"Stalin"

Werke

Band 2

DER WILLE DER BEVOLLMÄCHTIGTEN

Die Resultate der Wahlen in der Arbeiterkurie stehen endgültig fest.[115] Von den sechs Wahlmännern sind drei Liquidatoren und drei Anhänger der "Prawda". Wer von ihnen soll als Deputierter aufgestellt werden? Wer müsste eigentlich aufgestellt werden? Hat die Versammlung der Bevollmächtigten in dieser Hinsicht irgendwelche Weisungen gegeben?

Die Liquidatoren haben ihre Anhänger deshalb durchgebracht, weil sie vor den Bevollmächtigten ihre Ansichten verheimlichten, die Meinungsverschiedenheiten vertuschten und sich als Anhänger der "Einheit" aufspielten. Unterstützt wurden sie von den parteilosen Bevollmächtigten, die ihren Worten Glauben schenkten und keine Meinungsverschiedenheiten lieben. Aber wie sehr sich die Liquidatoren auch bemüht haben, das Wasser zu trüben, in einer Beziehung - und zwar in der wichtigsten -- hat sich der Wille der Bevollmächtigten dennoch gezeigt. Das ist die Frage des Wählerauftrags. Die Versammlung der Bevollmächtigten hat mit überwältigender Mehrheit einen ganz bestimmten Auftrag an den Deputierten, den Wählerauftrag der Anhänger der "Prawda", angenommen.

Der "Lutsch"[116] verschweigt das in seinem Rechenschaftsbericht über die Wahlen, aber es gelingt ihm nicht, die allen Bevollmächtigten bekannte Wahrheit vor den Lesern zu verheimlichen. Wir werden ihm nicht erlauben, den Willen der Bevollmächtigten zu entstellen.

Der Wählerauftrag ist eine Direktive an den Deputierten. Der Wählerauftrag macht den Deputierten. Wie der Wählerauftrag, so auch der Deputierte. Wovon aber spricht der Wählerauftrag, den die Petersburger Großbetriebe vorgeschlagen haben und den die Versammlung der Bevollmächtigten angenommen hat?

Der Wählerauftrag spricht vor allem von den Aufgaben des Jahres 1905, davon, dass diese Aufgaben ungelöst geblieben sind, dass die ökonomische und politische Lage des Landes ihre Lösung unvermeidlich macht. Die Befreiung des Landes kann, dem Wählerauftrag zufolge, nur durch Kampf erreicht werden, einen Kampf an zwei Fronten: gegen die feudal-bürokratischen Überbleibsel einerseits und gegen die verräterische liberale Bourgeoisie anderseits. Wobei ein zuverlässiger Verbündeter der Arbeiter nur die Bauernschaft sein kann. Aber der Kampf kann nur unter der Bedingung der Hegemonie (Führerrolle) des Proletariats siegreich sein. Je mehr Bewusstsein und Organisiertheit die Arbeiterschaft hat, desto besser wird sie die Rolle des Volksführers erfüllen. Da nun die Dumatribüne unter den gegebenen Bedingungen eines der besten Mittel der Organisierung und Aufklärung der Massen ist, schicken die Arbeiter ihren Deputierten in die Duma, damit er sich, ebenso wie die gesamte sozialdemokratische Fraktion der IV. Duma, für die grundlegenden Aufgaben des Proletariats, für die vollen und unverkürzten Forderungen des Landes einsetze...

Das ist der Inhalt des Wählerauftrags.

Man begreift unschwer, dass sich dieser Wählerauftrag grundlegend von der "Plattform" der Liquidatoren unterscheidet - er ist ganz und gar antiliquidatorisch.

Die Frage ist nun: Wenn sich die Liquidatoren dennoch erdreisten und ihren eigenen Deputiertenkandidaten aufstellen, was soll dann mit dem Wählerauftrag werden, den doch der Deputierte durchführen soll, da ja der Kongress der Bevollmächtigten einen bestimmten Beschluss hierüber gefasst hat?

Ein von einem Liquidator durchgeführter antiliquidatorischer Wählerauftrag - werden sich unsere Liquidatoren bis zu einer solchen Schmach versteigen?

Fühlen sie, dass das Spiel mit der "Einheit" sie in die Sackgasse getrieben hat?

Oder haben sie vielleicht die Absicht, gegen den Wählerauftrag zu verstoßen, ihn in Vergessenheit geraten zu lassen?

Was aber wird dann aus dem Willen der Bevollmächtigten, zu dessen Schutz die Arbeiter Petersburgs zweifellos in die Schranken treten werden?

Werden sich die Liquidatoren erdreisten, den Willen der Bevollmächtigten mit Füßen zu treten?

Sie sprechen noch von einem Sieg, fühlen sie aber, dass ihnen der Wählerauftrag eine tödliche Niederlage beigebracht hat, indem er unterstrich, dass nur ein Antiliquidator Deputierter sein kann?

"Prawda" Nr. 147,
19. Oktober 1912.
Unterschrift: K. St.
Nach dem russischen Zeitungstext.

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