"Stalin"

Werke

Band 2

RESOLUTIONEN,
BESCHLOSSEN VOM BAKUER KOMITEE
AM 22. JANUAR 1910

(Zur bevorstehenden Konferenz der Gesamtpartei)

I

ÜBER DIE POLITISCHE AGITATION UND DEN
FAKTISCHEN ZUSAMMENSCHLUSS DER PARTEI

Der Zustand der Niedergeschlagenheit und Erstarrung, der eine Zeit-lang die Triebkräfte der russischen Revolution erfasst hatte, beginnt zu weichen.

Das Fiasko der Politik der Zarenmacht auf dem Balkan, in Persien und im Fernen Osten; die lächerlichen Anstrengungen der Regierung, die Bauern mit Hilfe des Gesetzes vom 9. November[92] zu beruhigen, das die Armen landlos macht und die Reichen bereichert; der durchaus unbefriedigende Charakter der "Arbeiterpolitik" der Regierung, die die Arbeiter der elementaren Freiheiten beraubt und sie ganz und gar den kapitalistischen Räubern ausliefert; die wachsende Verschuldung der Staatskasse und der partielle Ausverkauf Rußlands an das Auslandskapital; der völlige Zerfall der Verwaltungsapparate, der in den Unterschleifen der Intendanten und Eisenbahnmagnaten, in der Erpressung der Polizei, in der Gaunerei der Ochrana usw. seinen Ausdruck findet - alles das macht die Unfähigkeit der Konterrevolution, mit den schlummernden Kräften der Revolution fertig zu werden, für die Massen augenscheinlich und fördert die in den letzten Monaten zu verzeichnende Belebung unter den Arbeitern, erweckt unter ihnen Interesse für das politische Leben des Landes und erzeugt Fragen: Was sollen wir tun, wohin sollen wir gehen usw.?

Vor der Partei erhebt sich die brennende Frage der Notwendigkeit einer umfassenden politischen Parteiagitation. Was aber die Versuche der Pressefreiheit genießenden liberalisierenden Konterrevolutionäre anbelangt, die Massen durch legale "Kongresse" und "Vereine" zahm zu machen und den Einfluss der Sozialdemokratie unter ihnen zu untergraben, so verwandeln sie die Frage der Notwendigkeit einer vom Parteigeist getragenen politischen Agitation in eine Frage von Leben oder Tod für die Partei.

Indessen machen die Losgerissenheit unserer Organisationen voneinander und das Fehlen eines (leitenden) Zentrums für die praktische Arbeit, das regulär in Rußland tätig wäre und tatsächlich die örtlichen Organisationen zu einer einheitlichen Partei zusammenfasste, es unmöglich, eine wirklich parteigerechte (und nicht handwerklich gruppenmäßige) politische Agitation zu verwirklichen, machen es der Partei unmöglich, der systematischen Hetze der "Liberalen" irgend etwas Ernsthaftes entgegenzusetzen, und tun dadurch der Partei in den Augen der Arbeiter Abbruch.

Wir sprechen schon gar nicht davon, dass eine solche Sachlage, anstatt zur Ausnutzung der "legalen Möglichkeiten" zu führen, eine regelrechte Ausnutzung der zersplitterten und deshalb schwachen illegalen Organisationen durch die "legalen Möglichkeiten" nach sich ziehen kann, natürlich zum Schaden für die Interessen der Sozialdemokratie.

Angesichts alles dessen erachtet das Bakuer Komitee die Ausarbeitung von Maßnahmen zum faktischen Zusammenschluss der Partei und folglich auch zur Verwirklichung der politischen Parteiagitation als die nächste und unaufschiebbare Aufgabe.

Das BK ist der Meinung, dass unter den notwendigen Maßnahmen die folgenden an wichtigster Stelle stehen müssen:

  1. Verlegung des (leitenden) Zentrums für die praktische Arbeit nach Rußland;
  2. Organisierung einer mit dem ganzen Lande verbundenen gesamt-russischen leitenden Zeitung, die in Rußland erscheint und von dem erwähnten praktischen Zentrum redigiert wird;
  3. Organisierung von örtlichen Presseorganen in den wichtigsten Zentren der Arbeiterbewegung (Ural, Donezbecken, Petersburg, Moskau, Baku usw.).

Das BK ist fest davon überzeugt, dass die Verwirklichung der oben erwähnten Maßnahmen alle wirklich parteitreuen Elemente ohne Unterschied der Fraktionen zu einer sozialdemokratischen Partei zusammenschließen könnte, eine großzügige politische Agitation ermöglichen und eine großzügige Ausnutzung der "legalen Möglichkeiten" zwecks Erweiterung und Festigung unserer Partei wesentlich erleichtern würde.

Das BK schlägt deshalb dem Zentralkomitee der Partei vor, sofort eine Konferenz der Gesamtpartei einzuberufen und die oben erwähnten Fragen auf dieser Konferenz zu erörtern.

 

II

UBER DIE VERTRETUNGSNORM AUF DER
BEVORSTEHENDEN KONFERENZ DER GESAMTPARTEI

Nach Behandlung des organisatorischen Planes ("Die nächste Aufgabe", Nr. 50 des "Proletari") hinsichtlich der Einberufung einer Konferenz der Gesamtpartei ist das Bakuer Komitee der Ansicht, dass zur Beteiligung (abgesehen von der festgesetzten Vertretungsnorm) Vertreter der arbeitenden und wirklich existierenden illegalen Parteiorganisationen herangezogen werden müssen, wobei die Hauptaufmerksamkeit den großen Zentren zugewandt werden muss, wo riesige Massen des Proletariats konzentriert sind.

Die Notwendigkeit einer solchen Vertretung braucht nicht begründet zu werden (siehe die spezielle Resolution über die Frage der Tagesordnung der Konferenz).

Obgleich das Bakuer Komitee die Notwendigkeit einer erweiterten Zusammensetzung der Konferenz anerkennt, spricht es sich nichtsdestoweniger entschieden gegen eine besondere Vertretung der Gruppen aus, die in den legalen "Organisationen" arbeiten.

Das BK ist der Auffassung, dass eine besondere Vertretung solcher Gruppen zu den Arbeiten der Konferenz nichts Wesentliches beitragen wird, sowohl in dem Fall, dass die Gruppe zu einer örtlichen Parteiorganisation gehört, deren Führung sie sich unterordnet, als auch in dein Fall, dass die Gruppe sich zwar für sozialdemokratisch hält, die Führung der örtlichen Organisation jedoch nicht anerkennt. Im ersten Fall macht die Vertretung der Parteiorganisation jede wie immer geartete andere, besondere Vertretung unnötig. Im zweiten Falle widerspricht eine besondere Vertretung dem ganzen Charakter der Konferenz, die unbedingt vom Parteigeist getragen sein muss.

Erschienen als besonderes Flugblatt.
Nach dem russischen Wortlaut des Flugblatts.

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