"Stalin"

Werke

Band 2

DIE LAGE IN DER
SOZIALDEMOKRATISCHEN FRAKTION

In Nr. 44 der "Prawda" ist eine "Erklärung" von sieben sozialdemokratischen Deputierten erschienen, in der sie gegen die sechs Arbeiterdeputierten feindlich auftreten[147].

In der gleichen Nummer der "Prawda" geben ihnen die sechs Arbeiterdeputierten Antwort und nennen ihr Auftreten den ersten Schritt zur Spaltung.

Somit sehen sich die Arbeiter vor die Frage des Seins oder Nichtseins der einheitlichen sozialdemokratischen Fraktion gestellt.

Bislang war die sozialdemokratische Fraktion einheitlich und durch ihre Einheit stark, genügend stark, um die Widersacher des Proletariats zu zwingen, mit ihr zu rechnen.

Jetzt wird sie vielleicht zum Gaudium und zur Freude der Feinde in zwei Teile zerfallen.

Worum handelt es sich? Aus welchem Grunde sind die Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion so scharf auseinander geraten? Was hat die sieben Deputierten dazu veranlasst, ihre Kollegen in der Zeitung, vor dem Angesicht der Feinde der Arbeiterklasse, anzugreifen?

Sie werfen in ihrer "Erklärung" zwei Fragen auf: die Frage der Mitarbeit am "Lutsch" und an der "Prawda" und die Frage der Verschmelzung dieser Zeitungen.

Die sieben Deputierten sind der Auffassung, die sozialdemokratischen Deputierten seien verpflichtet, an beiden Zeitungen mitzuarbeiten, die Weigerung der sechs Deputierten, am "Lutsch" mitzuarbeiten, sei eine Verletzung der Einheit der sozialdemokratischen Fraktion.

Ist dem aber wirklich so? Haben die sieben Deputierten Recht?

Erstens ist es seltsam, wie man an einer Zeitung mitarbeiten kann, deren Richtung man nicht nur nicht teilt, sondern für schädlich hält. Wie kann man beispielsweise den orthodoxen Marxisten Bebel verpflichten, an einer revisionistischen Zeitung mitzuarbeiten, oder den Revisionisten Vollmar, an einer orthodoxen? In Deutschland würde man über eine solche Forderung lachen, denn dort weiß man, dass die Einheit der Aktion Verschiedenheiten der Ansichten nicht ausschließt. Bei uns aber... bei uns gibt es Gott sei dank noch keine Kultiviertheit.

Zweitens haben wir den direkten Wink der Erfahrung in Rußland, wonach die Mitarbeit der Deputierten an zwei verschiedenen Zeitungen die Fraktionseinheit durchaus nicht untergräbt. Wir sprechen von der dritten Fraktion[148]. Es ist für niemand ein Geheimnis, dass von den 13 Mitgliedern der sozialdemokratischen Fraktion der dritten Reichsduma 9 nur an der "Swesda" und 2 nur am "Shiwoje Delo"[149] mitgearbeitet haben, während die beiden übrigen von einer Mitarbeit sowohl an der einen als auch der anderen Zeitung völlig absahen ... Und dennoch hat diese Sachlage die Einheit der dritten Fraktion um kein Tüttelchen erschüttert! Die Fraktion ist ständig als eine einheitliche Fraktion aufgetreten.

Offenbar befinden sich die sieben Deputierten auf einem falschen Wege, wenn sie die obligatorische Mitarbeit am "Lutsch" fordern. Sie sind sich offensichtlich über die Frage noch nicht völlig klar geworden.

Weiter. Die sieben Deputierten verlangen die Verschmelzung der "Prawda" und des "Lutsch" zu einer einzigen nichtfraktionellen Zeitung.

Wie aber können sie verschmolzen werden? Ist es möglich, sie zu einer einzigen Zeitung zu verschmelzen?

Wissen denn die sieben Deputierten, diese "Gesinnungsgenossen" des "Lutsch", nicht, dass der "Lutsch" als erster eine solche Verschmelzung ablehnt? Haben sie Nr. 108 des "Lutsch" gelesen, wo geschrieben steht:

"Die Einheit kann nicht durch einfache mechanische Maßnahmen wie die einer Verschmelzung der beiden Organe erreicht werden usw."?

Und wenn sie es gelesen haben, wie können sie dann ernsthaft von einer Verschmelzung reden?

Zweitens, ist den sieben Deputierten die Haltung der Führer des Liquidatorentums zur Einheit überhaupt und zu einem gemeinsamen Organ im Besonderen bekannt?

Man höre P. Axelrod, einen Inspirator des "Lutsch". Er schrieb in Nr. 6 des "Newski Golos", als ein Teil der Petersburger Arbeiter beschloss, als Gegengewicht gegen die "Swesda" und das "Shiwoje Delo" eine nichtfraktionelle Zeitung herauszugeben, folgendes:

"Der Gedanke an ein nichtfraktionelles sozialdemokratisches Organ ist gegenwärtig eine Utopie, und zwar eine Utopie, die den Interessen der parteipolitischen Entwicklung und des organisatorischen Zusammenschlusses des Proletariats unter dein Banner der Sozialdemokratie objektiv zuwiderläuft. Man werfe die Natur zur Tür hinaus, sie wird durchs Fenster wieder hereinkommen...Wird das projektierte Arbeiterorgan zwischen den beiden entgegengesetzten Lagern eine neutrale Position einnehmen können?... Offensichtlich nicht" (siehe "Newski Golos" Nr.6).

Bei Axelrod ergibt sich also, dass eine gemeinsame Zeitung nicht nur unmöglich, sondern auch schädlich ist, denn sie "läuft den Interessen der politischen Entwicklung des Proletariats zuwider".

Hören wir den nicht ganz unbekannten Dan, einen anderen Inspirator des "Lutsch".

"Die großen politischen Aufgaben", schreibt er, "machen einen schonungslosen Krieg gegen das Antiliquidatorentum unvermeidlich... Das Antiliquidatorentum ist eine ewige Bremse, eine ewige Desorganisation." Man müsse... "mit allen Kräften bestrebt sein, es im Keime zu ersticken" (siehe "Nascha Sarja" Nr.6, Jahrgang 1911).

Also "schonungsloser Krieg gegen das Antiliquidatorentum", das heißt gegen die "Prawda", "das Antiliquidatorentum", das heißt die "Prawda", "ersticken" - das ist es, was Dan in Vorschlag bringt.

Wie können die sieben Deputierten nach alledem ernsthaft von einer Verschmelzung der beiden Zeitungen reden?

Wen wollen sie denn verschmelzen, vereinigen? Von zwei Dingen eins:

Entweder haben sie die Frage nicht begriffen und sich noch nicht in die Position des "Lutsch" hineingefunden, für dessen Anhänger sie sich halten - und dann "wissen sie selbst nicht, was sie tun".

Oder sie sind echte Lutschisten, die zusammen mit Dan bereit sind, "das Antiliquidatorentum zu ersticken", die zusammen mit Axelrod nicht an die Möglichkeit einer gemeinsamen Zeitung glauben, aber mit lauter Stimme von der Einheit reden, um heimlich der Spaltung der Fraktion den Boden zu bereite

Wie dem auch sein mag, eines ist unzweifelhaft: Die Arbeiter stehen vor der Frage der Erhaltung der einheitlichen sozialdemokratischen Fraktion, der eine Spaltung droht.

Die Fraktion ist in Gefahr!

Wer kann die Fraktion retten, wer kann die Einheit der Fraktion sichern?

Die Arbeiter und nur die Arbeiter! Niemand sonst, außer den Arbeitern!

Es ist deshalb die Pflicht der klassenbewussten Arbeiter, ihre Stimme gegen die Spaltungsversuche innerhalb der Fraktion zu erheben, woher sie auch kommen mögen.

Es ist die Pflicht der klassenbewussten Arbeiter, die sieben sozialdemokratischen Deputierten, die gegen die andere Hälfte der sozialdemokratischen Fraktion aufgetreten sind, zur Ordnung zu rufen.

Die Arbeiter müssen jetzt sofort in die Sache eingreifen, um die Einheit der Fraktion zu schützen.

Schweigen ist jetzt unmöglich. Mehr als das - Schweigen wäre jetzt verbrecherisch.

"Prawda" Nr. 47,
26. Februar 1913.
Unterschrift: K. Stalin
Nach dem russischen Zeitungstext.

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