"Stalin"

Werke

Band 2

BRIEFE AUS DEM KAUKASUS

II

TIFLIS

Im Sinne der Entwicklung der Industrie stellt Tiflis das direkte Gegenteil von Baku dar. Ist Baku als das Zentrum der Erdölindustrie interessant, so kann Tiflis nur als das Verwaltungs-, Handels- und "Kultur"-Zentrum des Kaukasus von Interesse sein. Die Gesamtzahl der Industriearbeiter in Tiflis beträgt etwa 20000, d. h. weniger als die Zahl der Soldaten und Polizisten. Der einzige Großbetrieb sind die Eisenbahnwerkstätten (etwa 3500 Arbeiter). In den übrigen Betrieben werden je 200, 100 und meistens je 20 bis 40 Personen beschäftigt. Dafür ist Tiflis buchstäblich von Handelsunternehmen und dem mit ihnen verbundenen "Handelsproletariat" angefüllt. Die schwache Abhängigkeit von den großen, ewig lebhaften und geschäftigen Märkten Rußlands drückt Tiflis den Stempel der Stagnation auf. Das Fehlen der scharfen Klassenzusammenstöße aber, wie sie nur großen Industriezentren eigen sind, macht Tiflis zu einer Art Sumpf, der auf einen Anstoß von außen wartet. Eben hierdurch erklärt es sich, dass sich der Menschewismus, der echte "rechte" Menschewismus, so lange in Tiflis gehalten hat. Wie ganz anders ist doch Baku, wo die scharf ausgeprägte Klassenposition der Bolschewiki lebhaften Widerhall unter den Arbeitern findet!

Das, was in Baku "von selbst klar ist", wird in Tiflis erst nach langwierigen Diskussionen klar - die unversöhnlichen Reden der Bolschewiki werden mit großer Mühe verdaut. Eben hierdurch erklärt sich auch die "besondere Neigung" der Tifliser Bolschewiki zu Diskussionen und umgekehrt der Wunsch der Menschewiki, Diskussionen nach Möglichkeit "zu entgehen". Doch aus dem Gesagten ergibt sich nur, dass sich die Arbeit der revolutionären Sozialdemokraten auf dem Gebiet der sozialistischen Aufklärung des Tifliser Proletariats sehr häufig und unvermeidlich in der Form des ideologischen Kampfes gegen den Menschewismus äußern wird. Besonderes Interesse gewinnt infolgedessen eine auch nur flüchtige Analyse der ideologischen Atmosphäre, die vor allem bekämpft werden muss und die von den Tifliser Menschewiki, die bis jetzt in Tiflis noch die Vorherrschaft haben, geschaffen wird. Diese Atmosphäre kann als eine Atmosphäre des Liquidatorentums qualifiziert werden, liquidatorisch nicht nur im organisatorischen, sondern auch im taktischen und auch im programmatischen Sinn. Mit einer Charakterisierung dieser Atmosphäre wollen wir denn auch unsere flüchtige Skizze des Standes der Parteiangelegenheiten in Tiflis beginnen.

 

Das programmatische Liquidatorentum

Das Organ, worin die "öffentliche Meinung" der Menschewiki ihre Widerspiegelung findet, ist die georgische menschewistische Presse. Das Kredo der Tifliser Menschewiki hat seinen Ausdruck in den Artikeln "Brennende Fragen" gefunden (siehe die Nummern von "Asri" und "Dassazkissi"[89]). Der Verfasser dieser Artikel ist der einflussreichste unter den Tifliser Menschewiki, Genosse An[90].

Kommen wir zur Wiedergabe dieser Artikel, die das Liquidatorentum in Tiflis ideologisch vorbereitet haben.

In den erwähnten Artikeln unternimmt der Verfasser eine "Umwertung aller Werte" und gelangt zu dem Schluss, dass die Partei (besonders die Bolschewiki) sich irre, was einige ihrer programmatischen, insbesondere aber taktischen Sätze anbelangt. Nach der Meinung des Verfassers ist es notwendig, "die gesamte Parteitaktik in grundlegender Weise zu ändern", und "die Vereinigung der Kräfte der Bourgeoisie und des Proletariats" zu ermöglichen - die das einzige Unterpfand für den Sieg der Revolution sei. Übrigens möge der Verfasser selbst sprechen.

"Die Bolschewiki suchten zu beweisen", sagt der Verfasser, "dass es (das Proletariat) das gesamte Minimum seines Programms (in der bürgerlichen Revolution) verwirklichen muss. Aber die Verwirklichung des sozialen Teils dieses Minimums würde ja dazu führen, dass es die Produktion der Bourgeoisie fesselte, den Protest der gesamten Bourgeoisie hervorriefe und den Grund zu einer grandiosen Konterrevolution legte... Wer wird sich zu behaupten er-dreisten, dass die Verwirklichung des Achtstundentages den Interessen der heutigen unentwickelten Bourgeoisie entspricht?" Es sei klar, dass "die Verwirklichung des Minimalprogramms der Bolschewiki eine einfache Deklamation ist" (siehe "Asri" Nr. 17, Februar 1908).

Natürlich sprachen von der Verwirklichung des gesamten Minimalprogramms nicht allein die Bolschewiki, und die Geschichte kennt keinerlei bolschewistisches Minimalprogramm außer dem der Gesamtpartei - aber im vorliegenden Fall ist nicht das interessant. Wichtig ist, dass sich unser Verfasser wegen der "Unentwickeltheit der Bourgeoisie" und der daraus entspringenden konterrevolutionären Gefahr zum Kampf aufmacht gegen den "sozialen Teil" des Programms als eine "einfache Deklamation", die offensichtlich liquidiert werden müsste.

Keinerlei Analyse der wirklichen Lage der Industrie (Genosse An drückt sich offenbar falsch aus, wenn er die Rückständigkeit der Industrie "Unentwickeltheit der Bourgeoisie" nennt. K. St.), keinerlei Ziffern, keinerlei irgendwie bedeutsame Angaben wird man bei Genossen .An finden. Er geht einfach von der nackten These aus, dass die Bourgeoisie die Verwirklichung des Achtstundentages nicht dulden werde, während ohne die "Vereinigung der Kräfte des Proletariats und der Bourgeoisie" der Sieg der Revolution unmöglich sei - folglich nieder mit dem "sozialen Teil" des Programms...

Wir wollen die Unsinnigkeit der Behauptungen des Verfassers nicht nachweisen, Behauptungen, die ständig von den Liberalen unserer Zeit gegen die Sozialdemokraten ins Feld geführt werden. Unserer Meinung nach ist es absolut hinreichend, sie zu zitieren, um mit einem Schlage die Physiognomie der Tifliser Menschewiki zu erfassen...

Aber unser Verfasser rüstet sich nicht nur gegen den "sozialen Teil" des Programms. Auch sein politischer Teil findet bei ihm keine Gnade, obgleich das nicht so direkt und offen geschieht. Hören wir ihn an:

"Der Kampf des Proletariats allein oder der Bourgeoisie (Unter "Bourgeoisie" versteht der Verfasser überall die "mittlere" liberale Bourgeoisie, "deren Ideologen die Kadetten sind". K. St.) allein wird die Reaktion auf keinen Fall brechen... Es ist klar, dass die Vereinigung ihrer Kräfte, diese oder jene Kombination ihrer Kräfte und ihre Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel den einzigen Weg (von uns hervorgehoben) des Sieges über die Reaktion bilden"... "Die Niederlage der Reaktion, die Eroberung einer Verfassung und die Verwirklichung dieser letzteren hängen von der bewussten Vereinigung der Kräfte der Bourgeoisie und des Proletariats und ihrer Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel ab"... Hierbei "muss das Proletariat so marschieren, dass es durch seine Unversöhnlichkeit die gemeinsame Bewegung nicht schwächt". Da aber "die nächste Forderung der Bourgeoisie nur eine gemäßigte Verfassung sein kann", so ist es offenbar die Pflicht des Proletariats, seine "radikale Verfassung" beiseite zu werfen, wenn es nicht "die gemeinsame Bewegung durch seine Unversöhnlichkeit schwächen" und "die bewusste Ausrichtung der Kräfte der Bourgeoisie und des Proletariats auf ein gemeinsames Ziel" zunichte machen will, kurzum, wenn es nicht den Sieg der Konterrevolution vorbereiten will (siehe "Dassazkissi" Nr. 4, 1908).

Die Schlussfolgerung ist klar: Nieder mit der demokratischen Republik, es lebe die "gemeinsame Bewegung" und ... die "gemäßigte Verfassung", natürlich "im Interesse des Sieges" der Revolution .. .

Was wir vor uns haben, ist, wie man sieht, eine schlechte Wiedergabe des bekannten Artikels des früheren Sozialdemokraten Wassiljew im "Towarischtsch" von 1906 über die "Vereinigung der Klassen", über das zeitweilige Vergessen der Klassenaufgaben des Proletariats, über die Streichung der demokratischen Republik usw. Der Unterschied besteht darin, dass Wassiljew gerade und klar redete, während Genosse An sich schämt, genügend klar zu sprechen.

Wir haben gegenwärtig weder Zeit noch Lust, dieses ganze liberale Gestammel zu untersuchen, das in der russischen sozialdemokratischen Presse schon längst von Grund aus untersucht und beurteilt worden ist. Wir möchten nur die Dinge bei ihrem eigenen Namen nennen: Die programmatischen Übungen unseres Verfassers, die von den Tifliser Menschewiki als ein "neues" Fraktionsmanifest aufgenommen wurden, bedeuten eine Liquidierung des Minimalprogramms der Partei, eine Liquidierung, die die Anpassung unseres Programms an das Programm der Kadetten fordert.

Von dem "neuen" Programm der Tifliser Menschewiki gehen wir über zu ihrer "neuen Taktik".

 

Das taktische Liquidatorentum

Genosse An ist besonders unzufrieden mit der Taktik der Partei, die seiner Meinung nach "grundlegend geändert" werden muss (siehe "Dassazkissi" Nr.4). Den größeren Teil seiner Artikel widmet er deshalb der Kritik dieser Taktik. Besonders fällt er über die bekannte "Formel Plechanows" her ("die Revolution in Rußland wird als Arbeiterbewegung siegen, oder sie wird überhaupt nicht siegen"[91]), die er mit der These von der Hegemonie des Proletariats identifiziert, und entscheidet, dass sie der Kritik nicht standhält. Er schlägt vor, diese "Formel" zu ersetzen durch die "neue" (alte!) These von der "Vereinigung der Kräfte der Bourgeoisie und des Proletariats" im Interesse der "gemeinsamen Bewegung" ... "zu einem gemeinsamen Ziel". Man höre:

"Die These von der führenden Rolle des Proletariats in der bürgerlichen Revolution wird weder durch die Theorie von Marx noch durch die historischen Tatsachen gerechtfertigt."

Die Berufung auf die Theorie:

"Das Proletariat kann nicht mit seinen eigenen Händen die Ordnung seiner eigenen Feinde erbauen. Folglich ist die Führung der bürgerlichen Revolution durch das Proletariat eine Unmöglichkeit."

Die Berufung auf historische Tatsachen:

"Unsere Revolution war gleichzeitig unsere Arbeiterbewegung, und trotzdem hat die Revolution nicht gesiegt. Es ist klar, dass sich die Formel Plechanows nicht gerechtfertigt hat" (siehe "Asri" Nr. 17).

Das ist kurz und klar. Man muss nur die deutsche Sozialdemokratie bedauern, die schon in ihrem Begrüßungsschreiben an den Londoner Parteitag anerkannt hat (also wohl aus Leichtsinn!), dass die führende Rolle des Proletariats in unserer Revolution sowohl "durch die Theorie von Marx" als auch "durch die historischen Tatsachen" gerechtfertigt wird. Wir sprechen schon gar nicht von unserer (unglücklichen!) Partei ...

Wodurch aber ersetzt unser Autor die führende Rolle des Proletariats, was bietet er uns als Ersatz an?

"Der Kampf des Proletariats allein", sagt Genosse An, "oder der Bourgeoisie allein wird die Reaktion auf keinen Fall brechen... Es ist klar, dass die Vereinigung ihrer Kräfte, diese oder jene Kombination ihrer Kräfte und ihre Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel den einzigen Weg des Sieges über die Reaktion bilden." Hierbei "muss das Proletariat so marschieren, dass es durch seine Unversöhnlichkeit die gemeinsame Bewegung nicht schwächt"... (Siehe "Dassazkissi" Nr.4). Denn, so versichert der Autor, " je schwächer der Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie, desto siegreicher (Hervorhebungen überall von uns. K. St.) ist die bürgerliche Revolution, natürlich unter sonst gleich bleibenden Bedingungen" (siehe "Asri" Nr. 15).

Von welchen "sonst gleich bleibenden Bedingungen" der Autor spricht, mag Allah wissen. Klar ist bloß das eine, dass er die Schwächung des Klassenkampfes im Interesse der - Revolution predigt. Die durch die Erfahrungen unserer ganzen Revolution bestätigte These, dass der Sieg dieser Revolution um so vollständiger sein wird, je mehr sich die Revolution auf den Klassenkampf des Proletariats stützen wird, das die Dorfarmut gegen die Gutsbesitzer und die liberalen Bourgeois mit sich führt, - diese These ist für unseren Autor ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. "Vereinigung der Kräfte des Proletariats mit den Kräften der Bourgeoisie" - darin findet Genosse An das einzige Unterpfand für den Triumph der Revolution.

Aber was für eine Bourgeoisie ist das, auf die unser Autor so viele Hoffnungen setzt? Man höre:

"Die Reaktionäre", sagt unser Autor, "kämpfen besonders stark gegen die Partei der Kadetten... da... die künftigen Herren Rußlands aus derselben Mittelklasse hervorgehen werden, deren Ideologie die Kadetten zum Ausdruck bringen. Den Reaktionären die Staatsmacht zu entreißen, ist nur die für die Herrschaft reif gewordene mittlere Bourgeoisie imstande, diese Klasse ist ihr direkter Konkurrent, und deshalb fürchten die Reaktionäre sie am meisten." Überhaupt "hat in allen Revolutionen der reaktionäre Stand nicht so sehr die Revolutionäre gefürchtet als vielmehr die gemäßigte Bourgeoisie. Weshalb? Weil nur diese Klasse die Zügel der Regierung aus den Händen des alten Regimes übernehmen wird, wie wir oben gesagt haben. Folglich ist gerade diese Klasse dank ihrer gemäßigten Verfassung berufen, die neue Ordnung für die gewaltige Mehrheit annehmbar zu machen und auf diese Weise der Reaktion den Boden zu entziehen" (siehe "Asri" Nr. 24). Aber weil "die Bourgeoisie ohne Proletariat keine neuen Zustände herstellen kann", deshalb "wird das Proletariat die bürgerliche Opposition unterstützen müssen" (siehe "Dassazkissi" Nr.4).

Also die "gemäßigte" kadettische Bourgeoisie mit ihrer "gemäßigten" monarchischen Verfassung - sie also wird unsere Revolution retten. Aber die Bauernschaft, welche Rolle spielt sie in der Revolution?

"Natürlich", erklärt unser Autor, "wird sich die Bauernschaft in die Bewegung einmischen und ihr einen spontanen Charakter verleihen, aber die entscheidende Rolle werden nur zwei moderne Klassen spielen": die gemäßigte Bourgeoisie und das Proletariat (siehe "Dassazkissi" Nr. 4).

Also auf die Bauernschaft, so erfährt man, braucht man nicht besonders zu rechnen.

Jetzt ist alles klar. Für den Triumph der Revolution ist eine gemäßigte kadettische Bourgeoisie mit einer gemäßigten Verfassung nötig. Aber sie allein kann nicht siegen, sie braucht die Hilfe des Proletariats. Das Proletariat muss ihr helfen, denn es kann, außer auf die gemäßigte Bourgeoisie, auf niemand rechnen, die Bauernschaft nicht ausgenommen. Zu diesem Zwecke aber muss es seine Unversöhnlichkeit aufgeben, der gemäßigten Bourgeoisie die Hand reichen und den gemeinsamen Kampf für eine gemäßigte kadettische Verfassung führen. Das übrige wird sich von selber finden. Die Partei, die das Unterpfand für den Triumph der Revolution im Kampf der Arbeiter und Bauern gegen die gemäßigte Bourgeoisie und die Fronherren sieht, irrt sich.

Kurzum, an Stelle der führenden Rolle des Proletariats, das die Bauern mit sich führt - die führende Rolle der kadettischen Bourgeoisie, die das Proletariat nasführt.

Das ist die "neue" Taktik der Tifliser Menschewik.

Diesen ganzen banal-liberalen Plunder zu untersuchen ist unserer Meinung nach nicht notwendig. Notwendig ist nur festzustellen, dass die "neue" Taktik der Tifliser Menschewiki die Liquidierung der von der Revolution bestätigten Parteitaktik ist, eine Liquidierung, die die Verwandlung des Proletariats in ein Anhängsel der gemäßigten kadettischen Bourgeoisie fordert.

Zuerst erschienen im "Diskussionsblatt"
(Beilage zum "Sozialdemokrat") Nr. 2,
25. Mai (7. Juni) 1910.
Unterschrift: K. St.

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