"Stalin"

Werke

Band 2

AUF DEM WEGE ZUM NATIONALISMUS

(Brief aus dem Kaukasus)

In der Reihe der Beschlüsse, die den Ruhm der Liquidatorenkonferenz verewigen, steht der Beschluss über die "national-kulturelle Autonomie" nicht an letzter Stelle.

Hier ist er:

"Nach Entgegennahme der Mitteilung der kaukasischen Delegation, wonach sowohl auf der letzten Konferenz der kaukasischen Organisationen der SDAPR als auch in den literarischen Organen dieser Organisationen die Meinung der kaukasischen Genossen über die Notwendigkeit hervorgetreten ist, die Forderung der national-kulturellen Autonomie aufzustellen, konstatiert die Konferenz, ohne zu dieser Forderung der Sache nach Stellung zu nehmen, dass eine solche Auslegung des Parteiprogrammpunktes, der jeder Nationalität das Recht auf Selbstbestimmung zuerkennt, dem genauen Sinn des Parteiprogramms nicht zuwiderläuft, und gibt dem Wunsche Ausdruck, die nationale Frage möge auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags der SDAPR gesetzt werden."

Dieser Beschluss ist nicht nur deshalb wichtig, weil er das opportunistische Ausweichen der Liquidatoren vor der Tatsache der aufgestiegenen nationalistischen Welle zum Ausdruck bringt. Er ist noch deshalb wichtig, weil in ihm jeder Satz Gold wert ist.

Was ist beispielsweise allein die Erklärung wert, dass die Konferenz, "ohne sich über das Wesen dieser Forderungen zu äußern", dennoch "konstatiert" und beschließt? S0 wird doch nur in Operetten "beschlossen"!

Oder der Satz, dass "eine solche Auslegung des Parteiprogrammpunktes, der jeder Nationalität das Recht auf Selbstbestimmung zuerkennt, dem genauen Sinn des Parteiprogramms nicht zuwiderläuft". Man denke doch nur! Der erwähnte Programmpunkt (Punkt 9) spricht von der Freiheit der Nationalitäten, vom Recht der Nationalitäten, sich frei zu entwickeln, von der Pflicht der Partei, gegen jegliche Vergewaltigung der Nationalitäten zu kämpfen. Allgemein gesprochen darf das Recht der Nationalitäten, dem Sinn dieses Punktes entsprechend, nicht beschränkt werden, es kann sowohl bis zur Autonomie und Föderation als auch bis zur Separation gehen. Heißt dies, dass es für die Partei gleichgültig, gleichermaßen gut ist, wie die betreffende Nationalität über ihr Schicksal entscheidet, zugunsten des Zentralismus oder des Separatismus? Heißt dies, dass man auf Grund des abstrakten Rechtes der Nationalitäten allein, "ohne zu dieser Forderung der Sache nach Stellung zu nehmen", wenn auch nur indirekt, den einen die Autonomie, anderen die Föderation, wieder anderen die Separation empfehlen kann? Die Nationalität entscheidet über ihr Schicksal, heißt das aber, dass die Partei den Willen der Nationalität nicht im Geiste einer Entscheidung beeinflussen soll, die dem Interesse des Proletariats am meisten entspricht? Die Partei ist für die Freiheit des Glaubensbekenntnisses, für das Recht der Menschen, sich zu jeder beliebigen Religion zu bekennen. Kann man daraus schließen, dass die Partei für den Katholizismus in Polen, für die griechische Orthodoxie in Georgien, für das Gregorianertum in Armenien eintreten, dass sie diese Formen der Weltanschauung nicht bekämpfen wird?... Und ist es nicht von selbst klar, dass der Punkt 9 des Parteiprogramms und die national-kulturelle Autonomie zwei ganz verschiedene Ebenen sind, die einander in genau dem gleichen Grade "zuwiderlaufen" können wie, sagen wir, die Cheopspyramide der famosen Konferenz der Liquidatoren?

Aber gerade auf diese Weise, durch Taschenspielertricks, "entscheidet" doch die Konferenz die Frage.

In dem erwähnten Beschluss der Liquidatoren ist das Wichtigste der ideologische Zerfall unter den kaukasischen Liquidatoren, die das alte Banner des Internationalismus in Kaukasien verraten und diesen Beschluss auf der Konferenz durchgesetzt haben.

Die Wendung der kaukasischen Liquidatoren zum Nationalismus ist kein Zufall. Sie haben die Liquidierung der Parteitraditionen schon lange begonnen. Die Abschaffung des "sozialen Teils" des Minimalprogramms, die Streichung der "Hegemonie des Proletariats" (siehe "Diskussionny Listok" Nr. 2[127]), die Erklärung der illegalen Partei zu einer Nebenorganisation der legalen Organisationen (siehe "Dnewnik" Nr. 9[128]) - alles das sind allgemein bekannte Dinge. Jetzt ist die nationale Frage an die Reihe gekommen.

Gleich vom Beginn ihres Entstehens an (dem Anfang der neunziger Jahre) trugen die Organisationen in Kaukasien einen streng internationalen Charakter. Eine einheitliche Organisation der georgischen, russischen, armenischen und mohammedanischen Arbeiter, die einen einmütigen Kampf gegen die Feinde führen - das war das Bild des Parteilebens ... Im Jahre 1903, auf dem ersten, dem Gründungskongress der kaukasischen (eigentlich transkaukasischen) sozialdemokratischen Organisationen, der den Kaukasischen Bund ins Leben rief, wurde das internationale Prinzip des Organisationsaufbaus erneut als das einzig richtige proklamiert. Seit jener Zeit ist die kaukasische Sozialdemokratie im Kampf gegen den Nationalismus gewachsen. Die georgischen Sozialdemokraten kämpften gegen "ihre" Nationalisten, die Nationaldemokraten und Föderalisten; die armenischen Sozialdemokraten gegen "ihre" Daschnakzakaner; die mohammedanischen gegen die Panislamisten[129] . Und im Kampf gegen sie erweiterte und festigte die kaukasische Sozialdemokratie ihre Organisationen unabhängig von den Fraktionen... Im Jahre .1906, auf der Gebietskonferenz Kaukasiens, tauchte die Frage der national-kulturellen Autonomie zum ersten Mal auf. Ein Grüppchen von Kutaisern brachte sie ein und verlangte eine positive Entscheidung. Die Frage "fiel mit Pauken -und Trompeten durch", wie man sich damals ausdrückte, und zwar unter anderem deshalb, weil beide Fraktionen, vertreten durch Kostrow und den Schreiber dieser Zeilen, gleichermaßen scharf gegen sie auftraten. Es wurde ein, Beschluss gefasst, der besagte, dass die so genannte "Gebietsselbstverwaltung Kaukasiens" die beste Lösung der nationalen Frage ist, eine Lösung, die den Interessen des im Kampfe vereinigten kaukasischen Proletariats am meisten entspricht. Jawohl, so war es im Jahre 1906. Und dieser Beschluss wurde auf den folgenden Konferenzen wiederholt, er wurde sowohl in der menschewistischen als auch in der bolschewistischen kaukasischen Presse, der legalen wie der illegalen, vertreten und popularisiert...

Aber da kam das Jahr 1912 und "es stellte sich heraus", dass "wir" die national-kulturelle Autonomie brauchen, natürlich (natürlich!) im Interesse des Proletariats! Worum handelte es sich denn? Was hatte sich geändert? Vielleicht war das kaukasische Proletariat weniger sozialistisch geworden? Aber dann wäre es doch am unvernünftigsten gewesen, nationale organisatorische und "kulturelle" Schranken zwischen den Arbeitern aufzurichten! Vielleicht war es sozialistischer geworden? Aber wie soll man in solchem Falle diejenigen, mit Verlaub zu sagen, "Sozialisten" nennen, die dem Verfall unterliegende und für niemand notwendige Schranken künstlich errichten und festigen? ... Worum also handelt es sich? Es handelt sich darum, dass sich die "sozialdemokratischen Oktobristen" von Tiflis im Schlepptau des bäuerlichen Kutais befinden. Die Angelegenheiten der Liquidatoren Kaukasiens wird von nun an der durch den streitbaren Nationalismus erschreckte Kutaiser Bauer besorgen. Die kaukasischen Liquidatoren vermochten der nationalistischen Welle nicht standzuhalten, sie ließen das erprobte Banner des Internationalismus fallen und ... begannen "auf den Wogen" des Nationalismus zu schwanken, nachdem sie den letzten Reichtum über Bord geworfen hatten: "Wozu denn das, ein leerer Spaß"...

Aber wer A sagt, der muss auch B sagen: alles hat seine Logik! Der georgischen, armenischen, mohammedanischen (und russischen?) nationalkulturellen Autonomie der kaukasischen Liquidatoren werden die Parteien der georgischen, armenischen, mohammedanischen und anderen Liquidatoren folgen. An Stelle der gemeinsamen Organisation werden nach Nationalitäten getrennte Organisationen entstehen, sozusagen ein georgischer, ein armenischer und andere "Bünde".

Zielen die Herren kaukasischen Liquidatoren mit ihrer "Lösung" der nationalen Frage nicht darauf ab?

Nun wohl, wir können ihnen Kühnheit wünschen. Macht, was ihr wollt!

Jedenfalls können wir ihnen versichern, dass der andere Teil der kaukasischen Organisationen, die parteitreuen unter den georgischen, russischen, armenischen und mohammedanischen Sozialdemokraten, entschieden mit den Herren National-Liquidatoren, mit diesen Verrätern an dem ruhmreichen Banner des Internationalismus in Kaukasien, brechen wird.

"Sozialdemokrat" Nr. 30,
12. (25.) Januar 1913.
Unterschrift: K. St.
Nach dem russischen Zeitungstext.

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