"Stalin"

Werke

Band 3

ÜBER DEN KRIEG

Dieser Tage machte General Kornilow dem Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten in Petrograd Mitteilung über eine in Vorbereitung befindliche Offensive der Deutschen gegen Rußland.

Rodsjanko und Gutschkow riefen aus diesem Anlass Armee und Bevölkerung auf, für einen Krieg bis zum Ende zu rüsten.

Und die bürgerliche Presse schlug Alarm: "Die Freiheit ist in Gefahr, es lebe der Krieg!´´ Überdies machte bei diesem Alarm auch ein Teil der revolutionären russischen Demokratie mit...

Wenn man die Leute hört, die da Alarm schlagen, könnte man glauben, Rußland befinde sich in einer Lage, die an das Jahr 1792 in Frankreich erinnert, als die reaktionären Könige Mittel- und Osteuropas eine Allianz gegen das republikanische Frankreich bildeten, um dort die alten Zustände wiederherzustellen.

Und wenn die gegenwärtige internationale Lage Rußlands tatsächlich der Lage Frankreichs im Jahre 1792 entspräche, wenn wir eine spezielle Koalition konterrevolutionärer Könige mit dem speziellen Ziel, in Rußland die alte Macht wiederherzustellen, gegen uns hätten, so würde die Sozialdemokratie sich zweifellos, ähnlich wie die Revolutionäre des damaligen Frankreichs, wie ein Mann zur Verteidigung der Freiheit erheben. Denn es versteht sich von selbst, dass die durch Blut errungene Freiheit mit der Waffe in der Hand gegen alle konterrevolutionären Anschläge geschützt werden muss, woher diese auch kommen mögen.

Aber verhält sich die Sache wirklich so?

Der Krieg von 1792 war ein dynastischer Krieg gegen das republikanische Frankreich, geführt von unbeschränkten Feudalkönigen, die von der revolutionären Feuersbrunst in diesem Lande in Schrecken versetzt waren. Das Ziel des Krieges war, diese Feuersbrunst zu löschen, in Frankreich die alten Zustände wiederherzustellen und damit die erschreckten Könige gegen die revolutionäre Seuche in ihren eigenen Staaten zu sichern. Eben darum kämpften die Revolutionäre Frankreichs so opfermutig gegen die Truppen der Könige.

Anders ist es mit dem gegenwärtigen Krieg. Der gegenwärtige Krieg ist ein imperialistischer Krieg. Sein Hauptziel ist der Raub (die Annexion) von fremden Territorien, hauptsächlich von Agrargebieten, durch die kapitalistisch entwickelten Staaten. Diese brauchen neue Absatzmärkte, bequeme Zugänge zu diesen Märkten, Rohstoffe, Bodenschätze, und sie bemühen sich, sie überall in Besitz zu nehmen, unabhängig von den inneren Zuständen des Landes, dessen sie sich bemächtigen.

Hieraus erklärt sich auch, dass der jetzige Krieg, allgemein gesprochen, nicht zu einer unvermeidlichen Einmischung in die inneren Angelegenheiten des zu annektierenden Territoriums im Sinne der Wiederherstellung der alten Zustände in diesem Gebiet führt und nicht dazu führen kann.

Und gerade darum gibt Rußlands gegenwärtige Lage keinen Anlass, Sturm zu läuten und zu proklamieren: "Die Freiheit ist in Gefahr, es lebe der Krieg!"

Rußlands gegenwärtige Lage erinnert eher an das Frankreich von 1914, an das Frankreich bei Kriegsausbruch, als der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich unvermeidlich wurde.

Wie jetzt in der bürgerlichen Presse Rußlands, so wurde auch damals im bürgerlichen Lager Frankreichs Alarm geschlagen: "Die Republik ist In Gefahr, schlagt die Deutschen!"

Und wie dieser Alarm damals in Frankreich auch viele Sozialisten erfasste (Guesde, Sembat und andere), so sind auch heute in Rußland nicht wenige Sozialisten in die Fußstapfen der bürgerlichen Herolde der "revolutionären Vaterlandsverteidigung" getreten.

Der weitere Gang der Ereignisse in Frankreich hat gezeigt, dass dies ein falscher Alarm war und dass mit dem Geschrei über Freiheit und Republik die wirklichen Gelüste der französischen Imperialisten, die nach der Annexion Elsass-Lothringens und Westfalens strebten, verdeckt werden sollten.

Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass der Gang der Ereignisse in Rußland die ganze Verlogenheit des maßlosen Geschreis "Die Freiheit ist in Gefahr" zeigen wird: Der "patriotische" Rauch wird sich verziehen, und die Menschen werden den wahren Drang der russischen Imperialisten nach den ... Meerengen, nach Persien ... mit eigenen Augen erkennen.

Das Verhalten Guesdes, Sembats und anderer fand in den bestimmt ausgedrückten Resolutionen der sozialistischen Kongresse von Zimmerwald und Kiental[1] (1915 und 1916) gegen den Krieg seine gebührende und autoritative Einschätzung.

Die anschließenden Ereignisse haben bestätigt, wie richtig und fruchtbringend die Leitsätze von Zimmerwald und Kiental waren.

Es wäre traurig, wenn die revolutionäre russische Demokratie, die es fertig gebracht hat, das verhalte Zarenregime zu stürzen, vor dem falschen Alarm der imperialistischen Bourgeoisie klein beigäbe und die Fehler Guesdes und Sembats wiederholte...

Welches muss nun unsere Stellung als Partei zum jetzigen Krieg sein? Welches sind die praktischen Wege, die zur raschesten Einstellung des Krieges führen können?

Vor allem steht es außer Zweifel, dass die bloße Losung "Nieder mit dem Krieg!" als praktischer Weg absolut untauglich ist, da sie über die Schranken der Propaganda von Friedensideen überhaupt nicht hinausgeht und im Sinne der praktischen Einwirkung auf die kriegführenden Mächte zwecks Einstellung des Krieges nichts bietet und nichts bieten kann.

Ferner. Unbedingt zu begrüßen ist der gestrige Aufruf des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten in Petrograd an die Völker der ganzen Welt mit der Aufforderung, die eigenen Regierungen zu zwingen, das Gemetzel einzustellen. Wenn dieser Aufruf in die breiten Massen dringt, wird er ohne Zweifel Hunderte und Tausende von Arbeitern zu der in Vergessenheit geratenen Losung "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" zurückführen. Trotzdem darf man nicht außer acht lassen, dass er dennoch nicht direkt zum Ziele führt. Denn selbst gesetzt den Fall, dass er unter den Völkern der kriegführenden Mächte weite Verbreitung findet, kann man schwerlich annehmen, dass sie einem solchen Aufruf Folge leisten können, solange sie noch nicht den räuberischen Charakter des jetzigen Krieges und seine Annexionsziele erkannt haben. Wir sprechen schon gar nicht davon, dass der Aufruf, insofern er die "Einstellung des furchtbaren Gemetzels" von dem vorangegangenen Sturz des "halbabsolutistischen Regimes" in Deutschland abhängig macht, die "Einstellung des furchtbaren Gemetzels" faktisch auf unbestimmte Zeit hinausschiebt und dadurch auf den Standpunkt des "Kriegs bis zum Ende" hinab gleitet; denn man weiß nicht, wann nämlich es dem deutschen Volk gelingen wird, das "halbabsolutistische Regime" zu stürzen, und ob es ihm überhaupt in der nächsten Zukunft gelingen wird...

Wo ist also der Ausweg?

Der Ausweg ist der Weg des Drucks auf die Provisorische Regierung, indem man von ihr fordert, der unverzüglichen Einleitung von Friedensverhandlungen zuzustimmen.

Die Arbeiter, Soldaten und Bauern müssen Kundgebungen und Demonstrationen veranstalten, sie müssen von der Provisorischen Regierung fordern, dass sie offen und vor aller Welt den Versuch macht, alle kriegführenden Mächte zur unverzüglichen Aufnahme von Friedensverhandlungen auf der Grundlage der Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen zu bewegen.

Nur in diesem Falle läuft die Losung "Nieder mit dem Krieg!" nicht Gefahr, sich in einen inhaltlosen, nichts sagenden Pazifismus zu verwandeln, nur in diesem Falle kann sie in eine machtvolle politische Kampagne ausmünden, die den Imperialisten die Maske herunterreißt und die wahren Hintergründe des jetzigen Krieges bloßlegt.

Denn selbst gesetzt den Fall, dass es eine der Seiten ablehnt, auf Grund der bekannten Prinzipien zu verhandeln, würde sogar diese Ablehnung, das heißt die Weigerung, den Annexionsbestrebungen zu entsagen, objektiv als ein Werkzeug dienen, durch das die Liquidierung des "furchtbaren Gemetzels" beschleunigt werden könnte, da die Völker in diesem Fall den annexionistischen Charakter des Krieges und das blutbefleckte Gesicht der imperialistischen Gruppen, deren habsüchtigen Interessen sie das Leben ihrer Söhne opfern, mit eigenen Augen zu sehen bekämen.

Aber den Imperialisten die Maske herunterreißen, die wahren Hintergründe des jetzigen Krieges vor den Massen bloßlegen - das eben heißt dem Kriege wirklich den Krieg erklären, den jetzigen Krieg unmöglich machen.

"Prawda" Nr. 10,
16. März 1917.
Unterschrift: K. Stalin.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis