese zu einer disziplinierten, zu einer wirklichen Parteifriktion machen kann. Das BK ist der Meinung, dass die aus der Tätigkeit der Dumafraktion in den letzten Monaten vorliegenden Tatsachen alles dies augenscheinlich beweisen.
  4. Die so genannte "Gottbildnerei" als literarische Strömung und überhaupt das Hineintragen religiöser Momente in den Sozialismus ist das Resultat, einer unwissenschaftlichen und deshalb für das Proletariat schädlichen Auslegung der Grundlagen des Marxismus. Das BK betont, dass sich der Marxismus nicht dank einem Bündnis mit religiösen Elementen, sondern durch den schonungslosen Kampf gegen sie herausgebildet hat und zu einer bestimmten Weltanschauung geworden ist.
  5. Ausgehend von allem Gesagten ist das BK der Auffassung, dass der schonungslose ideologische Kampf gegen die erwähnten Strömungen, die sich um die Minderheit der Redaktion gruppieren, eine der dringenden Tagesaufgaben der Parteiarbeit bildet.
  6. Davon ausgehend, dass trotz der erwähnten Meinungsverschiedenheiten beide Teile der Redaktion in Fragen, die für die Fraktion von größerer Wichtigkeit sind, miteinander solidarisch sind (der Einschätzung der gegenwärtigen Lage, der Rolle des Proletariats und der anderen Klassen in der Revolution usw.), ist anderseits das BK der Meinung, dass die Einheit der Fraktion, also auch die gemeinsame Arbeit beider Teile der Redaktion, möglich und notwendig ist.
  7. Deswegen ist das BK mit der organisatorischen Politik der Mehrheit der Redaktion nicht einverstanden und protestiert gegen alle "Ausstoßungen aus unserer Mitte" von Anhängern der Minderheit der Re­daktion. Das BK protestiert ebenso gegen die Haltung des Genossen Maximow, der erklärt hat, sich den Beschlüssen der Redaktion nicht lügen zu wollen, und damit einen neuen Anlass für neue, stärkere Reibungen gegeben hat.
  8. Als praktische Maßnahme zur Liquidierung der entstandenen unnormalen Lage bringt das BK eine parallel mit der Konferenz der Gesamtpartei abzuhaltende Konferenz der Bolschewiki in Vorschlag.[81]

In den Fragen der "Schule in NN" und der Haltung gegenüber den "linken Menschewiki" sieht das BK vorläufig von der Annahme bestimmter Resolutionen ab, da es nicht über ausreichende Materialien verfügt.

2. August 1909.

" Bakinski Proletari" (Der Bakuer Proletarier) Nr. 7,
27. August 1909.
Nach dem russischen Zeitungstext.

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