"Stalin"

Werke

Band 3

HINTER DER REVOLUTION ZURÜCKGEBLIEBEN

Die Revolution marschiert. In die Tiefe und in die Breite dringend, greift sie auf immer neue Sphären über und revolutioniert das ganze soziale und wirtschaftliche Leben des Landes von unten bis oben.

Die Revolution dringt in die Industrie ein und wirft die Frage der Kontrolle und der Regulierung der Produktion durch die Arbeiter auf (Donezbecken).

Die Revolution greift auf die Landwirtschaft über und drängt zur kollektiven Bearbeitung der brachliegenden Ländereien sowie zur Versorgung der Bauern mit Geräten und lebendem Inventar (Kreis Schlüsselburg)[18].

Die Revolution deckt die Wunden auf, die der Krieg geschlagen, sowie die wirtschaftliche Zerrüttung, die er verursacht hat, sie dringt in den Bereich der Verteilung ein und setzt einerseits die Frage der Lebensmittelversorgung der Städte (Lebensmittelkrise) und anderseits die der Versorgung des Dorfes mit Industrieerzeugnissen (Warenkrise) auf die Tagesordnung.

Die Lösung all dieser und ähnlicher bereits akut gewordenen Fragen erfordert die maximale Initiative der revolutionären Massen, das aktive Eingreifen der Sowjets der Arbeiterdeputierten in den Aufbau eines neuen Lebens und schließlich den Übergang der ganzen Fülle der Macht in die Hände einer neuen Klasse, die fähig ist, das Land auf .den breiten Weg der Revolution zu führen.

Die revolutionären Massen draußen im Lande beschreiten bereits diesen Weg. An manchen Orten haben die revolutionären Organisationen, über die Köpfe der so genannten "Komitees zur Rettung der Gesellschaft" hinweg, schon die Macht in ihre Hände genommen (Ural, Schlüsselburg).

Indes tritt das Petrograder Exekutivkomitee des Deputiertensowjets, das berufen ist, die Revolution zu führen, hilflos auf der Stelle, bleibt hinter den Massen zurück, entfernt sich von ihnen und setzt an die Stelle der Kardinalfrage, der Übernahme der ganzen Macht, die nichtige Frage der "Kandidaturen" für die Provisorische Regierung. Aber durch sein Zurückbleiben hinter den Massen bleibt das Exekutivkomitee auch hinter der Revolution zurück und erschwert ihren Vormarsch.

Wir haben zwei Dokumente des Exekutivkomitees vor uns: ein "Merkblatt für Arbeiterdelegierte an der Front", die den Soldaten Liebesgaben überbringen, und einen "Aufruf an die Frontsoldaten". Wovon zeugen nun diese Dokumente? Wiederum von der Rückständigkeit des Exekutivkomitees, denn gerade auf die wichtigsten Fragen der Gegenwart gibt das Exekutivkomitee hier die abstossendsten, die antirevolutionärsten Antworten!

Die Kriegsfrage

Während sich das Exekutivkomitee mit der Provisorischen Regierung über Annexionen und Kontributionen herumstritt, während die Provisorische Regierung "Noten" fabrizierte und das Exekutivkomitee in der Rolle des "Siegers" schwelgte, indes der Eroberungskrieg unverändert weiterging, brachte das Leben in den Schützengräben, das wirkliche Leben der Soldaten, ein neues Kampfmittel hervor, nämlich die Massenverbrüderung. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Verbrüderung an sich nur ein spontaner Ausdruck des Drangs nach Frieden ist. Dennoch kann die organisiert und bewusst durchgeführte Verbrüderung zu einem machtvollen Mittel in den Händen der Arbeiterklasse werden, um die Situation in den kriegführenden Ländern zu revolutionieren.

Wie stellt sich nun das Exekutivkomitee zur Verbrüderung? Man höre:

"Genossen Soldaten! Nicht durch Verbrüderung werdet ihr den Frieden erlangen... Zu eurem eigenen Untergang, zum Untergang der russischen Freiheit führen euch die Leute, die euch einreden wollen, die Verbrüderung sei ein Weg zum Frieden. Glaubt ihnen nicht" (siehe "Aufruf").

Statt der Verbrüderung schlägt das Exekutivkomitee den Soldaten vor, "Angriffshandlungen, die die Kampflage erforderlich machen kann, nicht abzulehnen" (siehe "Aufruf"). Die Sache sei nämlich die, dass Defensive, "Verteidigung im politischen Sinne, keineswegs strategische Offensiven, Besetzung neuer Abschnitte usw. ausschließt. Im Interesse der Verteidigung ist es ... absolut notwendig, eine Offensive zu unternehmen, neue Stellungen zu besetzen" (siehe "Merkblatt").

Kurzum: Um den Frieden zu erreichen, muss man angreifen und fremde "Abschnitte" erobern.

So argumentiert das Exekutivkomitee.

Worin unterscheiden sich aber diese imperialistischen Gedankengänge des Exekutivkomitees von dem konterrevolutionären "Befehl" des Generals Alexejew, in dem die Verbrüderung an der Front für "Verrat" erklärt und den Soldaten befohlen wird, "einen schonungslosen Kampf gegen den Feind zu führen"?

Oder weiter: Worin unterscheiden sich diese Gedankengänge von der konterrevolutionären Rede Miljukows auf der Beratung im Marienpalast, wo er von den Soldaten "Angriffshandlungen" und Disziplin im Interesse der "einheitlichen Front" forderte?...

Die Bodenfrage

Allbekannt ist der Konflikt, der zwischen den Bauern und der Provisorischen Regierung entstanden ist. Die Bauern fordern sofortige Bestellung des Bodens, den die Gutsbesitzer verwildern lassen, da sie einen solchen Schritt für das einzige Mittel halten, nicht bloß die Bevölkerung im Hinterland, sondern auch die Armee an der Front mit Brot zu versorgen. Als Antwort darauf hat die Provisorische Regierung den Bauern schärfsten Krieg angesagt, die Agrarbewegung für außerhalb des "Gesetzes" stehend erklärt und Kommissare aufs Land geschickt, die die Interessen der Gutsbesitzer vor "Anschlägen" der "eigenmächtig handelnden" Bauern schützen sollen. Die Provisorische Regierung hat die Bauern aufgefordert, mit der Konfiskation des Grund und Bodens bis zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung zu warten: diese werde schon alles regeln.

Welche Stellung nimmt nun das Exekutivkomitee in dieser Frage ein? Wen unterstützt es, die Bauern oder die Provisorische Regierung? Man höre:

"Die revolutionäre Demokratie wird... in der künftigen Konstituierenden Versammlung aufs entschiedenste... für die entschädigungslose Enteignung ... der Gutsländereien eintreten. (gegenwärtig aber, mit Rücksicht darauf, dass eine sofortige Konfiskation der Gutsländereien ... zu einer ernsten wirtschaftlichen Erschütterung des Landes führen könnte ... warnt die revolutionäre Demokratie die Bauern vor jeder eigenmächtigen Lösung der Bodenfrage, da Agrarunruhen nicht der Bauernschaft, sondern der Konterrevolution zugute kommen würden." Es wird deshalb vorgeschlagen, "vor der Entscheidung der Konstituierenden Versammlung nicht eigenmächtig vom gutsherrlichen Eigentum Besitz zu ergreifen" (siehe "Merkblatt").

So spricht das Exekutivkomitee.

Offensichtlich unterstützt das Exekutivkomitee nicht die Bauern, sondern die Provisorische Regierung.

Ist es nicht klar, dass das Exekutivkomitee durch eine derartige Stellungnahme bis zu der konterrevolutionären Losung eines Schingarjow "Zügelt die Bauern!" hinab gesunken ist?

Und überhaupt, seit wann sind Agrarbewegungen zu "Agrarunruhen" geworden, seit wann sind "eigenmächtige Entscheidungen" von Fragen unzulässig? Was sind die Sowjets, darunter auch der Petrograder Sowjet, anderes als "eigenmächtig" entstandene Organisationen? Ist das

Exekutivkomitee etwa der Auffassung, dass die Zeit "eigenmächtiger" Organisationen und Entscheidungen vorüber sei?

Das Exekutivkomitee schreckt mit einer "Zerrüttung des Ernährungswesens", die die Folge einer eigenmächtigen Bestellung der Gutsländereien sein werde. Da hat nun aber das "eigenmächtig" entstandene Revolutionskomitee des Kreises Schlüsselburg zur Verbesserung der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung folgenden Beschluss gefasst:

"Um mehr Brotgetreide erzeugen zu können, an dem tatsächlich Bedarf besteht, sind die freien Bodenflächen, die Kirchen oder Klöstern gehören, früherer Kron- oder auch Privatbesitz sind, durch die Dorfgemeinden zu bebauen."

Was kann das Exekutivkomitee gegen diesen "eigenmächtigen" Beschluss einwenden?

Was kann es anderes gegen diesen weisen Beschluss ins Treffen führen als hohle Phrasen über "Eigenmächtigkeit", "Agrarunruhen", "Beschlüsse auf eigene Faust" usw., die den Ukassen des Herrn Schingarjow entnommen sind?

Ist es nicht klar, dass das Exekutivkomitee hinter der revolutionären

Bewegung in der Provinz zurückgeblieben ist und sich durch sein Zurückbleiben in Gegensatz zu ihr gestellt hat?...

Somit bietet sich unseren Augen ein neues Bild. Die Revolution wächst an Umfang und Tiefe, sie erfasst immer neue Sphären, dringt in die Industrie und Landwirtschaft, in den Bereich der Verteilung ein und setzt die Frage der Übernahme der ganzen Macht auf die Tagesordnung. An der Spitze der Bewegung schreitet die Provinz. Während in den ersten Tagen der Revolution Petrograd voranschritt, beginnt es jetzt zurückzubleiben.

Dabei gewinnt man den Eindruck, dass das Petrograder Exekutivkomitee bemüht ist, auf dem schon erreichten Punkt stehen zu bleiben.

In einer revolutionären Epoche ist es jedoch unmöglich, auf einem Punkt zu verharren; hier gibt es nur Bewegung vorwärts oder rückwärts. Wer daher während der Revolution stehen zu bleiben versucht, der wird unvermeidlich zurückbleiben, und wer zurückgeblieben ist, für den gibt es keine Gnade: Die Revolution wird ihn ins Lager der Konterrevolution stoßen.

"Prawda" Nr. 48,
4. Mai 1917.
Unterschrift: K. Stalin

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