"Stalin"

Werke

Band 3

ÜBER DIE BEDINGUNGEN FÜR DEN SIEG
DER RUSSISCHEN REVOLUTION

Die Revolution marschiert. In Petrograd ausgebrochen, greift sie auf die Provinz über und erfasst allmählich das ganze unermessliche Rußland. Mehr noch. Von politischen Fragen geht sie unvermeidlich zu sozialen Fragen über, zu Fragen der Lebensgestaltung der Arbeiter und Bauern, wodurch sie die bestehende. Krise vertieft und verschärft.

Alles das muss zwangsläufig in bestimmten Kreisen des besitzenden Rußlands Unruhe erwecken. Die zaristisch-gutsherrliche Reaktion erhebt das Haupt. Die imperialistische Clique läutet Sturm. Die Finanzbourgeoisie reicht der ablebenden Feudalaristokratie die Hand zur gemeinsamen Organisierung der Konterrevolution. Heute sind sie noch schwach und unentschlossen, aber morgen schon können sie erstarken und gegen die Revolution mobil machen. Jedenfalls arbeiten sie unablässig an ihrem finsteren Werk, indem sie in allen Schichten der Bevölkerung, die Armee nicht ausgenommen, Kräfte sammeln...

Wie soll die beginnende Konterrevolution gebändigt werden? Welches sind die unerlässlichen Bedingungen für den Sieg der russischen Revolution?

Eine der Besonderheiten unserer Revolution besteht darin, dass ihre Basis bis jetzt Petrograd ist. Zusammenstöße und Schießereien, Barrikaden und Opfer, Kampf und Sieg gab es hauptsächlich in Petrograd und seiner Umgebung (Kronstadt usw.). Die Provinz beschränkte sich darauf, die Früchte des Sieges entgegenzunehmen und der Provisorischen Regierung das Vertrauen auszusprechen.

Diese Tatsache hat ihre Widerspiegelung in der Doppelherrschaft, in der faktischen Teilung der Macht zwischen der Provisorischen Regierung und dem Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten gefunden, die den Söldlingen der Konterrevolution keine Ruhe lässt. Der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten als Organ des revolutionären Kampfes der Arbeiter und Soldaten einerseits und die Provisorische Regierung als Organ der durch die "Extreme" der Revolution erschreckten gemäßigten Bourgeoisie, die in der Trägheit der Provinz einen Rückhalt gefunden hat, anderseits - so sieht das Bild aus.

Darin liegt die Schwäche der Revolution, denn eine derartige Sachlage macht die Isolierung der Provinz von der Hauptstadt, das Fehlen eines Kontakts zwischen beiden zu einer Dauererscheinung.

Doch mit der Vertiefung der Revolution wird auch die Provinz revolutioniert. Draußen im Lande entstehen Sowjets der Arbeiterdeputierten. Die Bauern werden in die Bewegung hineingezogen und organisieren sich in eigenen Verbänden. Die Armee demokratisiert sich, in der Provinz entstehen Soldatenverbände. Die Trägheit der Provinz fällt der Vergangenheit anheim.

Damit wankt der Boden unter den Füßen der Provisorischen Regierung. Zugleich wird auch der Petrograder Sowjet der Arbeiterdeputierten für die neue Lage unzureichend.

Notwendig ist ein gesamtrussisches Organ für den revolutionären Kampf der gesamten russischen Demokratie, das über genügend Autorität verfügt, um die Demokratie der Hauptstadt mit derjenigen der Provinz zusammenzuschweißen und sich im geeigneten Moment aus einem revolutionären Kampforgan des Volkes in ein Organ der revolutionären Staatsmacht zu verwandeln, die alle lebendigen Kräfte des Volkes gegen die Konterrevolution mobilisiert.

Ein solches Organ kann einzig und allein der Allrussische Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten sein.

Das ist die erste Bedingung für den Sieg der russischen Revolution. Ferner. Der Krieg hat, wie alles im Leben, außer seinen negativen Seiten auch eine positive Seite, nämlich die, dass er durch die Mobilisierung fast der gesamten erwachsenen Bevölkerung Rußlands die Armee ihrem Geiste nach zu einer Volksarmee gemacht und dadurch die Vereinigung der Soldaten mit den aufständischen Arbeitern erleichtert hat. Eben daraus erklärt sich die verhältnismäßige Leichtigkeit, mit der die Revolution bei uns zum Ausbruch gekommen ist und gesiegt hat.

Doch die Armee ist beweglich und der Fluktuation unterworfen, besonders infolge ihres fortwährenden Ortswechsels, den der Krieg erforderlich macht. Die Armee kann nicht ewig an einem Ort bleiben, um die Revolution vor der Konterrevolution zu schützen. Deshalb bedarf es einer anderen bewaffneten Macht, einer Armee bewaffneter Arbeiter, die natürlicherweise mit den Zentren der revolutionären Bewegung verbunden sind. Und wenn die These zutrifft, dass eine Revolution ohne eine ihr jederzeit zu Diensten stehende bewaffnete Macht nicht siegen kann, so wird auch unsere Revolution nicht ohne ihre eigene, mit den Interessen der Revolution aufs engste verbundene Arbeitergarde auskommen können.

Sofortige Bewaffnung der Arbeiter, Schaffung einer Arbeitergarde - das ist die zweite Bedingung für den Sieg der Revolution.

Kennzeichnend für die revolutionären Bewegungen, zum Beispiel in Frankreich, war unzweifelhaft die Tatsache, dass die provisorischen Regierungen dort gewöhnlich auf den Barrikaden entstanden und infolgedessen revolutionär waren, revolutionärer jedenfalls als die von ihnen nachträglich einberufenen konstituierenden Versammlungen, die gewöhnlich erst nach der "Beruhigung" des Landes zusammentraten. Daraus ist eigentlich auch zu erklären, warum die erfahrensten Revolutionäre jener Zeit bemüht waren, ihr Programm mit Hilfe der revolutionären Regierung noch vor Einberufung der konstituierenden Versammlung zu verwirklichen, und diese Einberufung hinausschoben. Damit wollten sie die konstituierende Versammlung vor die Tatsache bereits verwirklichter Reformen stellen.

Ganz anders bei uns. Die Provisorische Regierung ist bei uns nicht auf den Barrikaden, sondern neben den Barrikaden entstanden. Darum ist sie auch nicht revolutionär, sondern hinkt bloß widerwillig hinter der Revolution einher und ist nur ein Hemmschuh auf ihrem Weg. Urteilt man nun danach, wie die Revolution sich Schritt für Schritt vertieft, die sozialen Fragen des Achtstundentags und der Konfiskation des Grund und Bodens in den Vordergrund rückt und die Provinz revolutioniert, so kann man mit Bestimmtheit sagen, dass die künftige, vom ganzen Volk getragene Konstituierende Versammlung viel demokratischer sein wird als die gegenwärtige, von der Duma des 3. Juni gewählte Provisorische Regierung.

Gleichzeitig ist zu befürchten, dass die Provisorische Regierung, durch den Schwung der Revolution erschreckt und von imperialistischen Tendenzen durchdrungen, bei einer bestimmten politischen Konjunktur zum "legalen" Schild und Hort der sich organisierenden Konterrevolution werden kann.

Deshalb darf die Einberufung der Konstituierenden Versammlung auf keinen Fall hinausgeschoben werden.

Daher ist die möglichst schnelle Einberufung der Konstituierenden Versammlung notwendig, einer Institution, die allein bei allen Gesellschaftsschichten Autorität genießt, die fähig ist, die Sache der Revolution zu krönen und damit der sich erhebenden Konterrevolution die Flügel zu stutzen.

Baldige Einberufung der Konstituierenden Versammlung - das ist die dritte Bedingung für den Sieg der Revolution.

Alles dies muss unter der generellen Bedingung verwirklicht werden, dass schleunigst Friedensverhandlungen eingeleitet werden unter der Bedingung, dass dem unmenschlichen Krieg ein Ende gemacht wird, denn der fortdauernde Krieg mit seinen Auswirkungen, der Finanz-, Wirtschafts- und Ernährungskrise, ist die Klippe, an der das Schiff der Revolution zerschellen kann.

"Prawda" Nr. 12,
18. März 1917.
Unterschrift: K. Stalin.

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