"Stalin"

Werke

Band 2

WIE SIE SICH FÜR DIE WAHLEN RÜSTEN

Es nahen die Wahlen zur IV. Duma[108] , und die Feinde der Befreiungsbewegung mobilisieren ihre Kräfte.

Da haben wir vor allem die konterrevolutionären Parteien: die äußersten Rechten, die Nationalisten, die Oktobristen. Sie alle unterstützen auf diese oder jene Weise die Regierung. Worauf können sie in der bevorstehenden Wahlkampagne rechnen? Natürlich nicht auf die Sympathie der breiten Schichten der Bevölkerung: die Parteien, die ihr Schicksal mit dem Schicksal der Regierung des Lena-Blutbades verbunden haben, können nicht auf die Sympathie der Massen rechnen! Ihre einzige Hoffnung sind die "Verfügungen" der Regierung. An "Verfügungen" aber wird, wie üblich, kein Mangel sein. Das Innenministerium hat bereits an die Gouverneure ein Rundschreiben versandt, worin es empfiehlt, "Maßnahmen zu treffen, damit von den Amtsbezirken durchaus zuverlässige und nicht zu den Linken gehörende Leute als Bevollmächtigte gewählt werden". Worauf aber in Wirklichkeit alle diese "Maßnahmen" hinauslaufen werden, das wissen wir aus der Praxis: Streichung linker Kandidaten aus den Listen, künstlich gegen sie angestrengte Prozesse, Verhaftung, Verbannung - das sind diese "Maßnahmen"! Anderseits rät der Heilige Synod den Eparchialbischöfen, an den bevorstehenden Wahlen aufs lebhafteste mitzuwirken, standhafte Verteidiger der Kircheninteressen in die Duma zu bringen und zu diesem Zweck Wahlkongresse der Eparchialgeistlichkeit einzuberufen, zur Herausgabe besonderer Wahlzeitungen zu schreiten usw.

Schlecht, sehr schlecht steht es um die Angelegenheiten der Regierungsparteien, wenn selbst die Kirchenväter gezwungen sind, ihretwegen die "kirchlichen Angelegenheiten" den "weltlichen Angelegenheiten" zuliebe zu vernachlässigen!

Wahlen unter dem Druck der geistlichen und der weltlichen Gouverneure - auf diese Mittel also können sie rechnen.

Freilich gibt es noch ein Mittel - die Marke der Parteilosigkeit aufzukleben und sich durch Beschwindelung der Wähler irgendwie in die Duma einzuschleichen, um dann die Maske abzuwerfen. Eben dorthin wird die "Sache" von den Kownoer Nationalisten gewendet, die in den letzten Tagen in der Maske der Parteilosigkeit aufgetreten sind. Aber das ist ein raffiniertes Mittel und dürfte wohl für unsere plumpen Büffel von Reaktionären nicht geeignet sein...

Anders die russischen Liberalen: Kadetten, friedliche Erneuerer, Progressisten. Das ist ein flinkes Publikum, und ihm würde es wohl gelingen, die Marke der Parteilosigkeit voll und ganz auszunutzen... Eine solche Parteilosigkeit brauchen aber die Kadetten, die ihre Schminke immer mehr verlieren, sie brauchen sie dringend.

Die Sache ist die, dass der Mann auf der Straße während der III. Duma gelernt hat, die Oktobristen und Kadetten kritisch zu betrachten. Anderseits sind die Leute der "ersten Kurie", die städtischen Großbourgeois, von den Oktobristen "enttäuscht", die ihre Hoffnungen nicht "gerechtfertigt" haben. Es gibt also eine Möglichkeit, die Oktobristen, die Konkurrenten der Kadetten in den Ministerialvorzimmern, "aus dem Sattel zu werfen". Wie aber kann eine Brücke zur "ersten Kurie" geschlagen werden, wenn nicht über die progressiven friedlichen Erneuerer? Deshalb - es lebe das Bündnis mit den friedlichen Erneuerern! Freilich muss man zu diesem Zweck "ein klein bisschen" nach rechts rücken, aber was ist das schon für ein Malheur: Darf man denn nicht nach rechts rücken, wenn das so vorteilhaft ist?

Also nach rechts ausrichten!

Anderseits sind die "kleinen und mittleren Städter" der "zweiten Kurie", die Intelligenz, die Handlungsgehilfen und andere, inzwischen erheblich nach links gerückt, besonders in Verbindung mit den um sich greifenden Ereignissen an der Lena. Die Kadetten spüren die Last ihrer politischen Sünden, sie haben allzu oft versucht, die Sache der "Volksfreiheit" zu verraten, sie würden, weiß Gott, auch jetzt mit Freuden in die Ministerialvorzimmer rennen, wenn sie überzeugt wären, dass man sie hineinlässt! Aber gerade deshalb beginnen die städtischen demokratischen Schichten, die Kadetten scheel anzusehen. Muss man noch sagen, dass es ziemlich gefährlich ist, vor solchen Wählern ohne Maske, mit der eigenen Physiognomie liberaler Verräter aufzutreten? Was aber soll man in solchem Fall für die nach links gerückte Stadtbevölkerung ausdenken, die bereits von den Kadetten abrückt, aber noch nicht bei den Sozialdemokraten angelangt ist? Natürlich progressiven Nebel... Verzeihung - progressive Parteilosigkeit. Oh, man glaube nicht, dass die Progressisten Kadetten seien! Nein, sie sind durchaus keine Kadetten, sie werden nur für die kadettischen Kandidaten stimmen, sie sind bloß "parteilose" Kommis der Kadetten... Und die Kadetten machen Reklame für die "parteilosen" Progressisten: Man kann nicht anders, man muss wenigstens in Worten nach links rücken, zur... Parteilosigkeit hin!

Also nach links ausrichten!

Einerseits... anderseits... weiter nach rechts... weiter nach links... Das ist die Politik der Partei des liberalen Volksbetrugs, der Partei der Kadetten.

Den Wähler beschwindeln - auf dieses Mittel werden die russischen Liberalen rechnen.

Und - das muss betont werden - die parteilose Scharlatanerie kann bei den Wahlen eine große Rolle spielen. Sie kann eine große Rolle spielen, wenn die Sozialdemokraten den liberalen Herren nicht die Maske herunterreißen, wenn sie anlässlich der beginnenden Wahlen keine energische Kampagne führen, wenn sie nicht alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte aufbieten, damit sich die städtischen demokratischen Schichten um den Führer der Befreiungsbewegung, um das russische Proletariat zusammenschließen.

Petersburger "Swesda" (Der Stern) Nr. 32,
19. April 1912.
Unterschrift: K. Solin.
Nach dem russischen Zeitungstext.

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