"Stalin"

Werke

Band 2

DIE WAHLEN IN PETERSBURG

(Brief aus St. Petersburg)

Zum Unterschied von den Wahlen des Jahres 1907 fielen die Wahlen von 1912 mit einer revolutionären Belebung innerhalb der Arbeiterschaft zusammen. Während damals die Wogen der Revolution sanken und die Konterrevolution triumphierte, hat im Jahre 1912 die erste Woge einer neuen Revolution begonnen. Gerade deshalb zeigten die Arbeiter damals eine flaue Wahlbeteiligung, und stellenweise boykottierten sie sogar die Wahlen, boykottierten sie natürlich passiv, womit sie zeigten, dass der passive Boykott ein unzweifelhaftes Anzeichen der Schlaffheit und der Ermüdung ist. Eben deshalb sind die Arbeiter jetzt, in der Atmosphäre der ansteigenden Revolution, mit großem Interesse zur Wahl gegangen und haben die flaue politische Gleichgültigkeit beiseite geworfen. Noch mehr: Die Arbeiter haben für die Wahlen gekämpft, sie erstrebten und erreichten das Wahlrecht durch grandiose Streiks gegen die "Erläuterungen", trotz aller Polizeikniffe und Hindernisse. Das ist ein unzweifelhaftes Anzeichen dafür, dass die politische Erstarrung vorbei, dass die Revolution über den toten Punkt hinweg ist. Freilich ist die Woge der neuen Revolution noch nicht so stark, dass man die Frage, sagen wir, eines allgemeinen politischen Streiks aufwerfen könnte. Aber sie ist schon so stark, dass man stellenweise das Spinngewebe der "Erläuterungen" im Interesse einer Belebung der Wahlen, im Interesse der Organisierung der Kräfte des Proletariats, im Interesse der politischen Aufklärung der Massen zerreißen kann.

I
DIE ARBEITERKURIE

1. Der Kampf um die Wahlen

Es wird nicht überflüssig sein zu bemerken, dass die Initiative der Streikkampagne dem Vertreter des Zentralkomitees und dem Petersburger Komitee unserer Partei gehörte. In den späten Abendstunden des 4. Oktober, am Tage vor der Wahl der Wahlmänner, wurde uns bekannt, dass die Kreiskommission die Bevollmächtigten der größten Betriebe (der Putilow-Werke und anderer) "erläutert" hat. Nach einer Stunde tritt der Vollzugsausschuss des Petersburger Komitees gemeinsam mit dem Vertreter des ZK[122] zusammen und fasst nach Aufstellung einer neuen Wahlmännerliste den Beschluss, einen eintägigen Proteststreik auszurufen. In der gleichen Nacht tritt die sozialdemokratische Betriebsgruppe der Putilow-Werke zusammen und nimmt den Beschluss des Petersburger Komitees an. Am 5. beginnt der Putilow-Streik. Das ganze Werk streikt. Am 7. (am Sonntag) tritt die sozialdemokratische Betriebsgruppe der Newa-Werft zusammen und schließt sich dem Beschluss des Petersburger Komitees an. Am 8. streikt der ganze Betrieb. Ihnen folgen andere Fabriken und Werke. Es streiken nicht nur die "erläuterten" Betriebe, sondern auch nicht "erläuterte" (Pahl), außerdem diejenigen, die gemäß den "Wahlbestimmungen" nicht das Recht hatten, in der Arbeiterkurie zu wählen. Man streikt aus Solidarität. An revolutionären Liedern und Kundgebungen ist kein Mangel ... Am 8.Oktober spät abends wird bekannt, dass die Gouvernementswahlkommission die Wahl der Wahlmänner kassiert, die "Erläuterungen" der Kreiskommission aufhebt, die Putilow-Arbeiter wieder "in ihre Rechte einsetzt" und eine größere Anzahl von Betrieben zu den Wahlen heranzieht. Die Arbeiter triumphieren. Die Arbeiter haben gesiegt.

Interessant ist die Resolution, die von den Arbeitern der Newa-Werft und der Putilow-Werke bei der Ausrufung des Streiks gefasst wurde:

"Indem wir gegen die Verletzung unseres Wahlrechts protestieren, erklären wir, dass nur der Sturz des Zarismus und die Erringung der demokratischen Republik den Arbeitern das Wahlrecht und die wirkliche 'Wahlfreiheit sichern können."

Die Resolution der Liquidatoren, in der es heißt: "...nur das allgemeine Wahlrecht zur Reichsduma könnte das Wahlrecht garantieren", wurde abgelehnt. Diese Resolutionen waren vorher von den sozialdemokratischen Betriebsgruppen erörtert worden, und als sich z. B. in der Gruppe der Newa-Werft herausstellte, dass die Resolution der Liquidatoren keine Zustimmung fand, da verpflichteten sich ihre Anhänger, sie in der Versammlung vor der parteilosen Masse nicht aufzustellen, sondern die von der Gruppe beschlossene zu unterstützen. Zu ihrer Ehre muss gesagt werden, dass sie ihr Wort gehalten haben. Dafür antworteten die Antiliquidatoren mit der gleichen Loyalität, indem sie Gudkow zum Bevollmächtigten wählten, den sie, da sie die Mehrheit im Betrieb haben, hätten "durchfallen" lassen können. Es wäre nicht schlecht, wenn sich auch nur ein Tropfen des gleichen Verantwortungsgefühls beim "Lutsch" fände, der so gut darüber zu schreiben weiß, was in den Betrieben nicht war, der jedoch die oben erwähnte Resolution der Newa-Werft verschwieg, die Resolution der Putilow-Arbeiter aber obendrein noch entstellte.

Also die Arbeiter haben um die Wahlen gekämpft und die Wahlen durchgesetzt. Mögen die Petersburger Sozialrevolutionäre, die in der Newa-Werft so erfolglos gegen die Wahlen aufgetreten sind, hieraus eine Lehre ziehen.

Die Arbeiter kämpften für die Wahlen unter der Losung der demokratischen Republik. Mögen die Fetischisten der "Teilreformen", die Liquidatoren aus dem "Lutsch", hieraus eine Lehre ziehen.

2. Der Wählerauftrag an den Deputierten

Die Streiks gegen die "Erläuterungen" waren noch nicht beendet, als der Kongress der Bevollmächtigten zusammentrat. Man konnte von vornherein sagen, dass der vom Petersburger Komitee ausgearbeitete und von den Großbetrieben Petersburgs (Putilow-Werke, Newa-Werft, Pahl) gebilligte Wählerauftrag von den Bevollmächtigten angenommen werden würde. Und in der Tat, der Wählerauftrag wurde von der übergroßen Mehrheit angenommen, während sich eine unbedeutende Gruppe von Liquidatoren der Stimme enthielt. Den Versuchen der letzteren, die Abstimmung zu verhindern, wurde mit Zurufen "Stört nicht!" begegnet.

In ihrem Wählerauftrag an den Deputierten sprechen die Bevollmächtigten von den "Aufgaben des Jahres 1905", sprechen sie davon, dass diese Aufgaben "ungelöst geblieben sind", dass die ökonomische und politische Entwicklung Rußlands "ihre Lösung unvermeidlich macht". Es ist der Kampf der Arbeiter und der revolutionären Bauern für den Sturz des Zarismus, entgegen der Paktiererpolitik der kadettischen Bourgeoisie, ein Kampf, dessen Führer nur das Proletariat sein kann, der, dem Wählerauftrag zufolge, die Aufgaben des Jahres 1905 lösen könnte (siehe den "Wählerauftrag" im "Sozialdemokrat" Nr. 28/29).

Wie man sieht, ist dies etwas ganz anderes als die liberal-liquidatorische "Revision der Agrarbeschlüsse der III. Duma" oder die "allgemeinen Wahlen zur Reichsduma" (siehe die Plattform der Liquidatoren).[123]

Die Petersburger Arbeiter sind den revolutionären Traditionen unserer Partei treu geblieben. Die Losungen der revolutionären Sozialdemokratie, und nur sie, sind vom Kongress der Bevollmächtigten anerkannt worden. Entschieden haben die Frage auf dem Kongress die Parteilosen (von 82 Bevollmächtigten waren 41 "Sozialdemokraten schlechthin" und Parteilose), und wenn sogar in einer solchen Versammlung der Wählerauftrag des Petersburger Komitees angenommen wurde, so bedeutet dies, dass die Losungen des Petersburger Komitees in den Gefühlen und Gedanken der Arbeiterklasse fest verwurzelt sind.

Wie standen zu alledem die Liquidatoren? Wenn sie an ihre Ansichten glaubten und nicht in Sachen der politischen Ehrlichkeit hinkten, so hätten sie einen offenen Kampf gegen den Wählerauftrag eingeleitet und ihren eigenen Wählerauftrag vorgeschlagen oder aber, nachdem sie eine Niederlage erlitten, ihre Kandidaten von den Listen zurückgezogen. Stellten sie doch ihre Kandidatenliste für die Wahl der Wahlmänner gegen die Liste der Antiliquidatoren auf - warum konnten sie nicht auch ihre Ansichten, ihren Wählerauftrag offen aufstellen? Und als der Wählerauftrag der Antiliquidatoren angenommen wurde, warum konnten sie nicht ehrlich und offen erklären, dass sie als Gegner des Wählerauftrags nicht zu künftigen Verteidigern des Wählerauftrags gewählt werden können, dass sie ihre Kandidaturen zurückziehen und den Anhängern des Wählerauftrags Platz machen? Das ist doch eine elementare Regel der politischen Ehrlichkeit. Oder vielleicht haben die Liquidatoren den Wählerauftrag deshalb umgangen, weil die Frage nicht vollständig genug debattiert wurde und die Sache auf dem Kongress mit den Stimmen der Parteilosen entschieden wurde? Weshalb aber haben sie sich in diesem Fall nicht dem Beschluss der 26 sozialdemokratischen Bevollmächtigten gefügt, die einige Tage vor dem Kongress der Bevollmächtigten illegal zusammentraten und nach einer Diskussion die Plattform der Antiliquidatoren (mit einer Mehrheit von 16 gegen 9 bei einer Stimmenthaltung) annahmen, wo doch auf der Versammlung sowohl die Führer der Liquidatoren als auch ihre Bevollmächtigten anwesend waren? Von welchen höheren Erwägungen haben sich die Liquidatoren leiten lassen, als sie gleichzeitig sowohl den Wählerauftrag des ganzen Kongresses als auch den Willen der 26 sozialdemokratischen Bevollmächtigten mit Füßen traten? Offensichtlich konnte es hier nur eine Erwägung geben: den Antiliquidatoren die Suppe zu versalzen und ihre eigenen Leute "irgendwie" durchzuschmuggeln. Aber darum handelt es sich ja gerade, dass die Liquidatoren, wenn sie in den offenen Kampf gegangen wären, keinen einzigen ihrer Anhänger durchgebracht hätten, denn es war für alle klar, dass die liquidatorische "Revision der Agrarbeschlüsse der III. Duma" unter den Bevollmächtigten keine Sympathie finden würde. Es blieb nur eins: sein Banner zu verstecken, sich als Anhänger des Wählerauftrags auszugeben, zu erklären "eigentlich sind auch wir für einen nahezu ebensolchen Wählerauftrag" und "irgendwie" die eigenen Leute durchzubringen. So handelten sie denn auch. Indem die Liquidatoren aber so handelten, erkannten sie ihre Niederlage an und registrierten sich selber als politische Bankrotteure.

Aber den Gegner nötigen, sein Banner einzurollen, das heißt ihn nötigen, die Untauglichkeit seines Banners zuzugeben, das heißt ihn nötigen, die ideelle Überlegenheit seines Feindes zuzugeben - das eben nennt man einen moralischen Sieg davontragen.

Es ist nur "seltsam": Die Liquidatoren haben eine "breite Arbeiterpartei", die Antiliquidatoren dagegen haben nur einen "verknöcherten Zirkel", und dennoch hat der "enge Zirkel" die "breite Partei" besiegt!

Was für Wunder doch auf der Welt geschehen!...

3. Einheit als Maske und die Deputiertenwahl

Wenn bürgerliche Diplomaten einen Krieg vorbereiten, so beginnen sie, besonders eifrig von "Frieden" und "freundschaftlichen Beziehungen" zu schreien. Wenn irgendein Außenminister einer "Friedenskonferenz" eifrig das Wort zu reden beginnt, so weiß man unbedingt, dass "seine Regierung" bereits neue Dreadnoughts und Eindecker in Auftrag gegeben hat. Bei einem Diplomaten müssen die Worte von den Taten abweichen - was für ein Diplomat wäre er denn sonst? Worte sind eines, Taten sind etwas ganz anderes. Gute Worte sind eine Maske zur Verdeckung schlimmer Taten. Ein aufrichtiger Diplomat ist so viel wie trockenes Wasser oder hölzernes Eisen.

Das gleiche muss von den Liquidatoren mit ihrem falschen Einheitsgeschrei gesagt werden. Kürzlich schrieb Genosse Plechanow, ein Anhänger der Vereinigung in der Partei, über die Resolutionen der Liquidatorenkonferenz[124], dass "sie auf zehn Werst nach Diplomatie stinken". Und dann nannte der gleiche Genosse Plechanow ihre Konferenz "spalterisch". Direkter gesprochen, betrügen die Liquidatoren die Arbeiter mit diplomatischem Einheitsgeschrei, denn während sie von Einheit reden, bewerkstelligen sie die Spaltung. Und wirklich sind die Liquidatoren Diplomaten in der Sozialdemokratie, die mit guten Worten über die Einheit die schlimme Tat der von ihnen betriebenen Spaltung verdecken. Wenn ein Liquidator sich eifrig für die Einheit ins Zeug legt, so weiß man unbedingt, dass er die Einheit bereits im Namen der Spaltung mit Füßen getreten hat.

Die Wahlen in Petersburg sind ein direkter Beweis hierfür.

Die Einheit ist vor allem die Einheit der Aktionen der sozialdemokratisch organisierten Arbeiter innerhalb der Arbeiterklasse, die noch unorganisiert, noch nicht vom Lichte des Sozialismus erleuchtet ist. Die sozialdemokratisch organisierten Arbeiter stellen auf ihren Versammlungen Fragen, erörtern sie, fassen Beschlüsse und treten dann mit diesen Beschlüssen, die für die Minderheit unbedingt bindend sind, als ein einheitliches Ganzes vor die Parteilosen hin. Ohne das gibt es keine Einheit der Sozialdemokratie und kann es keine geben! Wurde in Petersburg ein solcher Beschluss gefasst? Jawohl. Es war der Beschluss der 26 sozialdemokratischen Bevollmächtigten (beider Richtungen), die die Plattform der Antiliquidatoren annahmen. Weshalb haben sich die Liquidatoren diesem Beschlusse nicht gefügt? Weshalb haben sie den Willen der Mehrheit der sozialdemokratischen Bevollmächtigten hintertrieben? Weshalb haben sie die Einheit der Sozialdemokratie in Petersburg mit Füßen getreten? Weil die Liquidatoren Diplomaten in der Sozialdemokratie sind, die unter der Maske der Einheit die Spaltung bewerkstelligen.

Einheit bedeutet weiter die Einheit der Aktionen des Proletariats gegenüber der ganzen bürgerlichen Welt. Die Vertreter des Proletariats fassen Beschlüsse und führen sie durch, indem sie als ein einheitliches Ganzes auftreten, unter der Bedingung der Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit. Ohne das gibt es keine Einheit des Proletariats und kann es keine geben! Hatte das Petersburger Proletariat einen solchen Beschluss gefasst? Jawohl. Es war der antiliquidatorische Wählerauftrag, der vom Kongress der Bevollmächtigten mit Stimmenmehrheit beschlossen worden war. Weshalb haben sich die Liquidatoren dem Wählerauftrag der Bevollmächtigten nicht gefügt? Weshalb haben sie den Willen der Bevollmächtigten hintertrieben? Weshalb haben sie die Einheit der Arbeiterklasse in Petersburg mit büßen getreten? Weil die liquidatorische Einheit eine diplomatische Phrase ist, die die Politik der Hintertreibung der Einheit verdeckt...

Als die Liquidatoren schließlich drei Wahlmänner erhielten, nachdem sie den Willen der Mehrheit hintertrieben, Schwankende (Sudakow) durchgebracht und Versprechungen von höchst diplomatischer Art ausgeteilt hatten, da erhob sich die Frage: Was nun?

Der einzige ehrliche Ausweg war die Auslosung. Und die Antiliquidatoren schlugen den Liquidatoren die Auslosung vor, aber die Liquidatoren lehnten sie ab!!

Über den Vorschlag verhandelte mit dem Bolschewik X der Liquidator Y (die Namen der auf beiden Seiten Verhandelnden können von uns im Falle der Notwendigkeit und unter der Bedingung genannt werden, dass die notwendige Konspiration gewahrt wird)[125]; und er gab nach Befragung seiner Gesinnungsfreunde zur Antwort: "Die Auslosung ist unannehmbar, da unsere Wahlmänner durch den Beschluss unseres leitenden Kollektivs gebunden sind."

Mögen doch die Herren Liquidatoren versuchen, diese unsere Erklärung zu widerlegen!

Die Hintertreibung des Willens der Mehrheit der sozialdemokratischen Bevollmächtigten, die Hintertreibung des Willens der Mehrheit des Kongresses der Bevollmächtigten, die Ablehnung der Auslosung, die Ablehnung einer einheitlichen Kandidatur zur Duma, alles dies im Interesse der Einheit - das ist bei euch nun schon eine sehr originelle "Einheit", ihr Herren Liquidatoren!

Übrigens ist die Spalterpolitik der Liquidatoren nichts Neues. Schon seit 1908 betreiben sie ihre Agitation gegen die illegale Partei. Das skandalöse Benehmen der Liquidatoren bei den Wahlen in Petersburg ist eine Fortsetzung ihrer alten Spalterpolitik.

Man sagt, Trotzki habe durch seine "Vereinigungs"-Kampagne in die alten "Angelegenheiten" der Liquidatoren einen "neuen Geist" hineingebracht. Aber das ist nicht wahr. Trotz der "heroischen" Anstrengungen Trotzkis und seiner "furchtbaren Drohungen" erwies er sich zu guter Letzt als einfacher marktschreierischer Athlet mit falschen Muskeln, denn in fünf Jahren "Arbeit" hat er niemand außer den Liquidatoren zu vereinigen vermocht. Neues Geschrei - alte Taten!

Kehren wir jedoch zu den Wahlen zurück. Indem die Liquidatoren die Auslosung ablehnten, konnten sie nur auf eins rechnen: darauf, dass die Bourgeoisie (die Kadetten und die Oktobristen) dem Liquidator den Torzug geben würde! Um diese nette Rechnung zu durchkreuzen, konnte das Petersburger Komitee nicht anders handeln, als dass es allen Wahlmännern die Direktive gab, sich zur Wahl zu stellen, denn die Liquidatoren hatten auch einen "Schwankenden" (Sudakow), und überhaupt hatten sie keine geschlossene Gruppe. In Durchführung der Direktive des PK stellten sich alle antiliquidatorischen Wahlmänner zur Wahl. Und die nette Rechnung der Liquidatoren ging schief! Demoralisation gab es nicht bei den Antiliquidatoren, sondern unter den liquidatorischen Wahlmännern, die sich gegen den Beschluss ihres "Kollektivs" um die Wette zur Wahl stellten. Zu wundern brauchte man sich nicht darüber, dass sich Gudkow mit der Kandidatur Badajews einverstanden erklärte (auf Gudkow drückte der antiliquidatorische Wählerauftrag, der in seinem Betrieb angenommen worden war!), sondern über die Tatsache, dass sich der Liquidator Petrow und anschließend auch Gudkow selbst nach der Wahl Badajews zur Wahl stellten.

Aus dem Gesagten gibt es nur eine Schlussfolgerung: Die Einheit ist für die Liquidatoren eine Maske, die ihre Spalterpolitik verbergen soll, ein Steckenpferd, auf dem sie gegen den Willen der Sozialdemokratie und des Proletariats von Petersburg in die Duma hineinreiten wollten.

II
DIE STÄDTISCHE KURIE

Die Ereignisse an der Lena und überhaupt die Belebung innerhalb der Arbeiterschaft sind an dem Wähler der zweiten Kurie nicht spurlos vorübergegangen. Die demokratischen Schichten der Stadtbevölkerung sind um ein bedeutendes nach links gerückt. Haben sie vor fünf Jahren, nach der Niederlage der Revolution, die Ideale des Jahres 1905 "begraben", so haben jetzt, nach den Massenstreiks, die alten Ideale aufzuleben begonnen. Es herrscht eine gewisse Stimmung der Unzufriedenheit mit der zweiseitigen Politik der Kadetten, was die Kadetten unbedingt bemerken mussten.

Anderseits haben die Oktobristen die Hoffnungen der großen Handelsherren und Fabrikanten "nicht gerechtfertigt". Es sind Vakanzen entstanden, was die Kadetten wiederum unbedingt bemerken mussten.

So beschlossen die Kadetten schon im Mai dieses Jahres, an zwei Fronten zu spielen. Nicht zu kämpfen, sondern zu spielen.

Dadurch erklärt sich auch jene Doppelbödigkeit der Wahlkampagne der Kadetten in den beiden verschiedenen Kurien, die dem Wähler unbedingt auffallen musste.

Zum Zentrum der Wahlkampagne der Sozialdemokraten wurde der gegen die Kadetten geführte Kampf um den Einfluss auf die demokratischen Schichten. Hegemonie der konterrevolutionären Bourgeoisie oder Hegemonie des revolutionären Proletariats - das ist jenes bekannte "Schema" der Bolschewiki, gegen das die Liquidatoren viele Jahre hoffnungslos kämpfen und dem sie sich jetzt, als einer offensichtlichen und unvermeidlichen Lebensnotwendigkeit, zu fügen gezwungen sind.

Der Sieg in der zweiten Kurie hing von der Haltung der demokratischen Schichten ab, die ihrer Lage nach demokratisch sind, sich aber ihrer Interessen noch nicht bewusst geworden sind. Wem werden diese Schichten folgen, der Sozialdemokratie oder den Kadetten? Es gab auch ein drittes Lager, die Rechten mit den Oktobristen, aber von einer "Schwarzhundertergefahr" brauchte man nicht ernstlich zu reden, denn es war klar, dass die Rechten nur eine unbedeutende Stimmenzahl würden aufbringen können. Die Redensarten aber, man solle "die Bourgeoisie nicht einschüchtern", riefen, obgleich sie laut wurden (siehe den Artikel von R D. im "Newski Golos"[126]) nur ein Lächeln hervor, denn es war klar, dass es der Sozialdemokratie bevorstand, diese selbe Bourgeoisie in Gestalt ihrer kadettischen Advokaten nicht nur "einzuschüchtern", sondern auch aus ihrer Stellung zu vertreiben.

Hegemonie der Sozialdemokratie oder Hegemonie der Kadetten - so hatte das Leben selber die Frage gestellt.

Hieraus war klar, dass die Sozialdemokratie während der ganzen Wahlkampagne äußerst geschlossen vorgehen musste.

Eben deshalb schloss die Wahlkommission des Petersburger Komitees ein Abkommen mit einer anderen Kommission, die aus Menschewiki und liquidatorischen Einzelgängern bestand. Das war ein Abkommen über Personen bei voller Freiheit der Wahlagitation und mit der unerlässlichen Bedingung, dass "keine Person, die ihren Namen oder ihre Tätigkeit mit dem Kampf gegen das Parteiprinzip verbunden hat" (Auszug aus dem "Protokoll" der Verhandlungen) in die Liste der Dumakandidaten aufgenommen werden kann. Die bekannte Liste der Sozialdemokratie für die zweite Kurie kam erst dadurch zustande, dass Ab ... und L..., die bekannten Petersburger Liquidatoren, die "ihren Namen und ihre Tätigkeit verbunden haben" usw., von den Antiliquidatoren abgelehnt wurden. Es ist nicht überflüssig, gleich hier zur Charakteristik der "Anhänger der Einheit" zu bemerken, dass sie sich nach der Wahl Tschcheidses in Tiflis entschieden weigerten, ihn durch die Kandidatur eines früheren Mitglieds der III. Duma, des Sozialdemokraten Pokrowski, zu ersetzen, wobei sie mit einer Parallelliste und einer Desorganisierung der Kampagne drohten.

Aber die Klausel von der "Freiheit der Wahlagitation " hat sich wohl als überflüssig erwiesen, denn der Verlauf der Kampagne hat augenfällig gezeigt, dass im Kampf gegen die Kadetten keine andere Kampagne als eine revolutionär-sozialdemokratische, d. h. eine bolschewistische Kampagne, möglich ist. Wer erinnert sich nicht der Ausführungen der Petersburger Redner und Kandidaten der Sozialdemokratie über die "Hegemonie des Proletariats" und über die "alten Kampfmethoden" im Gegensatz zu den "neuen parlamentarischen" Methoden, über die "zweite Bewegung" und über die "Untauglichkeit der Losung eines verantwortlichen Kadettenkabinetts"? Wo ist das Geleier der Liquidatoren über die "Nichtspaltung der Opposition", über die "Linksentwicklung der kadettischen Bourgeoisie", über den "Druck" auf diese Bourgeoisie hingeraten? Und die antikadettische Agitation der Liquidatoren - vom "Lutsch", die die Kadetten manchmal sogar zu sehr "fraßen" und "einschüchterten" - zeugt das alles etwa nicht davon, dass das Leben selber sogar "durch den Mund von Säuglingen" die Wahrheit gesprochen hat?

Wo ist denn das prinzipienfeste Gewissen der Dan, Martow und der anderen Gegner der "Kadettenfresserei" hingeraten?

Die "breite Arbeiterpartei" der Liquidatoren hat im Kampf gegen den "unterirdischen Zirkel" wiederum eine Niederlage erlitten. Man denke nur: die "breite Arbeiter(?)partei" ist in der Gefangenschaft eines kleinen, aber auch ganz kleinen "Zirkels"! Das sind Wunder...

III
ZUSAMMENFASSUNG

Aus dem Gesagten ist vor allem klar, dass die Reden von den zwei Lagern, dem Lager der Anhänger des Regimes vom 3. Juli und dem Lager seiner Gegner, keinen Boden unter sich haben. In Wirklichkeit sind bei den Wahlen drei und nicht zwei Lager hervorgetreten: das Lager der Revolution (die Sozialdemokraten), das Lager der Konterrevolution (die Rechten) und das Lager der Paktierer, die die Revolution unterminieren und Wasser auf die Mühle der Konterrevolution leiten (die Kadetten). Von einer "einheitlichen Opposition" gegen die Reaktion gab es nicht einmal eine Spur.

Weiter sprechen die Wahlen davon, dass die Abgrenzung zwischen den beiden extremen Lagern noch schroffer werden, dass das mittlere Lager infolgedessen zusammenschmelzen wird, wobei es die demokratisch Gesinnten für die Sozialdemokratie frei macht, sich selbst aber allmählich zur Konterrevolution hinbewegt.

Infolgedessen verlieren die Reden über "Reformen" von oben, über die Unmöglichkeit von "Ausbrüchen" und über eine "organische Entwicklung" Rußlands unter der Ägide der "Verfassung" jeden Boden. Der Gang der Dinge führt unvermeidlich zu einer neuen Revolution, und es steht uns bevor, "ein neues 1905" zu erleben, entgegen den Versicherungen der Larins und sonstiger Liquidatoren.

Schließlich sprechen die Wahlen davon, dass das Proletariat und nur das Proletariat dazu berufen ist, an die Spitze der kommenden Revolution zu treten, alles Ehrliche und Demokratische in Rußland, alles was nach der Befreiung des Heimatlandes aus der Sklaverei schmachtet, Schritt für Schritt um sich zu sammeln. Es genügt, sich mit dem Gang der Wahlen in der Arbeiterkurie bekannt zu machen, es genügt, sich mit den Sympathien der Petersburger Arbeiter bekannt zu machen, die im Wählerauftrag der Bevollmächtigten ihren klaren Ausdruck gefunden haben, es genügt, sich mit ihrem revolutionären Kampf für die Wahlen bekannt zu machen, um sich davon zu überzeugen.

Alles das gibt Grund zu der Behauptung, dass die Wahlen in Petersburg die Richtigkeit der Losungen der revolutionären Sozialdemokratie voll und ganz bestätigt haben.

Lebenskraft und Stärke der revolutionären Sozialdemokratie - das ist die erste Schlussfolgerung.

Politischer Bankrott der Liquidatoren - das ist die zweite Schlussfolgerung.

"Sozialdemokrat" Nr. 30
12. (25.) Januar 1913.
Unterschrift: K. Stalin.
Nach, dem russischen Zeitungstext.

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