"Stalin"

Werke

Band 3

DIE KOMMUNALWAHLKAMPAGNE[20]

Die Wahlen zu den Bezirksdumas rücken heran. Die Kandidatenlisten sind bereits genehmigt und veröffentlicht. Die Wahlkampagne ist im vollen Gange.

Die mannigfaltigsten "Parteien", wirklich existierende und fiktive, alte und neugebackene, seriöse und unseriöse Parteien stellen ihre Listen auf. Neben der Kadettenpartei eine "Partei für Ehrlichkeit, Verantwortlichkeit und Gerechtigkeit"; neben dem "Jedinstwo" und dem "Bund" eine "etwas links von den Kadetten stehende Partei"; neben den Menschewiki und den sozialrevolutionären "Vaterlandsverteidigern" allerlei "parteilose" und "überparteiliche" Gruppen. Die Buntscheckigkeit und das Groteske der Flaggen sind unvorstellbar.

Schon die ersten Wahlversammlungen zeigen, dass der Kernpunkt der Kampagne nicht die kommunale "Reform" an und für sich ist, sondern die allgemeine politische Lage des Landes. Die kommunale Reform bildet lediglich die Grundlage, auf der natürlicherweise die wesentlichsten politischen Plattformen entfaltet werden.

Das ist auch begreiflich. Heute, wo der Krieg das Land an den Rand der Zerrüttung gebracht hat, wo die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung ein revolutionäres Eingreifen in das gesamte Wirtschaftsleben des Landes erheischen und die Provisorische Regierung offenkundig unfähig ist, das Land aus der Sackgasse herauszuführen, können alle lokalen Probleme, darunter auch die Kommunalfragen, nur in unzertrennlichem Zusammenhang mit den allgemeinen Fragen von Krieg und Frieden, von Revolution und Konterrevolution verstanden und gelöst werden. Ohne diese Verbindung mit der allgemeinen Politik würde die Kommunalwahlkampagne unvermeidlich in leeres Geschwätz über Verzinnung von Waschbecken und "Einrichtung guter Bedürfnisanstalten" ausarten (siehe die Plattform der menschewistischen "Vaterlandsverteidiger").

Es werden daher im Laufe der Kampagne durch das Kunterbunt der zahlreichen Parteiflaggen hindurch unvermeidlich zwei politische Grundlinien zutage treten: die Linie der Weiterentwicklung der Revolution und die Linie der Konterrevolution.

Je heftiger die Kampagne sein wird, desto mehr wird sich die Kritik der Parteien zuspitzen, desto schärfer werden diese beiden Linien hervortreten, desto unerträglicher wird die Lage der Zwischengruppen werden, die Unversöhnliches zu versöhnen suchen, und desto klarer wird es für alle werden, dass die zwischen der Revolution und der Konterrevolution sitzenden "Vaterlandsverteidiger" aus dem Lager der Menschewiki und der Volkstümler in Wirklichkeit die Revolution hemmen und das Werk der Konterrevolution erleichtern.

*

Die Partei der "Volksfreiheit"

Seit dem Tage des Sturzes des Zarismus haben sich die Rechtsparteien nach allen Seiten hin zerstreut. Das erklärt sich dadurch, dass ein Weiterbestehen dieser Parteien in ihrer alten Form unvorteilhaft wurde. Wo sind sie nun geblieben? Sie haben sich um die Partei der so genannten "Volksfreiheit" gesammelt, um die Partei Miljukows und Kompanie. Die Miljukowpartei ist jetzt die am weitesten rechts stehende Partei. Das ist eine Tatsache, die nicht bestritten wird. Und eben deshalb ist diese Partei jetzt der Mittelpunkt, um den sich die konterrevolutionären Kräfte gruppieren.

Die Partei Miljukows ist für die Zügelung der Bauern, denn sie ist für die Unterdrückung der Agrarbewegung.

Die Partei Miljukows ist für die Zügelung der Arbeiter, denn sie ist gegen die "übermäßigen" Forderungen der Arbeiter, wobei sie alle ernsthaften Forderungen der Arbeiter für "übermäßig" erklärt.

Die Partei Miljukows ist für die Zügelung der Soldaten, denn sie ist für "eiserne Disziplin", das heißt für die Wiederaufrichtung der Herrschaft des Offizierkorps über die Soldaten.

Die Partei Miljukows ist für den Raubkrieg, der dem Land Zerrüttung und Ruin gebracht hat.

Die Partei Miljukows ist für "entschlossene Maßnahmen" gegen die Revolution, sie tritt "entschlossen" gegen die Freiheit des Volkes auf, obwohl sie sich Partei der "Volksfreiheit" nennt.

Darf man hoffen, dass eine solche Partei die städtische Wirtschaft im Interesse der ärmsten Bevölkerungsschichten erneuern wird? Darf man ihr das Schicksal der Stadt anvertrauen?

Nie und nimmer! Unter keinen Umständen!

Unsere Parole: Kein Vertrauen der Partei Miljukows, keine einzige Stimme der Partei der "Volksfreiheit"!

*

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands (Bolschewiki)

Unsere Partei ist das direkte Gegenteil der Partei der Kadetten. Die Kadetten sind die Partei der konterrevolutionären Bourgeois und Gutsbesitzer. Unsere Partei ist die Partei der revolutionären Arbeiter in Stadt und Land. Das sind zwei unversöhnliche Parteien, der Sieg der einen bedeutet die Niederlage der anderen. Unsere Forderungen sind bekannt. Unser Weg ist klar.

Wir sind gegen den gegenwärtigen Krieg, weil er ein Raub- und Eroberungskrieg ist.

Wir sind für den Frieden, für einen allgemeinen und demokratischen Frieden, weil ein solcher Frieden der sicherste Ausweg aus der Zerrüttung der Wirtschaft und des Ernährungswesens ist.

Man klagt über Brotmangel in den Städten. Aber es fehlt an Brot, weil die Saatfläche aus Mangel an Arbeitskräften, die in den Krieg "getrieben" worden sind, zurückgegangen ist. Es fehlt an Brot, weil keine Möglichkeit besteht, auch nur die vorhandenen Vorräte heranzuschaffen, da die Eisenbahn im Dienste des Krieges steht. Macht Schluss mit dem Krieg, und es wird Brot geben.

Man klagt über Warenmangel im Dorfe. Aber dieser Mangel ist nur eingetreten, weil der größte Teil der Fabriken und Werke im Dienst des Krieges steht. Macht Schluss mit dein Krieg, und es wird Waren geben.

Wir sind gegen die jetzige Regierung, weil sie zu einer Offensive auffordert, den Krieg dadurch in die Länge zieht und somit die Zerrüttung und Hungersnot verschärft.

Wir sind gegen die jetzige Regierung, weil sie sich schützend vor die Profite der Kapitalisten stellt und dadurch das revolutionäre Eingreifen der Arbeiter in das Wirtschaftsleben des Landes hintertreibt.

Wir sind gegen die jetzige Regierung, weil sie die Bauernkomitees hindert, über den gutsherrlichen Boden zu verfügen, und dadurch die Befreiung des Dorfes von der Herrschaft der Gutsbesitzer hintertreibt.

Wir sind gegen die jetzige Regierung, weil sie ihr "Werk" mit dem Abtransport von revolutionären Truppen aus Petrograd begonnen hat und nunmehr auch zur Entfernung von revolutionären Arbeitern übergegangen ist (Entlastung Petrograds!) und so die Revolution zur Ohnmacht verurteilt.

Wir sind gegen die jetzige Regierung, weil sie überhaupt nicht fähig ist, das Land aus der Krise herauszuführen.

Wir sind dafür, dass die gesamte Macht in die Hände der revolutionären Arbeiter, Soldaten und Bauern übergeht.

Nur eine solche Macht ist fähig, dem langwierigen Raubkrieg ein Ende zu machen. Nur eine solche Macht ist fähig, die Hand auf die Profite der Kapitalisten und Gutsbesitzer zu legen, um die Revolution vorwärts zutreiben und das Land vor der völligen Zerrüttung zu bewahren.

Wir sind schließlich gegen die Wiederherstellung der Polizei, der alten, verhassten Polizei, die vom Volk losgelöst ist und die den von oben eingesetzten "Chargen" untersteht.

Wir sind für eine allgemeine, wählbare und absetzbare Miliz, denn nur eine solche Miliz kann ein Schutzwall für die Interessen des Volkes sein.

Das sind unsere nächsten Forderungen.

Wir behaupten, dass ohne Verwirklichung dieser Forderungen, ohne Kampf für diese Forderungen keine einzige ernste Kommunalreform, keine Demokratisierung der städtischen Wirtschaft denkbar ist.

Wer die Bevölkerung mit Brot versorgen, wer die Wohnungskrise belieben will, wer dafür ist, dass die städtischen Steuern allein von den Reichen getragen werden, wer danach strebt, dass alle diese Reformen nicht nur Worte bleiben, sondern wirklich durchgeführt werden, der muss für diejenigen stimmen, die gegen den Eroberungskrieg, gegen die Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten, gegen die Wiederherstellung der Polizei sind - die für einen demokratischen Frieden, für den Übergang der Macht an das Volk selbst, für eine allgemeine Volksmiliz, für eine wirkliche Demokratisierung der städtischen Wirtschaft sind.

Ohne diese Bedingungen bleibt die "radikale Kommunalreform" leerer Schall.

*

Der Block der "Vaterlandsverteidiger"

Zwischen den Kadetten und unserer Partei steht eine Reihe von Übergangsgruppen, die zwischen Revolution und Konterrevolution schwanken. Es sind dies: das "Jedinstwo", der "Bund", die menschewistischen und sozialrevolutionären "Vaterlandsverteidiger", die Trudowiki[21], die Volks"sozialisten"[22]. In manchen Bezirken treten diese Gruppen getrennt auf, in anderen bilden sie einen Block und stellen gemeinsame Listen auf. Gegen wen bilden sie diesen Block? In Worten - gegen die Kadetten. Ist dem aber wirklich so?

Vor allem springt die völlige Prinzipienlosigkeit ihres Blocks ins Auge. Was gibt es Gemeinsames zum Beispiel zwischen der radikal-bürgerlichen Gruppe der Trudowiki und der Gruppe der menschewistischen "Vaterlandsverteidiger", die sich für "Marxisten" und "Sozialisten" halten? Seit wann sind die Trudowiki, die den Krieg bis zum siegreichen Ende predigen, Kampfgenossen der Menschewiki und der Bundisten geworden, die sich "den Krieg ablehnende" "Zimmerwilder" nennen? Und das "Jedinstwo" Plechanows - desselben Plechanow, der schon unter dem Zarismus das Banner der Internationale eingerollt und sich in ganz eindeutiger Weise unter eine fremde Fahne, die gelbe Fahne des Imperialismus gestellt hat - was gibt es Gemeinsames zwischen diesem eingefleischten Chauvinisten und, sagen wir, dem "Zimmerwalder" Zereteli, dem Ehrenvorsitzenden der menschewistischen Konferenz der "Vaterlandsverteidiger"? Wie lange ist es her, seit Plechanow zur Unterstützung der zaristischen Regierung in ihrem Kriege gegen Deutschland aufrief und der "Zimmerwalder" Zereteli deshalb gegen den Chauvinisten Plechanow "wetterte"? Der Krieg zwischen dem "Jedinstwo" und der "Rabotschaja Gaseta"[23] ist in vollem Gange, aber diese Herrschaften geben sich den Anschein, als merkten sie nichts, und beginnen sich bereits zu "verbrüdern"...

Nicht wahr: Aus so buntscheckigen Elementen konnte sich nur ein zufälliger und prinzipienloser Block bilden - nicht von einem Prinzip, sondern von der Furcht vor einer Niederlage ließ man sich bei der Bildung des Blocks leiten.

Ferner fällt die Tatsache auf, dass in zwei Bezirken, und zwar im Kasaner und im Spassker Bezirk (siehe die "Kandidatenlisten") das "Jedinstwo", der "Bund" und die menschewistischen und sozialrevolutionären "Vaterlandsverteidiger" keine eigenen Listen aufstellen, während der Bezirkssowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten in den oben genannten Bezirken, und lediglich in diesen, entgegen dem Beschluss des Exekutivkomitees eine eigene Liste aufstellt. Offenbar haben es unsere wackeren Blockmänner aus Furcht vor einer Wahlniederlage vorgezogen, sich hinter dem Rücken des Bezirkssowjets zu verstecken, um seine Autorität für sich auszunutzen. Es ist amüsant, dass diese edlen Gentlemen, die so sehr auf ihr "Verantwortlichkeitsgefühl" pochen, nicht den Mut fanden, mit offenem Visier aufzutreten, sondern es vorgezogen haben, der "Verantwortlichkeit" feige aus dem Weg zu gehen...

Was hat nun all diese buntscheckigen Gruppen trotzdem zu einem Block zusammengeführt?

Ehen die Tatsache, dass sie gleichermaßen zaghaft, aber unablässig den Kadetten nachtrotten, und dass sie von der gleichen entschiedenen Abneigung gegen unsere Partei erfüllt sind.

Sie alle sind, ebenso wie die Kadetten, für den Krieg, jedoch nicht für einen Eroberungskrieg (Gott bewahre!), sondern für den Krieg... zur Erkämpfung eines "Friedens ohne Annexionen und Kontributionen". ' Krieg um des Friedens willen...

Sie alle sind, ebenso wie die Kadetten, für "eiserne Disziplin", jedoch nicht, um die Soldaten zu zügeln (natürlich nicht!), sondern im Interesse der ...Soldaten selbst.

Sie alle sind, ebenso wie die Kadetten, für die Offensive, jedoch nicht lm Interesse der englisch-französischen Bankiers (Gott bewahre!), sondern im Interesse ... "unserer jungen Freiheit".

Sie alle sind, ebenso wie die Kadetten, gegen die "anarchischen Versuche der Arbeiter, von den Fabriken und Werken Besitz zu ergreifen" (siehe "Rabotschaja Gaseta" vom 21. Mai), jedoch nicht im Interesse der Kapitalisten (welch ein Grauen!), sondern um die Kapitalisten nicht von der Revolution abzuschrecken, das heißt im Interesse der ... Revolution.

Sie sind überhaupt alle für die Revolution, aber nur insofern (insofern!), als diese für die Kapitalisten und Gutsbesitzer keine Gefahr bedeutet und den Interessen dieser Klassen nicht zuwiderläuft.

Kurzum: Sie alle sind für dieselben praktischen Schritte wie die Kadetten, nur mit einigen kleinen Vorbehalten und nichts sagenden Redensarten über "Freiheit", "Revolution" und anderes mehr.

Und da Worte und Redensarten doch nur Worte bleiben, so folgt daraus, dass sie in Wirklichkeit die gleiche Linie wie die Kadetten verfolgen.

Die Phrasen über Freiheit und Sozialismus verhüllen lediglich ihr kadettisches Wesen.

Und eben deshalb richtet sich ihr Block nicht gegen die konterrevolutionären Kadetten, sondern gegen die revolutionären Arbeiter, gegen den Block unserer Partei mit der "Zwischengruppe"[24] und den revolutionären Menschewiki.

Kann man nach allem Gesagten noch damit rechnen, dass diese fast kadettischen Gentlemen fähig wären, die zerrüttete städtische Wirtschaft zu erneuern und umzugestalten?

Wie kann man ihnen das Schicksal der ärmsten Bevölkerungsschichten anvertrauen, wo sie doch täglich und stündlich die Interessen eben dieser Bevölkerung mit Füßen treten, indem sie den Raubkrieg und die Regierung der Kapitalisten und Gutsbesitzer unterstützen?

Will man die städtische Wirtschaft demokratisieren, die Bevölkerung mit Lebensmitteln und Wohnungen versorgen, die Besitzlosen von den städtischen Steuern befreien und die ganze Steuerlast auf die Schultern der Besitzenden abwälzen, so muss man mit der Politik des Paktierens Schluss machen und die Hand auf die Gewinne der Kapitalisten und Hausbesitzer legen ... Ist es denn nicht klar, dass die gemäßigten Gentlemen vom Block der "Vaterlandsverteidiger", die Angst haben, die Bourgeoisie zu erzürnen, zu solchen revolutionären Schritten nicht fähig sind? ...

Es gibt in der jetzigen Petrograder Duma eine so genannte "sozialistische Stadtverordnetengruppe", die hauptsächlich aus sozialrevolutionären und menschewistischen "Vaterlandsverteidigern" besteht. Sie hat aus ihrer Mitte eine "Finanzkommission" gebildet, die "unverzügliche Maßnahmen" zur Sanierung der städtischen Wirtschaft ausarbeiten sollte. Und was ist das Resultat? Diese "Erneuerer" sind zu dem Schluss gekommen, dass zur Demokratisierung der städtischen Wirtschaft notwendig seien: 1. eine "Erhöhung des Wasserpreises"; 2. eine "Erhöhung des Straßenbahntarifs". "Bezüglich der Frage, ob Soldaten bei Benutzung der Straßenbahn Fahrgeld zu entrichten haben, wurde beschlossen, sich mit dem Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten ins Einvernehmen zu setzen" (siehe "Nowaja Shisn"[25] Nr. 26). Die Kommissionsmitglieder hatten offenbar die Absicht, von den Soldaten die Entrichtung des Fahrgeldes zu fordern, wagten jedoch nicht, dies ohne Einwilligung der Soldaten zu tun.

Anstatt die Steuern für die Besitzlosen abzuschaffen, haben die ehrenwerten Kommissionsmitglieder beschlossen, sie zu erhöhen, ohne selbst die Soldaten zu schonen!

Das sind Musterbeispiele für die kommunale Praxis der sozialrevolutionären und menschewistischen "Vaterlandsverteidiger".

Ist es etwa nicht so, dass die schwülstigen Phrasen und die marktschreierischen "kommunalen Plattformen" nur den Deckmantel für die erbärmliche kommunale Praxis der "Vaterlandsverteidiger" abgeben?

So war es - so wird es bleiben...

Aber je geschickter sie sich mit Phrasen über "Freiheit" und "Revolution" drapieren, desto entschlossener und schonungsloser muss der Kampf gegen sie sein.

Dem Block der "Vaterlandsverteidiger" die sozialistische Maske herunterzureißen und sein bürgerlich-kadettisches Wesen ins rechte Licht zu rücken - das ist eine der aktuellen Aufgaben der gegenwärtigen Kampagne.

Keine Unterstützung dem Block der "Vaterlandsverteidiger"! Kein Vertrauen den Herrschaften von diesem Block!

Die Arbeiter müssen erkennen, dass, wer nicht für sie ist, gegen sie ist und dass der Block der "Vaterlandsverteidiger" nicht für sie ist, folglich gegen sie ist.

*

Die "Parteilosen"

Von allen bürgerlichen Gruppen, die selbständige Kandidatenlisten aufgestellt haben, nehmen die parteilosen Gruppen die unbestimmteste Stellung ein. Es sind ihrer nicht wenig, dieser parteilosen Gruppen, es gibt einen ganzen Haufen davon, beinahe dreißig Stück. Wen findet man da nicht alles! "Vereinigte Hauskomitees" und eine "Gruppe von Angestellten der Erziehungsanstalten", eine "parteilose Gruppe für sachliche Arbeit" und eine "Gruppe außerparteilicher Wähler", eine "Gruppe der Hausverwaltungen" und eine "Gesellschaft von Wohnungsinhabern", eine "überparteiliche republikanische Gruppe" und eine "Liga für Gleichberechtigung der Frauen", eine "Gruppe des Ingenieurverbandes" und den "Handels- und Industrieverband", eine "Gruppe für Ehrlichkeit, Verantwortlichkeit und Gerechtigkeit" und eine "Gruppe des demokratischen Aufbaus", eine "Gruppe für Freiheit und Ordnung" und andere Gruppen - das ist das bunte Bild des parteilosen Durcheinanders.

Wer sind sie, woher kommen sie und wohin ziehen sie?

Es sind samt und sonders bürgerliche Gruppen. Zum größten Teil setzen sie sich aus Kaufleuten, Industriellen, Hausbesitzern, Angehörigen "freier Berufe" und Intellektuellen zusammen.

Sie haben keine prinzipiellen Programme. Die Wähler werden auch nie erfahren, was diese um die Stimmen der kleinen Leute werbenden Gruppen eigentlich wollen.

Sie haben keine kommunalen Plattformen. Die Wähler werden auch nie erfahren, welche Verbesserungen diese Gruppen auf dem Gebiet der städtischen Wirtschaft fordern, weswegen man eigentlich für sie stimmen soll.

Sie haben keine Vergangenheit, denn es hat sie früher nicht gegeben. Sie haben auch keine Zukunft, denn nach den Wahlen werden sie verschwunden sein wie der vorjährige Schnee.

Sie sind erst in den Wahltagen entstanden und leben nur im gegenwärtigen Augenblick, nur solange die Wahlen noch nicht zu Ende sind: Wenn sie bloß irgendwie in die Bezirksdumas kommen, alles andere ist ihnen gleichgültig.

Es sind programmlose, das Licht und die Wahrheit scheuende Gruppen aus den Reihen der Bourgeoisie, die bemüht sind, ihre Kandidaten auf Schleichwegen in die Bezirksdumas einzuschmuggeln.

Dunkel sind ihre Ziele. Dunkel ist ihr Weg.

Wodurch kann die Existenz dieser Gruppen gerechtfertigt werden?

Man kann noch Verständnis dafür aufbringen, dass früher unter dem Zarismus parteilose Gruppen existierten, zu einer Zeit, da das Bekenntnis zu einer Partei, zu einer linken Partei, schonungslos vom "Gesetz" geahndet wurde und viele gezwungen waren, als Parteilose aufzutreten, um Verhaftungen und Verfolgungen zu entgehen, als die Parteilosigkeit als Schild gegen die zaristischen Hüter des Gesetzes diente. Allein heute, wo ein Maximum von Freiheiten besteht, wo jede Partei offen und frei auftreten kann, ohne Gefahr zu laufen, deswegen belangt zu werden, wo eine bestimmte parteimäßige Stellungnahme und der offene Kampf der politischen Parteien Gebot und Voraussetzung für die politische Ereichung der Massen geworden sind - wodurch kann heute die Existenz parteiloser Gruppen gerechtfertigt werden? Was fürchten sie und vor wem verbergen sie eigentlich ihr wahres Gesicht?

Es unterliegt keinem Zweifel, dass es unter den Massen viele Wähler gibt, die sich in den Programmen der politischen Parteien noch nicht zurechtgefunden haben, und dass die vom Zarismus hinterlassene politische Trägheit und Rückständigkeit eine schnelle Erleuchtung ihres Bewusstseins hemmt. Ist es aber nicht klar, dass Partei- und Programmlosigkeit diese Rückständigkeit und Trägheit nur tiefer verwurzeln und sanktionieren? Wer wagt zu leugnen, dass der offene und ehrliche Kampf der politischen Parteien eines der wichtigsten Mittel ist, die Massen zu wecken und ihre politische Aktivität zu steigern?

Noch einmal: Was fürchten die parteilosen Gruppen, weshalb scheuen sie das Licht und vor wem verbergen sie sich eigentlich? Worin liegt das Geheimnis?

Die Sache ist die, dass unter den heutigen Verhältnissen in Rußland, angesichts der sich schnell entwickelnden Revolution, bei einem Maximum von Freiheiten, unter dem die Massen von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde politisch bewusster werden, es für die Bourgeoisie äußerst riskant wird, offen aufzutreten. Unter diesen Verhältnissen mit unverhüllten bürgerlichen Plattformen auftreten hieße sich in den Augen der Massen unfehlbar bloßstellen. Das einzige Mittel, "die Situation zu retten", besteht darin, die Maske der Parteilosigkeit anzulegen und sich als eine harmlose Gruppe auszugeben, etwa vom Schlage der Gruppe für "Ehrlichkeit, Verantwortlichkeit und Gerechtigkeit". Wer im trüben fischen will, für den ist dies äußerst bequem. Es unterliegt keinem Zweifel, dass sich hinter den parteilosen Listen kadettenmäßige und kadettenähnliche Bourgeois verbergen, die Angst haben, mit offenem Visier aufzutreten, und danach trachten, auf Schleichwegen in die Bezirksdumas hineinzuschlüpfen. Es ist charakteristisch, dass es unter ihnen keine einzige proletarische Gruppe gibt, dass sich alle diese parteilosen Gruppen aus den Reihen der Bourgeoisie und nur aus deren Reihen rekrutieren. Und zweifellos können diese Gruppen nicht wenige vertrauensselige Einfaltspinsel von Wählern in ihre Netze locken, falls sie bei den revolutionären Elementen nicht auf den gebührenden Widerstand stoßen.

Das ist das ganze Geheimnis!

Deshalb ist die "parteilose" Gefahr eine der realsten Gefahren in der gegenwärtigen Kommunalwahlkampagne.

Deshalb ist es eine der wichtigsten Aufgaben unserer Kampagne, diesen Herrschaften die Maske der Parteilosigkeit herunterzureißen, sie zu zwingen, ihr wahres Gesicht zu zeigen, damit die Massen die Möglichkeit erhalten, sie nach Gebühr einzuschätzen.

Unsere Parole ist daher: Fort mit der Maske der Parteilosigkeit! Es lebe die Klarheit und Bestimmtheit der politischen Linie!

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Genossen! Morgen sind Wahlen. Begebt euch in geschlossenen Reihen an die Urnen und stimmt einmütig für die Liste der Bolschewiki.

Keine einzige Stimme den Kadetten, den. Feinden der russischen Revolution!

Keine einzige Stimme den "Vaterlandsverteidigern", den Anhängern eines Paktes mit den Kadetten!

Keine einzige Stimme den "Parteilosen", den verkappten Freunden eurer Feinde!

"Prawda" Nr. 63, 64 und 66,
21., 24. und 26. Mai 1917.
Unterschrift: K. Stalin.

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