"Stalin"

Werke

Band 2

PARTEILOSE SONDERLINGE

Der parteilose Progressismus ist Mode geworden. Das ist nun einmal die Natur des russischen Intellektuellen - er braucht eine Mode. Man begeisterte sich für den Typ Sanin, verfiel der Dekadenz - jetzt ist die Parteilosigkeit an der Reihe.

Was ist das, Parteilosigkeit?

In Rußland gibt es Gutsbesitzer und Bauern, ihre Interessen sind einander entgegengesetzt, der Kampf zwischen ihnen ist eine unvermeidliche Erscheinung. Aber die Parteilosigkeit geht an dieser Tatsache vorüber, sie ist geneigt, die Gegensätzlichkeit der Interessen zu verschweigen.

In Rußland gibt es Bourgeois und Proletarier, der Sieg der einen dieser beiden Klassen bedeutet die Niederlage der anderen. Aber die Parteilosigkeit verkleistert die Gegensätzlichkeit der Interessen, sie schließt die Augen vor der Tatsache ihres Kampfes.

Jede Klasse hat ihre Partei, mit einem besonderen Programm, mit einer besonderen Physiognomie. Die Parteien leiten den Kampf der Klassen: ohne Parteien gäbe es keinen Kampf, sondern das Chaos, die Abwesenheit von Klarheit, die Vermengung der Interessen. Aber die Parteilosigkeit liebt keine Klarheit und Bestimmtheit, sie zieht Nebelhaftigkeit und Programmlosigkeit vor.

Verkleisterung der Klassengegensätze, Verschweigung des Klassenkampfes, Fehlen einer Physiognomie, Bekämpfung des Programmprinzips, Streben nach Chaos und Vermengung der Interessen - das ist die Parteilosigkeit.

Was strebt die Parteilosigkeit an?

Die Vereinigung des Unvereinbaren, die Realisierung des Unrealisierbaren.

Bourgeois und Proletarier miteinander verbünden, eine Brücke zwischen Gutsbesitzern und Bauern schlagen, die Fuhre mit Hilfe des Schwans, des Krebses und des Hechts von der Stelle bringen - danach strebt die Parteilosigkeit.

Die Parteilosigkeit fühlt ihre Ohnmacht, das Unvereinbare zu vereinigen, und seufzt deshalb:

"Ach ja, wenn das Wenn und das Aber nicht wär´,
dann flögen gebratene Tauben daher!"

Aber es fliegen einem keine gebratenen Tauben in den Mund, und die Parteilosigkeit hat jedes Mal das Nachsehen, ist die Dumme.

Ein Mensch ohne Kopf oder, genauer gesprochen, mit einer Rübe auf den Schultern an Stelle des Kopfes - das ist die Parteilosigkeit.

Gerade diese Position bezieht die "progressive" Zeitschrift "Saprossy Shisni"[103].

"Die Rechtsparteien haben bereits ihren Entschluss gefasst", sagen die "Saprossy Shisni", "sie werden sich zwecks Bekämpfung der gesamten progressiven Opposition zu einer reaktionären Masse vereinigen... Dem Block der Rechten muss deshalb ein Block der Linken entgegen gestellt werden, der alle progressiven Gesellschaftselemente umfasst" (siehe "Saprossy Shisni" Nr. 6).

Wer aber sind diese "progressiven Elemente"?

Das sind die friedlichen Erneuerer[104] die Kadetten, die Trudowiki, die Sozialdemokraten. Das heißt "progressive" Bourgeois, liberalisierende Gutsbesitzer, nach dem Gutsherrenland dürstende Bauern und gegen die Bourgeois kämpfende Proletarier.

Und die "Saprossy Shisni" streben die Vereinigung dieser "Elemente" an!

Nicht wahr, das ist sehr originell und - töricht?

Und dieses Organ prinzipienloser Leute will den Sozialdemokraten über die Taktik bei den Wahlen zur IV. Duma Belehrungen erteilen?

Sonderlinge!...

Petersburger "Swesda" (Der Stern) Nr. 30, 15. April 1912.
Unterschrift: K. S-n.
Nach dem russischen Zeitungstext.

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