"Stalin"

Werke

Band 3

ÜBER DIE BERATUNG IM MARIENPALAST

Die bürgerliche Presse hat bereits eine Meldung über die Beratung zwischen dem Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten und der Provisorischen Regierung gebracht. Diese Meldung ist im Allgemeinen nicht ... genau, teilweise enthält sie direkte Tatsachenentstellungen, so dass der Leser irregeführt wird. Wir sprechen schon gar nicht von der besonderen, der bürgerlichen Presse eigenen Beleuchtung der Tatsachen. Es ist daher notwendig, ein wahrheitsgetreues Bild der Beratung zu rekonstruieren.

Die Beratung verfolgte das Ziel, im Zusammenhang mit der Note des Ministers Miljukow[14], die zur Verschärfung des Konflikts geführt hat, das Verhältnis zwischen der Provisorischen Regierung und dem Exekutivkomitee zu klären.

Eröffnet wurde die Konferenz vom Ministerpräsidenten Lwow. Seine Eröffnungsrede lief auf folgende Behauptungen hinaus: Im Lande herrschte bis in die letzte Zeit hinein Vertrauen zur Provisorischen Regierung, und die Dinge entwickelten sich zufrieden stellend. Jetzt aber ist das Vertrauen irgendwie geschwunden, es macht sich sogar Widerstand bemerkbar. Das wird besonders in den letzten zwei Wochen fühlbar, seitdem die jedermann bekannten sozialistischen Kreise einen Pressefeldzug gegen die Provisorische Regierung eröffnet haben. So kann es nicht mehr weitergehen. Wir brauchen die entschiedene Unterstützung des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Sonst treten wir ab.

Des weiteren folgen "Berichte" der Minister (für Kriegswesen, Landwirtschaft, Verkehr, Finanzen, auswärtige Angelegenheiten), wobei Gutschkow, Schingarjow und Miljukow besonders eindeutig auftreten. Die Reden der übrigen Minister geben lediglich die Schlussfolgerungen der ersteren wieder.

Die Rede des Ministers Gutschkow läuft auf eine Begründung der bekannten imperialistischen Auffassung von unserer Revolution hinaus, wonach die Revolution in Rußland als ein Mittel zu betrachten sei, um den "Krieg bis zum Ende" zu führen. Ich war davon überzeugt, sagte er, dass die Umwälzung in Rußland notwendig war, um eine Niederlage zu vermeiden. Ich wünschte, die Revolution würde einen neuen Siegesfaktor bilden, und ich hoffte, dass sie ihn bilden wird. Vaterlandsverteidigung im weitesten Sinne des Wortes, Vaterlandsverteidigung nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft - das ist unser Ziel. Während der letzten Wochen hat sich jedoch vieles verschlechtert ... "Das Vaterland ist in Gefahr" ... Der Hauptgrund dafür ist "die Flut pazifistischer Ideen", die von gewissen sozialistischen Kreisen propagiert werden. Der Minister lässt durchblicken, dass diese Propaganda gezügelt und die Disziplin wiederhergestellt werden müssten, wozu es der Hilfe des Exekutivkomitees bedürfe...

Der Minister Schingarjow entwirft ein Bild der Ernährungskrise in Rußland... Die Hauptfrage ist nicht die Note und nicht die Außenpolitik, sondern das Getreide: Wenn wir mit dem Getreideproblem nicht fertig werden, so werden wir mit nichts fertig werden. Zur Verschärfung der Ernährungskrise tragen die verschlammten Straßen und noch eine Reihe anderer vorübergehender Erscheinungen nicht wenig bei. Die Hauptursache sieht Schingarjow jedoch in der "traurigen Erscheinung", dass die Bauern "angefangen haben, sich mit der Bodenfrage zu befassen", dass sie die Gutsbesitzerländereien eigenmächtig bestellen, die Kriegsgefangenen von den Gütern wegschicken und sich überhaupt agrarischen "Illusionen" hingeben. Diese nach Schingarjow Auffassung schädliche Bewegung der Bauern werde durch die Agitation der " Lenin isten" für die Konfiskation des Bodens, durch die "parteifanatische Verblendung" dieser Leute "geschürt". Mit der "schädlichen Agitation aus dem Kszesinska-Palais"[15], diesem "Giftherd", müsse Schluss gemacht werden... Es könne nur eins geben: entweder die bestehende, Vertrauen genießende Provisorische Regierung - dann müsse mit den agrarischen "Exzessen" Schluss gemacht werden -, oder aber irgendeine andere Regierung.

Miljukow. Die Note bringt nicht meine persönliche Auffassung zum Ausdruck, sondern die Auffassung der gesamten Provisorischen Regierung. Die Frage der auswärtigen Politik läuft auf die Frage der Bereitschaft, unseren Verpflichtungen den Alliierten gegenüber nachzukommen, hinaus. Wir sind an die Alliierten gebunden.. . Man wertet uns überhaupt nur als eine für bestimmte Ziele geeignete oder ungeeignete Kraft. Man braucht sich nur schwach zu zeigen, und sofort verschlechtern sich die Beziehungen ... Der Verzicht auf Annexionen birgt daher Gefahren in sich... Wir brauchen euer Vertrauen, schenkt es uns, dann wird in der Armee Begeisterung herrschen, dann wird uns eine Offensive im Interesse der einheitlichen Front gelingen, dann werden wir den Deutschen zu Leibe rücken und sie von den Franzosen und Engländern ablenken. Das erheischen unsere Pflichten gegenüber den Verbündeten. Sie sehen also, schloss Miljukow, dass angesichts einer solchen Sachlage, angesichts unseres Wunsches, das Vertrauen der Alliierten zu uns nicht zu gefährden, die Note nicht anders sein konnte, als sie ist.

So liefen denn die langen Reden der Minister auf einige kurze Behauptungen hinaus: das Land mache eine schwere Krise durch, die Ursachen der Krise lägen in der revolutionären Bewegung, der Ausweg aus der Krise sei die Zügelung der Revolution und die Fortsetzung des Krieges.

Danach wäre es zur Rettung des Landes notwendig: 1. die Soldaten zu zügeln (Gutschkow), 2. die Bauern zu zügeln (Schingarjow), 3. die revolutionären Arbeiter zu zügeln, die der Provisorischen Regierung die Maske herunterreißen (alle Minister). Unterstützt uns bei diesem schwierigen Werk, helft uns, einen Angriffskrieg zu führen (Miljukow), und dann ist alles gut. Sonst treten wir ab.

So sprachen die Minister.

Es ist in höchstem Grade charakteristisch, dass diese erzimperialistischen und konterrevolutionären Reden der Minister bei Zereteli, dem Vertreter der Mehrheit des Exekutivkomitees, keinen Protest hervorriefen. Eingeschüchtert durch die brüske Fragestellung seitens der Minister, verlor Zereteli angesichts der Perspektive des Rücktritts der Minister den Kopf und begann sie in seiner Rede anzuflehen, sie möchten ein Zugeständnis machen, wozu es noch nicht zu spät sei, und eine "Erläuterung"[16] der Note im erwünschten Sinne geben, wenn auch nur zum "internen Gebrauch". "Die Demokratie", sagte er, "wird mit dem Aufgebot ihrer ganzen Energie die Provisorische Regierung unterstützen", wenn diese sich zu einem solchen eigentlich bloß aus Worten bestehenden Zugeständnis herbeilassen werde.

Der Wunsch, den Konflikt zwischen der Provisorischen Regierung und dem Exekutivkomitee zu verkleistern, die Bereitwilligkeit, Zugeständnisse zu machen, um nur ja das bestehende Abkommen zu retten - das ist der rote Faden, der sich durch Zeretelis Reden zieht.

In ganz entgegengesetztem Sinne sprach Kamenew. Wenn das Land sich am Rande des Abgrunds befindet, wenn es Wirtschafts-, Ernährungs- und andere Krisen durchmacht, so besteht der Ausweg aus der Lage nicht in der Fortsetzung des Krieges, die die Krise nur verschärft und die Früchte der Revolution nur verschlingen kann, sondern einzig und allein in der schleunigsten Liquidierung des Krieges. Die bestehende Provisorische Regierung ist allem Anschein nach nicht fähig, die Liquidierung des Krieges zu übernehmen, da sie einen "Krieg bis zum Ende" anstrebt. Der Ausweg ist daher der Übergang der Macht in die Hände einer anderen Klasse, die fähig ist, das Land aus der Sackgasse herauszuführen...

Nach der Rede Kamenews vernahm man Rufe von den Ministersitzen: "Dann übernehmt doch die Macht."

"Prawda" Nr. 40,
25. April 1917.
Unterschrift: K. Stalin.

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