"Stalin"

Werke

Band 2

ES LEBE DER 1. MAI![101]

Genossen!

Schon im vorigen Jahrhundert haben die Arbeiter aller Länder beschlossen, alljährlich den heutigen Tag, den Tag des 1. Mai, zu feiern. Das geschah 1889, als die Arbeiter auf dem Pariser Kongress der Sozialisten aller Länder den Beschluss fassten, gerade heute, am Tage des 1. Mai, da die Natur aus dem Winterschlaf erwacht, Wälder und Berge sich mit Grün bedecken, Felder und Wiesen sich mit Blumen schmücken, die Sonne stärker zu wärmen beginnt, in der Luft die Freude der Erneuerung fühlbar wird und die Natur sich dem Tanze und dem Frohlocken hingibt - als sie beschlossen, gerade heute der ganzen Welt laut und offen zu erklären, dass die Arbeiter der Menschheit den Frühling und die Befreiung von den Fesseln des Kapitalismus bringen, dass die Arbeiter berufen sind, die Welt auf der Grundlage der Freiheit und des Sozialismus zu erneuern.

Jede Klasse hat ihre Lieblingsfeiern. Die Adligen führten ihre Feiertage ein, und an diesen Feiertagen verkündeten sie das "Recht", die Bauern zu plündern. Die Bourgeois haben ihre eigenen Feiertage, und an diesen Tagen "rechtfertigen" sie das "Recht", die Arbeiter auszubeuten. Auch die Pfaffen haben ihre Feiertage, und an diesen Tagen lobpreisen sie die bestehenden Zustände, unter denen die Werktätigen im Elend verkommen, die Müßiggänger aber im Luxus schwelgen.

Auch die Arbeiter müssen ihren Feiertag haben, und an diesem Tage müssen sie verkünden: allgemeine Arbeit, allgemeine Freiheit, allgemeine Gleichheit aller Menschen. Dieser Feiertag ist der Feiertag des 1. Mai.

So haben die Arbeiter schon 1889 beschlossen.

Seitdem erschallt der Kampfruf des proletarischen Sozialismus immer stärker auf den Versammlungen und Demonstrationen am Tage des 1. Mai. Immer breiter schwillt der Ozean der Arbeiterbewegung an und erfasst neue Länder und Staaten von Europa und Amerika bis nach Asien, Afrika und Australien. Der einstmals schwache internationale Rund der Arbeiter ist im Verlauf einiger weniger Jahrzehnte zu einer grandiosen internationalen Bruderschaft herangewachsen, die regelmäßig Kongresse veranstaltet und Millionen von Arbeitern aus allen Ecken und linden der Welt vereinigt. In hohen Wellen steigt das Meer des proletarischen Zorns, und immer drohender greift es die schwankenden Zwingburgen des Kapitalismus an. Der große Streik der Kohlenkumpel, der sich kürzlich in England, Deutschland, Belgien, Amerika usw. abspielte, ein Streik, der die Ausbeuter und Könige der ganzen Welt in Angst und Schrecken versetzt hat, ist ein klares Anzeichen dafür, dass die sozialistische Revolution nicht mehr weit ist...

"Wir ehren das goldene Kalb nicht!" Wir brauchen das Reich der Bourgeois und der Unterdrücker nicht! Fluch und Tod dem Kapitalismus mit seinen Schrecken des Elends und des Blutvergießens! Es lebe das Reich der Arbeit, es lebe der Sozialismus!

Das ist es, was die klassenbewussten Arbeiter aller Länder am heutigen Tage verkünden.

Überzeugt von ihrem Siege, schreiten sie ruhig und stark auf dem Weg in das verheißene Land stolz vorwärts, dem Weg zum lichten Sozialismus, und verwirklichen Schritt für Schritt den großen Ruf von Karl Marx: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"

So feiern die Arbeiter der freien Länder den 1. Mai.

Die russischen Arbeiter haben sich seit der Zeit, da sie sich ihrer Lage bewusst zu werden begannen und hinter ihren Genossen nicht zurückbleiben wollten, dem allgemeinen Chor ihrer ausländischen Genossen stets angeschlossen und gemeinsam mit ihnen den 1. Mai gefeiert, trotz alledem, trotz der bestialischen Repressalien der Zarenregierung. Freilich haben die russischen Arbeiter in den letzten zwei, drei Jahren, in der Periode der konterrevolutionären Bacchanalien und des Parteizerfalls, der Industriedepression und der lähmenden politischen Gleichgültigkeit unter den breiten Massen, die Möglichkeit verloren, ihren lichten Arbeiterfeiertag nach alter Weise zu feiern. Aber die Belebung, die in letzter Zeit im Lande eingesetzt hat, die ökonomischen Streiks und die politischen Proteste unter den Arbeitern zur Durchsetzung wenigstens einer Revision des Prozesses gegen die sozialdemokratischen Mitglieder der zweiten Duma, die entstehende Unzufriedenheit unter den breiten Schichten der Bauernschaft infolge der Hungersnot, die mehr als zwanzig Gouvernements ergriffen hat, die Proteste von hunderttausenden Handlungsgehilfen gegen die "erneuerte" Ordnung der russischen Erzreaktionäre - alles das spricht dafür, dass der lähmende Schlaf vergeht und einer politischen Belebung im Lande, vor allem unter dem Proletariat, Platz macht. Das ist der Grund, weshalb in diesem Jahre die russischen Arbeiter am heutigen Tage ihren ausländischen Genossen die Hand reichen können und müssen. Das ist der Grund, weshalb sie gemeinsam mit ihnen in dieser oder jener Form den 1. Mai feiern müssen.

Sie müssen heute erklären, dass sie gemeinsam mit den Genossen der freien Länder das goldene Kalb nicht ehren und nicht ehren werden.

Sie müssen außerdem der allgemeinen Forderung der Arbeiter aller Länder ihre eigene, russische Forderung nach dem Sturz des Zarismus, nach der Errichtung der demokratischen Republik hinzufügen.

"Wir hassen die Tyrannen der Krone!" "Die Ketten des vielgeprüften Volkes ehren wir!" Tod dem blutbefleckten Zarismus! Schluss mit dem adligen Grundeigentum! Schluss mit der Unternehmertyrannei in den Fabriken, Betrieben und Bergwerken! Den Boden den Bauern! Den Achtstundentag den Arbeitern! Die demokratische Republik allen Bürgern Rußlands!

Das ist es, was die russischen Arbeiter am heutigen Tage außerdem proklamieren müssen.

Es ist Lüge und Lakaientum gegenüber Nikolaus dem Letzten, wenn die russischen Liberalen sich und anderen versichern, der Zarismus habe sich in Rußland gefestigt und sei fähig, die wichtigsten Bedürfnisse des Volkes zu befriedigen.

Es ist Betrug und Pharisäertum, wenn die russischen Liberalen in allen Tonarten beteuern, die Revolution sei tot und wir lebten in einer "erneuerten" Ordnung.

Man blicke um sich: Ähnelt das vielgeprüfte Rußland etwa einem "erneuerten", "wohleingerichteten" Lande?

An Stelle der demokratischen Verfassung - ein Regime des Galgens und der barbarischen Willkür!

An Stelle eines vom ganzen Volke getragenen Parlaments - die schwarze Duma der schwarzen Gutsbesitzer!

An Stelle der "unerschütterlichen Grundlagen der bürgerlichen Freiheit", an Stelle der Freiheit des Worts, der Versammlungen, der Presse, der Koalition und der Streiks, die im Manifest vom 17. Oktober schon versprochen wurden - die tote Hand des "Gutdünkens" und der "Verbote", verbotene Zeitungen, verbannte Redakteure, zerschlagene Gewerkschaften, auseinander gejagte Versammlungen!

An Stelle der Unantastbarkeit der Person - Misshandlungen in den Gefängnissen, Verhöhnung der Bürger, blutige Abrechnung mit den Streikenden auf den Lena-Goldfeldern!

An Stelle der Befriedigung der Bauernnöte - eine Politik der weiteren Landlosmachung der Bauernmassen!

An Stelle einer geregelten Staatswirtschaft - Unterschleife in den Intendanturen, Unterschleife in den Eisenbahnverwaltungen, Unterschleife in der Forstwirtschaft, Unterschleife im Marineamt!

An Stelle von Ordnung und Disziplin im Regierungsmechanismus - Fälschungen in den Gerichten, Erpressungen und Durchstechereien in der Polizei, Mordtaten und Provokationen in der Ochrana!

An Stelle internationaler Größe des russischen Reiches - das klägliche Fiasko der russischen "Politik" in den Angelegenheiten des Nahen und Fernen Ostens, die Rolle des Henkers und Zerstörers in den Angelegenheiten des verblutenden Persiens!

An Stelle der Beruhigung und des Wohllebens der Einwohner-Selbstmorde in den Städten und die schreckliche Hungersnot von 30 Millionen Bauern in den Dörfern!

An Stelle einer Gesundung und Säuberung der Sitten - unerhörte Unzucht in den Klöstern, in diesen Zwingburgen der offiziellen Moral!

Und zur Vollendung des Bildes - die bestialische Erschießung Hunderter von Werktätigen auf den Lena-Goldfeldern!...

Die Zerstörer der gewonnenen Freiheiten, die Anhänger der Galgen und Erschießungen, die Autoren des "Gutdünkens" und der "Verbote", die diebischen Intendanten, die diebischen Ingenieure, die plündernden Polizisten, die mordenden Ochranabeamten, die Unzucht treibenden Rasputins - da habt ihr sie, die "Erneuerer" Rußlands!

Und es gibt auf der Welt noch Menschen, die sich erdreisten zu behaupten, in Rußland sei alles in schönster Ordnung, die Revolution sei tot!

Nein, Genossen, wo Millionen von Bauern hungern und Arbeiter wegen eines Streiks zusammengeschossen werden - da wird die Revolution leben, bis die Schande der Menschheit - der russische Zarismus - vom Angesicht der Erde vertilgt ist.

Und wir müssen am heutigen Tage, am Tage des 1. Mai, in dieser oder jener Form, in den Meetings, Massenversammlungen oder Geheimversammlungen - wie das am zweckmäßigsten ist - sagen, dass wir schwören, für den vollen Sturz der Zarenmonarchie zu kämpfen, dass wir die kommende russische Revolution, die Befreierin Rußlands, begrüßen!

So lasst uns denn unseren Genossen im Ausland die Hand reichen und gemeinsam mit ihnen ausrufen:

Nieder mit dem Kapitalismus!

Es lebe der Sozialismus!

Erheben wir das Banner der russischen Revolution und schreiben wir darauf:

Nieder mit der Zarenmonarchie!

Es lebe die demokratische Republik!

Genossen! Wir feiern heute den 1. Mai! Es lebe der 1. Mai!

Es lebe die internationale Sozialdemokratie!

Es lebe die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands!

 

Das Zentralkomitee der SDAPR

 

Erschienen als besondere Proklamation
im April 1912.
Nach dem russischen Manuskript.

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