"Stalin"

Werke

Band 2

ÜBER DEN DEZEMBERSTREIK
UND DEN DEZEMBERVERTRAG

(Zum fünften Jahrestag)

Genossen!

Heute sind fünf Jahre vergangen seit dem Tage der Erklärung des allgemeinen ökonomischen Streiks in den Bezirken Bakus im Dezember 1904.

In diesen Tagen werden es fünf Jahre sein, seit die Arbeiter und die Erdölindustriellen den berühmten Dezembervertrag, unsere "Masut-Konstitution", ausgearbeitet haben.

Voller Stolz erinnern wir uns jener Tage, denn sie sind Tage unserer Siege, Tage der Niederlage der Erdölindustriellen!

Vor uns ersteht das uns allen bekannte ruhmvolle Bild: Die nach Tausenden zählenden Massen der streikenden Arbeiter haben, nachdem sie die "Elektrische Kraft" umzingelten, ihren Delegierten die Dezemberforderungen diktiert; und die Vertreter der Erdölindustriellen, die in der "Elektrischen Kraft" unterschlüpften und von den Arbeitern belagert wurden, haben "ihre Solidarität zum Ausdruck gebracht", den Vertrag unterzeichnet, "sich mit allem einverstanden erklärt" ...

Das war ein wirklicher Sieg der proletarischen Armen über die kapitalistischen Reichen, ein Sieg, der das Fundament für "neue Zustände" in der Erdölindustrie legte.

Vor dem Dezembervertrag arbeiteten wir durchschnittlich elf Stunden täglich - nach dem Vertrag aber wurden neun Arbeitsstunden festgelegt und es wurde für die Förderungsarbeiter allmählich der Achtstundentag eingeführt.

Vor dem Dezembervertrag erhielten wir durchschnittlich etwa 80 Kopeken - nach dem Vertrag aber erhöhte man den Lohn auf einen Rubel und einige Kopeken den Tag.

Vor dem Dezemberstreik zahlte man uns weder Wohnungsgelder noch versorgte man uns mit Werkswohnungen - dank dem Streik aber erreichten wir für die Werkarbeiter beides, und es blieb nur übrig, beide Errungenschaften auch auf die übrigen Arbeiter auszudehnen.

Vor dem Dezemberstreik herrschte auf den Ölfeldern und in den Betrieben volle Willkür der Lakaien des Kapitals, die uns ungestraft misshandelten und Geldstrafen auferlegten -dank dem Streik aber wurde eine gewisse Ordnung, eine gewisse "Konstitution" eingeführt, kraft deren wir die Möglichkeit erhielten, durch unsere Delegierten unseren Willen zum Ausdruck zu bringen, gemeinsam mit den Erdölindustriellen Abmachungen zu treffen, gemeinsam die gegenseitigen Beziehungen festzulegen.

Aus "Amscharas"[82] und "Packeseln" wurden wir mit einem Schlage zu Menschen, die für ein besseres Leben kämpfen!

Das haben uns der Dezemberstreik und der Dezembervertrag gegeben!

Aber das ist noch nicht alles. Die Hauptsache, die uns der Dezemberkampf gegeben hat, ist der Glaube an unsere Kräfte, die Siegeszuversicht, die Bereitschaft zu neuen Schlachten, das Bewusstsein: Die Ketten der kapitalistischen Knechtschaft "können wir nur selber" sprengen.

Danach schritten wir dauernd vorwärts, erhöhten den Arbeitslohn, dehnten die Wohnungsgelder auf die Erdölarbeiter aus, festigten die "Masut-Konstitution", setzten eine teilweise Anerkennung der Ölfeld- und Betriebskommissionen durch, organisierten uns in Gewerkschaften, schlossen uns um die Sozialdemokratie zusammen...

Aber alles das dauerte nicht lange. Nach dem Rückzug der Revolution und der Verstärkung der Konterrevolution, besonders seit Anfang 1908, beginnen die Erdölindustriellen uns unter pharisäischer Berufung auf die Einschränkung der Förderung und des Erdölmarktes die alten Errungenschaften wegzunehmen. Sie nehmen die Prämien und Wohnungsgelder weg. Sie führen das Zweischichtensystem mit zwölfstündiger Arbeit an Stelle des Dreischichtensystems mit achtstündiger Arbeit ein. Sie schränken die ärztliche Hilfe ein. Sie haben bereits die Volkshäuser weggenommen und nehmen die Schulen weg, an denen sie klägliche Bettelpfennige einsparen, während für die Polizei jährlich mehr als 600000 Rubel ausgegeben werden. Wir sprechen schon gar nicht von der Wiedereinführung der Misshandlungen und Geldstrafen, von der Abschaffung der Kommissionen, von den Verfolgungen der Gewerkschaften durch die Diener der Zarenregierung, die der Lakai des Großkapitals ist...

So hat man uns in den letzten zwei Jahren nicht nur gezwungen, auf die weitere Verbesserung unserer Lage zu verzichten, sondern man hat auch die alte Lage verschlechtert, die alten Errungenschaften weggenommen und uns in die alten Zeiten vor dem Dezember zurückgeworfen.

Jetzt aber, am 13. Dezember, am fünften Jahrestage des siegreichen Dezemberstreiks, als die Erdölindustriellen vor uns zitterten, während wir uns, angreifend, neue Rechte eroberten - gerade heute ersteht vor uns die ernste Frage, die die Massen der Erdölarbeiter bewegt: Werden wir noch lange schweigen, gibt es eine Grenze für unsere Geduld, müssen wir nicht die Ketten des Schweigens brechen und das Banner des allgemeinen ökonomischen Streiks für unsere Lebensinteressen erheben?

Urteilt selber! Die Förderung dieses Jahres hat 500 Millionen Pud erreicht - eine Ziffer, die die Förderung in keinem der letzten vier Jahre erreicht hat. Die Erdölpreise fallen durchaus nicht, denn der Durchschnittsjahrespreis beläuft sich ebenso wie im vorigen Jahr auf 21 Kopeken. Fontänenerdöl, das keine Ausgaben erheischt, gibt es immer mehr. Der Markt erweitert sich von Tag zu Tag, verzichtet auf die Steinkohle und geht zu Erdöl über. Der Erdölabsatz wächst ununterbrochen. Indessen, je mehr sich der Geschäftsgang für die Erdölindustriellen bessert, je mehr "Profit" sie aus den Arbeitern herauspressen, desto unausstehlicher werden sie ihnen gegenüber, desto stärker drücken sie auf die Arbeiter, desto eifriger werfen sie die klassenbewussten Genossen aufs Pflaster, desto entschiedener nehmen sie auch die letzten Brocken weg!

Ist es nicht klar, Genossen, dass die Lage der Erdölindustrie für den gemeinsamen Kampf der Erdölarbeiter immer günstiger wird und dass die herausfordernden Handlungen der Erdölindustriellen die Arbeiter unweigerlich zu einem solchen Kampf drängen?

Denn, Genossen, von zwei Dingen eins: Entweder werden wir ohne Ende dulden und bis zur Stellung stummer Sklaven hinunter sinken, oder wir werden uns zum gemeinsamen Kampf für unsere gemeinsamen Forderungen erheben.

Unsere gesamte Vergangenheit und Gegenwart, unser Kampf und unsere Siege sprechen dafür, dass wir den zweiten Weg wählen werden, den Weg des allgemeinen Streiks für die Erhöhung des Arbeitslohns und den Achtstundentag, für Siedlungen und Wohnungsgelder, für Volkshäuser und Schulen, für ärztliche Hilfe und Entschädigung für Unfallverletzte, für die Rechte der Ölfeld- und Betriebskommissionen und der Gewerkschaften.

Und wir werden es schaffen, Genossen, trotz der unerhörten Repressalien, trotz der wachsenden Organisiertheit der Erdölindustriellen, wir werden unsere Unternehmer beugen, wie wir sie vor fünf Jahren gebeugt haben, wenn wir die Vorbereitungsarbeit für den allgemeinen Streik verstärken, wenn wir unsere Ölfeld- und Betriebskommissionen festigen, wenn wir unsere Gewerkschaften verbreitern, wenn wir uns um die Sozialdemokratie zusammenschließen werden.

Die Sozialdemokratie hat uns im Dezember 1904 zum Sieg geführt, sie wird uns auch zu künftigen Siegen führen durch den organisierten allgemeinen Streik.

Das besagen die Erfahrungen des ruhmreichen Dezemberkampfs.

So möge uns denn der heutige Tag, der Tag des Beginns des siegreichen Streiks im Dezember1904, zu einmütiger und hartnäckiger Arbeit an der Vorbereitung des allgemeinen Streiks anfeuern!

Möge unsere allgemeine Sympathie für diesen Tag den Erdölindustriellen ein unheilverheißendes Vorzeichen für den kommenden, von der Sozialdemokratie geführten allgemeinen Streik sein!

Es lebe der kommende allgemeine Streik! Es lebe die Sozialdemokratie!

Das Bakuer Komitee der SDAPR

13. Dezember 1909

Als besondere Proklamation erschienen.
Nach dem russischen Wortlaut der Proklamation.

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