"Stalin"

Werke

Band 3

ÜBER DIE AUFHEBUNG
DER NATIONALEN BESCHRÄNKUNGEN

Eine der Eiterbeulen des alten Rußlands, die es mit Schande bedecken, ist die Eiterbeule der nationalen Unterjochung.

Religiöse und nationale Unterdrückung, gewaltsame Russifizierung der "Fremdstämmigen", Verfolgung der nationalen Kultureinrichtungen, Entziehung des Wahlrechts, Entziehung des Rechts auf Freizügigkeit, gegenseitige Aufhetzung der Nationalitäten, Pogrome und Massaker - da haben wir das nationale Joch schändlichen Angedenkens.

Wie kann man sich von dem nationalen Joch befreien?

Die soziale Basis der nationalen Unterjochung, die Macht, die sie beseelt, ist die ablebende Landaristokratie. Und je näher diese am Staatsruder steht, je fester sie das Ruder in der Hand hält, desto stärker ist die nationale Unterjochung, desto abscheulicher sind ihre Formen.

Im alten Rußland, wo die alte fronherrliche Landaristokratie am Ruder war, herrschte eine hemmungslose nationale Unterjochung, die häufig die Form von Pogromen (Judenpogrome) und Massakern (Massaker zwischen Armeniern und Tataren) annahm.

In England, wo die Landaristokratie (die Landlords) die Macht mit der Bourgeoisie teilt, wo es schon längst keine uneingeschränkte Herrschaft dieser Aristokratie mehr gibt, ist die nationale Unterjochung milder, weniger unmenschlich, wenn man allerdings den Umstand außer acht lässt, dass die nationale Unterjochung während des Krieges, als die Macht in die Hände der Landlords überging, bedeutend stärker wurde (Verfolgung der Iren und Inder).

In der Schweiz und in Nordamerika aber, wo es keinen Landlordismus gibt noch gab, wo die Macht sich uneingeschränkt in den Händen der Bourgeoisie befindet, entwickeln sich die Nationalitäten mehr oder weniger frei, und allgemein gesprochen bleibt hier für die nationale Unterjochung fast kein Raum.

Dies alles erklärt sich hauptsächlich dadurch, dass die Landaristokratie ihrer ganzen Stellung nach der entschlossenste und unversöhnlichste Feind jeder Art von Freiheiten, darunter auch der nationalen Freiheit, ist (und zwangsläufig sein muss!), dass die Freiheit im allgemeinen, die nationale Freiheit im besonderen die eigentlichen Grundlagen der politischen Herrschaft der Landaristokratie untergräbt (zwangsläufig untergraben muss!).

Die Feudalaristokratie von der politischen Bühne entfernen, ihr die Macht entreißen - das eben heißt die nationale Unterjochung liquidieren und die faktischen Bedingungen schaffen, die für die nationale Freiheit erforderlich sind.

Insoweit die russische Revolution gesiegt hat, hat sie diese faktischen Bedingungen bereits dadurch geschaffen, dass sie die feudale Fronherrenmacht gestürzt und Freiheiten hergestellt hat.

Jetzt gilt es:

1. die Rechte der von der Unterjochung befreiten Nationalitäten in aller Form festzulegen und

2. sie auf dem Wege der Gesetzgebung zu verankern.

Eben auf dieser Grundlage entstand das Dekret der Provisorischen Regierung über die Aufhebung der konfessionellen und nationalen Beschränkungen.

Angetrieben von der anwachsenden Revolution, musste die Provisorische Regierung diesen ersten Schritt zur Befreiung der Völker Rußlands tun, und sie hat ihn getan.

Der Inhalt des Dekrets läuft im großen und ganzen auf die Aufhebung der Beschränkungen der Rechte von Bürgern nichtrussischer Nationalität und nicht griechisch-orthodoxer Konfession hinaus, und zwar hinsichtlich: 1. der Ansiedlung, des Wohnrechts und der Freizügigkeit; 2. des Erwerbs von Eigentumsrechten usw.; 3. der Beschäftigung jeder Art im Handwerk, Handel usw.; 4. der Beteiligung an Aktiengesellschaften und anderen Gesellschaften; 5. des Eintritts in den Staatsdienst usw.; 6. des Eintritts in Lehranstalten; 7. des Gebrauchs anderer Sprachen und Dialekte - außer der russischen - im Schriftverkehr privater Gesellschaften, beim Unterricht in privaten Lehranstalten jeder Art und bei der Führung von Handelsbüchern.

Das ist das Dekret der Provisorischen Regierung.

Die Völker Rußlands, die bislang beargwöhnt wurden, können jetzt frei aufatmen und sich als Bürger Rußlands fühlen.

Alles das ist gut und schön.

Es wäre jedoch ein unverzeihlicher Fehler, wollte man glauben, dass dieses Dekret für die Sicherung der nationalen Freiheit ausreichend, dass die Befreiung von der nationalen Unterjochung bereits zu Ende geführt sei.

Vor allem stellt das Dekret keine nationale Gleichberechtigung hinsichtlich der Sprache her. Im letzten Punkt des Dekrets wird von dem Recht gesprochen, außer der russischen andere Sprachen im Schriftverkehr privater Gesellschaften und beim Unterricht in privaten Lehranstalten zu gebrauchen. Wie aber soll es in Gebieten mit einer kompakten Mehrheit nichtrussischer Bürger werden, die nicht russisch sprechen (Transkaukasien, Turkestan, die Ukraine, Litauen usw.)? Ohne Zweifel wird (muss!) es dort eigene Landtage geben, also auch einen "Schriftverkehr" (durchaus nicht "privater" Natur!), ebenso einen "Unterricht" in Lehranstalten (nicht nur in "privaten"!)-und alles das natürlich nicht nur in russischer Sprache, sondern auch in den lokalen Sprachen. Gedenkt die Provisorische Regierung die russische Sprache zur Staatssprache zu erklären und den erwähnten gebieten das Recht vorzuenthalten, den "Schriftverkehr" und den "'Unterricht" in ihren durchaus nicht "privaten" Institutionen in der Muttersprache zu betreiben? Offenbar ja. Aber wer, außer Einfaltspinseln, kann glauben, dies wäre die volle rechtliche Gleichstellung der Nationen, von der die bürgerlichen Klatschbasen in der "Rjetsch"[3] und im "Djen"[4] an allen Ecken und Enden ein großes Geschrei erheben und den Mund so voll nehmen? Wer begreift nicht, dass damit die rechtliche Ungleichheit der Nationen hinsichtlich der Sprache zum Gesetz erhoben wird?

Ferner. Wer die wirkliche nationale Gleichberechtigung herstellen will, der kann es nicht bei der negativen Maßnahme, die Beschränkungen aufzuheben, bewenden lassen - er muss von der Aufhebung der Beschränkungen zu einem positiven Plan übergehen, der die Vernichtung des nationalen Jochs gewährleistet.

Daher gilt es zu proklamieren:

1. die politische Autonomie (nicht Föderation!) der Gebiete, die ein geschlossenes Wirtschaftsterritorium mit besonderer Lebensweise und nationaler Zusammensetzung der Bevölkerung bilden, wobei der "Schriftverkehr" und der "Unterricht" in der Muttersprache zu erfolgen haben;

2. das Selbstbestimmungsrecht für diejenigen Nationen, die aus diesen oder jenen Gründen nicht im Rahmen eines staatlichen Ganzen verbleiben können.

Das ist der Weg, der zur wirklichen Vernichtung des nationalen Jochs führt, zur Sicherung eines unter dem Kapitalismus möglichen Höchstmaßes von Freiheit der Nationalitäten.

"Prawda" Nr. 17,
25. März 1917.
Unterschrift: K. Stalin.

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