"Stalin"

Werke

Band 2

WÄHLERAUFTRAG DER PETERSBURGER ARBEITER
AN IHREN ARBEITERDEPUTIERTEN[113]

Die von der Bewegung des Jahres 1905 aufgestellten Forderungen des russischen Volkes sind ungelöst geblieben.

Die Entwicklung der Reaktion und der "erneuerten Ordnung" hat diese Forderungen nicht nur nicht befriedigt, sondern sie im Gegenteil noch mehr verschärft.

Die Arbeiter sind häufig nicht nur der Möglichkeit zu streiken beraubt - denn sie haben keine Garantie, dass man nicht dafür auf sie schießen wird; nicht nur der Möglichkeit, Verbände zu gründen und Versammlungen zu veranstalten - denn sie haben keine Garantie, dass man sie nicht dafür verhaften wird -, sondern auch der Möglichkeit, zur Duma zu wählen, da sie sowieso "erläutert"[114] oder verbannt werden: Hat man doch in diesen Tagen Putilow-Arbeiter und Arbeiter von der Newa-Werft "erläutert"!

Wir sprechen schon gar nicht von den zu Dutzenden von Millionen hungernden Bauern, die der Willkür der Gutsbesitzer und der Semstwovorsteher ausgesetzt sind...

Alles das spricht von der Notwendigkeit, die Forderungen des Jahres 1905 zu befriedigen.

Der Zustand des Wirtschaftslebens Rußlands aber, die bereits auftretenden Anzeichen der kommenden Industriekrise und die immer stärker werdende Verelendung breiter Schichten der Bauernschaft geben der Notwendigkeit einen besonderen Nachdruck, die Aufgaben des Jahres 1905 zu lösen.

Wir sind deshalb der Meinung, dass Rußland am Vorabend kommender Massenbewegungen steht, die vielleicht tiefer sein werden als im Jahre 1905. Dafür zeugen die Lena-Aktionen, die Proteststreiks gegen die "Erläuterungen" usw.

Vorkämpfer dieser Bewegungen wird wie im Jahre 1905 die fortgeschrittenste Klasse der russischen Gesellschaft sein, das russische Proletariat.

Sein Bundesgenosse aber kann nur die vielgeprüfte Bauernschaft sein, die an der Befreiung Rußlands von feudalen Fesseln ein Lebensinteresse hat.

Einen Zweifrontenkampf - gegen die feudal-bürokratischen Zustände und gegen die liberale Bourgeoisie, die ein Bündnis mit der alten Staats-acht sucht -, diese Form müssen die künftigen Aktionen des Volkes annehmen.

Und dieser Kampf wird nur insoweit siegreich sein, als die Arbeiterklasse an der Spitze der Volksbewegung marschieren wird.

Damit jedoch die Arbeiterklasse die Mission des Führers der Volksbewegung in Ehren erfüllen kann, muss sie mit dem Bewusstsein ihrer Interessen und mit großer Organisiertheit gerüstet sein.

Die Dumatribüne ist unter den gegebenen Verhältnissen eines der besten Mittel, die breiten Massen des Proletariats aufzuklären und zu organisieren.

Eben zu diesem Zweck entsenden wir unseren Deputierten in die Duma und beauftragen ihn sowie die gesamte sozialdemokratische Fraktion der IV. Duma, unsere Forderungen von der Dumatribüne aus weithin zu verbreiten, nicht aber ein leeres gesetzgeberisches Spiel in der Herrenduma zu treiben.

Wir möchten, dass die sozialdemokratische Fraktion der IV. Duma und im Besonderen unser Deputierter das Banner der Arbeiterkasse in dem ihnen feindlichen Lager der schwarzen Duma hochhalten.

Wir möchten, dass die Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion von der Höhe der Dumatribüne laut ihre Stimmen erheben und über das Endziel des Proletariats, über die vollen und unverkürzten Forderungen des Jahres 1905, über die russische Arbeiterklasse als den Führer der Volksbewegung, über die Bauernschaft als den zuverlässigsten Bundesgenossen der Arbeiterklasse, über die liberale Bourgeoisie als die Verräterin der "Volksfreiheit" sprechen.

Wir möchten, dass die sozialdemokratische Fraktion der IV. Duma auf dem Boden der oben erwähnten Losungen einig und geschlossen in ihrer Tätigkeit sein möge.

Dass sie ihre Kraft aus dem ständigen Umgang mit den breiten Massen schöpfen möge.

Dass sie mit der politischen Organisation der Arbeiterklasse Rußlands gleichen Schritt halten möge.

Erschienen als besonderes Flugblatt
in der ersten Oktoberhälfte 1912.
Nach dem russischen Wortlaut des Flugblatts.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis