"Stalin"

Werke

Band 2

FÜR DIE PARTEI![99]

Das Interesse am politischen Leben wird im Lande rege und gleichzeitig tritt das Ende der Krise unserer Partei ein. Der tote Punkt der Erstarrung beginnt vorüberzugehen. Die kürzlich abgehaltene Konferenz der Gesamtpartei[100] ist ein unverkennbares Zeichen für die Wiedergeburt der Partei. Zusammen mit dem Anwachsen der russischen Revolution erstarkt und zusammen mit dem Niedergang der Revolution zerschlagen, musste unsere Partei unvermeidlich mit dem politischen Erwachen des Landes wieder zu Kräften kommen. Die Belebung in den wichtigsten Industriezweigen und das Steigen der Profite der Kapitalisten neben dem Rückgang des Reallohns der Arbeiter; die freie Entwicklung der ökonomischen und politischen Organisationen der Bourgeoisie neben der gewaltsamen Zerstörung der legalen und illegalen Organisationen des Proletariats; die Erhöhung der Preise für lebenswichtige Produkte und das Wachsen der Gutsbesitzerprofite neben der Ruinierung der Bauernwirtschaft; die Hungersnot, die mehr als 25 Millionen der Bevölkerung erfasst hat und die Hilflosigkeit des "erneuerten" konterrevolutionären Regimes demonstriert - alles dies musste unweigerlich auf die werk-tätigen Schichten und vor allem auf das Proletariat in dem Sinne wirken, dass es das Interesse am politischen Leben in ihnen erweckte. Ein klarer Ausdruck dieses Erwachens ist unter anderem die Konferenz der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, die im Januar dieses Jahres stattgefunden hat.

Aber die Belebung in den Köpfen und Herzen kann sich nicht in sich selbst verschließen - unter den jetzigen politischen Verhältnissen muss sie unvermeidlich in offene Massenaktionen übergehen.

Man muss das Leben der Arbeiter verbessern, es gilt den Arbeitslohn zu heben, den Arbeitstag zu verkürzen, man muss die Lage der Arbeiter in den Betrieben, Fabriken und Bergwerken grundlegend ändern. Aber wie ist alles das zu leisten, wenn nicht durch die immer noch verbotenen teilweisen und allgemeinen ökonomischen Aktionen?

Es gilt, das Recht des freien Kampfes gegen die Unternehmer, das Recht des Streiks, der Koalitionen, der Versammlungen, des Wortes, der Presse usw. zu erobern: ohne diese Rechte wird der Kampf der Arbeiter für die Verbesserung ihres Lebens aufs äußerste erschwert. Aber wie ist alles das zu leisten, wenn nicht durch offene politische Aktionen, durch Demonstrationen, politische Streiks usw.?

Es gilt, das Land, das an chronischem Hunger leidet, gesund zu machen, es gilt, der jetzigen Sachlage, dass Dutzende von Millionen Werktätigen auf dem Lande gezwungen sind, periodisch eine Hungersnot mit allen ihren Schrecken durchzumachen, ein Ende zu setzen: es ist undenkbar, mit gekreuzten Armen zuzusehen, wie hungernde Väter und Mütter mit Tränen in den Augen ihre Töchter und Söhne "um ein Butterbrot verkaufen"! Mit der gegenwärtigen räuberischen Finanzpolitik, die die kärgliche Bauernwirtschaft zugrunde richtet und Millionen Bauern bei jeder Missernte unvermeidlich auf den Weg einer verheerenden Hungersnot treibt, muss radikal Schluss gemacht werden! Es gilt, das Land vor dem Bettel und der Demoralisation zu retten! Aber kann man das alles tun, ohne das ganze Gebäude des Zarismus, von unten bis oben, umzustürzen? Und wie kann man die Zarenregierung mit allen Überbleibseln der Leibeigenschaft stürzen, wenn nicht durch eine breite revolutionäre Volksbewegung, geführt von ihrem durch die Geschichte berufenen Führer, dem sozialistischen Proletariat?...

Damit jedoch die kommenden Aktionen nicht zersplittert und chaotisch verlaufen, damit das Proletariat seine große Rolle, die Rolle des Vereinigers und Führers der künftigen Aktionen, in Ehren erfülle - für alles das ist außer dem revolutionären Bewusstsein der breiten Schichten des Volkes und dem Klassenbewusstsein des Proletariats noch notwendig, eine starke und elastische proletarische Partei zu haben, die imstande ist, die einzelnen Anstrengungen der örtlichen Organisationen zu einer gemeinsamen Anstrengung zu vereinen und dadurch die revolutionäre Massenbewegung gegen die Hauptfestungen der Feinde zu lenken. Die Partei des Proletariats, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands, zu einer exakt funktionierenden Organisation zu machen - das ist besonders notwendig, damit das Proletariat den herannahenden revolutionären Aktionen würdig begegnen kann.

Die dringende Notwendigkeit des Zusammenschlusses der Partei tritt angesichts der bevorstehenden Wahlen zur vierten Reichsduma noch klarer hervor.

Wie kann man aber die Partei zu einer exakt funktionierenden Organisation machen?

Es ist notwendig, vor allem die örtlichen Parteiorganisationen zu festigen. In kleine und kleinste Gruppen zersplittert, von einem Meer der Verzweiflung und des Unglaubens an die Sache umgeben, intellektueller Kräfte bar und nicht selten von Provokateuren gesprengt - wer kennt nicht dieses unerfreuliche Bild des Lebens der örtlichen Organisationen? Man muss und kann dieser Zerfahrenheit der Kräfte ein Ende setzen! Das beginnende Erwachen der Arbeitermassen auf der einen Seite und die kürzlich stattgefundene Konferenz als Ausdruck dieses Erwachens auf der anderen Seite erleichtern die Liquidierung dieser Zerfahrenheit bedeutend. Lasst uns denn alles von uns Abhängende tun, um die organisatorische Zerfahrenheit zu liquidieren! Mögen sich in jeder Stadt und in jedem Industrieort die sozialdemokratischen Arbeiter gruppieren, alle, ohne Unterschied der Fraktionen, alle, die an die Notwendigkeit der illegalen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands glauben, mögen sie alle sich zu örtlichen Parteiorganisationen gruppieren! Mögen die Werkbänke, die die Arbeiter zu einer einzigen Armee von Ausgebeuteten vereinen - mögen die gleichen Werkbänke sie zu einer einheitlichen Partei von Kämpfern gegen Ausbeutung und Gewalt zusammenschweißen!... Man braucht dabei nicht einer großen Mitgliederzahl nachzujagen: unter den jetzigen Verhältnissen der Arbeit kann sich das sogar als gefährlich erweisen. Es kommt alles auf die Qualität der Genossen an, es kommt alles darauf an, dass die zu örtlichen Organisationen gruppierten einflussreichen Genossen sich der Wichtigkeit der Sache, der sie dienen, bewusst sind und dass sie ihre Arbeit standhaft auf der Linie der revolutionären Sozialdemokratie leisten. Und mögen sich die so formierten örtlichen Organisationen nicht abkapseln, mögen sie unermüdlich in alle Angelegenheiten des proletarischen Kampfes eingreifen, von den "kleinsten" und alltäglichsten bis zu den größten und "ungewöhnlichsten", möge ihrem Einfluss kein einziger Zusammenstoß zwischen Arbeit und Kapital, kein einziger Protest der Arbeitermassen gegen die Greuel der Zarenregierung entgehen: stets muss man daran denken, dass nur auf diesem Wege die Festigung und Gesundung der örtlichen Organisationen erreicht werden kann. Aus diesem Grunde müssen sie auch die lebhaftesten Verbindungen mit den offenen Massenorganisationen der Arbeiter, mit den Gewerkschaften und Klubs, unterhalten und ihre Entwicklung in jeder Weise fördern.

Und mögen sich die Genossen Arbeiter nicht von der Schwierigkeit und Kompliziertheit der Aufgaben beirren lassen, die wegen des Fehlens intellektueller Kräfte ausschließlich ihnen zufallen - es gilt, ein für allemal diese für niemand nötige Bescheidenheit und Angst vor "ungewohnter" Arbeit beiseite zu werfen, es gilt, den Mut zu haben, an komplizierte Parteiangelegenheiten heranzugehen. Es ist kein Unglück, wenn hierbei einige Fehler gemacht werden: ein paar Mal stolpert man, und dann gewöhnt man sich daran, frei zu schreiten. Die Bebels fallen nicht vom Himmel, sie wachsen ausschließlich von unten im Laufe der Parteiarbeit auf allen ihren Gebieten...

Aber die örtlichen Organisationen, auch wenn sie stark und einflussreich sind, bilden, einzeln genommen, noch nicht die Partei. Zu diesem Zweck gilt es außerdem, sie zu einem Ganzen zusammenzufassen, sie zu einem ein gemeinsames Leben führenden Ganzen zu verbinden. Die zersplitterten örtlichen Organisationen, die nicht nur nicht miteinander verbunden sind, sondern auch von der Existenz der anderen nichts wissen, Organisationen, die ganz und gar sich selbst überlassen sind, auf eigene Rechnung und Gefahr handeln und nicht selten entgegengesetzte Linien in der Arbeit verfolgen - alles das sind die bekannten Bilder der Handwerklerei in der Partei. Die örtlichen Organisationen miteinander verbinden und sie um das Zentralkomitee der Partei zusammenfassen - eben das heißt mit der Handwerklerei brechen und der Sache der Festigung der proletarischen Partei den Weg bahnen. Ein einflussreiches Zentralkomitee, das durch lebendige Wurzeln mit den örtlichen Organisationen verbunden ist, die letzteren systematisch informiert und sie miteinander verbindet, ein Zentralkomitee, das unermüdlich in alle Angelegenheiten der gesamtproletarischen Aktionen eingreift, ein Zentralkomitee, das zwecks umfassender politischer Agitation über eine in Rußland erscheinende illegale Zeitung verfügt - nach dieser Seite müssen sich die Erneuerung und der Zusammenschluss der Partei entwickeln.

Man braucht nicht davon zu reden, dass das Zentralkomitee allein nicht imstande ist, mit dieser schwierigen Aufgabe fertig zu werden: Die Genossen aus den örtlichen Organisationen müssen daran denken, dass das Zentralkomitee ohne ihre systematische Unterstützung aus den einzelnen Orten unweigerlich zu einer Null und die Partei zu einer Fiktion werden. Deshalb einmütige Arbeit des Zentrums und der örtlichen Organisationen - das ist die unerlässliche Bedingung der Erneuerung der Partei, dazu fordern wir die Genossen auf.

Also für die Partei, Genossen, für die ihre Wiedergeburt erlebende illegale Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands!

Es lebe die einheitliche Sozialdemokratische .Arbeiterpartei Rußlands!

Das Zentralkomitee der SDAPR

 

Erschienen als besondere Proklamation
im März 1912.
Nach dem russischen Manuskript.

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