"Stalin"

Werke

Band 2

BRIEFE AUS DEM KAUKASUS[83]

I

BAKU

Die Lage in der Erdölindustrie

Nach einer gewissen "Beruhigung" im Lande, nach der Einbringung der Ernte in Rußland und der Belebung der Arbeiten im Zentralen Industriegebiet ist die Erdölindustrie in die Phase eines bestimmten Aufschwungs eingetreten. Dank der Gewagtheit von Teilstreiks (infolge der grausamen politischen Repressalien und der wachsenden Organisiertheit der Erdölindustriellen) hat sich die durch die Streiks bedingte Erdölfehlmenge auf etwa eine halbe Million Pud verringert (1908 betrug sie 11, im Jahre 1907 aber 26 Millionen Pud). Das Ausbleiben von Streiks und der gleichmäßige Gang der Ölförderung waren eine der günstigen Voraussetzungen für die Steigerung der Menge des Fontänenerdöls. Die entstandene (relative) Stabilität in der Lage der Erdölindustrie aber hat ihr den in den letzten Jahren verloren gegangenen Markt zurückgegeben. In diesem Jahre ist die Erdölförderung auf 500 Millionen Pud gestiegen - eine Ziffer, die die Förderung in keinem einzigen der letzten vier Jahre erreicht hat (im Vorjahr 467 Millionen Pud). Dank der Vergrößerung der Nachfrage des Zentralen Industriegebiets nach flüssigem Brennstoff und dem Übergang der Eisenbahnlinien Südost, Rjasan-Ural und Moskau-Kasan von Donezkohle auf Erdöl hat der Erdölabsatz in diesem Jahre den Absatz des Vorjahres bedeutend überholt. Die Erdölpreise sind trotz des Gejammers der Erdölindustriellen nicht im Fallen begriffen, sondern sie bleiben die alten, denn der Jahresdurchschnittspreis beläuft sich auf den gleichen Betrag wie im Vorjahre (21 Kopeken). Und die gesegneten Bohrlöcher lassen immer wieder Erdölfontänen ausbrechen und beschenken die Erdölindustriellen mit einem Regen von Erdöl.

Kurzum, die "Geschäfte" der Erdölindustriellen bessern sich. Indessen werden die ökonomischen Repressalien nicht nur nicht schwächer, sie werden im Gegenteil noch stärker. Die "Prämien" und die Wohnungsgelder werden weggenommen. Das Dreischichtensystem (acht Stunden Arbeit) wird durch das Zweischichtensystem (zwölf Stunden Arbeit) ersetzt, und die Überstunden- und Sonderarbeit wird zum System gemacht. Die ärztliche Hilfe und die Ausgaben für Schulen werden auf ein Minimum reduziert (für die Polizei aber geben die Erdölindustriellen alljährlich mehr als 600000 Rubel aus!). Die Speisehallen und Volkshäuser sind bereits weggenommen. Die Ölfeld- und Betriebskommissionen und die Gewerkschaften werden völlig ignoriert, die klassenbewussten Kollegen nach wie vor aufs Pflaster gesetzt. Die Geldstrafen und die Misshandlungen werden erneuert.

Die Diener der Zarenmacht - Polizei und Gendarmerie - stehen den Erdölkönigen voll und ganz zu Diensten. Die Überschwemmung der Erdölbezirke Bakus mit Spionen und Provokateuren, die massenhafte Verschickung von Arbeitern wegen des kleinsten Zusammenstoßes mit den Erdölindustriellen, die völlige Zerstörung der faktischen "Freiheiten" - der Privilegien Bakus - und Verhaftungen über Verhaftungen - das ist das Bild der "konstitutionellen" Arbeit der örtlichen Verwaltung. Das ist auch begreiflich: Erstens kann sie "von Natur" nicht anders, als jede, auch die elementarste "Freiheit" zu würgen; zweitens ist sie auch deshalb so vorzugehen verpflichtet, weil die Erdölindustrie, die der Staatskasse alljährlich nicht weniger als 40 Millionen Rubel "Einnahmen" in Gestalt der Pudgebühr, der anteilsweisen Abführung von den fiskalischen Feldern, der Akzise und des Durchfuhrtarifs einträgt, der Ruhe, der ununterbrochenen Ölförderung "bedarf". Wir sprechen schon gar nicht davon, dass sich jede Stockung in der Erdölindustrie lähmend auf das Zentrale Industriegebiet auswirkt, was seinerseits die "Geschäfte" der Regierung desorganisiert. Freilich hat es die Regierung in jüngster Vergangenheit für notwendig gehalten, eine gewisse "Freiheit" in den Erdölbezirken zuzulassen, indem sie eine "Beratung" der Arbeiter und der Erdölindustriellen veranstaltete. Aber das war in der Vergangenheit, als die Chancen der Konterrevolution noch nicht klargestellt zu sein schienen - damals war die Politik des Liebäugelns mit den Arbeitern die vorteilhafteste Politik. Jetzt aber hat sich die Lage bereits geklärt, die Konterrevolution hat sich "endgültig" durchgesetzt - und die Politik der bestialischen Repressalien hat die Stelle der Politik des Liebäugelns eingenommen, der Pogromheld Martynow hat den Schönredner Dshunkowski ersetzt.

Indessen greift unter den Arbeitern eine vollkommene Enttäuschung hinsichtlich der Zweckmäßigkeit von Teilstreiks Platz, und sie sprechen immer entschiedener von einem allgemeinen ökonomischen Streik. Die Tatsache, dass sich die "Geschäfte" der Erdölindustriellen bessern, während die Schikanen dennoch wachsen, empört sie bis in die Tiefe der Seele und macht sie kampfgestimmt. Und je entschiedener die alten Errungenschaften weggenommen werden, desto vollständiger reift in den Köpfen der Arbeiter die Idee des allgemeinen Streiks, mit umso größerer Ungeduld "warten" sie auf die "Ausrufung" des Streiks.

Die Organisation hat sowohl die Lage der Erdölindustrie, die für den Streik günstig ist, als auch die Streikstimmung der Arbeiter berücksichtigt und beschlossen, die Vorbereitungsarbeit für den allgemeinen Streik zu eröffnen. Gegenwärtig ist das Bakuer Komitee mit der Befragung der Massen und der Ausarbeitung gemeinsamer Forderungen beschäftigt, die geeignet sind, das gesamte Erdölproletariat zusammenzuschließen. Zu den Forderungen werden aller Wahrscheinlichkeit nach gehören: Achtstundentag, Erhöhung des Arbeitslohns, Abschaffung der Überstunden- und Sonderarbeit, Verstärkung der ärztlichen Hilfe, Siedlungen und Wohnungsgelder, Volkshäuser und Schulen, Anerkennung der Kommissionen und Gewerkschaften. Die Organisation und ihr Vollzugsorgan, das Bakuer Komitee, sind der Meinung, dass es den Arbeitern trotz der Erstarkung der Konterrevolution und der wachsenden Organisiertheit der Erdölindustriellen gelingen wird, sich durchzusetzen, wenn sie den feindlichen Kräften ihre Klassenorganisiertheit in Gestalt der Vereinigung der Ölfeld- und Betriebskommissionen, der Erweiterung und Festigung der Gewerkschaften, des Zusammenschlusses um die Sozialdemokratie entgegensetzen werden. Die Wahl des Zeitpunktes hängt von mannigfaltigen Bedingungen ab, die sich im Voraus schwer abschätzen lassen. Klar ist vorläufig das eine, dass der Streik unvermeidlich ist und man sich auf ihn vorbereiten muss, ohne "eine einzige Minute" zu verlieren...

 

Die Selbstverwaltung auf den Erdölfeldern

Die Belebung in der Erdölindustrie ist nicht die einzige wichtige Erscheinung im Leben des Bakuer Proletariats. Ein anderes, nicht weniger wichtiges Ereignis ist die bei uns vor kurzem eröffnete "Semstwokampagne". Wir sprechen von der Selbstverwaltung in den Erdölbezirken Bakus. Nach den bekannten "vorläufigen Anweisungen" des Innenministeriums über das Semstwo in den Randgebieten und dem entsprechenden "Rundschreiben" des kaukasischen Statthalters über die praktischen Maßnahmen zur Einführung des Semstwos im Kaukasus haben sich die Erdölindustriellen darangemacht, den Entwurf einer Selbstverwaltung auf den Ölfeldern auszuarbeiten. Die Grundlagen des Entwurfs, die der bevorstehende (28.) Kongress der Erdölindustriellen zweifellos bestätigen wird, sind ungefähr die folgenden: Der Bezirk der Ölfelder (Balachany, Romany, Sabuntschi, Surachany, Bibi-Eibat) wird als eine von Stadt und Kreis gesonderte Semstwoeinheit herausgehoben, die als Selbstverwaltung auf den Ölfeldern bezeichnet wird. Die Funktionen dieser Selbstverwaltung sollen sein: Wasserversorgung, Beleuchtung, Wegebau, Straßenbahn, ärztliche Hilfe, Volkshäuser, Schulen, Anlage von Schlachthöfen und Bädern, Arbeitersiedlungen usw. Die Selbstverwaltung selber wird im großen und ganzen nach dem Typus der "Bestimmungen" vom 12. Juni 1890[84] organisiert, mit dem Unterschied, dass die "Bestimmungen" die Hälfte der Semstwositze unbedingt dem Adel sichern, während hier, da es keinen Adel gibt (durch die Heraushebung des Ölfeldbezirks aus dem Kreis haben sich die Erdölindustriellen gegen das Übergewicht der Grundbesitzer gesichert und ihr eigenes Übergewicht geschaffen), die gleiche Anzahl nicht einmal allen, sondern den 23 großen Erdölindustriellen gesichert wird. Von den 46 Sitzen in der Selbstverwaltung werden 6 Sitze den Vertretern der Ämter und öffentlichen Institutionen eingeräumt; 4 Sitze erhält die 100000 Personen zählende Arbeiterbevölkerung; 18 Sitze diejenigen, die zwei Drittel aller Steuern zahlen, d. h. die 23 großen Erdölindustriellen (das ganze Budget beträgt etwa 600000 Rubel); 9 Sitze erhalten diejenigen, die ein Sechstel der Steuern zahlen, d. h. die 140 bis 150 mittleren Erdölindustriellen, die sich in einer vasallischen Abhängigkeit von den großen befinden; die übrigen 9 Sitze erhält die Kleinbourgeoisie des Handels und der Industrie (etwa 1400 Personen).

Wie man sieht, haben wir einerseits die privilegierten Kapitalisten, anderseits das rein industrielle Semstwo vor uns, das zur Arena scharfer Zusammenstöße zwischen Arbeit und Kapital werden muss.

Indem sie eben ein solches Semstwo organisieren, wollen die Erdöl-industriellen: erstens die meisten kulturellen und wirtschaftlichen Funktionen von ihrem "Kongress" auf die Selbstverwaltung übertragen und den "Kongress" in ein reines Syndikat verwandeln; zweitens auch die übrige Bourgeoisie, die Besitzer von Nebenbetrieben, die Auftragsunternehmer im Bohrgeschäft usw., zur Beteiligung an den Ausgaben für die Bedürfnisse der Arbeiterbevölkerung des Erdölbezirks heranziehen. Was nun die vier Stimmen für Arbeiter anbelangt, die "gemäß den Bestimmungen der III. Reichsduma" gewählt werden (Bevollmächtigte von der Arbeiterkurie, und dann 4 Wahlmänner) - so sind sie nicht nur kein Opfer seitens der Erdölindustriellen, sondern sie sind sogar sehr vorteilhaft; vier Arbeiterstimmen zwecks Dekoration der Selbstverwaltung - das ist so "liberal" und ... billig, dass die Erdölkönige sich freiweg darauf einlassen konnten.

Anderseits gibt es keinen Zweifel, dass die Selbstverwaltung auf den Ölfeldern, insofern als sie die Erdölbourgeoisie und, sozusagen, die "nebengeordnete" Bourgeoisie zu einem Ganzen zusammenfassen wird, auch die bisher voneinander getrennten Erdölarbeiter und die Arbeiter der Nebenbetriebe vereinigen und ihnen die Möglichkeit geben muss, ihre gemeinsamen Forderungen durch ihre vier Vertreter zu demonstrieren.

In Berücksichtigung alles dessen hat das Bakuer Komitee in seiner Resolution über die Selbstverwaltung auf den Ölfeldern beschlossen, die geplante Selbstverwaltung im Sinne der Beteiligung an ihr zur Agitation für die allgemeinen Wirtschaftsnöte der Arbeiter und zur verstärkten Organisierung der letzteren auszunutzen.

Weiter verlangt die Organisation zum Zwecke einer Erweiterung des Rahmens des Wahlsystems und davon ausgehend, dass sich die Selbstverwaltung auf den Ölfeldern im allgemeinen mit den gleichen, die Arbeiter bewegenden Fragen beschäftigen wird, mit denen sich die bisher einberufenen Beratungen beschäftigt haben - in den letzteren aber wurde den Arbeitern stets die gleiche Stimmenzahl eingeräumt wie den Erdölindustriellen -, in ihrer Resolution eine paritätische Anzahl von Arbeiterstimmen in der Selbstverwaltung, wobei sie ebenda betont, dass der Kampf innerhalb der Selbstverwaltung nur insofern Wirkung haben kann, als er durch den Kampf außerhalb der Selbstverwaltung unterstützt wird und den Interessen dieses Kampfes dient.

Außerdem verlangt die Organisation in Anbetracht der für die Arbeiter ungünstigen Entscheidung der Gouvernementsberatung über die Aussonderung der Siedlungen Balachany, Sabuntschi und Romany - im wesentlichen Arbeitersiedlungen - aus dem Bezirk der Selbstverwaltung deren Einbeziehung in den Bezirk der Selbstverwaltung auf den Ölfeldern.

Schließlich betont das Bakuer Komitee in dem allgemeinen Teil seiner Resolution, der die allgemeine, gleiche, direkte und geheime Abstimmung als notwendige Voraussetzung einer freien Entwicklung der örtlichen Selbstverwaltungen und der freien Äußerung der bestehenden Klassengegensätze erklärt, die Notwendigkeit des Sturzes der Zarenmacht und der Einberufung einer vom ganzen Volke getragenen Konstituierenden Versammlung als Vorbedingung für die Schaffung konsequent demokratischer örtlicher Selbstverwaltungen ...

Die Selbstverwaltung auf den Ölfeldern befindet sich vorläufig im Stadium der Formierung. Der Entwurf der Kommission der Erdölindustriellen muss vom Kongress der Erdölindustriellen bestätigt werden und wird durch die Kanzlei des Statthalters an das Innenministerium weitergegeben, um dann in die Reichsduma zu gelangen usw. Nichtsdestoweniger hat die Organisation beschlossen, jetzt gleich eine Kampagne zu eröffnen, auf den Ölfeldern und in den Betrieben Versammlungen einzuberufen, um die Erdölindustriellen zu entlarven, die eigene Plattform unter den breiten Massen zu popularisieren und für die vom ganzen Volke getragene Konstituierende Versammlung zu agitieren. Zu dem gleichen Zweck wird sie weder auf die "Beteiligung" am Kongress der Erdölindustriellen, noch auch auf die Ausnutzung der Dumatribüne verzichten und zu diesem Zweck unsere Fraktion vorher mit den notwendigen Materialien versorgen.

 

Die Lage in der Organisation

Infolge einiger für Baku spezifischer Bedingungen im Erdölbezirk (einer gewissen Versammlungsmöglichkeit, die von der Administration noch nicht restlos beseitigt worden ist; des Bestehens der Ölfeld- und Betriebskommissionen) unterscheidet sich die Lage der Organisation in Baku vorteilhaft von der Lage in den anderen Teilen Rußlands. Außerdem erleichtert das Vorhandensein der so genannten legalen Möglichkeiten gleichfalls die Arbeit. Infolgedessen hat die Organisation ziemlich viele Verbindungen. Wegen Mangels an Kräften und Mitteln aber bleiben die Verbindungen unausgenutzt. Es bedarf einer mündlichen und, hauptsächlich, gedruckten Agitation in tatarischer, armenischer und russischer Sprache, aber wegen Mangels an Mitteln (und Kräften) müssen wir uns auf die russische Sprache beschränken, während indessen z. B. die mohammedanischen Arbeiter den wichtigsten Posten in der Produktion (die Ölschöpfung) innehaben und zahlenmäßig relativ stärker sind als die Russen oder die Armenier. Der in russischer Sprache herausgegebene "Bakinski Proletari" (das Organ des Bakuer Komitees) ist ist, hauptsächlich wegen Mangels an Mitteln, schon seit drei Monaten nicht erschienen. In seiner letzten Sitzung hat das Bakuer Komitee den Vorschlag des Tifliser Komitees angenommen, ein gemeinsames Organ möglichst in vier oder drei Sprachen (russisch, tatarisch, georgisch, armenisch) herauszugeben. Unsere Organisation zählt nicht mehr als 300 Mitglieder (im strengen Sinne des Wortes). Die Vereinigung mit den Genossen Menschewiki (etwa 100 Mitglieder) ist noch nicht in das Stadium der Verwirklichung getreten - vorläufig machen sich nur Wünsche bemerkbar, nun, und Wünsche allein liquidieren die Spaltung noch nicht... Die Propaganda erfolgt nur in höheren Zirkeln, die bei uns "Besprechungen" heißen. Das System ist das von Vorträgen. Es macht sich ein großer Mangel an ernster Propagandaliteratur bemerkbar... Von einer schlechten Wirkung auf die Parteimasse ist die Losgerissenheit von der Partei, die völlige Uninformiertheit über die Angelegenheiten der Parteiorganisationen in Rußland. Ein gesamtrussisches Organ, regelmäßig veranstaltete Gesamtparteikonferenzen und systematische Rundreisen von Mitgliedern des ZK könnten da Abhilfe schaffen. Von den Beschlüssen allgemein organisatorischen Charakters, die das Bakuer Komitee gefasst hat, sind zwei am wichtigsten: der über die Gesamtparteikonferenz und der über das gesamtrussische Organ. (Siehe den vorliegenden Band "Resolutionen, beschlossen vom Bakuer Komitee") In der ersten Frage hält es das Bakuer Komitee für notwendig, die Konferenz zur Entscheidung der herangereiften, hauptsächlich organisatorischen Fragen so rasch wie möglich einzuberufen. Daneben hält das Bakuer Komitee eine Konferenz der Bolschewiki zur Liquidierung der in den letzten Monaten entstandenen unnormalen Lage innerhalb der Fraktion gleichfalls für notwendig. In der zweiten Frage macht das Bakuer Komitee, das die Isoliertheit der Organisationen voneinander konstatiert und der Meinung ist, dass nur ein in Rußland erscheinendes gesamtrussisches Organ die Parteiorganisationen zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfügen könnte, der Partei den Vorschlag, zur Organisierung einer solchen Zeitung zu schreiten.

 

"Die legalen Möglichkeiten"

Wenn unsere Organisation relativ leicht mit der Krise fertig geworden ist, wenn sie ihre Tätigkeit niemals unterbrochen und stets in dieser Oder jener Weise auf alle Tagesfragen reagiert hat - so verdankt sie das in vieler Hinsicht den sie umgebenden "legalen Möglichkeiten", deren Existenz sich bis heute fortsetzt. Natürlich verdanken die "legalen Möglichkeiten" ihrerseits ihre Existenz den besonderen Bedingungen der Erdölindustrie, ihrer besonderen Rolle in der gesamten Volkswirtschaft, aber nicht davon ist jetzt die Rede... Unter den "legalen Möglichkeiten" in Baku sind die Ölfeld- und Betriebskommissionen von besonderem Interesse. Diese Kommissionen werden von ausnahmslos allen Arbeitern der gegebenen Firma ohne Unterschied der Nationalität und der politischen Elberzeugungen gewählt. Ihre Funktionen bestehen darin, im Namen der Arbeiter über Ölfeld- und Betriebsfragen mit der Verwaltung der Firma zu verhandeln. Im direkten Sinne sind sie noch keine legalen Organisationen, aber indirekt und faktisch sind sie durchaus legal, denn sie bestehen auf Grund des "Dezembervertrags", der voll-ständig in den "Abrechnungsbüchern" der Arbeiter, die mit Genehmigung der Behörden ausgegeben werden, enthalten ist. Die Bedeutung der Ölfeld- und Betriebskommissionen für unsere Organisation ist begreiflich: durch sie erhält unsere Organisation die Möglichkeit, die Massen der Erdölarbeiter organisierterweise zu beeinflussen, notwendig ist nur, dass die Kommissionen die Beschlüsse der Organisation vor den Massen vertreten. Freilich ist die Bedeutung der Kommissionen jetzt schon nicht mehr so groß, denn die Erdölindustriellen rechnen nicht weiter mit ihnen, aber die Arbeiter "rechnen" mit den Kommissionen, und das ist für uns das wichtigste ...

Außer den Kommissionen bestehen noch die Gewerkschaften, eigentlich zwei Gewerkschaften: die der "Arbeiter der Erdölindustrie" (etwa 900 Mitglieder) und die der "Maschinenarbeiter" (etwa 300 Mitglieder). Die Gewerkschaft der "Förderungsarbeiter" kann man ignorieren, denn sie ist zu unbedeutend. Wir sagen nichts von den Gewerkschaften der anderen Berufszweige, die keine direkte Beziehung zur Erdölindustrie haben, ebenso wenig von dem illegalen Verband der Seeleute (etwa 200 Mitglieder) unter dem Einfluss der Sozialrevolutionäre, obgleich der letztere für die Erdölindustrie von Bedeutung ist. Von den beiden erwähnten Gewerkschaften ist die erste (Einfluss der Bolschewiki) unter den Arbeitern besonders populär. Sie ist nach dem Produktionsprinzip aufgebaut und vereinigt die Arbeiter aller Kategorien der Erdölarbeit (Förderung, Bohrung, Maschinenarbeit, Erdölverarbeitung, ungelernte Arbeit). Ein solcher Organisationstypus wird von den Kampfbedingungen vorgeschrieben, die einen Streik z. B. der Maschinenarbeiter unabhängig von den Förderungsarbeitern usw. unzweckmäßig machen. Die Arbeiter haben das begriffen (Noch nicht begriffen hat dies Dmitrijew, der in seinem Buch "Aus der Praxis der Gewerkschaftsbewegung" die Notwendigkeit von drei Gewerkschaften auf der Grundlage einer "Analyse" nicht der Bedingungen des Kampfes der Erdölarbeiter, sondern... der Technik der Arbeit "nachweist"; es gebe verschiedene Berufe, und deshalb müsste es auch verschiedene Gewerkschaften geben...) und haben begonnen, den Verband der "Maschinenarbeiter" in Massen zu verlassen. Die Sache ist die, dass der Verband der "Maschinenarbeiter" (Einfluss der Menschewiki), der nach dem Berufsprinzip aufgebaut ist, das Produktionsprinzip ablehnt und an Stelle eines gemeinsamen drei verschiedene Verbände vorschlägt (Maschinenarbeit, Förderung, Erdölverarbeitung). Aber das Prinzip der Organisation nach Berufen ist durch die Bakuer Praxis schon längst verworfen worden. Hierdurch erklärt sich übrigens auch der fortschreitende Rückgang des Verbandes der "Maschinenarbeiter". Im Übrigen sind sich hierüber auch die Führer des Verbandes im Klaren, die auch andere Arbeiter als Verbandsmitglieder aufnehmen und so ihr eigenes Prinzip durchbrechen. Gäbe es keine falsche Eigenliebe bei den erwähnten Führern, so hätte sich die Gewerkschaft der "Maschinenarbeiter" schon längst mit der Gewerkschaft der "Arbeiter der Erdölindustrie" verschmolzen und ihren Fehler offen zugegeben.

Apropos Verschmelzung. Schon zwei Jahre werden "Verhandlungen" über die Verschmelzung der Gewerkschaften geführt, aber bis jetzt ist nichts dabei herausgekommen, da: 1. die menschewistischen Führer die Verschmelzung bewusst bremsen, aus Angst, sich in der Mehrheit der Bolschewiki zu verlieren; 2. die Fraktionen, unter deren Einfluss die Gewerkschaften handeln, sich vorläufig noch nicht vereinigt haben. Und mit wem auch sollte man sich vereinigen? Die 80 bis 100 "Mitglieder", die die Menschewiki vielleicht zählen, haben sich vorläufig selbst noch nicht vereinigt. Mindestens für die letzten acht Monate kennen wir vom menschewistischen "leitenden Kollektiv" kein einziges Flugblatt, keine einzige Aktion, obgleich die Erdölbezirke in dieser Zeit so wichtige Kampagnen wie die Kampagne für den allgemeinen Streik, die Semstwokampagne, die Antialkoholkampagne usw. erlebt haben. Die Organisation der Menschewiki ist faktisch nicht da, ist liquidiert. Einfach gesagt, es ist keiner da, mit dem man sich vereinigen könnte. Eine solche Sachlage aber hemmt natürlich die Verschmelzung der Gewerkschaften...

Beide Gewerkschaften sind parteilos. Aber das ist kein Hindernis, die engsten Verbindungen mit der Parteiorganisation zu unterhalten.

Der Einfluss der Gewerkschaften auf die Massen ist nicht gering, besonders der des Verbandes der "Arbeiter der Erdölindustrie". Dies aber erleichtert selbstverständlich den Zusammenschluss der lebendigsten Elemente um unsere Organisation.

Unter den übrigen "legalen Möglichkeiten" sind die Klubs (sozial-demokratischer Einfluss) und die Konsumgenossenschaft "Trud"1861 (Einfluss der Sozialrevolutionäre und der Sozialdemokraten) als Zentren der Konzentration der lebendigsten Elemente des Bakuer Proletariats beachtenswert. Von ihren Beziehungen zur Organisation, besonders des Klubs "Snanije-Sila"[87] , der in allen Erdölbezirken tätig ist (der Klub "Nauka" ist nur in der Stadt tätig), lässt sich das gleiche sagen, wie von den Gewerkschaften auch...

Die letzten beiden Wochen waren durch die Antialkoholkampagne, die die Tätigkeit fast aller legalen Apparate erforderte, in Anspruch genommen. Die Stellungnahme des Bakuer Komitees in dieser Frage ist in seiner Resolution zum Ausdruck gekommen. Darin wird der Alkoholismus als ein unter dem Kapitalismus unvermeidliches Übel betrachtet, das nur mit dem Sturz des Kapitalismus, mit dem Triumph des Sozialismus abgeschafft werden kann. Gerade die bestehenden autokratisch-fronherrlichen Zustände, die die Arbeiter und Bauern auf die Stellung rechtloser Sklaven hinunterdrücken und ihnen die Möglichkeit nehmen, ihre kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen, fördern dadurch in stärkstem Grade die Verbreitung der Trunksucht unter den werktätigen Schichten. Wir sprechen schon gar nicht davon, dass die Vertreter der "Macht" die Trunksucht als eine Quelle der Auffüllung der Staatskasse auch direkt fördern. Angesichts alles dessen behauptet das BK, dass weder die Predigt der "Liberalen", die Kongresse zur Bekämpfung der Trunksucht und "Nüchternheitsvereine" organisieren, noch die Vorhaltungen der Pfaffen die Trunksucht zu mildern oder gar abzuschaffen vermögen, da die Trunksucht sich aus der Ungleichheit des Lebens ergibt und von den autokratischen Zuständen gefördert wird. In den Grenzen der kapitalistischen Zustände ist nur ein Kampf, der sich nicht die Abschaffung der Trunksucht, sondern ihre Reduzierung auf ein Minimum zum Ziel setzt, möglich und notwendig. Für den Erfolg eines solchen Kampfes aber bedarf es vor allem des Sturzes der Zarenmacht und der Eroberung der demokratischen Republik, die die freie Entwicklung des Klassenkampfes und die Organisierung des Proletariats in Stadt und Land, die Hebung seines kulturellen Niveaus und die großzügige Vorbereitung seiner Kräfte für den großen Kampf um den Sozialismus ermöglicht. Das BK betrachtet den bevorstehenden Kongress zur Bekämpfung der Trunksucht[88] als ein Mittel der Agitation für die demokratischen und sozialistischen Forderungen des russischen Proletariats und schlägt unserem Delegierten vor, die opportunistischen Kongressmitglieder zu bekämpfen, die die Klassenaufgaben des Proletariats zu vertuschen suchen...

20. Dezember.

Zuerst erschienen im "Sozialdemokrat" Nr. 11,
13. (26.) Februar 1910.
Unterschrift: K. S.

Der Abschnitt "Die legalen Möglichkeiten"
wurde am 20. Dezember 1909 geschrieben.
Unterschrift: K. Stefin.

Nach dem russischen Zeitungstext.
Der Abschnitt "Die legalen Möglichkeiten"
nach dem russischen Manuskript.

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